Sonntag, 26. Januar 2020

(1.2) Wie voneinander abgrenzen? (2. Aufl.)

Den Anreiz zu differenzieren, hoffe ich gegeben zu haben, unklar blieb bislang jedoch, ob und gegebenfalls wie Worte von andere Zeichen (und Symbolen) systematisch abgrenzbar sind. Goodmans Symboltheorie lasse ich im Fortgang unberücksichtigt, weil sie in vielerlei Hinsicht einen Sonderfall darstellt, der eventuell in einem Kontext über Künste interessieren könnte, doch sogar in diesem Zusammenhang separat zu erörtern wäre: Einige grundsätzliche Schwierigkeiten und Fragen habe ich in einem solchen Kontext formuliert (vgl. Pege, Kai, 2014 (2)), auf eine dezidierte Erörterung jedoch verzichtet. Als weiteres Problem kann hinzukommen, dass Zeichen, ob als Piktogramme oder abstrakte mathematisch logische Gebilde, sprachlich artikulierbare Bedeutungen haben, historisch aller Wahrscheinlichkeit nach aus einem Sprachverhalten entstanden sind, wie formalisierte Abkürzungen wirken können, als formale Zeichen jedoch der Sprache entzogen sind.
Emoticons, um noch ein Beispiel zu integrieren, werden zwar innerhalb der Umgangssprache eingesetzt, sie haben Bedeutungen, die sich als emotionale Ausdrücke spezifizieren lassen könnten, verzichtete man darauf, Ausdruck zeichentheoretisch als Extension bzw. Bezug zu fassen, aber keinen Bezug. Ein Emoticon lässt nicht erkennen, weshalb es gesetzt wurde. Ohne sprachliche Erläuterung, die eventuell für sich schon ausreichen würde, den Zustand mitzuteilen, hinge ein Emoticon gleichsam in der Luft oder fungierte lediglich als außersprachlicher Gestenersatz.

Ob und worauf sich sprachliche Äußerungen beziehen, ist abhängig von den Bedeutungen, nicht nur der Worte, sondern des jeweiligen sprachlichen Zusammenhangs. Diese Komplexität im Hinblick auf eine Ein- und Abgrenzung entfällt in der Regel bei außersprachlichen Zeichen. Im Fall mathematisch logischer Zeichen gibt es zwar funktionale Differenzierungen und Abhängkeiten, jedoch nicht im Hinblick auf einen Bezug, lediglich auf die nutzbaren bzw. vorliegenden Zeichenfunktionen. Ähnlich, wenn auch weniger abstrakt und viel loser gebunden, geht es bei Straßenschildern zu. Die Farbgestaltung ist z.B. nach Gefahren-, Verbots- und Gebotsschildern sortiert, doch auch bei ihnen spielt Bezug keine erkennbare Rolle, im Vordergrund stehen ebenfalls Funktionen, keine mathematisch logischen, sondern solche eines Verhaltens, die durch die Bedeutungen übermittelt werden. Um den Geltungsbereich - nicht den Bezugsumfang -, solcher Schilder einschätzen zu können, ist man jedoch auf zusätzliche Informationen angewiesen, die z.B. durch bauliche Gestaltungen gegeben werden. Doch auch bei sprachlichen Äußerungen kann eine Frage nach Bezügen berechtigt, eventuell offen bleiben oder bestritten werden. Im Umgang können außersprachliche Faktoren, sowohl hinsichtlich des Verhaltens als auch der Umstände behilflich und entlastend sein.

Relativ hilflos kann man gegenüber Eigennamen bleiben, nicht nur sobald man Telefon- und Adressverzeichnisse oder das Internet einbezieht. Entwicklungen, ob landschaftlich historische, menschliche, tierische, oder Differenzierungen nach Tageszeit (Abend-, Morgenstern) erschwerten in der philosophischen Literatur einen Umgang. Kripe unternahm die Anstrengung, nach Bezügen, nach sogenannten ‚Referenten‘ Ausschau zu halten, um letztlich in einer Namensgebung (Taufe) als dem jeweiligen individuellen Beginn zu landen (vgl. z.B. Kripke, Saul, 2014, S.112), dem Beginn von Kausalketten, die sich aufgrund von Weitergaben eines Namens ergibt.
Doch ließen sich Eigenschaftsänderungen bei Sachen und Individuen berücksichtigen? Wäre ein Kleinkind, das einen Namen zugesprochen bekommt, noch dasselbe Lebewesen in späteren Jahren? Wäre man darauf angewiesen, eine abstrakte Entität auszuweisen, die über die Zeit identisch bleibt? Das Modell gibt erstaunlicherweise keine Auskunft. Es ließe sich in Bezug auf Individuen aber eine Ereignisreihe (Lebenslauf) bilden, eine solche Vorgehensweise ist in der Praxis durchaus nicht unüblich, wenn z.B. auf verschiedene Schaffensphasen eines Philosophen Bezug genommen wird. Doch dann wird der Name als solcher relativ unrelevant: er reicht bei weitem nicht aus! Von einem frühen Wittgenstein ist z.B. die Rede, von einem späten.
Fragen lässt sich, was eine Namensgebung (Taufe) mit einem Bezug des Namens zu tun hat. Ein solcher Akt, der eventuell einer Anheftung ähnlich ist, sagt noch gar nichts über einen Bezug aus, auch wenn ein Name durch soziale Umfelder weitergereicht wird. Innerhalb von sozialen Umfeldern handelt es sich zunächst nicht um Eigennamen, sondern um erteilte Rufnamen, die es ermöglichen können, ein Individuum anzusprechen, bei Menschen und Haustieren übrigens in ähnlicher Weise. Dass ein Hund bei der menschlichen Äußerung „Fritz“ aufhorcht, bemerkt, dass er gemeint ist, obgleich er die menschliche Sprache nicht versteht noch spricht, sich also angesprochen fühlt, weil man ihn zuvor über einen Zeitraum auf diesen Lautkomplex konditioniert hat, kann deutlich machen, dass ein praktisch angemessenes Verhalten auch ohne relevante konkrete Sprachkenntnisse möglich ist. Ein Angesprochenwerden und ein Ansprechen von Individuen überfordert Hunde keineswegs. Es handelt sich um rudimentäres Verhalten, das noch gar nichts mit Sprache zu tun haben muss und sich auch deutlich von der menschlichen Sprache abhebt: „Hund“, solange dieser Ausdruck nicht als Rufname etabliert wird, kann, je nach Kontext, ein allgemeines oder konkretes Wort sein. Rufnamen hingegen stehen ausschließlich mit Individuen in Verbindung. Wenn in einer Spielstraße z.B. „Peter“ oder „Mohammed“ erschallt, kann dieser Vorgang zu Verwirrung führen, weil solche Namen in Deutschland nicht selten sind. Quine hat von ‚singulären Termini‘ gesprochen (vgl. Quine, Willard v. Orman, 1974, S. 262); ich bleibe bei ‚Namen‘, halte aber eine Differenzierung von Ruf- und Eigennamen für empirisch relevant.
In diesem Essay bezieht sich ‚Rufname(n)‘ auf Lautkomplexe oder Buchstabenfolgen, die es ermöglichen, Individuen anzusprechen und Bedingung für eine Konditionierung sind. ‚Eigennamen‘ sind hingegen das Resultat einer solchen Konditionierung, vielleicht nicht unähnlich einem Brandzeichen, sähe man davon ab, dass solche Zeichen primär massenhaft vergebene Eigentumsmarken anderer sind. Namen müssen sich erst einprägen, bevor sie Eigennamen werden können, für das jeweilige Individuum wie auch für andere, die einem Individuum einen Eigennamen zuerkennen.
Etwas kokett fragt Kripke, ob überhaupt referiert wird (vgl. Kripke, Saul A., 2014., S.38/39). Kripke erhöht sogar die Namensgebung und Weiterreichung, indem der vergebene Ruf- bzw. Eigenname als starrer Bezeichnungsausdruck (‚regider Designator‘) in allen möglichen Welten Geltung habe (vgl. ebd., S.59). Doch eine Namensgebung ist ein empirischer Vorgang, der durch ein Belieben der Namensgeber geprägt wird und durchaus unterschiedlichen Konventionen und Moden unterworfen sein kann. Nicht Bezug, sondern soziale Geltung scheint mir der relevante Begriff im Hinblick auf Namen zu sein, und zwar in mehrfacher Hinsicht: für diejenigen, die Namen als Rufnamen nutzen und auch als Eigennamen anderer anerkennen, ebenso für die Angesprochenen und die mit oder gar unter einem Namen Agierenden.
Eine Diskussion von Eigennamen verführt dazu, sich auf bekannte Namen zu konzentrieren und eine Gewichtung hineinzulegen, die ihnen gesellschaftlich zukommt. In der Literatur ist z.B. von Aristoteles und Gödel (wie bei Kripke) die Rede, von Beethoven und von Goethe. Wie würden jedoch Fälle zu interpretieren sein, die gesellschaftlich weniger auffällig und im Hinblick auf das Leben von Individuen, auf relativ ereignislose Leben bezeichnen? Möglicherweise ließen sich Weitergaben von Namen verwechseln? Zu solchen Fällen könnten gesellschaftlich bedingte Namenswechsel gehören: Übernimmt ein Ehepartner bei der Heirat den Namen des anderen, wie dies bei Frauen lange Zeit üblich war, würde sich die Frage nach einem ‚regiden Designator‘ kaum stellen, der über Zeiten und Welten gleich bliebe, es sei denn in satirischer Weise. Vorkommnisse können sogar noch vielfältiger ausfallen, wenn nicht nur zu verschiedene Lebensabschnitten eines Menschen verschiedene Namen treten, sondern auch verschiedene Funktionen einen solchen Namen erhalten. Pseudonyme werden in der Regel in dieser Weise gebraucht, ob unter Schriftstellern, Musikern oder … Die umgangssprachliche Phrase ‚Pseudo-‘ deutet eine gesellschaftlich ideologische Abhängigkeit in Bezug auf Namen an, die primär eine praktisch und emotional orientierte ist, in der es um eine, umgangsprachlich formuliert, Identifizierbarkeit von Menschen geht, was immer auch amtlich oder auf der Straße darunter konkret verstanden wird. Eine Konzentration auf bekannte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens hilft nicht weiter, wenn es darum geht, Namen und ihre Verwendung zu erläutern, weil der Bezugsrahmen viel zu klein wäre. Ohne die gesellschaftlichen Vorgänge zu berücksichtigen, die alltäglich sind, blieben die Ansätze eventuell hübsch und nett, doch vor allem unrelevant. Ich halte es für aussichtlos, Ruf- und Eigennamen in allgemeiner Weise sprachliche Bezüge zukommen zu lassen. Man könnte über gesellschaftliche Relevanz und Bekannheit sprechen, der Namen als auch der assoziierten Personen oder Sachen, doch als Bezug würde ich diese möglichen Assoziationen und deren gesellschaftliche Vielheit nicht ausgeben wollen. Eine Frage nach Namen ist nach meinem Ermessen überhaupt keine sprachtheoretische, sondern eine soziologische und psychologische, die z.B. statistisch aufzubereiten wäre. Mir persönlich, dies sei eingestanden, bedeutet ‚Kai Pege‘ bezugsrelevant nichts. Mir kann lediglich deutlich werden, dass ich innerhalb eines konkreten Umfelds angesprochen werde, nicht ein anderer Mensch. Diese differenzierte Ansprechmöglichkeit, vergleichbar mit einem Stupser, ist jedoch primär einem Verhalten zuzuordnen, nicht Sprachlichem. Vielleicht hat Kripke dies ähnlich gesehen, deshalb den Akt einer Taufe, ein soziales Verhalten, in das Zentrum gestellt? Doch leider geschah durch ihn keine deutliche Abgrenzung von sprachlichem Verhalten.

Mit dem Ausscheiden von Symbolen, einer Reihe von Zeichen und Namen als bezugsrelevante Parameter, gewinnt die Sprache hinzu. Der praktische Nutzen, eventuell auch ein theoretisch poetischer, der allerdings separat zu erläutern wäre, z.B. im Kontext einer Bedeutung abseits der Empirie, ebenso der theoretische im Fall mathematisch logischer Zeichen, schmälert sich dadurch nicht. Im Hinblick auf die Empirie sind die bislang diskutierten ‚Bezüge‘ von Symbolen, Zeichen und Namen ohne Relevanz.

Samstag, 25. Januar 2020

Zweite Auflage: (1.1) Notengrafiken, Schilder, Symbole, Etiketten und Worte

Zu voreilig wird ein allgemeiner Ansatz betrieben, als ließen sich Vorkommnisse von nicht-sprachlichen Zeichen (de Saussure, Peirce), Symbolen (Goodman) und von Worten einer Sprache alle in gleicher Weise erfassen und behandeln. Es mag sein, dass man sich ernsthaft darum bemühte, all die fraglichen Fälle zu berücksichtigen, doch finden sich gerade deshalb erstaunliche Kuriositäten, die in das jeweilige Konzept nicht passen. Deshalb vollziehe ich zu Beginn eine graduelle Differenzierung zwischen nicht-sprachlichen Zeichen (bzw. Symbolen) und Worten, um mich im weiteren Verlauf der theoretischen Studie auf Worte und Sprache zu konzentieren.

Ich greife ein nicht-sprachliches und zeichen- bzw. symboltheoretisches Beispiel auf, das die Schwierigkeit erläutern lässt, der man sich durch ein unangemessenes allgemeines Vorgehen aussetzt: Eine ausgearbeitete Komposition, worauf könnte sie sich beziehen?
Notengrafiken haben durchaus Bedeutungen, sonst wären sie nicht von Musikern und Interessierten lesbar, doch was bezeichnen, symbolisieren sie, oder worauf beziehen sie sich? Faktisch handelt es sich um Anweisungen, die zudem der Interpretation, einer Lesart bedürfen. Würde man - wie Goodman dies z.B. tat -, eine ideale Aufführung als Symbolisiertes ausgeben, ließe man die einzubringende Lesart außer Acht, Helge Bol hat darauf hingewiesen (vgl. Bol, Helge, 2014). Und Notenschriften sind keineswegs derart präzise, dass ein Ideal einbeziehbar wäre. Lediglich eine romantische Fassung von Kompositionen kann dem Wunsch nach einem Ideal, jedoch nur im Hinblick auf eine Bedeutung, nachkommen (vgl. ebd.).
Sogar wenn Notenschriften so präzise wären wie z.B. Anweisungen, Algorithmen für Computer, auch dann ließe sich fragen, ob ein Bezeichnetes, Symbolisiertes oder ein Bezug auf etwas überhaupt relevant wäre. Es würde nach meinem Ermessen vollkommen ausreichen, dass die Maschine die Bedeutungen der Anweisungen interpretieren und ausführen kann, ohne einen Bezug zu berücksichtigen.

Nicht anders lassen sich mathematische und logische Zeichen fassen. Auch diese haben Bedeutungen, Bezüge sind jedoch nicht erforderlich. Erst wenn man z.B. eine vergleichsweise platonische Metaphysik generieren würde, ließen sich auch Bezüge veranschlagen, auf metaphysische Entitäten. Um jedoch verstehen zu können, um was es bei den Zeichen und ihren relationalen Zusammenhängen geht, kann auf eine Metaphysik leicht verzichtet werden.
Durch eine Maßgabe, auch ein Bezeichnetes haben zu müssen, etwas, auf das Bezug genommen wird, ließe sich zwar die Motivation begreiflich machen, als Grund könnte sie jedoch nicht dienen, um die Annahme von Bezeichnetem zu rechtfertigen. Es gäbe freilich viele andere Möglichkeiten für eine Motivation, Metaphysik zu betreiben, sogar eine erwägbare Schönheit, doch dies ist nicht mein Thema.

Ebenfalls wäre es überflüssig, Straßenschildern Bezüge zukommen zu lassen, die Anweisungen geben. Ein Stoppschild weist seiner Bedeutung nach lediglich darauf hin, dass anzuhalten sei, nicht auf ein ideales Vorgehen derjenigen, denen das Schild zugewandt ist. Die Anweisung verstehen zu können, reicht aus, auch wenn man diese unberücksichtigt lässt.
In diesem Zusammenhang lässt sich aber auf allgemeinverständliche Weise ein weiter Fall integrieren, durch den nicht Anweisungen gegeben, sondern Möglichkeiten offeriert werden: Ein als Parkplatz ausgewiesener Bereich bietet Abstellmöglichkeiten für Kraftfahrzeuge. Wird der fragliche Bereich eventuell durch das Schild bezeichnet, hat das Schild einen Bezug? Um diese Frage beantworten zu können, ist ein wichtiger Unterschied zu beachten: Es ist nicht das Schild, das den Bereich abgrenzt, sondern die bauliche Gestaltung des Terrains. Auf was sich das Schild beziehen könnte, ist von dieser Gestaltung abhängig, nicht von der erläuterbaren Bedeutung des Schildes. Diese Bedeutung eröffnet nicht mehr als eine Verhaltensmöglichkeit, ohne auch nur einen Hinweis auf einen Bezug zu enthalten. - Diese Komplexität lässt einen Seitenblick auf Sprache zu: Der Ausruf „Parkplatz! “ eines Beifahres sagt dem Fahrer eventuell wenig, provoziert unter Umständen die Rückfrage: „Wo?“ Auch sprachlich wäre ein Zusammenhang zu berücksichtigen; sprachlich ließe sich, dies macht den entscheidenden Unterschied aus, der Weg zum als auch die Gestalt und der Umfang des Bereichs beschreiben. Eventuell ist innerstädtisch sogar relevant, wie groß die aktuelle Freifläche für den PKW ist bzw. sein könnte. - Das Schild bezieht sich hingegen nicht, sondern bietet pauschal eine Verhaltensmöglichkeit, mehr nicht.

Ein weiterer Fall betrifft Etiketten. Solche sind in der Regel relevanten Gegenständen und Produkten direkt angeheftet, z.B. in Supermärkten. Ein Anheftungsvorgang ließe sich vielleicht am ehesten als ‚Bezeichnung‘ anführen, doch ob auch ein Bezug möglich sein kann, ist separat zu klären. Wenn ein Schild, das ein Parken ermöglicht, keine Informationen darüber enthält, auf was es sich beziehen könnte, ein Bezug unrelevant wird, vielleicht werden Anheftungsvorgänge lediglich vollzogen, um eine Eingrenzung des Geltungsbereichs zu ermöglichen. Etiketten enthalten zwar Angaben, vielleicht sogar in sprachlicher Form, aber keine Informationen über den Geltungsbereich, allenfalls abstrakt durch eine Information über die Füllmenge. Auf was sich die sprachliche Angabe einer Füllmenge aber bezieht, bleibt offen. Anheftungsvorgänge sind zusätzliche praktische Maßnahmen, ähnlich wie die bauliche Gestaltung eines Parkplatzes, die den Etiketten den Geltungsbereich zuweisen. Die Etiketten geben, um Bezug haben zu können, zu wenig preis.

Und wie sieht es mit Abbildungen aus, z.B. künstlerischen, unter der Voraussetzung, dass eine solche Relation im Einzelfall überhaupt relevant ist? Das Problem beginnt bereits mit diesem Begriff bzw. Wort. Etwas abzubilden beschreibt bereits eine Relation, eine, die sprachlich nicht, oder, berücksichtigt man konkrete Poesie, kaum vollzogen werden kann. Es ließe sich bestenfalls eine Metapher ‚Bezug‘ einbringen. Diese wird möglich, weil Zeichnungen, Fotografien und Gemälde einen Detailreichtum enthalten können, oder durch Reduktion eine Bedeutung einbringen, wie dies mit Sprache gleichfalls möglich
ist, nur auf eine andere Art und Weise.
Schließlich sei eine Metapher angeführt, die ich in einem anderen Kontext analysiert habe (vgl. Pege, Kai, 2014, S. 15 ff.) und die häufig in sprachlichen Zusammenhängen auftaucht: ‚Darstellung‘. Ein Theaterstück kann dargestellt werden, oder ein Dokumentarfilm stellt die Veränderung eines Terrains dar, z.B. die Entwicklung des Dortmunder Phoenix-Sees. Sprachlich lässt sich eine Theorie erläutern, am besten mit Bezug. ‚Darstellung‘ träfe den Sachverhalt hingegen nur indirekt. Auch ‚Darstellung‘ ist wie ‚Abbildung‘ bereits ein relationales Wort, das aus anderen Bereichen kommt und dort angemessener aufgehoben ist.

Die gegebenen Erläuterungen, dies war mir besonders wichtig, verzichten darauf, Symbole und Zeichen durch eine sprachliche Vorentscheidung zu interpretieren. Legt man von Beginn an Sprache hinein, lassen sich Symbole und Zeichen lediglich missverstehen. Fraglos könnten z.B. Ausrufe wie „Parkplatz! “ mit einem Schild verglichen werden, doch Sprache vermag mehr, kann einen Bezug durch Präzisierung entstehen lassen. Eventuell würde praktisch auch ein Fingerzeig genügen, ein außersprachlicher Vorgang, doch dieses Umgangsverhalten änderte an den sprachlichen Möglichkeiten nichts, die Schildern und Etiketten in dieser Weise nicht zukommen.
Gleichfalls habe ich es vermieden, Sprache lediglich aus symbol- oder zeichenähnlichen Worten bestehen zu lassen. Mit einzelnen Worten kann niemand etwas anfangen, es sei denn innerhalb konkreter praktischer Zusammenhänge und dies auch nur im Kontext eines relativ umfangreichen Wortschatzes. Sprache aber kann, dies macht den zentralen Unterschied zu nicht-sprachlichen Zeichen und Symbolen aus, Bezüge haben, über etwas Auskunft geben, und dies ohne weitere Hilfsmaßnahmen.

Donnerstag, 23. Januar 2020

Einleitung der zweiten Auflage

Auch Philosophen sind nicht davor geschützt, kognitive Irrwege zu beschreiten. Die zweite Auflage von „Eine Theorie des selektiven Bezugs“ bedarf einer umfangreichen Umgestaltung des Textes. Dies haben Diskussionen im sprachanalytischen Forum ergeben: Zeichen und Sprache werden nicht länger differenziert, aber Zeichen graduell hinsichtlich ihre Bezugsrelvanz unterschieden. Auch Sprache besteht ‚nur‘ aus Zeichen, jahrtausendelang lediglich aus lautlichen, erst viel später auch aus Schriften.
Die textliche Umgestaltung hat Vorteile. Ein Problem, Zeichen von Sprache zu differenzieren, entfällt. In der zweiten Auflage kann detaillierter auf graduelle Differenzen eingegangen werden. Die Kritiken an analytischen Erörterungen als auch an umgangssprachlichem Verhalten bleiben aber größtenteils bestehen:
Analytische Erörterungen führten häufig zu Stellvertreterfunktionen von Zeichen innerhalb naturwissenschaftlicher Modelle. Was dies mit Sprache zu tun hat, diese Frage wurde leider unterschlagen. Modelle lassen sich durchaus mit der Wirklichkeit vergleichen, doch liegt dabei kein Bezug vor, sondern möglicherweise eine eineindeutige Abbildung, deren Relevanz freilich davon abhängig ist, was berücksichtigt wurde. Und eine Stellvertreterfunktion von Zeichen würde eine Austauschbarkeit bzw. Ersetzbarkeit voraussetzen, die nicht möglich ist. Kein Zeichen könnte die relevante Wirklichkeit ersetzen. Es bliebe nicht mehr als eine unangemessene Metapher, naturwissenschaftliche Prosa, die staunen lassen könnte.
Wenn Sprache eine analytische Relevanz erhalten soll, der vor Jahrzehnten beanspruchte „linguistic turn“ weist zumindest darauf hin, ist es erforderlich, sich auch mit Sprache zu beschäftigen. W.v.O. Quine hatte das Problem erkannt, hielt aber weiterhin an einer naturwissenschaftlichen Orientierung fest, auch wenn er sich nicht vereinnahmen lassen wollte. Ich gehe mit diesem Aufsatz einen Schritt weiter, stelle die Frage nach Sprache und Bezügen neu.
Mein Ausgang für die eigene Entwicklung bildet ein Über-etwas-sprechen, so vage dies in Einzelfällen auch geraten mag. Um Bezüge ermöglichen zu können, wird ein analytisch differentielles Verfahren (keine Methode) eingeschlagen, das dazu dient, aus den vielen Möglichkeiten des Über-etwas tatsächlich etwas hervorgehen zu lassen, um was es gehen könnte bzw. geht. Ein möglicher Bezug ergibt sich, wenn durch einschränkende Maßnahmen etwas übrigbleibt.
Ein sprachliches Zutreffen, das bereits Aristoteles anführte, ist in diesem Zusammenhang viel relevanter als Modelle, beruht jedoch auf einem separaten Verhalten, einer gegebenen Einschätzung. Zu Beurteilendes kann nicht mehr als Bezugsrelevanz und einen möglichen Bezug haben. Ob hingegen ein Bezug vorliegt, ist stets zu entscheiden.
Entscheidend für die Korrektur in der zweiten Auflage war, dass ich nicht mehr ein wissenschaftliches Bemühen um sprachlichen Bezug zur Grundlage einer Antwort auf die Frage machen wollte, ob Sprache durch möglichen Bezug über Zeichen hinausweist.

Kai Pege, im November 2020

Dienstag, 5. Juni 2018

Profil

Eine Beteiligung am sprachanalytischen Forum im AutorenVerlag Matern ist eine Herausforderung. Die Arbeit des Forums betrifft analytische Philosophie als auch analytische Belletristik. Das Besondere der Tätigkeiten liegt nicht im rekapitulieren bekannter Positionen, sondern in der Entwicklung von neuen Ansätzen, philosophischen und belletristischen, ausgehend von der (deutschen) Sprache.

Mein vielleicht wertvollster Beitrag im Forum war / ist meine philosophische "Theorie des selektiven Bezugs", die in erster Auflage 2015 erschien, an deren Konkretisierung und Erweiterung ich immer noch arbeite. Eine zentrale Hypothese lautet, dass sich Zeichen, im Unterschied zu Worten / Texten, nicht auf Empirie beziehen können. Sie lassen Vergleiche mit der Empirie und ihrer Messung zu, aber keinen Bezug. Die Irrwege in der relevanten Literatur reichen sogar soweit, dass Mathematik entweder für die Empirie 'stehen könne', oder, ein sonderbares Extrem, dass Mathematik die 'Sprache der Natur' sei, was immer in diesem Kontext auch unter 'Sprache' und 'Natur' verstanden wird. Mehr als Metaphern hat man offenbar nicht zu bieten, Wissenschaftsprosa.

Berücksichtigt man den traditionellen Stellenwert der Mathematik und ihres Formalismus in den Naturwissenschaften und der analytischen Philosophie, kommt meine Hypothese einem mutwilligen Anschlag gleich! Für mich handelt es sich jedoch um eine Rettung der Mathematik und ihrer Relevanz aus der weit verbeiteten wissenschaftlichen Prosa.

Auch die analytische Philosophie ist zu befragen, damit neue Erkenntnisse veraltete Positionen ablösen können.


Donnerstag, 14. Januar 2016

Was sind philosophische Essays?

[Ein Essay über philosophische Essays aus einem neuen Publikationsprojekt]

Sprache philosophisch zu thematisieren, lässt gleich zu Beginn einige Fragen aufkommen, die nicht leicht beantwortbar sind. Dazu gehört eine Einschätzung der anvisierten Tätigkeit: Einen philosophischen Essay zu verfassen, sich also innerhalb einer literarischen Gattung zu betätigen - mit Worten ‚Literatur‘ beziehe ich auch wissenschaftliche und philosophische Texte ein -, wird zwar der Sache nach betrieben, bleibt thematisch aber relativ häufig außen vor. Zwar ist ein Anlegen von Literaturverzeichnissen auch in wissenschaftlichen und philosophischen Kontexten üblich, in Fließtexten wurde und wird ‚Literatur‘ nicht selten mit ‚Fiktion‘ oder ‚Belletristik‘ gleichgesetzt. Diese verlautete Synonomie kann Leser nicht nur zu einem Staunen veranlassen, sondern wäre auch logisch widersprüchlich.
Sähe man von der legitimen Möglichkeit ab, einen philosophischen Essay zu verfassen, bliebe z.B. die Hinwendung zu einer sprachlichen Bürokratie. An den Universitäten kursieren Leitfäden zum Verfassen von Essays, die jedoch - wie an der Universität München -, nicht als Veröffentlichung kenntlich gemacht wurden, aus denen sich zitieren ließe, obgleich sie öffentlich im Internet zugänglich sind. Diese Leitfäden präsentieren in der Regel reihenweise Normen und genormte Standards, die aufgrund ihrer formellen Gestaltung und psychologischen Orientierung kaum etwas Relevantes in Bezug auf essayistische Sprache aussagen.
Zu beachten ist: die Leitfäden richten sich an Studierende, denen Wissenschaften und Philosophie noch relativ fremd sind. Mit einer allgemeinen Forderung nach Transparenz wird ihnen z.B. ein durchaus trübes Bild präsentiert, das fraglich werden lassen kann, ob es sich überhaupt auf Sprache bezieht, zumal auf eine wissenschaftliche oder philosophische. Die Forderung nach einer Nachvollziehbarkeit, obgleich sie sich kontextual auf Texte zu beziehen scheint, ist zentral auf eine psychische Disposition von möglichen Lesern, vermutlich primär von Dozenten gerichtet. Die sprachliche Relevanz bleibt ebenfalls undeutlich.
Selbstverständlich bedürfen solche Normen der Erläuterung. Die Richtlinien dienen einem präferierten formalen Aufbau und Menschen, die entweder keine Zeit zum Lesen haben, oder beim Lesen leicht in Schwierigkeiten geraten können. Mit Sprache haben die niedergeschriebenen bürokratischen Präferenzen wenig zu tun, nichts mit einer ethischen Alternative, der Entfaltung von Möglichkeiten, empirischen als auch logischen. Voraussetzung zu einer angemesseneren Lehre wären allerdings Kenntnisse, die von Studierenden entweder erst zu erwerben wären, sprachliche, logische, eventuell auch ethische, oder in diesem Kontext zu thematisieren wären. Solange solche Kenntnisse nicht vorliegen, können ohnehin nur umgangssprachliche Resultate erwartet werden, gleichgültig in welcher Form.
Sprachlich relevant, um ein Beispiel zu geben, sind in den Wissenschaften seit der Bologna-Reform vor allem verlautete Definitionen. Doch angegeben wird nicht selten eine Bedeutung, für die Bezüge und Probleme mit diesen relativ gleichgültig sind. Ein Wort ‚Kultur‘ wissenschaftlich alles bedeuten zu lassen, was von Menschen weitergegeben wurde und wird, wie es an nordrheinwestfälischen Universitäten, speziell im Ruhrgebiet erfolgte, lässt zwar einen typisch bürokratischen Formalismus erkennen, doch nicht nur werden dadurch Differenzierungen schwer, auch Auschwitz gehörte zur Kultur, könnte sogar zu einer Kulturinstitution werden, eine Weitergabe von Errungenschaften findet auch unter anderen Tieren statt, ob unter Walen oder Primaten. Sie ist keineswegs für spezielle Primaten, für Menschen spezifisch.
Es mag sein, dass sich in der formellen Weise ein Themenbereich erweitern und umreißen lässt, der nach Möglichkeit in die eigene Zuständigkeit fällt, sachlich wäre diese Bereicherung jedoch fragwürdig. Unabhängig vom erweiterten Umfang fielen vor allem Traditionen in den Blick. Zudem wäre für Weitergaben unter Menschen eventuell eine Popularität des jeweils Weitergegebenen förderlich. Man beschäftigte sich, soweit man sich auf menschliche Tiere und ihre Erzeugnisse beschränken würde, primär historisch oder sozialwissenschaftlich. Die sogenannte Kulturwissenschaft wäre lediglich ein sozial- bzw. geschichtswissenschaftlicher Zweig. Mein Anliegen war, zu erläutern, wie und warum eine Frage nach Bezügen wissenschaftlich und philosophisch von Relevanz sein kann, nicht Worte ‚Kultur‘ und ihre Historie zu thematisieren, und dass ein bürokratischer Formalismus bei Analysen von Bezügen nicht hilft.

Die gelehrten essayistischen Normen dienen dazu, Objektivität einzufordern. Soweit es sich um sprachbezogene Ideale handelt, denen man sich der Konzeption nach annähern könnte, wären sie als unwissenschaftlich zu verwerfen. Ideale haben in platonischer Tradition einmal die Metaphysik bereichert, konzeptionell wären sie immer noch etwas völlig anderes als zeitgenössische wissenschaftliche oder philosophische Texte. Eventuell beruhigen Ideale ein Bedürfnis, ob ein bürokratisches oder ästhetisches, mir würde es in Bezug auf Texte bereits ausreichen, erfahren zu können, worüber gesprochen wird. Um dies zu ermöglichen, ist kein Ideal erforderlich, lediglich eine sprachlich rudimentäre aber besondere Funktion zu beachten: mittels möglicher Bezüge über etwas zu sprechen oder zu schreiben.
Etwas anderes als Ideale wären Kriterien. Diese ließen sich zumindest umgangssprachlich erfüllen. Zwei für mich sprachlich relevante Kriterien habe ich bereits angeführt: logische Widerspruchsfreiheit und ein möglicher sprachlicher Bezug. Viel mehr brauche ich nicht.
Logische Kohärenz dient u.a. einem möglichen Bezug. Werden z.B. fünf oder acht unterschiedliche Worte ‚Kultur‘ in einem Text genutzt, ohne hinreichend zu differenzieren, was derzeit gesellschaftlich gar nicht schwer fallen muss, kann ungewiss bleiben, worüber gesprochen wird. Und würde eine hinreichende Abgrenzung fehlen, sogar dann, wenn man die Worte durchnummerieren würde, blieben Bezüge weiterhin unklar.
Es gäbe ein einfaches Mittel, dem entgegenzuwirken: Bedeutungen nicht nach irgendwelchen formalen Hinsichten auszubilden, sondern als Erläuterungen von Bezügen, soweit Bezüge in Betracht kommen. Ob ein Textabschnitt einen Sachverhalt trifft, wäre jedoch nur möglich, weil Bezüge zu beurteilen sind, nicht einfach vorliegen. Auch eine große Anzahl von bereits erfolgten Einschätzen oder Prüfungen würde daran nichts ändern können, es sei denn, man befürwortete als Maßgabe eine soziale Popularität. 
Eine Frage nach den Bezügen des Satzes ‚Der Kot ist braun‘ erschöpft sich in der Regel nicht in der Angabe der kausalen Bedingung, wenn der Kot braun ist. Ein platzierter Kothaufen könnte z.B. ein Scherzartikel auf dem Tisch eines universitären Dozenten sein. Ebenso wäre zumindest zu klären, ob es sich bei dem Kot um Kot handelt. Der Satz wäre zu erweitern zu ‚Der Kot, vorausgesetzt es handelt sich um Kot, ist braun‘. Doch auch diese Erweiterung würde nicht ausreichen, um beurteilen zu können, was als ‚braun‘ beschreibar ist. Ein Farbspektrum wäre anzugeben. ‚Der Kot, vorausgesetzt es handelt sich um Kot, ist braun, vorausgesetzt die Farbe liegt im Farbspektrum XY‘. Ein messbares Farbspektrum könnte aber von Ort zu Ort variieren, je nach Lichteinfall, ebenso nach der Zeit der Begutachtung; Kot ist ein organisches Produkt, das einer zeitlichen Veränderung unterliegt. Es wären zahlreiche Bedingungen anführbar, die zur Beurteilung eines konkreten Bezugs relevant wären, sich philosophisch aber kaum prüfen ließen, allenfalls in einem wissenschaftlichen Labor, das selber Bedingungen bereithält und auch Bedingungen unterliegt. Ohne Daten, beim Verfassen eines philosophischen Essays liegen zumeist keine vor, es sei denn, man beschäftigte sich mit älteren wissenschaftlichen Forschungen, noch ließe sich eine Datenbeschaffung veranlassen, kann lediglich ein möglicher Bezug in Frage kommen, diesmal aus der Sicht eines möglichen Verfassers. Und ein sekundärer philosophischer Beitrag unterläge sogar der zweifachen Interpretation. Zitate reichten für die Gewährleistung eine Bezugnahme nicht aus. Ob über diese auch gesprochen wird, wäre eine völlig andere Frage, die von einer Interpretation der zuvor gegebenen Interpretation abhinge. Mehr als ein möglicher Bezug ließe sich auch in diesem Fall nicht veranschlagen.

Um Kriterien nicht nur bildhaft, in Form von möglichen Erfüllungen relevant werden zu lassen, ist es erforderlich, eine andere sprachliche Lösung zu finden, die der Sache angemessen sein könnte. Kriterien dienen in der Regel als Maß für eine Ausrichtung als auch Beurteilung. Eine logische Vereinbarkeit ließe sich mit Bezug auf Texte tatsächlich prüfen, ein Bezug der philosophischen Texte hingegen nur in beschränkter Weise. Die Gründe habe ich dafür bereits angeführt. Beurteilen ließe sich nur ein möglicher Bezug.
Doch eine Beurteilung der logischen Kohärenz eines Textes hat Voraussetzungen, die gar nicht stets gegeben sind. Um philosophieren zu können, sind Kenntnisse von Logik nicht stets erforderlich. Die Vorwürfe ‚Literatur‘, wie sie besonders in übersetzten Texten von analytisch ausgerichteten Philosophen gegenbenüber Vertretern anderer Richtungen geäußert wurden, ob gegenüber deutschen oder französischen Philosophen, fanden in diesem Umstand einen ungeeigneten Anlass. Nicht einmal ‚Fiction‘ wäre als Vorwurf angemessen gewesen, denn nicht nur ist ‚Literatur‘ ein Wort, das, wie erläutert wurde, auch wissenschaftliche und philosophische Texte umfasst, es ist auch aus analytischer Sicht möglich, sich auf Fiktionales, auf empirisch oder logisch Mögliches zu beziehen. Sogar in der Physik spielt es eine nicht unrelevante Rolle: die Annahme einer sogenannten dunklen Materie (dark matter) bietet nicht mehr als eine logische Möglichkeit; alternativ wäre das physikalische Standardmodell anzupassen.
Inzwischen ist in der akademisch betriebenen Philosophie eine Aversion gegen alles entstanden, was auch nur entfernt außerwissenschaftliche ‚Literatur‘ assoziieren ließe. Die unzitierbaren Leitfäden können einen Eindruck der zeitgenössischen Scholastik vermitteln, deren Fundamente in einer beherzt angegangenen Bürokratie und jener älteren Polemik liegen könnten, die beide relativ sachfremd geblieben sind.

Die Forschungsgemeinde ist alles andere als homogen. Bestenfalls ließen sich Gruppen unterschiedlicher Größe ausmachen, die mit unterscheidbaren Methoden und Kriterien arbeiten, auch sprachlich different vorgehen. Soziale Faktoren zu berücksichtigen, wäre aussichtslos, allenfalls innerhalb von Gruppierungen hilfreich, wie in jedem anderen Job auch. Doch die Konzeptionierung einer beliebigen Standesordnung interessiert mich nicht.
Die hervorgehobene Heterogenität betrifft nicht nur relativ grundlegende Ausrichtungen. Auch innerhalb der jeweiligen Forschungsrichtungen wird unterschiedlich vorgegangen. Ich z.B. verwarf aus sprachlichen Gründen Worte ‚Wahrheit‘, weil sie meines Erachtens nichts Relevantes beitragen können (vgl. Pege, K., 2015 (eBook)). Innerhalb der Forschung bezogen sie sich, wie Puntel im Kontext von modernen Wahrheitstheorien erläuterte (vgl. Puntel, L.B., 1978), entweder auf Bezüge oder auf logische Kohärenz. Da ich mich nicht entscheiden wollte und konnte, Puntel gab logischer Kohärenz den Vorzug, eines der für mich grundlegenden Kriterien zu präferieren, beließ ich es bei den Kriterien und entledigte mich der Wahrheit, die mir überflüssig erschien. ‚Wahrheit‘, so lässt sich vermuten, ist überhaupt kein wissenschaftliches oder philosophisches Wort, lediglich eine umgangssprachliche Verlautung.
Sprachlich für einen Essay relevant wäre aber eine Frage nach Angemessenheit, und weil eine soziale nicht in Betracht kommen kann, somit keine kommunikative, bliebe nur eine sprachliche übrig. Mit dieser Differenzierung, die Sprache, ihre innere Struktur und möglichen Bezüge ins Zentrum rückt, entfällt die alte Unterteilung in ‚subjektiv‘ und ‚objektiv‘. Sie ist unerheblich. Anhand des Beispiels ‚Wahrheit‘ lässt sich eine Frage nach Angemessenheit erläutern: Konkrete sprachliche Kriterien zu haben, die sich mit dem lautlichen Monismus nicht vereinbaren lassen, ist der zentrale logische Grund, ein weiterer betrifft den Bezug: Bliebe es unmöglich, zu erfahren, worüber Puntel geschrieben hat, ließen sich keine möglichen Bezüge ermitteln, wäre die logische Kohärenz seines Textes nicht beurteilbar. Sein eigenes Wahrheitskriterium wäre außer Kraft gesetzt.
Ein anderes Beispiel lässt sich mit der Formulierung ‚dunkle Materie‘ (dark matter) anführen, einem prosaischen Bild. Die beschriebene Dunkelheit bezieht sich nicht auf eine Eigenschaft der Materie, sondern auf die mangelnde Erkennbarkeit. Ohne eine Projektion hätte es vermutlich nicht zu diesem Ausdruck kommen können. Es ist unsicher, ob es die Materie überhaupt gibt. Aber die Annahme ihrer Existenz hilft, das beobachtbare Universum zu erläutern, ohne das Standardmodell ändern zu müssen. Soviel Fantasie traut man Naturwissenschaftlern i.d.R. gar nicht zu. Leider wird nicht selten unterschlagen, dass es sich bloß um eine logisch mögliche Existenz handelt, von was auch immer, nicht mehr. Ebenso ließe sich von einer Krise der Physik sprechen, die seit den Dreißiger Jahren des 20. Jhds. andauert, weil das Standardmodell die erlangten Daten nicht erläutern kann.
Ein drittes Beispiel ließe sich mit ‚Kultur‘ anführen, nach meiner Ansicht reicht das zuvor Geäußerte jedoch im vorliegenden Kontext aus. Auch möchte ich nicht in eine umfänglicher zu gestaltende Diskussion über die jeweiligen Sachbereiche abgleiten. Ich habe das Schreiben von Essays thematisiert, nicht eine zu verfassende Enzyklopädie über die Merkwürdigkeiten in der Forschung. 

Handlungsanweisungen, Normen zu geben, wie dies in der bürokratischen Scholastik üblich geworden ist, ohne sie wissenschaftlich oder philosophisch zu thematisieren, untergräbt den akademischen Tätigkeitsbereich, wäre typisch für Berufsausbildungen. Doch Weiterentwicklungen und Neues, soweit man diesen eine wissenschaftliche und eine philosophische Relevanz gibt, kommen ohne eingeräumte Autonomie nicht aus. Deshalb könnte eine zu erlangende Autonomie, menschlich als auch in Hinblick auf ein Verfassen von Essays, kaum genug Gewicht beigemessen werden. Eventuell ist die gegebene Perspektive nicht bolognakonform, aber es handelt sich um die einzige, die ich unter Berücksichtigung der angesprochen Tätigkeiten und ohne einer etwaigen Folter zu erliegen äußern kann.


Literatur:

Pege, K., 2015 (eBook), Eine Theorie des selektiven Bezugs, Duisburg.
Puntel, L.B., 1978, Wahrheitstheorien in der Neueren Philosophie, Darmstadt.

Sonntag, 4. Oktober 2015

Das Sprachanalytische Forum: ein Video

Der AutorenVerlag Matern, bei dem auch ich publiziere, hat eine Erläuterung von Engine Hedda über das Sprachanalytische Forum online gestellt … Den gesamten Kanal des Verlags gibt es hier: https://www.youtube.com/channel/UChH00p7Sb4PqhFohMMSdmTQ/videos

Donnerstag, 3. September 2015

Über die Relevanz von Sprache in der politischen Philosophie

[Der Beitrag entstand für philosophie.ch.]

Wendet man sich als Philosoph an ein nicht-fachliches Publikum, gerät man umgehend in Schwierigkeiten, auch dann, wenn über praktische Themen gesprochen wird. Das Problem beginnt mit der Sprache. Setzt man Worte bzw. Begriffe voraus, gleichgültig ob z.B. ‚Gerechtigkeit‘ oder ‚Kultur‘, kann man davon ausgehen, dass sie von Lesern umgangssprachlich aufgefasst werden. Eine solche Interpretation, die zumeist spontan und mangels zugänglicher Alternativen wie selbstverständlich erfolgt, birgt jedoch Gefahren: umgangssprachliche Fassungen könnten philosophisch völlig unerheblich sein. Sogar fachintern kann es zu Missverständnissen kommen: die Bandbreite an Differenzen ist schier unermesslich, sogar im Hinblick auf eine konkrete Relevanz von Sprache.

Fragt man, warum Sprache philosophisch, aber auch wissenschaftlich zentral sein kann, lassen sich sprachliche Bezüge angeben: erst durch zuerkannte Bezüge wird deutlich, worüber überhaupt gesprochen wird, Hypothesen formuliert, Theorien entwickelt werden. Über dieses Problem täuscht die Umgangssprache und ihre selbstverständliche Nutzung hinweg. Im Alltag ließe sich hingegen auf die Umgangssprache nicht verzichten, auch nicht von einem Philosophen. Ein Streit zwischen einem Philosophen und einer Kassiererin darüber, was ausgesucht wurde, wäre wenig hilfreich, könnte sogar zu Ausschreitungen wartender Kunden führen. In der Philosophie ist die Sachlage eine andere. In einem Geschäft liegt die Ware, der Gegenstand vor, der relevant ist. Es ist eindeutig, worum es geht, gleichgültig wie man sprachlich interpretiert. Doch worüber jemand spricht, wenn nichts als Formulierungen vorliegen, kann zweifelhaft sein und bleiben.

Bezüge können in Konkurrenz zu sprachlichen Bedeutungen geraten, wenn sie nicht als Erläuterungen von Bezügen dienen. Sogar Definitionen sind keineswegs stets tauglich, klären zu helfen, ob überhaupt über etwas gesprochen wird. Dennoch wäre man nicht darauf angewiesen, sich auf einen Empirismus zu beschränken: Bezüge lassen sich nicht nur auf Empirisches, auch auf empirisch Mögliches oder logisch Mögliches zuerkennen. Eine Science Fiction, die auf narrative Züge verzichtet, wäre, um ein Beispiel anzuführen, nicht ausgeschlossen.

Hier behandeln möchte ich jedoch einen anderen Fall: Worte ‚Kultur‘. Ich spreche von Worten, weil es sehr viele davon gibt, mit unterschiedlichen Bedeutungen und Bezügen, zumindest mit thesenhaften. Nicht nur ist die Historie seit den alten Lateinern mit Worten Kultur angefüllt, auch dort, wo das Latein zumindest oberflächlich weiter gepflegt wurde. Inzwischen wird so gut wie alles, was gesellschaftlich hervorgehoben werden soll, im deutschsprachigen Raum als Kultur ausgeben. Speziell für die alten Lateiner waren ihre Äcker Kultur, und diese erforderten ein religiöses Handeln, damit die angebauten Pflanzen gedeihen konnten. Metaphorisch bezog man sich seit Cicero auch auf einen besonderen Bildungsumfang der Eliten. Aus dem alten Griechenland ist hingegen keine Kultur übermittelt, auch kein Wort, das dem lateinischen ähnlich wäre. Um den alten Griechen Kultur zuschreiben zu können, wäre zu projezieren, doch warum sollte man so etwas tun? Bereits der einfach historische Vergleich kann in Frage stellen, ob es eine Sache Kultur gibt, nicht lediglich regional geprägte Worte – und seit einigen Jahrhunderten viel Geplapper, fachlich als auch umgangssprachlich.

Da es mir im Rahmen dieses Beitrags nicht möglich ist, Worte ‚Kultur‘ historisch zu behandeln, besonders Samuel Pufendorfs Fassung, die im Kontext von Hobbes’ Naturrechtslehre und unter dem Eindruck des 30jährigen Krieges entstand, wäre als eine entscheidende historische Veränderung zu erörtern, möchte ich mich auf die aktuelle Umgangssprache richten: Kultur steht, wie der redaktionell betreute DUDEN erörtert, als von Menschen Gemachtes einer (mehr oder weniger unberührten) Natur gegenüber. Eine solche Gegenüberstellung von Kultur und Natur ist aus logischer Sicht jedoch nicht möglich. Kultur hätte, wenn sie nicht natürlich wäre, etwas Metaphysisches zu sein, was durchaus nicht haltbar wäre. Umgangssprachlich misslingt nicht nur ein Bezug auf Kultur, sondern auch auf Natur. Eine zentrale Grundlage unserer Zivilisation gerät aus sprachlichen Gründen in Zweifel.