- Der Titelessay von “Analytische Philosophie?”, hg. v. Kai Pege, AutorenVerlag Matern, Januar 2014 -
Die Frage nach analytischer Philosophie, die dem vorliegenden Band den
Titel gab, wurde vom Rücksitz eines Autos gestellt, nachdem ich eine
Zuordnung meines philosophischen Interesses bekundete. Im weiteren
Gesprächsverlauf wurde mir deutlich, dass der Person, die um eine
Erläuterung gebeten hatte, primär einige Philosophen namentlich bekannt
waren, die der Frühzeit der analytischen Philosophie angehörten, dem
Wiener Kreis. Die an mich herangetragenen Assoziationen waren zunächst
verhalten, beruhten auf marginalen Texterfahrungen, die noch aus der
Schulzeit stammten, im Fortgang Polemiken erinnern ließen, die speziell
in Deutschland entstanden waren, vor allem innerhalb der ‘Kritischen
Theorie’.
Diese Alltagssituation ermunterte mich, eine
Herangehensweise zu entwickeln, die es mir erlaubt, zu erläutern, worin
das Besondere der analytischen Philosophie liegen kann, unter
Einbeziehung des Alltags. Die Möglichkeitsform weist darauf hin, dass es
‘die analytische Philosophie’ nicht gibt, sondern relativ viele
verschiedene Autoren und Ansichten. Mir liegt wenig daran, einen
Überblick bieten zu wollen. Es gibt einige Publikationen auf dem Markt,
die einem solchen Anliegen gewidmet sind, spannender sind jedoch Bücher,
in denen vom jeweiligen Autor ein eigener Zugang gesucht wird (vgl.
z.B. Tugendhat, E., 1976). Ein gemeinsames Programm, zu dem sich
zumindest eine Reihe von Autoren bekennen, gibt es schon lange nicht
mehr. Gemeinsam ist vielen Philosophen aus der analytischen Richtung
allerdings immer noch, den Ansatz ihrer Arbeit in der Sprache und in
hinreichenden Differenzierungen zu nehmen. Dabei muss Sprachphilosophie
jedoch nicht im Zentrum stehen. Nicht wenige der Akteure sind praktisch
ausgerichtet, an Handlungen und / oder Ethik interessiert. Hervorgehoben
sei William K. Frankenas “Analytische Ethik” (vgl. Frankena, W.K.,
1972), eine knappe und dennoch gründliche Einführung.
In diesem
Band werden Ergebnisse des verbliebenen Sprachanalytischen Forums
vorgelegt, das einst in den Neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts
entstanden war, nunmehr als privater Kreis von Autoren fortbesteht, von
Autoren, die auch den AutorenVerlag gegründet hatten. Es wird keine
langen historischen Abhandlungen oder Exkurse geben, erst Recht keine,
die bis zu Sokrates zurückführen, um vermeintliche Grundfragen zu
stellen, die unter Athenischen Bürgern entstanden waren. Es gibt keine
‘ewigen’ Fragen. Wer hätte sie bilden und stellen sollen, in Vorzeiten,
als nur Bakterien die Erde bevölkerten, wer könnte sich um diese
bemühen, wenn die Phase der Menschheit beendet ist, durch Geschehnisse
aus dem Universum oder durch menschliches Versagen. Ob die interessanten
Fragen in der menschlichen Geschichte stets die gleichen geblieben
sind, ist ebenfalls bezweifelbar. Konkret änderte sich innerhalb der
Menscheitsgeschichte viel, auch die Voraussetzungen und Bedingungen,
unter denen Fragen gestellt wurden. Um so erschreckender können
Handlungs- und Verhaltensmuster im Wirtschaftsleben zeitgenössischer
Gesellschaften sein, die an hypostasierte ‘Naturzustände’ erinnern
lassen (vgl. z.B. Hobbes, Th., 1983). Mein Anliegen ist nicht, fiktional
und möglichst naiv in eine altgriechische Polis oder in andere
Gesellschaften zu flüchten, sondern zeitgenössischen Lesern zu
erläutern, wie heute philosophische Fragen aus dem Alltage heraus
entstehen können.
Mein Vorgehen ist systematisch, nicht
historisch, aber weit davon entfernt, einen Systementwurf zu bieten, der
deduktiv bei einigen Grundannahmen und allgemeinen Aussagen beginnt, um
sich dann Schritt für Schritt in die Niederungen der Städte und
Gemeinden zu begeben. Solche Systeme können durchaus imposant sein, wie
eine alte Kathedrale oder ein modern gestaltetes Opernhaus, doch
Vergleiche dieser Art sind oberflächig: nicht nur werden solche Gebäude
von unten errichtet, in luftiger Höhe ist schwer Halt zu finden, nein,
Architektur und Philosophie trennt etwas Spezifisches. Nicht
Raumkonzepte, Beton, Glas und Stahl müssen auf einander abgestimmt
werden, die Philosophie ‘baut’ Sprache. Das kann nicht funktionieren,
wird man eventuell einwenden: Man hätte Recht! Dennoch bietet der
Vergleich einen geeigneten Ansatz, zu fragen, was geschähe, wenn ich den
Anfang mit einer Definition von Philosophie nehmen würde:
Man
steckte einen Rahmen ab, ohne zu explizieren, was er umfasst, ohne
abschätzen zu können, ob er zu weit oder zu eng ausfällt. Man säße an
einem Reißbrett und würde ein Opernhaus skizzieren, ohne Informationen
über konkrete Erfordernisse im Hinblick auf Empfang, Publikumsbereich,
Orchestergraben, Bühne, Umkleide und Kantine. Wäre dieses Vorgehen für
einen Architekten nicht ziemlich unprofessionell? Es ließe sich
vielleicht von einer ‘Studie’ sprechen, doch wofür könnte diese dienen?
Zum Marketing, wäre anmerkbar, um eine Metropole zu einem Auftrag zu
animieren. Doch was könnte diese überraschende Entwicklung noch mit der
Arbeit von Philosophen zu tun haben?
Konkrete Informationen über
architektonische und bauliche Erfordernisse erhält ein Architekt von
seinen Auftraggebern. In der Philosophie wäre so etwas kaum möglich, es
sei denn ein Auftrag beschränkte sich auf eine Erläuterung oder
Zusammenfassung von Ansichten, die bereits geäußert oder publiziert
wurden. Eine Vorabdefinition von Philosophie würde den Prozess des Philosophierens auf eine Fleißarbeit reduzieren, die letztlich die
eigenen Vorgaben erfüllt. Manch einer, soweit er bürokratisch gesinnt
ist, wird sich damit anfreunden können. Um jedoch Philosophie betreiben
zu können, bedarf es einer ungestillten Neugierde.
Ein solcher
Drang kann auch in ein Verhängnis führen, mit dem unter Umständen nicht
leicht umzugehen ist. Ich war von deutscher Bewusstseinphilosophie
geprägt, bevor mich im Studium analytische Philosophie ins Straucheln
brachte. Mit einem Schlag verlor ich meine bis dahin ausgeübte Sprache,
die um ‘Denken’ kreiste, ohne mir begreiflich machen zu können, wie ich
an die ‘Gedanken’ anderer herankommen soll, ja von richtigem und
falschem ‘Denken’ war in der Bewusstseinsphilosophie die Rede, bisweilen
sogar von ‘Denkgesetzen’. Zwar hatte mir der juristische Ton überhaupt
nicht gefallen, der penetrante Widerwille erzeugte Sympathien mit
anarchischen Bestrebungen in Philosophie, Wissenschaft, der Universität,
der Politik! Dennoch fehlte mir ein geeigneter Ansatz, den deutschen
Psycho-Terror loszuwerden.
Die Rettung bot mir Quine, das spürte
ich sofort, als mir “Wort und Gegenstand” (vgl. Quine, W.v.O., 1980)
bekannt wurde, dennoch geriet ich in höchste Gefahr: Ich wusste nicht
mehr zu sprechen! Nicht ‘Denken’, sondern Sprache stand plötzlich im
Zentrum, keine Spekulationen über psychische Prozesse, sondern lesbare
Texte, Worte und ihre Bezüge. Die Tür öffnete sich mit einem Schlag,
doch der betretene Raum war fremd, musste erst schrittweise entdeckt
werden. Von dort öffneten sich viele weitere Räume, in denen ich mir wie
ein Kind vorkam, das die Erlaubnis erhielt, sprechen zu lernen. Es ist
mir immer noch schleierhaft, wie sich die Bewusstseinsphilosphie in
Deutschland so lange halten konnte. Mehr als ein knapper Hinweis auf
bürokratische Tradition fällt mir dazu nicht ein.
II
Bleiben Deduktion und Definition verwehrt, aus sachlichen Gründen, werde
ich mich ins Getümmel stürzen können. Handelte es sich bei der
Philosophie um Formales, wie bei der Mathematik und der Logik, ließe
sich über Deduktionen ausgiebiger diskutieren. Da formale Systeme aber
nur partielle Bereiche innerhalb der Philosophie sein können, wäre eine
allgemeine Herangehensweise ohnehin unangemessen. Mein Interesse ist im
vorliegenden Kontext hingegen in anderer Hinsicht speziell: Wie kann
Philosophie heute aus dem Alltag entstehen?
Noch ist Sprache das
primäre Verständigungsmittel unter Menschen. Zwar sind Images stärker in
den Vordergrund gerückt, besonders im Zuge entstandener und inzwischen
etablierter multimedialer Techniken, dennoch ist Sprache im Umgang nicht
weniger relevant geworden. Auch Icons und Bilderwelten werden im Alltag
zum Thema, sei es als Frage und Bestätigung, dies oder das gesehen zu
haben, oder um etwas zu erläutern, Kindern zum Beispiel. In den Social
Media entwickeln sich Ausdrücke emotionaler Befindlichkeiten unter
Umständen zu Gesprächen. Inner- und außerhalb dieser Medien sind private
Vorhaben unter Freuden abzusprechen. Die Politik fordert zu
Diskussionen, Artikeln, zu Büchern heraus. Ohne Sprache wäre die
Kommunikation im Alltag unzureichend. Und die gesellschaftlich
beobachtbaren Icons und Bilder der Betriebssysteme von Mobiltelefonen,
Tablet- und Desktop-Computern folgen Konventionen und Regeln, die auf
sprachlichen Differenzierungen und Abstraktionen beruhen, mit welchem
Erfolg auch immer. Sie sind konzeptionell entworfen worden, bieten die
käuflich erwerbbare Grundlage für eine aufgehübschte private Bürokratie.
Sprache
und physische Ereignisse, die kommunikativ auf Sprache beruhen, wie zum
Beispiel viele Bilder, Töne aus einem Mobiltelefon oder ein
Produktdesign, sind gleichwohl unterscheidbar. Icons und Tonfolgen geben
funktionale Hinweise, ein Design fällt primär durch ästhetische
Differenz auf, eröffnet durch diesen Verweis möglicherweise eine
soziale. Bilderwelten können etwas darstellen. Zur Erläuterung und
argumentativen Kritik bedarf es jedoch der Sprache. Funktionale Hinweise
sind durch den hohen Abstraktionsgrad für eine detaillierte
Kommunikation ungeeignet. Bilderwelten können hingegen eine hohe
Differenzierung erreichen, zum Beispiel in Filmen. Die Darstellungen
erfolgen jedoch nach anderen als nach sprachlichen Kriterien, sieht man
von Abschnitten ab, in denen auch Sprache eine wichtige Funktion
einnimmt. Die Bilder präsentieren das im Studio oder anderswo
angesiedelte Dargestellte, mit der empirischen oder empirisch möglichen
Welt treten kausale Abläufe hervor, während Sprache sich auf etwas
bezieht und logische Strukturen entwickeln kann. Ein Bildaufbau wird
nach anderen Kriterien vollzogen als eine sprachliche Mitteilung oder
ein Textaufbau. Wenn man bildhaft von einer Grammatik und einer
logischen Struktur in Bezug auf Bilderwelten sprechen wollte, wären sie
im Fall der Bilderwelten etwas anderes als in der Sprache. Die
geleistete Übertragung würde den Unterschied lediglich übergehen,
eventuell sogar verschleiern, jedoch nicht tilgen können. Es wäre nicht
hilfreich, die Besonderheiten der Sprache aufzuheben, wie Derrida dies
in einem Interview vollzog: “Das, was ich Text nenne, ist alles, ist
praktisch alles” (vgl. Engelmann, P., 1987, S.105). Das Wort ‘Text’ wird
zu einer Metapher, die alles mit Deutungszauber verschlingt. In der
Umgangsprache kann alles etwas bedeuten, Worte, Handlungen, Gegenstände,
und dennoch bleiben Unterschiede gewahrt: Wortbedeutungen erläutern in
der Regel den Bezug oder die grammatische Funktion, Bedeutungen von
Handlungen und Gegenständen betreffen häufig die Relevanz, ob für
jemanden persönlich oder in weiteren Zusammenhängen.
Wenn in
Bezug auf Sprache von Darstellung gesprochen wird, dann in einer anderen
Weise als im Zusammenhang mit Bildern, es sei denn, bei dem
Dargestellten handelt es sich um einen Redebeitrag, ein Theaterstück
oder ein Drehbuch, das zur Aufführung gelangt. Im ersten Fall wird das
Wort Darstellung häufig konträr zu Äußerungen oder Texten genutzt, die
(zusätzliche) Wertungen enthalten, ohne jedoch, wie im Film, das
Dargestellte aufführen oder präsentieren zu können. Mehr als Bezüge
herzustellen, bleibt kaum, sieht man vom Zitieren ab. Eine wortbildhafte
Sprache kann zwar Assoziationen wecken, die abstrakte Relation Bezug
verliert dadurch jedoch nicht an Relevanz. Was in den Zuhörern oder
Lesern assoziativ vorgeht, ist ohne weiteres nicht von außen erfahrbar.
Der sprachliche Bezug bleibt im Zentrum, es sei denn für Personen, die
sich durch ihre eigenen Assoziationen überwältigen lassen. Im zweiten
Fall, bei einer Aufführung, kommt aber etwas zur Darstellung, wie es bei
einem Film geschieht, Wort für Wort, ob dramaturgisch verändert oder
nicht. Sprache, so wäre zu konstatieren, kann allenfalls Sprache zur
Darstellung bringen, präsentieren. Die Besonderheit des abstrakten
Bezugs in der Sprache schließt in den meisten Fällen eine darstellende
Funktion aus. Die Formulierung, über etwas zu sprechen, nimmt diesen
speziellen Sachverhalt, die Distanz auf, dennoch scheint es kein
verbürgtes Wort zu geben, das eine Alternative zum missverständlichen
Wort ‘Darstellung’ bietet. Üblicherweise stellt man nicht, wie im
sprachlichen Kontext angemessen wäre, über etwas dar, sondern etwas.
Die
Alltagskommunikation findet in situativen Zusammenhängen statt. Um eine
Artikulation verstehen zu können, sind außer der Sprache weitere Reize
vorhanden, die Einordnungen ermöglichen, ob an der Kasse eines
Supermarktes, im Streit mit einem der Nachbarn oder während einer Fahrt.
Autoren und Lesern haben jedoch nichts weiter als die Texte. Dies macht
die Ausgangslage schwieriger. Deshalb ist es im speziellen Kontext der
Philosophie aus pragmatischer Sicht vorteilhaft, differenziert
vorzugehen, auch wenn der Text dadurch komplexer wird. Was gemeinhin als
sprachliche Darstellung ausgewiesen wird, übrigens nicht nur im Alltag,
sondern auch in Wissenschaft und Philosophie, kann gar keine sein,
nicht einmal, wenn man auf (zusätzliche) Wertungen verzichtet, weil in
beiden Fällen die Distanz unberücksichtigt bleibt, die durch Bezugnahmen
erzeugt wird.
Die Umgangsprache ist angefüllt mit
Übertragungen, die aus sprachlicher Sicht unpassend sein können. Wenn
ein Konzept umgesetzt werden soll, etwa wie ein Möbelstück, das für
einen anderen Platz vorgesehen war oder sich an einem anderen als den
vorgesehenen, aus welchen Gründen auch immer, besser macht, lässt sich
zweifeln, ob dies gelingen kann. Dem Konzept soll, im Unterschied zu
jenem Möbelstück, nichts geschehen, es soll lediglich als
Handlungsanweisung dienen. Man würde ein Konzept allenfalls ausführen,
wenn es Anweisungen enthält, nicht jedoch umsetzten. Ähnlich verhält es
sich mit dem Wort ‘verwirklichen’. Ein Konzept, das es bereits gibt,
also wirklich ist, kann nicht zusätzlich noch verwirklicht werden. Dabei
ist es egal, ob es sich bei dem Konzept um eine Idee oder ein
beschriebenes Stück Papier handelt. Eine Idee ist nicht weniger
wirklich, nur weil sie etwas Psychisches, Kognitives ist. Schließlich
noch ein Beispiel, das historische Veränderungen berücksichtigt und das
Setzen einer besonderen Pointe erlaubt: Banken treiben seit einigen
Jahren derart risikofreudige Geschäfte, dass sich diese mit der
Sicherheit und Ruhe, die man mit einer Gartenbank assoziieren vermag,
nicht in Einklang zu bringen sind. Nicht mehr eine assoziative
Übertragung, sondern eine Differenz ist festzustellen. Man müsste das
Möbelstück schon auf eine Autobahn stellen, um wenigstens einer vagen
Vorstellung nach ein ähnliches Risikoniveau zu erreichen.
An den
angeführten Beispielen ist ein Unterschied zu bemerken: im letzten Fall
geht es um Gegenstandsbezeichnungen, die aufgrund der Bezüge
verschiedene gleichlautende Worte sind und assoziative Verknüpfungen
oder Divergenzen hervorrufen können, beim umzusetzenden Konzept handelt
es sich hingegen um Sprachliches, das mit der Übertragung
sonderbarerweise nicht-sprachlich behandelt wird. Es lohnt sich, diese
beiden Beispiele näher zu betrachten. Bei den Gegenstandsbezeichnungen
sind nicht nur die Bezüge different, es gibt längst eingebürgerte
lexikalische Bedeutungen, die ebenfalls differieren. Würde man
nachschlagen, erhielte man (a) Erläuterungen über Sitzmöbel, würde
eventuell auf eine althochdeutsche “banc” (‘Erhöhung’) stoßen, auf
andere Bedeutungen anderer Sprachen, in denen sehr ähnliche Lautkomplexe
vorkommen; (b) über Geld- bzw. Kreditinstitute und deren Funktionen.
Man erhielte, sähe man von historischen und fremdsprachlichen Exkursen
ab, Erläuterungen über die Gegenstände, auf die Bezug genommen wird. Die
Bedeutungen erläutern die Bezugnahme: man erfährt, worüber gesprochen
wird. Von Assoziationen ist nicht die Rede. Die Möglichkeit für
Assoziationen eröffnet die historische Veränderung im Hinblick auf die
betroffenen Gegenständen. Assoziationen bleiben das Vergnügen von
Sprechern und Hörern, Schreibern und Lesern. Wären sie deshalb
sprachlich unrelevant?
Nähme man außer Bezug und lexikalischer
Bedeutung noch eine weitere Funktion hinzu, ließe sich das Problem
eventuell elegant lösen: eine hypothetische Ausdrucksbedeutung. Diese
spielte nicht in jedem sprachlichen Fall eine Rolle, fiele bloß auf,
wenn sie emotional stark besetzt ist, wie bei identifizierenden
Beleidigungen oder Schwärmereien, könnte durch Gewohnheit im Alltag
untergehen, oder durch eine aufkommende Differenz hervortreten. Und sie
ist keineswegs so bestimmbar wie eine lexikalische, eine eingebürgerte
Bedeutung, ließe unterscheidbare Varianten zu, die auf den Assoziationen
unterschiedlicher Menschen beruhen. Das Bank- bzw. Bänke-Beispiel
demonstriert, wie man sich interpretativ versteigen kann, rhetorisch,
doch keineswegs nur als Winkelzug, sondern aus Interesse an
gesellschaftlichen Entwicklungen. Dagegen ist jenes Umsetzen eines
Konzeptes vergleichsweise abstrakt, wäre nicht mit der Handhabe von
Gegenständen zu vergleichen: Sprache wird unzureichend erfasst. Um
Ausdrucksbedeutungen von Übertragungen der Umgangssprache erfassen zu
können, wäre man auf empirische Untersuchungen angewiesen - und erhielte
so etwas wie Top-Listen, die sich im Laufe der Zeit ändern können, im
Grunde nicht mehr als einen zeitbezogenen Spaß einbrächten.
Davidson
ist der Ansicht, dass zusätzliche Bedeutungen zur Erfassung von
Metaphern überflüssig seien: Metaphern könnten wörtlich, als eine neue
Bedeutung genommen werden. In Bezug auf sein Beispiel ‘das Kind
Tolstoi’, das im Kontext einer literaturwissenschaftlichen Einschätzung
angeführt wird, “Tolstoi sei ein ‘moralsierendes großes Kind’ gewesen”
(vgl. Davidson, D., 1994, S.347), ließe sich dies eventuell annehmen,
obgleich man im Hinblick auf ‘neu’ mehr erwarten könnte. Schwieriger
wird es, wenn man nach einer wörtlichen Bedeutung von ‘verwirklichen’
fragt. Ich wüsste darauf ohne weiteres nicht zu antworten!
Alltagssprachlich
werden nicht nur Konzepte umgesetzt und verwirklicht, auch Träume
werden wahr. Wenn ein Konsumartikel als Traum bezeichnet wird, ein
Börsencrash hingegen als Albtraum, dann sind die psychischen Zustände,
auf die mit Worten ‘Nacht-’ und ‘Tagtraum’ Bezug genommen wird, eher
unrelevant. Idealisiertes und Bedrohliches stehen in Frage, die zwar
erträumt werden können, dem sprachlichen Verhalten nach aber anders in
Rede stehen. Es findet wie in vorhergegangenen Fällen eine Übertragung
statt. Ein Wort ‘Traum’ oder ‘Albtraum’ dient als Metapher.
Steht
kein Zusammenhang oder Kontext zur Verfügung, bleibt offen, um was es
sich jeweils handelt, wenn der Artikulation nach ein Traum für jemanden
wahr wird. Vielleicht kann dennoch stärker differenziert werden. Die
Wahrscheinlichkeit, dass eine Metapher ‘Traum’ genutzt wird, die
Erwünschtes und / oder Idealisiertes bezeichnet, ist relativ groß.
Nacht- als auch Tagträume wären in der Regel zu umfangreich, vielleicht
nicht einmal bewusst, um ihnen so etwas wie ‘wahr werden’ zuordnen zu
können. Und ‘wahr werden’, sieht man mal von Metamorphosen ab, in denen
aus einem erwünschten ein wirklicher Gegenstand wird oder geworden ist,
die nur in esoterischen Ausnahmefällen eine Rolle spielen könnten, würde
darauf Bezug nehmen, dass nun ein physischer Gegenstand, nicht nur ein
erwünschter verfügbar ist. Auch ‘wahr’ wäre eine Metapher, aber eine
vergleichsweise abstrakte. Sie betonte das Physische des Gegenstandes,
in Differenz zu bloß Imaginärem.
Die Metaphern der Umgangssprache
haben etwas Anachisches. Nicht einmal die Annahme einer wörtlichen
Bedeutung könnte sie in ein rational erträgliches Gefüge bringen. Eine
allgemeine philosophische Theorie über Metaphern hätte die
Umgangssprache aber zu berücksichtigen, nicht bloß ausgesuchte Beispiele
aus Dichtung, Wissenschaft und Philosophie. Der Begriff
Ausdrucksbedeutung bezeichnet eine Variable, die als solche zwar
ansetzbar ist, sich jedoch nicht allgemein weiter bestimmen lässt, weil
sie lediglich eventuelle und verschiedenen Assoziationen umfasst, samt
ihrem anarchischen Potential. Dieses anarchische Potential schließt
nicht aus, dass sich funktionale Listen anlegen ließen, um Metaphern,
auch solche der Umgangssprache, linguistisch sortieren zu helfen. Ein
solches Vorgehen führte im vorliegenden Kontext jedoch zu weit, die
philosophische Relevanz wäre fraglich.
III
Welche Relevanz hat aber die ‘hypothetische Ausdruckbedeutung’ für die
Theorie? Immerhin werden, wenn auch nur als blinde Variable, also ohne
nähere Angaben machen zu können, propositionale Einstellungen
berücksichtigt. Und als sei dies nicht schon problematisch genug (vgl.
Davidson, D., 1994, S.9), lässt sich daran zweifeln, ob die betroffene
Sprache lernbar sein kann, weil diese Offenheit für Neues keine
Abgeschlossenheit und Endlichkeit garantiert (vgl. Davidson, D., 1994,
S.33)? Dazu später mehr.
Was bislang als Alltags- bzw.
Umgangssprache bezeichnet wurde, gilt in Bereichen der
Sprachwissenschaften und der Philosophie als ‘natürliche Sprache’, in
Differenz zu formalen, künstlichen oder zu Plansprachen. Ein Wort
‘Natur’ kann, muss in diesem Kontext keine Metapher sein, wenn man einen
wissenschaftlichen Naturbegriff präferiert, der auch Menschen und ihre
Kulturen einschließt. Ein solcher Begriff würde jedoch auch speziell
angefertigte Sprachen umfassen, wollte man vermeiden, sie abseits der
Natur einer Metaphysik zuzuschieben. Die beanspruchte Differenz von
‘natürlichen’ und ‘künstlichen’ Sprachen wäre dahin.
Tja, wie
sprechen, ließe sich fragen. Wenn die Sprache, die in Rede steht,
gesellschaftlich geformt ist, dann erhalte ich die Möglichkeit, sie als
gesellschaftliche zu bezeichnen, unabhängig von den angeführten
klassifikatorischen Schwierigkeiten. Ich werde diese Möglichkeit nutzen,
doch auch weiterhin vom Alltag und Umgang der Menschen sprechen, weil
die explizite Berücksichtung das besondere Anliegen der vorliegenden
Arbeit von Beginn an war und weiterhin sein wird.
Die bisherigen
Beispiele betrafen die gesellschaftliche Sprache, die in Deutschland
gesprochen wird. Es ist nicht selbstverständlich, dass diese sich in
andere Sprachen adäquat übersetzen lassen. Ich scheue jedoch davor
zurück, länder- und sprachübergreifend nach Beispielen zu suchen,
obleich mir klar ist, dass die deutsche Sprache nur von vergleichsweise
regionaler Relevanz ist. Ein unabsehbarer Umfang multilingualer
Forschung würde das Projekt überfordern. Eine Begrenzung auf die
indo-europäische Sprachfamilie wäre nicht zu rechtfertigen. Beispiele
aus einer gesellschaftlichen Sprache reichen aber aus, um theoretisch
von Belang zu sein.
Davidson verknüpft die Frage nach einem
Spracherwerb mit der nach einer Überschaubarkeit, einer Endlichkeit
semantischer Ausdrücke, allerdings in einem anderen Kontext, im
Zusammenhang mit Zitaten. “Jedes Zitat ist ein semantischer einfacher
Ausdruck, und da es unendlich viele verschiedene Zitate gibt, ist eine
Sprache, die Zitate enthält, unlernbar.” (Vgl. Davidson, D., 1994,
S.33.) Würde man anstatt von Zitaten von Sätzen sprechen, die Metaphern
enthalten, unabhängig davon, ob man diese als ‘einfach’ bezeichnen
würde, ergäbe sich ein ähnliches Problem: unendlich viele verschiedene
Metaphern dieser Sprache würden einen Lernprozess nicht zum Abschluss
bringen können.
Doch wie ist es möglich, weshalb relevant, eine
Sprache vollständig zu beherrschen? Davidson stellt eine Anforderung an
die Theorie: “Mit der richtigen psychologischen Einkleidung versehen,
sollte unsere Theorie uns in den Stand setzen, mit Bezug auf einen
beliebigen Satz anzugeben, was ein Sprecher der betreffenden Sprache mit
diesem Satz meint (bzw. was dieser nach seiner Meinung bedeutet).”
(Vgl. Davidson, D., 1994, S.30.) Die Interpretation von Zitaten kann im
vorliegenden Kontext außen vorbleiben, die von Metaphern ist hingegen
schon angeführt worden: Metaphern seien wörtlich zu verstehen (vgl.
Davidson, D., 1994, S.343). Mit dieser Angabe ist geklärt, wie sich man
sich eventuell nicht enden wollende Prozesse vom Leib halten kann.
Mein
Vorgehen, muss ich eingestehen, ist nicht ganz unähnlich, doch ich
bezweifle, dass stets eine wörtliche Bedeutung fassbar ist. Meine
Erläuterungen über einige alltägliche Metaphern, darunter Worte wie
‘Darstellung’, ‘umsetzen’ und ‘verwirklichen’, wären mit einer
schlichten Angabe von Bedeutungen nicht explizierbar gewesen. Eine
wörtliche Bedeutung ließ sich am einfachsten beim Wort ‘umsetzen’
angeben, unter Berücksichtigung von Möbelstücken, verständlich ist die
Metapher dadurch aber nicht geworden. Eine Forderung, mit der Theorie seien Metaphern wörtlich aufzufassen, die Bedeutungen beliebiger
Metapher von Sprechern erfassen zu können, ist äußerst fragwürdig.
Mit
der ‘hypothetischen Ausdrucksbedeutung’ habe ich der Pandora eine
Pforte geöffnet, ohne sie wirklich reinzulassen. Die Variable zeigt,
dass es unzählige Assoziationen in Bezug auf Metaphern geben kann, sie
ließen sich sogar empirisch schätzen, bleiben aber außen vor, weil sie
theoretisch auf keinen anderen Nenner zu bringen wären. Man könnte der
Ansicht sein, dies käme einer Kapitulation gleich. Ich würde betonen,
dass es davon abhängt, ob man das anarchische Potential zu nutzen weiß,
das in die analytische Theorie integriert wurde. Vielleicht ist ein
Umgang damit nicht von jedem lernbar, auf den Umgang mit Logik träfe
jedoch Gleiches zu.
IV
Die sprachtheoretische Schwierigkeit im Umgang mit Metaphern resultiert
aus einem gesellschaftlichen Sprachverhalten, das auch außerhalb von
üblichen Konventionen und Regeln, abseits von sachlich angemessenen
Differenzierungen erfolgt. Man kann darüber verzweifeln oder es mit
einem Lächeln billigen. Es findet statt. Praktisch bleibt nichts anderes
übrig, als jeweilige Resultate zu prüfen, zu analysieren, ohne
spezielle Vorgaben darüber zu machen, was Metaphern konkret seien, wie
sie gebildet sind, was sie bedeuten. Es ist diese Offenheit, die es
erlaubt, verschiedene Übertragungen zu erkennen als auch zu
interpretieren, in meinem Fall unter sprachanalytischen Kriterien. Erst
diese Offenheit garantiert eine Vollständigkeit der Theorie. Und nur sie
reicht aus, um mit dem anarchischen Potential, das bei
Metaphernbildungen zum Tragen kam und kommt, angemessen umgehen zu
können.
Aber nicht nur geäußerte Metaphern können im Umgang
besonders auffallen, ebenso Auseinandersetzungen darüber, was als wahr
gelten kann. Im Umgang mit Metaphern steht weniger eine Frage nach
Wahrheit im Zentrum, eher nach Angemessenheit, die sich auf die konkrete
sprachliche Verwendung oder Erzeugung bezieht. Bei einer üblen
Beschimpfung ist es egal, ob sie wahr ist oder nicht, relevant ist, ob
sie passt, also angemessen ist, und ob sich andererseits ein
Beschimpfter angegriffen, soziale herabgesetzung fühlt. ‘Wahrheit’ wird
hingegen relevant, sobald sprachliche Bezüge in Frage gestellt werden,
zum Beispiel gegenüber politischen Äußerungen, mit denen eine
entstandene Armut in westlichen Gesellschaften übergangen wird: Bürger
beginnen zu fragen, worüber, über welche Gesellschaften überhaupt
gesprochen wird.
Der Begriff Geltung ist diesem Zusammenhang
wichtig, weil der Entscheid über Wahrheit intersubjektiv getroffen wird,
von den Beteiligten. Zu einer Auseinandersetzung kommt es, wenn die
einbezogenen Ansichten darüber differieren, was wahr ist. Es könnte
durchaus sein, dass aus einer nicht einbezogenen Sichtweise alle an
einem Streit beteiligten Personen oder Parteien falsch liegen, dies
jedoch nicht auffällt. Eine Frage nach Geltung könnte sich eventuell
erübrigen, wenn die Kriterien für Entscheide, ob eine Aussage wahr oder
falsch ist, gleich sind. In der deutschen Politik ist man dazu
übergegangen, selber sprachbildend tätig zu werden, um zu vermeiden, von
Wissenschaftlern oder wissenschaftlich gebildeten Journalisten mit
statistischen Mitteln bloßgestellt zu werden. Speziell angepasste
Diktionen von ‘sozial’ und ‘arm’ verhindern dies, bürgern sich sogar
graduell ein.
Solche sprachlichen Neufassungen verändern die
Bedingungen der Kommunikation, ohne die politisch vorherrschende Geltung
im Hinblick auf ‘wahr’ und ‘falsch’ in Frage zu stellen. ‘Wahrheit’
betrifft das Vorliegen oder Nicht-Vorliegen von Bezügen, nicht hingegen
die Wortbedeutungen. Würde man ‘arm’, um ein extremes Beispiel zu geben,
nicht den Lebensbedingungen westlicher Großstädte anpassen, sondern
solchen wie in Bangladesch, wäre Armut mit einem Schlag in Deutschland
überwunden. Tipps von Politikern, die Heizung im Winter auszulassen, man
könne alternativ zu Pullovern greifen, zudem Strom zu sparen, der
Betrieb eines Kühlschranks wäre in der zu erwartenden Umgebung nicht
erforderlich, können erläutern, dass im Kontext von Bedeutungen nicht
‘Wahrheit’, sondern Angemessenheit in Frage steht. ‘Wahrheit’ kommt erst
ins Spiel, wenn mit Hilfe der Bedeutungen die Bezüge thematisiert
werden. Innerhalb des extremen Beispiels lägen keine des Wortes ‘Armut’
in Deutschland vor. Pointiert, wenngleich zynisch, ließe sich sogar über
einen erstaunlichen Reichtum sprechen.
Das soziale Gerangel,
das politisch betrieben wird, auch vor einer Missachtung von
gesellschaftlichen Gruppen nicht zurückschreckt, ließe sich dies durch
Appelle an eine Vernunft unterbinden helfen? Die Ausrichtung der
Diskussion würde sich ändern. Ein Erfolg wäre, nach Habermas, an die
Überwindung “egozentrischer Nutzenkalküle” gebunden; es bedürfte mehr
als einer kommunikativen Verständigung (vgl. Habermas, J., Bd. 1, S.
151). Doch unter den Bedingungen, die Habermas für eine ideale soziale
Kommunikation entwickelt, wie relevant oder unrelevant sie für eine
konkrete Praxis auch sein mögen, werden “Verständlichkeit” als
Voraussetzung, Ansprüche auf “Wahrhaftigkeit”, “propositionale
Wahrheit” und “normative Richtigkeit” angeführt (vgl. Habermas, J., Bd.,
1, S.416), von sprachlicher Angemessenheit ist nicht die Rede. Das
pragmatischen Kommunikationsmodell umfasst Sprache nur unzureichend. Im
Rahmen einer Konsenstheorie der Wahrheit, in der es letztlich um die
Zustimmung der Beteiligten geht, nicht um Sprache, sondern um Geltung,
mag dies kaum auffallen.
Sieht man von jenem sozialen Gerangel
ab, das von der Politik betrieben wird und dem auch das pragmatische
Kommunikationsmodell Tribut zollt, lässt sich um der Sache willen
diskutieren. Sprachtheoretische Fragen nach Wahrheit können zumindest
in zwei Richtungen gestellt werden: im Hinblick auf die Bedeutung des
Wortes ‘wahr’, oder durch eine Klärung dessen, was ein sprachlicher
Bezug ist.
Mit einer semantischen Theorie der Wahrheit steht
Angemessenheit zur Diskussion, nicht deren Wahrheit. Tarski hat eine in
der Philosophie viel beachtete relevante Theorie entwickelt. Zur
Angemessenheit kommt als weiteres Kriterium noch die formale Richtigkeit
hinzu (vgl. Tarski, A., 1972, S.55). Ein Problem seines Konzeptes ist,
dass ‘wahr’ im Kontext der ‘Äquivalenzform T’ (bzw. dt. ‘W’), sein
Beispiel sei angeführt, ‘>Schnee ist weiß< ist wahr genau dann,
wenn Schnee weiß ist’, durch ‘erfüllen’ erläutert wird. Seiner Ansicht
nach hätte ‘Erfüllung’ einen grundlegenderen Charakter als ‘Wahrheit’,
und er beschreibt sie als “eine Beziehung zwischen beliebigen
Gegenständen und bestimmten Ausdrücken, genannt Aussagefunktionen.”
(Vgl. Tarski, A., 1972, S.71.) Eine Aussage sei wahr, wenn sie von allen
Gegenständen erfüllt werde, sonst falsch. Nun wäre freilich zu klären,
was unter jener Beziehung, die als ‘Erfüllung’ bezeichnet wird, zu
verstehen ist. Ein Seitenschwenk zur Logik würde nicht helfen, weil es
lediglich um ein Einsetzen ginge. Was immer in der Logik geschehen mag,
Gegenstände werden nicht eingesetzt. Handelt es sich bei ‘Erfüllung’
überhaupt um eine Beziehung, und könnte ‘Erfüllung’ eine solche
angemessen bezeichnen? Bereits Field hat auf solche Undurchsichtigkeit
hingewiesen (vgl. Field, H., 1976, S.124). Einen Überblick, besonders
über formale Einwände, gibt Puntel (vgl. Puntel, L.B., 1978, S.41-69).
Davidson
erweitert die Form lediglich um Sprache, Sprecher und Zeit (vgl.
Davidson, 1994, S.77), um sie für natürliche, also gesellschaftliche
Sprachen nutzbar zu machen. Dies ist durchaus ein wichtiger Schritt,
reicht aber nicht aus, um verstehen zu können, was mit jener Beziehung
gemeint ist. Erfüllungen können mit propositionalen Ansprüchen, Wünschen
und Erwartungen in einem Zusammenhang stehen, wie jedoch mit beliebigen
sprachlichen Ausdrücken? ‘Erfüllung’ wäre eine Metapher, die alles
andere als klar und verständlich ist. Es kann aber aus dem zuvor
angeführten Beispiel deutlich werden, um was es letztlich geht: um einen
vorliegenden oder nicht vorliegenden sprachlichen Bezug.
Was
aber ist das, ein sprachlicher Bezug? Ich habe bislang von einer
abstrakten Funktion gesprochen, nun lässt sich hinzufügen, die vorliegen
kann, eventuell aber auch nicht. Dies macht die Sache keineswegs
einfacher. Man könnte untersuchen, wie Bezugnahmen psychogenetisch
geschehen, wie dies zum Beispiel Quine unternommen hat (vgl. Quine,
W.v.O., 1976). Was aber ‘Bezug’ ausmacht, ist aus dieser Prosa nicht zu
erfahren. In “Ontologische Relativität” hatte er zuvor eine
“Unerforschlichkeit der Referenz” hypostasiert und diese u.a. mit einer
Zweideutigkeit von Worten begründet: Das Wort ‘grün’ könne als konkreter
allgemeiner Term (das Gras sei grün) fungieren, ebenso als abstrakter
singulärer Term (Grün sei eine Farbe) (vgl. Quine, W.v.O., 1975, S.57).
Sieht man davon, ob es sich um die selben Worte handeln kann, ist der
angeführte Fall trivial. Ohne Kontexte oder situative Zusammenhänge, in
denen die relevanten Äußerungen erfolgen, bleibt offen, worüber
gesprochen wird. Nicht trivial wäre hingegen eine Antwort auf die Frage,
was Bezüge aus theoretischer Sicht sind. Handelt es sich bei den
relevanten Worten ‘Bezug’, ‘Bezüge’ ebenfalls nur um Metaphern, die
völlig undurchsichtig sind?
Davidson stört nicht die sprachliche
Übertragung, die mittels ‘Bezug’ vorgenommen wird und die sich längst
eingebürgert hat. Er präferiert die Möglichkeit, sprachtheoretische
Begriffe auf einfachere zurückzuführen. “Alles an der Sprache kann
rätselhaft erscheinen, und wir würden sie besser verstehen, wenn wir die
semantischen Begriffe auf andere Begriffe zurückführen könnten.” (Vgl.
Davidson, 1994, S.311.) Diese Möglichkeit werde im Hinblick ‘Bezugnahme’
jedoch verwehrt (vgl. Davidson, 1994, S.306.). Damit ist man auf
‘Erfüllung’ angewiesen.
Und nun? Weiß jemand was geschieht, wenn
gesprochen wird? Oder hat man es mit einem Mysterium zu tun, das seit
der frühen Steinzeit entweder nur Plappern oder Schweigen lässt?
V
Angemessenheit von Worten wie ‘Wahrheit’, ‘Bedeutung’ und ‘Bezug’ wird
relevant, wenn Bedeutungen zu formen sind. Würde man nach der Wahrheit
der Worte fragen, dann nach dem Vorliegen ausgesagter Bezüge. In dieser
Weise ließe sich beispielsweise über eine erarbeitete Fassung des
Aristotelischen Wahrheitsbegriffs urteilen, der selber nur an- oder
unangemessen sein kann. An einer solchen historischen Erörterung habe
ich im vorliegenden Kontext aber kein Interesse.
Die bisherige
philosophische Diskussion über die relevanten Worte hat in eine
Sackgasse geführt, weil, so lässt sich vermuten, Sprache unzureichend
erfasst wurde. Dem sprachlichen Bezug wie einem Mysterium
gegenüberzustehen, kann nicht das letzte Wort in dieser Sache sein. Über
die auszuarbeitenden Bedeutungen der Begriffe kommen jedoch auch
Wahrheitsfragen in die Diskussion, weil Sprache etwas Gesellschaftliches
ist, mithin Bezüge relevant werden.
Man könnte es als einen
Missstand innerhalb der analytischen Sprachphilosophie bezeichnen, den
Blick nicht viel weiter geöffnet zu haben, als es aus
wissenschaftsphilosophischer Sicht erforderlich war. Es ließe sich sogar
in vielen Fällen fragen, ob es überhaupt um Theorie gegangen ist, nicht
bloß um Konzepte ohne nennenswerte empirische Relevanz. Quine antwortet
auf solche Vorwürfe mit dem Verweis auf die Entstehung eines Fachs, der
wissenschaftlichen Philosophie. Schriftstellerische Ambitionen schließe
er aus: professionelle Philosophen seien dazu nicht geeignet. (Vgl.
Quine, W.v.O., 1991, S.233). Die Frage nach einer Angemessenheit
wissenschaftsphilosophischer Begriffe ließe sich jedoch nicht abwehren,
indem man sie schriftstellerischen Tätigkeiten zuordnet. Zudem wäre es
zweierlei, wissenschaftliche Philosophie zu betreiben, ohne sich
thematisch fixieren zu lassen, oder ob man sich als professioneller
Zuträger der Wissenschaften versteht. Letzteres hätte Ähnlichkeiten mit
der Relevanz von Philosophie im Mittelalter, als professionelle
Küchenhilfe der Theologie.
Auch Wittgenstein sieht einen
unangemessenen Umgang mit Worten, doch in einer anderen Hinsicht: Er
konfiguriert eine Situation, in der ein Philosoph einem okkulten Vorgang
nachgeht, in dem eine Beziehung, es ließe sich hinzufügen, eine
wesenshafte Beziehung, zwischen Name und Benanntem herauszubringen sei.
In diesem Fall geschehe Außergewöhnliches (vgl. Wittgenstein, L., 1984,
S.260). Die gesuchte Beziehung wird - ohne Rückgriff auf Autoren und
relevante Schriften - in viele unterschiedliche Beziehungen aufgelöst:
“Diese Beziehung kann, unter vielem anderen, auch darin bestehen, daß
das Hören des Namens uns das Bild des Benannten vor die Seele ruft, und
sie besteht unter anderem auch darin, daß der Name auf das Benannte
beschrieben ist, oder daß er beim Zeigen auf das Benannte ausgesprochen
wird.” (Vgl. Wittgenstein, L., 1984, S.259.) Er belustigt sich.
Auch
solche Ereignisse gehören zu sogenannten Sprachspielen. Um erfassen zu
können, was solche Spiele seien, wird der Gebrauch der Worte angeführt.
Auf die rhetorische Frage, was mit Worten eines spezifischen Spiels
bezeichnet wird, gibt er die Auskunft: “Was sie bezeichnen, wie soll ich
das zeigen, es sei denn in der Art ihres Gebrauchs” (vgl. Wittgenstein,
L., 1984, S.242.) Auffallend ist, dass in jenem okkulten Spiel nicht
nur sprachliche Vorkommnisse einbezogen sind, sondern auch psychische
Erlebnisse. Eine Differenzierung unterbleibt. Als typischer Rat ist zu
lesen: “Schau auf das Sprachspiel …, oder ein anderes!” (vgl.
Wittgenstein, L., 1984, S.259). Dieser Hinweis steht unter anderem im
Kontrast zur traditionellen Methode des Abrichtens von Kindern, das
seinerseits als Sprachspiel bezeichnet wird (vgl. Wittgenstein, L.,
1984, S.239-241) und im Rahmen der Konditionierung auch Handlungen
umfasst. ‘Gebrauch’ ist innerhalb seiner Spätphilosophie ein reichliches
undifferenziertes Wort, das mit diesem Bezugsumfang durchaus nicht dem
Alltag entlehnt ist. Er räumt die Undifferenziertheit sogar ein und
spricht von “unzählige(n) verschiedene(n) Arten der Verwendung dessen,
was wir ‘Zeichen’, ‘Worte’, ‘Sätze’ nennen.” (Vgl. Wittgenstein, L.,
1984, S.250.) Sein Spiel der Spiele, das man auch als “Lebensform” (vgl.
Wittgenstein, L., 1984, S.246, 250) auffassen kann, ähnelt in dieser
speziellen Hinsicht dem Gepansche eines Alchemisten.
Betont
werden muss, dass die “Philosophischen Untersuchungen” aus dem Nachlass
veröffentlich wurden, nicht als abgeschlossen gelten können. Das
Vorhaben war ambitioniert: Ein Aufzeigen, ich würde entgegen seiner
Absicht von einer Konzeption sprechen, der Sprachspiele, diene dem
Vergleich, insgesamt sollte eine von vielen möglichen Ordnung entstehen.
(Vgl. Wittgenstein, L., 1984, S.304).
Auf der Suche nach
Angemessenheit bin ich jedoch keinen Schritt weiter gekommen. Zwar lässt
sich mit Bezug auf Wittgensteins Spätphilosophie hervorheben, “daß
bezugnehmende Verwendungsweisen kein >Wesen< besitzen; es gibt
nicht ein bestimmtes Etwas, das als Bezugnahme bezeichnet werden kann.”
(Vgl. Putnam, H., 1997, 212.) Berücksichtigt man jedoch, den ominösen
Begriff ‘Gebrauch’, sagt dies wenig aus.
VI
Wittgensteins Abgrenzung von Fragen über Wesen, u.a. auch des Bezugs - in diesem Kontext wird von ihm angeführt, die Sprache
feiere
(vgl. Wittgenstein, L., 1984, S.242) -, kann eventuell Heidegger als
Adressat gemeint sein, festlegen möchte ich mich jedoch nicht. Im Rahmen
von Wittgensteins Konzept wird eine Parallelwelt anvisiert, eine
mögliche Ordnung, die dem Vergleich dienen kann, deshalb spielt Bezug
und Wirklichkeit für ihn ohnehin eine untergeordnete Rolle, ähnlich wie
innerhalb der Belletristik. Wesensbegriffe interessieren mich ebenfalls
nicht, ob ontologische oder metaphysische, Fragen nach
Wirklichkeitsbezügen hingegen schon.
Obwohl im Hinblick auf
Wirklichkeit differente Ausrichtungen bestehen, eignet sich
Wittgensteins Spätphilosophie besser als die zuvor angeführten formalen
Erörterungen, einen von mir bereits skizzierten Ansatz in geeigneter
Weise aufzugreifen. Wittgenstein ist der Überzeugung, dass er
Sprachspiele beschreibt, den Gebrauch zeigt, also darstellend vorgeht.
Eine darstellende Funktion wird innerhalb der “Philosophischen
Untersuchungen” jedoch nur in ganz wenigen Passagen ausgeübt: durch ein
rhetorisches Fragen, um den Textfluss in Gang zu halten. Mit diesen
Fragen wird eine fiktive Sprechsituation dargestellt, freilich äußerst
knapp, im Grunde kaum einer Rede wert. Alles andere dient der
Entwicklung von Bedeutungen, besonders der von Worten ‘Sprachspiel’ und
‘Gebrauch’, durch Erläuterungen möglicher Gebräuche.
Es gibt
einen sprachlichen Unterschied zwischen der Präsentation, die
beispielsweise durch Schauspieler vollzogen wird, und einer Erörterung,
die über einen Text, eine Sache oder einen Gegenstandsbereich erfolgt.
Im ersten Fall ist eine Darstellung eines Textes, auch die eines
fiktiven Streits, durchaus möglich, im zweiten Fall wird eine solche
Darstellung normalerweise vermieden, ist gar nicht erwünscht. Sogar eine
studentische Seminararbeit, die ausschließlich aus einer Reihung von
Zitaten besteht, würde kaum als Darstellung durchgehen, weil nichts über
die Ursprungstexte gesagt wird. Und im Unterschied zur rezitierenden
Arbeit, sieht man von speziellen schauspielerischen Leistungen ab, wird
durch den Studenten eine gewichtende Auswahl getroffen. Dieser arme Kerl
bietet dennoch praktisch nichts.
Es gehört zum Alltag, ich nahm es kürzlich erneut auf einer
Zugfahrt wahr, Menschen beobachten zu können, die von einem Sprechmodus
zum anderen wechseln. Von einem knappen Erfahrungbericht schaltete einer
junger Mann plötzlich in den Darstellungsmodus um: “Ich: …; er: …; und
ich: …” - “Hihihi!” war anschließend aus der Gruppe zu hören, in der
sich die Szene abspielte. Ein solches Ereignis wird Personen geläufig
sein, die das Leben der städtischen Massen noch nicht hinter sich
gelassen haben.
Der Darstellungsmodus wird im Fortgang nicht
weiter beachtet. Im vorliegenden Kontext interessiert, was in dem
anderen, dem primären Modus geschieht, während über etwas gesprochen
oder geschrieben wird. Dabei ist es gleichgültig, ob es sich um einen
knappen oder ausführlichen Bericht, um ein Gespräch, um eine Diskussion,
eine Erläuterung oder Erörterung handelt, ob in jedem Fall ein Wort
‘über’ sprachlich üblich ist. Systematisch relevant ist die sachliche
Differenz zwischen den beiden Modi. Und ich hoffe, dass ich ohne eine
verquere Bezeichnung des primären sprachlichen Modus auskomme. Ich werde
ihn nicht einmal fortlaufend anführen, sondern schlicht voraussetzen.
Anzumerken ist allerdings, dass dem gesellschaftlichen Sprachverhalten
nach auch über etwas gelacht und geweint werden kann. Das Wort ‘über’
ist nicht auf Zusammenhänge mit Sprache begrenzt. Die Distanz, die im
Gegensatz zu Darstellungen zum Ausdruck kommt, bei denen etwas, nicht
über etwas zur Präsentation gelangt, muss keineswegs eine emotionale
sein.
VII
Metaphern lassen jenes ‘über’, das speziell bei Äußerungen zum Tragen
kommt, außer Acht, überwinden es im vorgenommenen Vergleich geradezu,
wie beispielsweise durch Wittgenstein: Wenn seine Eröterung Sprachspiele
darlegt, mögliche Gebräuche, Muster, als werde ein Bild skizziert, das
dem Vergleich mit der Wirklichkeit dienen soll, dann wird die
sprachliche Tätigkeit, mit der Sprache erläutert wird, umgedeutet, ja
als spezielle ausgeblendet. Das Bemühen, Sprache durch ein ‘Sprache ist
wie’ zu fassen, kann nur scheitern, weil es gar nicht mehr um Sprache
ginge. Wenn Sprache etwas nicht ist, dann ‘wie’.
Das Wort
‘fassen’, das ich im vorausgehenden Absatz nutzte, ist ebenfalls
metaphorisch. Ein solches metaphorisches Sprechen oder Schreiben über
sprachliche Akte ist sogar relativ weit verbreitet, weil kaum
Alternativen bestehen. Einige Beispiele sind bereits angeführt worden:
‘darstellen’, ‘erfüllen’, ‘zeigen’, ja sogar ‘anführen‘ gehört dazu.
Würde man alle relevanten metaphorischen Äußerungen tilgen, blieben kaum
Worte übrig. Eine Reduktion würde eine Diskussion über Sprache und
sprachliche Tätigkeiten fast unmöglich machen. Vermeiden lässt sich
aber, den Metaphern auf den Leim zu gehen.
Ich möchte die
Möglichkeit nutzen, einen eigenen Ansatz zu entwickeln. Mehr als eine
Richtungsentscheidung soll sich dabei aber nicht ergeben. Vorausgesetzt
wird, dass die im vorliegenden Kontext relevante Sprache
gesellschaftlich geformt wird. Wissenschaften und die Philosophie sind
abhängig von dieser Sprache, unternehmen jedoch auch eigene
Anstrengungen, um die Präzision von Aussagen zu erhöhen. Dieses Vorgehen
ist besonders wichtig, ich halte es für die zentrale Aufgabe, mit
diesen Tätigkeiten deutlicher als im gesellschaftlichen Alltag zu
machen, um was es jeweils geht und die Entwicklung dessen, was gemeinhin
Wissen genannt wird, voranzutreiben.
Sieht man von
Metaphern ab, bleibt für sprachlichen ‘Bezug’ kaum mehr als eine
abstrakte Funktion. Mit diesem Akt reduziere ich jedoch nur
Ungeschicklichkeiten - und erhalte möglicherweise eine neue, vielleicht
sogar eine hervorragende Grundlage für eine andere Form von
Unangemessenheit. Abstrakta (und Allgemeinbegriffe) boten und bieten
seit Platon immer wieder den Ausgang für Spekulationen über ihr Sein,
als handele es sich um Gegenstände, die mit physikalischen vergleichbar
wären. Dass Abstrakta hilfreich sein können, beim Rechnen, Sortieren und
Putzen, will ich gar nicht bestreiten, aber muss es deshalb auch um ein
metaphysisches oder ontologisches Sein gehen, nur weil das Zeug nicht
so einfach kaputtzukriegen ist?
Wenn ich der Ansicht wäre, dass
sprachliche Äußerungen stets Bezüge hätten, würde ich Kriterien
benötigen, besonders solche, die über ‘wahr’ und ‘falsch’ entscheiden
lassen. Bezüge wären eine Eigenschaft der Sprache, jedoch nur formal,
weil nur in jeweiligen Zusammenhängen geklärt werden könnte, welche. Ein
isolierter Satz wie ‘Die Bank ist grün’ würde offen lassen, auf was
sich die Äußerung bezieht. Nun könnte man einwenden, dass die
Eigenschaft, Bezug zu haben, nicht einfach formal ist, sondern sich im
Rahmen von vorgegebenen Möglichkeiten bewegt. Dem ließe sich entgegnen,
dass es sein mag, dass sich relativ viele Menschen an übliche
Bedeutungen und Bezüge halten, Neuerungen wären dann aber nicht möglich.
Sprache würde sich nicht mehr entwickeln können. Jüngere
gesellschaftliche Vorkommnisse wie ‘geil’ und ‘cool’ wären einfach nur
absurd.
Würde man akzeptieren, dass Spache nur formal Bezüge als
Eigenschaften haben kann, sich letztlich die äußernden Menschen
entscheiden, welche konkret, durch die Kontexte oder durch die
Situationen im Umgang, weshalb sollten Menschen nicht darüber
entscheiden können, ob ihre Äußerungen überhaupt Bezug haben, oder
nicht. Nein, nein, dies ginge zu weit? Wäre es angebrachter, auch Zahlen
und Götterbezeichnungen Bezüge zuzuschreiben, unabhängig davon, ob man
an einen lichten Himmel oder eine düstere Unterwelt voller abstrakter
Entitäten und Götter aller Schattierungen glaubt? Ist Sprache zentral
ein metaphysisches Unterfangen, zu dem auch jene formale Eigenschaft
gehört? In religiösen Kontexten ließen sich vielleicht diskursiv
eingebrachte Götterbezeichnungen als Zitate interpretieren, eventuell
sogar selektiv, bei der Verwendung von Zahlen und anderen Abstrakta
auch? Wäre der interpretative Aufwand letztlich nicht zu hoch, der
erforderlich wäre, um eine Formalie zu erhalten, die man gar nicht
braucht?
Man bräuchte sie, um die Frage nach Wahrheit
aufrechtzuerhalten. Diese Frage wäre belanglos, würde es nunmehr um
Bezüge gehen, die vorliegen können. Es wäre (a) ungewiss, welche
geäußerten Ansichten Bezüge haben, zumal worauf, unabhängig davon, ob
sie wahr oder falsch sind. Damit wäre (b) unklar, in Bezug auf was die
Frage nach Wahrheit gestellt werden kann. Sprache würde der Beliebigkeit
anheimgestellt. Die Menschen könnten geradezu machen, was sie wollten.
Dieser unberechtigten Angst - die Leute machen ohnehin, was sie wollen,
fragen nicht erst einen Sprachmetaphyiker oder -priester -, ließen sich
die verschiedenen Kontexte entgegenhalten, in denen es um empirische
oder religiöse beziehungsweise metaphysische Gegenstände und
Sachverhalte geht. Wenn man mir abends in einem Laden zu verstehen gäbe,
dass Milch ausverkauft sei, könnte ich die Äußerung mit relativ großer
Sicherheit als empiriebezogene auffassen, nicht als Aussage über ein
eingebrochenes mythisches Verhängnis, das häufig abends eintritt, auch
wenn mich dieser Umstand nicht trösten könnte.
Es ließe sich,
speziell um religiösen und metaphysischen Scheinproblemen zu entgehen,
ein Rahmen abstecken, der durch Bedeutungen gegeben wird, die
Verifikationshinweise umfassen, Bedeutungen, die wissenschaftlich
konkreter wären, als zum Beispiel lexikalische Bedeutungen, Prüfbarkeit
ermöglichten. Es entstände ein “empirischer Gehalt” (vgl. Quine, W.v.O.,
1995, S.75), jedoch ebenso eine Beschränkung des Tätigkeitsbereichs.
Der philosophische Anspruch auf Professionalität wäre erkauft, ohne dass
dies erforderlich wäre. Durch einen selektiven Verzicht auf
Gegenstandbezüge ließe sich auch über etwas sprechen, das es der eigenen
Auffassung nach gar nicht gibt, dennoch gesellschaftlich relevant ist.
Quine sieht im Kontext von Abstrakta, dass “der ontologische Gürtel um
einige Löcher enger” zu schnallen sei (vgl. Quine, W.v.O., 1975, S.29),
bei dieser leichten Abmagerungskur bleibt es allerdings.
Propositionale
Einstellungen eines Autors gegenüber einer Textpassage sind mir als
Leser in der Regel unbekannt. Unabhängig davon kann ich aber prüfen, ob
Bezüge vorliegen, oder in welchem Umfang. Passagen und ihre Kontexte
geben in der Regel preis, ob Bezüge für die jeweiligen Texte eine Rolle
spielen können, oder nicht. In diesem Zusammenhang ließe sich sogar
weitaus differenzierter vorgehen, als dies eine Dichotomie in ‘wahr’ und
‘falsch’ erlauben würde. Ist der Übertrag, der von formalen Sprachen
aus vollzogen wurde, sprachlich nicht völlig ungeeignet, besonders im
Hinblick auf Studien, die explizit ihren (möglichen) Empiriebezug
betonen und der von vielen Faktoren abhängig ist, von den ausgewählten
theoretischen Grundlagen, den Hypothesenbildungen, der sogenannten
Operationalisierung, bis hin zu den präferierten Messinstrumenten?
Schlicht nach Wahrheit zu fragen, käme der Inszenierung eines
mittelalterlichen Gottesurteils gleich.
Auf Abstrakta und
Gottheiten als Gegenstände lässt sich nach meinem Ermessen leicht
verzichten, so sehr man die einen oder anderen auch konzeptionell
gebrauchen kann, zum Beispiel in einer Diskussion. Ein solcher
persönlicher Verzicht ließe dennoch zu, über Glaubensgegenstände anderer
zu sprechen. Die Frage nach angemessenen Regeln oder sprachlichen
Bedeutungen reicht für Gespräche völlig aus, alles weitere wäre ohnehin
nur mit Gewalt zu lösen. Entscheidend ist nicht die Frage, ob eine
abstrakte Entität existiert, sondern wie sie gefasst wird. Ob sie
darüberhinaus noch existiert, ist für eine Diskussion sekundär.
Wenn
die Frage nach Wahrheit entfallen kann, weil es bei möglicherweise
empriebezogenen Äußerungen darauf ankommt, ob im Rahmen einer Prüfung
ein solcher Bezug vorliegt oder nicht, gegebenfalls in welchem Umfang,
in religiösen oder metaphysischen Kontexten hingegen Angemessenheit der
Bedeutungen gefragt ist, nicht Bezug, es sei denn bei Textanalysen, die
sich auf Schriften beziehen, könnte man ‘wahr’ als schlichtes Urteil
auffassen, ähnlich wie ‘schön’. Nach meinem Ermessen käme dies einer
Entlastung des kleinen unscheinbaren Wörtchens gleich, auch einer
Entlastung von seiner Substantivierung und vom Pathos. Eine Frage nach
der Bedeutung von ‘wahr’ wäre lediglich noch eine empiriebezogene, würde
unzählige Bedeutungen in Sprache l (language), zur Zeit t (time), im
Raum a (area) ergeben, eventuell sogar amüsante. Mehr wäre kaum zu
erwarten.
Bezug ist keine Eigenschaft der Sprache. Aber ich
gestehe sprachlichen Erzeugnissen selektiv eine abstrakte Funktion zu,
über etwas Auskunft zu geben. Dieser Vorgang vollzieht sich
intrasubjektiv, hängt von Erfahrungen, vom Differenzierungsvermögen, von
vielem ab, das interpersonell kaum zugänglich ist. Sogenannte
Forschungsstandards zu setzen, mag dabei behilflich sein, eine
Fleißarbeit zu leisten, vielleicht auch eine nach der anderen, doch
genau diese Standards sind es, die Objektivität vorgaukeln und ein
wissenschaftliches als auch philosophisches Fortschreiten behindern.
Die
Schwierigkeit aber, herauszufinden, was die abstrakte Funktion
ausmacht, besteht darin, nichts zur Verfügung zu haben, was nicht die
Sprache wäre, die es zu erläutern gilt. Diese Grenze hat auch
Wittgestein gesehen. In seiner Spätphilosophie reagierte er darauf mit
unangemessenen Darstellungsbemühungen. Mehr als den im Grunde schwachen
Hinweis, über etwas Auskunft zu geben, vermag ich nicht zu formulieren.