Sonntag, 4. Oktober 2015
Das Sprachanalytische Forum: ein Video
Der AutorenVerlag Matern, bei dem auch ich publiziere, hat eine Erläuterung von Engine Hedda über das Sprachanalytische Forum online gestellt … Den gesamten Kanal des Verlags gibt es hier: https://www.youtube.com/channel/UChH00p7Sb4PqhFohMMSdmTQ/videos
Donnerstag, 3. September 2015
Über die Relevanz von Sprache in der politischen Philosophie
[Der Beitrag entstand für philosophie.ch.]
Wendet man sich als Philosoph an ein nicht-fachliches Publikum, gerät man umgehend in Schwierigkeiten, auch dann, wenn über praktische Themen gesprochen wird. Das Problem beginnt mit der Sprache. Setzt man Worte bzw. Begriffe voraus, gleichgültig ob z.B. ‚Gerechtigkeit‘ oder ‚Kultur‘, kann man davon ausgehen, dass sie von Lesern umgangssprachlich aufgefasst werden. Eine solche Interpretation, die zumeist spontan und mangels zugänglicher Alternativen wie selbstverständlich erfolgt, birgt jedoch Gefahren: umgangssprachliche Fassungen könnten philosophisch völlig unerheblich sein. Sogar fachintern kann es zu Missverständnissen kommen: die Bandbreite an Differenzen ist schier unermesslich, sogar im Hinblick auf eine konkrete Relevanz von Sprache.
Fragt man, warum Sprache philosophisch, aber auch wissenschaftlich zentral sein kann, lassen sich sprachliche Bezüge angeben: erst durch zuerkannte Bezüge wird deutlich, worüber überhaupt gesprochen wird, Hypothesen formuliert, Theorien entwickelt werden. Über dieses Problem täuscht die Umgangssprache und ihre selbstverständliche Nutzung hinweg. Im Alltag ließe sich hingegen auf die Umgangssprache nicht verzichten, auch nicht von einem Philosophen. Ein Streit zwischen einem Philosophen und einer Kassiererin darüber, was ausgesucht wurde, wäre wenig hilfreich, könnte sogar zu Ausschreitungen wartender Kunden führen. In der Philosophie ist die Sachlage eine andere. In einem Geschäft liegt die Ware, der Gegenstand vor, der relevant ist. Es ist eindeutig, worum es geht, gleichgültig wie man sprachlich interpretiert. Doch worüber jemand spricht, wenn nichts als Formulierungen vorliegen, kann zweifelhaft sein und bleiben.
Bezüge können in Konkurrenz zu sprachlichen Bedeutungen geraten, wenn sie nicht als Erläuterungen von Bezügen dienen. Sogar Definitionen sind keineswegs stets tauglich, klären zu helfen, ob überhaupt über etwas gesprochen wird. Dennoch wäre man nicht darauf angewiesen, sich auf einen Empirismus zu beschränken: Bezüge lassen sich nicht nur auf Empirisches, auch auf empirisch Mögliches oder logisch Mögliches zuerkennen. Eine Science Fiction, die auf narrative Züge verzichtet, wäre, um ein Beispiel anzuführen, nicht ausgeschlossen.
Hier behandeln möchte ich jedoch einen anderen Fall: Worte ‚Kultur‘. Ich spreche von Worten, weil es sehr viele davon gibt, mit unterschiedlichen Bedeutungen und Bezügen, zumindest mit thesenhaften. Nicht nur ist die Historie seit den alten Lateinern mit Worten Kultur angefüllt, auch dort, wo das Latein zumindest oberflächlich weiter gepflegt wurde. Inzwischen wird so gut wie alles, was gesellschaftlich hervorgehoben werden soll, im deutschsprachigen Raum als Kultur ausgeben. Speziell für die alten Lateiner waren ihre Äcker Kultur, und diese erforderten ein religiöses Handeln, damit die angebauten Pflanzen gedeihen konnten. Metaphorisch bezog man sich seit Cicero auch auf einen besonderen Bildungsumfang der Eliten. Aus dem alten Griechenland ist hingegen keine Kultur übermittelt, auch kein Wort, das dem lateinischen ähnlich wäre. Um den alten Griechen Kultur zuschreiben zu können, wäre zu projezieren, doch warum sollte man so etwas tun? Bereits der einfach historische Vergleich kann in Frage stellen, ob es eine Sache Kultur gibt, nicht lediglich regional geprägte Worte – und seit einigen Jahrhunderten viel Geplapper, fachlich als auch umgangssprachlich.
Da es mir im Rahmen dieses Beitrags nicht möglich ist, Worte ‚Kultur‘ historisch zu behandeln, besonders Samuel Pufendorfs Fassung, die im Kontext von Hobbes’ Naturrechtslehre und unter dem Eindruck des 30jährigen Krieges entstand, wäre als eine entscheidende historische Veränderung zu erörtern, möchte ich mich auf die aktuelle Umgangssprache richten: Kultur steht, wie der redaktionell betreute DUDEN erörtert, als von Menschen Gemachtes einer (mehr oder weniger unberührten) Natur gegenüber. Eine solche Gegenüberstellung von Kultur und Natur ist aus logischer Sicht jedoch nicht möglich. Kultur hätte, wenn sie nicht natürlich wäre, etwas Metaphysisches zu sein, was durchaus nicht haltbar wäre. Umgangssprachlich misslingt nicht nur ein Bezug auf Kultur, sondern auch auf Natur. Eine zentrale Grundlage unserer Zivilisation gerät aus sprachlichen Gründen in Zweifel.
Wendet man sich als Philosoph an ein nicht-fachliches Publikum, gerät man umgehend in Schwierigkeiten, auch dann, wenn über praktische Themen gesprochen wird. Das Problem beginnt mit der Sprache. Setzt man Worte bzw. Begriffe voraus, gleichgültig ob z.B. ‚Gerechtigkeit‘ oder ‚Kultur‘, kann man davon ausgehen, dass sie von Lesern umgangssprachlich aufgefasst werden. Eine solche Interpretation, die zumeist spontan und mangels zugänglicher Alternativen wie selbstverständlich erfolgt, birgt jedoch Gefahren: umgangssprachliche Fassungen könnten philosophisch völlig unerheblich sein. Sogar fachintern kann es zu Missverständnissen kommen: die Bandbreite an Differenzen ist schier unermesslich, sogar im Hinblick auf eine konkrete Relevanz von Sprache.
Fragt man, warum Sprache philosophisch, aber auch wissenschaftlich zentral sein kann, lassen sich sprachliche Bezüge angeben: erst durch zuerkannte Bezüge wird deutlich, worüber überhaupt gesprochen wird, Hypothesen formuliert, Theorien entwickelt werden. Über dieses Problem täuscht die Umgangssprache und ihre selbstverständliche Nutzung hinweg. Im Alltag ließe sich hingegen auf die Umgangssprache nicht verzichten, auch nicht von einem Philosophen. Ein Streit zwischen einem Philosophen und einer Kassiererin darüber, was ausgesucht wurde, wäre wenig hilfreich, könnte sogar zu Ausschreitungen wartender Kunden führen. In der Philosophie ist die Sachlage eine andere. In einem Geschäft liegt die Ware, der Gegenstand vor, der relevant ist. Es ist eindeutig, worum es geht, gleichgültig wie man sprachlich interpretiert. Doch worüber jemand spricht, wenn nichts als Formulierungen vorliegen, kann zweifelhaft sein und bleiben.
Bezüge können in Konkurrenz zu sprachlichen Bedeutungen geraten, wenn sie nicht als Erläuterungen von Bezügen dienen. Sogar Definitionen sind keineswegs stets tauglich, klären zu helfen, ob überhaupt über etwas gesprochen wird. Dennoch wäre man nicht darauf angewiesen, sich auf einen Empirismus zu beschränken: Bezüge lassen sich nicht nur auf Empirisches, auch auf empirisch Mögliches oder logisch Mögliches zuerkennen. Eine Science Fiction, die auf narrative Züge verzichtet, wäre, um ein Beispiel anzuführen, nicht ausgeschlossen.
Hier behandeln möchte ich jedoch einen anderen Fall: Worte ‚Kultur‘. Ich spreche von Worten, weil es sehr viele davon gibt, mit unterschiedlichen Bedeutungen und Bezügen, zumindest mit thesenhaften. Nicht nur ist die Historie seit den alten Lateinern mit Worten Kultur angefüllt, auch dort, wo das Latein zumindest oberflächlich weiter gepflegt wurde. Inzwischen wird so gut wie alles, was gesellschaftlich hervorgehoben werden soll, im deutschsprachigen Raum als Kultur ausgeben. Speziell für die alten Lateiner waren ihre Äcker Kultur, und diese erforderten ein religiöses Handeln, damit die angebauten Pflanzen gedeihen konnten. Metaphorisch bezog man sich seit Cicero auch auf einen besonderen Bildungsumfang der Eliten. Aus dem alten Griechenland ist hingegen keine Kultur übermittelt, auch kein Wort, das dem lateinischen ähnlich wäre. Um den alten Griechen Kultur zuschreiben zu können, wäre zu projezieren, doch warum sollte man so etwas tun? Bereits der einfach historische Vergleich kann in Frage stellen, ob es eine Sache Kultur gibt, nicht lediglich regional geprägte Worte – und seit einigen Jahrhunderten viel Geplapper, fachlich als auch umgangssprachlich.
Da es mir im Rahmen dieses Beitrags nicht möglich ist, Worte ‚Kultur‘ historisch zu behandeln, besonders Samuel Pufendorfs Fassung, die im Kontext von Hobbes’ Naturrechtslehre und unter dem Eindruck des 30jährigen Krieges entstand, wäre als eine entscheidende historische Veränderung zu erörtern, möchte ich mich auf die aktuelle Umgangssprache richten: Kultur steht, wie der redaktionell betreute DUDEN erörtert, als von Menschen Gemachtes einer (mehr oder weniger unberührten) Natur gegenüber. Eine solche Gegenüberstellung von Kultur und Natur ist aus logischer Sicht jedoch nicht möglich. Kultur hätte, wenn sie nicht natürlich wäre, etwas Metaphysisches zu sein, was durchaus nicht haltbar wäre. Umgangssprachlich misslingt nicht nur ein Bezug auf Kultur, sondern auch auf Natur. Eine zentrale Grundlage unserer Zivilisation gerät aus sprachlichen Gründen in Zweifel.
Sonntag, 15. März 2015
Eine Theorie des selektiven Bezugs, Kap. 1 (1.1-1.5)
[Anbei ist das erste Kapitel (1.1-1.5) von "Eine Theorie des selektiven Bezugs" zu finden, in dem es um einen geeigneten Einstieg in das Thema sprachliche Bezüge geht. Primär dient das erste Kapitel der Abgrenzung von Zeichen Symbolen und Namen, um einen Zugang zu Sprache zu erhalten. Ebenso erfährt die Frage nach Angemessenheit eine besondere Berücksichtigung. - Ein nicht geringes Gewicht hat in dem Essay die Auseinandersetzung mit Positionen von Tarski, Quine, Kripke, Putnam. Im weiteren Verlauf werden Fragen nach Wahrheit und Bezug, Bedeutung und Bezug als auch Bezug und Verhalten thematisiert. Selektive Bezüge werden möglich, weil Bezüge, kurz gefasst, nicht einfach gegeben sind, auch nicht in sprachlichen Kontexten. Das Buch ist am 29. Mai 2015 erschienen.]
Zu voreilig wird ein allgemeiner Ansatz betrieben, zeichen-, symbol- als auch sprachtheoretisch, als ließen sich Vorkommnisse von Zeichen (de Saussure, Peirce), Symbolen (Goodman) und von Worten einer Sprache alle in gleicher Weise erfassen und behandeln. Es mag sein, dass man sich ernsthaft darum bemüht, all die fraglichen Fälle zu berücksichtigen, doch finden sich gerade deshalb erstaunliche Kuriositäten, die in das jeweilige Konzept nicht passen. Deshalb vollziehe ich zu Beginn eine Differenzierung zwischen Zeichen (bzw. Symbolen) und Worten, um mich im weiteren Verlauf der theoretischen Studie auf Worte und Sprache zu konzentieren.
Ich greife ein zeichen- bzw. symboltheoretisches Beispiel auf, das die Schwierigkeit erläutern lässt, der man sich durch ein unangemessenes allgemeines Vorgehen aussetzt: Eine ausgearbeitete Komposition, worauf könnte sie sich beziehen?
Notengrafiken haben durchaus Bedeutungen, sonst wären sie nicht von Musikern und Interessierten lesbar, doch was bezeichnen, symbolisieren sie, oder worauf beziehen sie sich? Faktisch handelt es sich um Anweisungen, die zudem der Interpretation, einer Lesart bedürfen. Würde man - wie Goodman dies z.B. tat - eine ideale Aufführung als Symbolisiertes ausgeben, ließe man die einzubringende Lesart außer Acht, Helge Bol hat darauf hingewiesen (vgl. Bol. Helge, 2014). Und Notenschriften sind keineswegs derart präzise, dass ein Ideal einbeziehbar wäre. Lediglich eine romantische Fassung von Kompositionen kann dem Wunsch nach einem Ideal, jedoch nur im Hinblick auf eine Bedeutung, nachkommen (vgl. ebd.). Sogar wenn Notenschriften so präzise wären wie z.B. Anweisungen, Algorithmen für Computer, auch dann ließe sich fragen, ob ein Bezeichnetes, Symbolisiertes oder ein Bezug auf etwas überhaupt relevant wäre. Es würde nach meinem Ermessen vollkommen ausreichen, dass die Maschine die Bedeutungen der Anweisungen interpretieren und ausführen kann, ohne einen Bezug zu berücksichtigen.
Nicht anders lassen sich mathematische und logische Zeichen fassen. Auch diese haben Bedeutungen, Bezüge sind jedoch nicht erforderlich. Erst wenn man z.B. eine vergleichsweise platonische Metaphysik generieren würde, ließen sich auch Bezüge veranschlagen, auf metaphysische Entitäten. Um jedoch verstehen zu können, um was es bei den Zeichen und ihren relationalen Zusammenhängen geht, kann auf eine Metaphysik leicht verzichtet werden. Durch eine Maßgabe, auch ein Bezeichnetes haben zu müssen, etwas, auf das Bezug genommen wird, ließe sich zwar die Motivation begreiflich machen, als Grund könnte sie jedoch nicht dienen, um die Annahme von Bezeichnetem zu rechtfertigen. Es gäbe freilich viele andere Möglichkeiten für eine Motivation, Metaphysik zu betreiben, sogar eine erwägbare Schönheit, doch dies ist nicht mein Thema.
Ebenfalls wäre es überflüssig, Straßenschildern Bezüge zukommen zu lassen, die Anweisungen geben. Ein Stoppschild weist seiner Bedeutung nach lediglich darauf hin, dass anzuhalten sei, nicht auf ein ideales Vorgehen derjenigen, denen das Schild zugewandt ist. Die Anweisung verstehen zu können, reicht aus, auch wenn man diese unberücksichtigt lässt. In diesem Zusammenhang lässt sich aber auf allgemeinverständliche Weise ein weiter Fall integrieren, durch den nicht Anweisungen gegeben, sondern Möglichkeiten offeriert werden: Ein als Parkplatz ausgewiesener Bereich bietet Abstellmöglichkeiten für Kraftfahrzeuge. Wird der fragliche Bereich eventuell durch das Schild bezeichnet, hat das Schild einen Bezug? Um diese Frage beantworten zu können, ist ein wichtiger Unterschied zu beachten:
Es ist nicht das Schild, das den Bereich abgrenzt, sondern die bauliche Gestaltung des Terrains. Auf was sich das Schild beziehen könnte, ist von dieser Gestaltung abhängig, nicht von der erläuterbaren Bedeutung des Schildes. Diese Bedeutung eröffnet nicht mehr als eine Verhaltensmöglichkeit, ohne auch nur einen Hinweis auf einen Bezug zu enthalten. - Diese Komplexität lässt einen Seitenblick auf Sprache zu: Der Ausruf „Parkplatz!“ eines Beifahres sagt dem Fahrer eventuell wenig, provoziert unter Umständen die Rückfrage: „Wo?“ Auch sprachlich wäre ein Zusammenhang zu berücksichtigen; sprachlich ließe sich, dies macht den entscheidenden Unterschied aus, der Weg zum als auch die Gestalt und der Umfang des Bereichs beschreiben. Eventuell ist innerstädtisch sogar relevant, wie groß die aktuelle Freifläche für den PKW ist bzw. sein könnte. - Das Schild bezieht sich hingegen nicht, sondern bietet pauschal eine Verhaltensmöglichkeit, mehr nicht.
Ein weiterer Fall betrifft Etiketten. Solche sind in der Regel relevanten Gegenständen und Produkten direkt angeheftet, z.B. in Supermärkten. Ein Anheftungsvorgang ließe sich vielleicht am ehesten als Bezeichnung anführen, doch ob auch ein Bezug möglich sein kann, ist separat zu klären. Wenn ein Schild, das ein Parken ermöglicht, keine Informationen darüber enthält, auf was es sich beziehen könnte, ein Bezug unrelevant wird, vielleicht werden Anheftungsvorgänge lediglich vollzogen, um eine Eingrenzung des Geltungsbereichs zu ermöglichen. Etiketten enthalten zwar Angaben, vielleicht sogar in sprachlicher Form, aber keine Informationen über den Geltungsbereich, allenfalls abstrakt durch eine Information über die Füllmenge. Auf was sich die sprachliche Angabe einer Füllmenge aber bezieht, bleibt offen. Anheftungsvorgänge sind zusätzliche praktische Maßnahmen, ähnlich wie die bauliche Gestaltung eines Parkplatzes, die den Etiketten den Geltungsbereich zuweisen. Die Etiketten geben, um Bezug haben zu können, zu wenig preis.
Und wie sieht es mit Abbildungen aus, z.B. künstlerischen, unter der Voraussetzung, dass eine solche Relation im Einzelfall überhaupt relevant ist? Das Problem beginnt bereits mit diesem Begriff. Etwas abzubilden beschreibt bereits eine Relation, eine, die sprachlich nicht, oder, berücksichtigt man konkrete Poesie, kaum vollzogen werden kann. Es ließe sich bestenfalls eine Metapher ‚Bezug‘ einbringen. Diese wird möglich, weil Zeichnungen, Fotografien und Gemälde einen Detailreichtum enthalten können, oder durch Reduktion eine Bedeutung einbringen, wie dies mit Sprache gleichfalls möglich ist, nur auf eine andere Art und Weise.
Schließlich sei eine Metapher angeführt, die ich in einem anderen Kontext analysiert habe (vgl. Pege, Kai, 2014, S. 15 ff.) und die häufig in sprachlichen Zusammenhängen auftaucht: ‚Darstellung‘. Ein Theaterstück kann dargestellt werden, oder ein Dokumentarfilm stellt die Veränderung eines Terrains dar, z.B. die Entwicklung des Dortmunder Phoenix-Sees. Sprachlich lässt sich eine Theorie erläutern, am besten mit Bezug. ‚Darstellung‘ träfe den Sachverhalt hingegen nur indirekt. Auch ‚Darstellung‘ ist wie ‚Abbildung‘ bereits ein relationaler Begriff, der aus anderen Bereichen kommt und dort angemessener aufgehoben ist.
Die gegebenen Erläuterungen, dies war mir besonders wichtig, verzichten darauf, Symbole und Zeichen durch eine sprachliche Vorentscheidung zu interpretieren. Legt man von Beginn an Sprache hinein, lassen sich Symbole und Zeichen nur missverstehen. Fraglos könnten z.B. Ausrufe wie „Parkplatz!“ mit einem Schild verglichen werden, doch Sprache vermag mehr, kann einen Bezug durch Präzisierung entstehen lassen. Eventuell würde praktisch auch ein Fingerzeig genügen, ein außersprachlicher Vorgang, doch dieses Umgangsverhalten änderte an den sprachlichen Möglichkeiten nichts, die Schildern und Etiketten in dieser Weise nicht zukommen.
Gleichfalls habe ich es vermieden, Sprache lediglich aus symbol- oder zeichenähnlichen Worten bestehen zu lassen. Mit einzelnen Worten kann niemand etwas anfangen, es sei denn innerhalb konkreter praktischer Zusammenhänge und dies auch nur im Kontext eines relativ umfangreichen Wortschatzes. Sprache aber kann, dies macht den zentralen Unterschied zu Zeichen und Symbolen aus, Bezüge haben, über etwas Auskunft geben, und dies ohne weitere Hilfsmaßnahmen.
Literatur
*Bol, Helge, 2014, Ein pragmatischer Beginn, in: Diabolus, Essays über Künste, hg. v. K. Talmi, Duisburg (eBook, ePub).
*Pege, Kai, 2014, Analytische Philosophie? in: Analytische Philosophie?, hg. v. K. Pege, Duisburg, S.9-49 (eBook, PDF).
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Den Anreiz zu differenzieren, hoffe ich gegeben zu haben, unklar blieb bislang jedoch, ob und gegebenfalls wie Worte von Zeichen (bzw. Symbolen) systematisch abgrenzbar sind.
Goodmans Symboltheorie lasse ich im Fortgang unberücksichtigt, weil sie in vielerlei Hinsicht einen Sonderfall darstellt, der eventuell in einem Kontext über Künste interessieren könnte, doch sogar in diesem Zusammenhang separat zu erörtern wäre: Einige grundsätzliche Schwierigkeiten und Fragen habe ich in einem solchen Kontext formuliert (vgl. Pege, Kai, 2014 (2)), auf eine dezidierte Erörterung jedoch verzichtet.
Als weiteres Problem kann hinzukommen, dass Zeichen, ob als Piktogramme oder abstrakte mathematisch logische Gebilde, sprachlich artikulierbare Bedeutungen haben, historisch aller Wahrscheinlichkeit nach aus einem Sprachverhalten entstanden sind, wie formalisierte Abkürzungen wirken können, als formale Zeichen jedoch der Sprache entzogen sind.
Emoticons, um noch ein Beispiel zu integrieren, werden zwar innerhalb der Umgangssprache eingesetzt, sie haben Bedeutungen, die sich als emotionale Ausdrücke spezifizieren lassen könnten, verzichtete man darauf, Ausdruck zeichentheoretisch als Extension bzw. Bezug zu fassen, aber keinen Bezug. Ein Emoticon lässt nicht erkennen, weshalb es gesetzt wurde. Ohne sprachliche Erläuterung, die eventuell für sich schon ausreichen würde, den Zustand mitzuteilen, hinge ein Emoticon gleichsam in der Luft oder fungierte lediglich als außersprachlicher Gestenersatz.
Ob und worauf sich sprachliche Äußerungen beziehen, ist abhängig von den Bedeutungen, nicht nur der Worte, sondern des jeweiligen sprachlichen Zusammenhangs. Diese Komplexität im Hinblick auf eine Ein- und Abgrenzung entfällt in der Regel bei Zeichen. Im Fall mathematisch logischer Zeichen gibt es zwar funktionale Differenzierungen und Abhängkeiten, jedoch nicht im Hinblick auf einen Bezug, lediglich auf die nutzbaren bzw. vorliegenden Zeichenfunktionen. Ähnlich, wenn auch weniger abstrakt und viel loser gebunden, geht es bei Straßenschildern zu. Die Farbgestaltung ist z.B. nach Gefahren-, Verbots- und Gebotsschildern sortiert, doch auch bei ihnen spielt Bezug keine erkennbare Rolle, im Vordergrund stehen ebenfalls Funktionen, keine mathematisch logischen, sondern solche eines Verhaltens, die durch die Bedeutungen übermittelt werden. Um den Geltungsbereich - nicht den Bezugsumfang - solcher Schilder einschätzen zu können, ist man jedoch auf zusätzliche Informationen angewiesen, die z.B. durch bauliche Gestaltungen gegeben werden.
Doch auch bei sprachlichen Äußerungen kann eine Frage nach Bezügen berechtigt, eventuell offen bleiben oder bestritten werden. Im Umgang können außersprachliche Faktoren, sowohl hinsichtlich des Verhaltens als auch der Umstände behilflich und entlastend sein.
Relativ hilflos kann man gegenüber Eigennamen bleiben, nicht nur sobald man Telefon- und Adressverzeichnisse oder das Internet einbezieht. Entwicklungen, ob landschaftlich historische, menschliche, tierische, oder Differenzierungen nach Tageszeit (Abend-, Morgenstern) erschwerten in der philosophischen Literatur einen Umgang. Kripe unternahm die Anstrengung, nach Bezügen, nach sogenannten ‚Referenten‘ Ausschau zu halten, um letztlich in einer Namensgebung (Taufe) als dem jeweiligen individuellen Beginn zu landen (vgl. z.B. Kripke, Saul, 2014, S.112), dem Beginn von Kausalketten, die sich aufgrund von Weitergaben eines Namens ergibt. Doch ließen sich Eigenschaftsänderungen bei Sachen und Individuen berücksichtigen? Wäre ein Kleinkind, das einen Namen zugesprochen bekommt, noch dasselbe Lebewesen in späteren Jahren? Wäre man darauf angewiesen, eine abstrakte Entität auszuweisen, die über die Zeit identisch bleibt? Das Modell gibt erstaunlicherweise keine Auskunft. Es ließe sich in Bezug auf Individuen aber eine Ereignisreihe (Lebenslauf) bilden, eine solche Vorgehensweise ist in der Praxis durchaus nicht unüblich, wenn z.B. auf verschiedene Schaffensphasen eines Philosophen Bezug genommen wird. Doch dann wird der Name als solcher relativ unrelevant: er reicht bei weitem nicht aus! Von einem frühen Wittgenstein ist z.B. die Rede, von einem späten.
Fragen lässt sich, was eine Namensgebung (Taufe) mit einem Bezug des Namens zu tun hat. Ein solcher Akt, der eventuell einer Anheftung ähnlich ist, sagt noch gar nichts über einen Bezug aus, auch wenn ein Name durch soziale Umfelder weitergereicht wird. Innerhalb von sozialen Umfeldern handelt es sich zunächst nicht um Eigennamen, sondern um erteilte Rufnamen, die es ermöglichen können, ein Individuum anzusprechen, bei Menschen und Haustieren übrigens in ähnlicher Weise. Dass ein Hund bei der menschlichen Äußerung „Fritz“ aufhorcht, bemerkt, dass er gemeint ist, obgleich er die menschliche Sprache nicht versteht noch spricht, sich also angesprochen fühlt, weil man ihn zuvor über einen Zeitraum auf diesen Lautkomplex konditioniert hat, kann deutlich machen, dass ein praktisch angemessenes Verhalten auch ohne relevante konkrete Sprachkenntnisse möglich ist. Ein Angesprochenwerden und ein Ansprechen von Individuen überfordert Hunde keineswegs. Es handelt sich um rudimentäres Verhalten, das noch gar nichts mit Sprache zu tun haben muss und sich auch deutlich von der menschlichen Sprache abhebt: „Hund“, solange dieser Ausdruck nicht als Rufname etabliert wird, kann, je nach Kontext, ein allgemeines oder konkretes Wort sein. Rufnamen hingegen stehen ausschließlich mit Individuen in Verbindung. Wenn in einer Spielstraße z.B. „Peter“ oder „Mohammed“ erschallt, kann dieser Vorgang zu Verwirrung führen, weil solche Namen in Deutschland nicht selten sind. Quine hat von ‚singulären Termini‘ gesprochen (vgl. Quine, Willard v. Orman, 1974, S. 262); ich bleibe bei ‚Namen‘, halte aber eine Differenzierung von Ruf- und Eigennamen für empirisch relevant. In diesem Essay bezieht sich ‚Rufnamen‘ auf Lautkomplexe oder Buchstabenfolgen, die es ermöglichen, Individuen anzusprechen und Bedingung für eine Konditionierung sind. ‚Eigennamen‘ sind hingegen das Resultat einer solchen Konditionierung, vielleicht nicht unähnlich einem Brandzeichen, sähe man davon ab, dass solche Zeichen primär massenhaft vergebene Eigentumsmarken anderer sind. Namen müssen sich erst einprägen, bevor sie Eigennamen werden können, für das jeweilige Individuum wie auch für andere, die einem Individuum einen Eigennamen zuerkennen.
Dass Namen Bezug haben, zumindest in den meisten Fällen, wird von Kripke vorausgesetzt, obgleich er etwas kokett fragt, ob überhaupt referiert wird (vgl. Kripke, Saul A., 2014., S.38/39). Kripke erhöht sogar die Namensgebung und Weiterreichung, indem der vergebene Eigenname als starrer Bezeichnungsausdruck (‚regider Designator‘) in allen möglichen Welten Geltung habe (vgl. ebd., S.59). Doch eine Namensgebung ist ein empirischer Vorgang, der durch ein Belieben der Namensgeber geprägt wird und durchaus unterschiedlichen Konventionen und Moden unterworfen sein kann. Nicht Bezug, sondern soziale Geltung scheint mir der relevante Begriff im Hinblick auf Namen zu sein, und zwar in mehrfacher Hinsicht: für diejenigen, die Namen als Rufnamen nutzen und auch als Eigennamen anderer anerkennen, ebenso für die Angesprochenen und die mit oder gar unter einem Namen Agierenden.
Eine Diskussion von Eigennamen verführt dazu, sich auf bekannte Namen zu konzentrieren und eine Gewichtung hineinzulegen, die ihnen gesellschaftlich zukommt. In der Literatur ist z.B. von Aristoteles und Gödel (wie bei Kripke) die Rede, von Beethoven und von Goethe. Wie würden jedoch Fälle zu interpretieren sein, die gesellschaftlich weniger auffällig und im Hinblick auf das Leben von Individuen relativ ereignislos geblieben sind? Möglicherweise ließen sich Weitergaben von Namen verwechseln?
Zu solchen Fällen könnten gesellschaftlich bedingte Namenswechsel gehören: Übernimmt ein Ehepartner bei der Heirat den Namen des anderen, wie dies bei Frauen lange Zeit üblich war, würde sich die Frage nach einem ‚regiden Designator‘ kaum stellen, der über Zeiten und Welten gleich bliebe, es sei denn in satirischer Weise. Vorkommnisse können sogar noch vielfältiger ausfallen, wenn nicht nur zu verschiedene Lebensabschnitten eines Menschen verschiedene Eigennamen treten, sondern auch verschiedene Funktionen einen solchen Eigennamen erhalten. Pseudonyme werden in der Regel in dieser Weise gebraucht, ob unter Schriftstellern, Musikern oder … Die umgangssprachliche Phrase ‚Pseudo-‘ deutet eine gesellschaftlich ideologische Abhängigkeit in Bezug auf Namen an, die primär eine praktisch orientierte ist, in der es um eine, umgangssprachlich formuliert, Identifizierbarkeit von Menschen geht, was immer auch amtlich oder auf der Straße darunter konkret verstanden wird.
Eine Konzentration auf bekannte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens hilft nicht weiter, wenn es darum geht, Namen und ihre Verwendung zu erläutern, weil der Bezugsrahmen viel zu klein wäre. Ohne die gesellschaftlichen Vorgänge zu berücksichtigen, die alltäglich sind, blieben die Ansätze eventuell hübsch und nett, doch vor allem unrelevant.
Ich halte es für aussichtlos, Ruf- und Eigennamen in allgemeiner Weise sprachliche Bedeutungen und Bezüge zukommen zu lassen. Man könnte über gesellschaftliche Relevanz und Bekannheit sprechen, der Namen als auch der assoziierten Personen oder Sachen, doch als Bezug würde ich diese möglichen Assoziationen und deren gesellschaftliche Vielheit nicht ausgeben wollen. Eine Frage nach Namen ist nach meinem Ermessen überhaupt keine sprachtheoretische, sondern eine soziologische und psychologische, die z.B. statistisch aufzubereiten wären.
Mir persönlich, dies sei eingestanden, bedeutet ‚Kai Pege‘ bezugsrelevant nichts. Mir kann lediglich deutlich werden, dass ich innerhalb eines konkreten Umfelds angesprochen werde, nicht ein anderer Mensch. Diese differenzierte Ansprechmöglichkeit, vergleichbar mit einem Stupser, ist jedoch primär einem Verhalten zuzuordnen, nicht Sprachlichem.
Mit dem Ausscheiden von Symbolen, Zeichen und Namen als bezugsrelevante Parameter gewinnt die Sprache hinzu. Der praktische Nutzen, eventuell ein poetischer, der allerdings separat zu erläutern wäre, ebenso der theoretische im Fall mathematisch logischer Zeichen, schmälert sich dadurch nicht. Im Hinblick auf sprachliche Bezüge sind Symbole, Zeichen und Namen in der Regel ohne Relevanz.
Literatur
*Kripke, Saul A., 2014, Name und Notwendigkeit, Frankfurt a.M.
*Pege, Kai, 2014 (2), Über Kunst oder Künste, in: Diabolus. Essays über Künste, hg. v. Kathrina Talmi, Duisburg (eBook, ePub).
*Quine, Willard v. Orman, 1974, Grundzüge der Logik, Frankfurt a.M.
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Dieses Engagement bei Namengebungen kann erläutern helfen, weshalb es schwierig sein kann, Eigennamen gesellschaftlich durchzusetzen, ihnen Geltung zu verschaffen: besonders in religiösen, politischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen. Es bedarf Kampagnen oder breiter medialer Unterstützung, damit einige Namen in aller Munde landen, ebenso das, womit sie jeweils assoziativ verbunden sein sollen. Sprache ist ein gesellschaftliches Unterfangen. Die Eigennamen fließen durch ein solches Engagement in die Sprache ein, obgleich sie nicht dazugehören.
Vielen Eigennamen ist jedoch eine Abkunft aus der Sprache anzumerken, weil sie, historisch weit zurückliegend, aus beruflichen oder örtlichen Zusammenhängen entstanden sind: ‚Müller‘ z.B., oder ‚von der Mühlen‘. Diese jedoch in einen Zusammenhang mit Individuen zu stellen, waren lokale Hilfskonstrukte, die, je weiter die Zeit und Weitergabe fortschreitete, waghalsiger, durch ein Zusammenwachsen von Orten, Regionen und durch die Verfielfältigung bei der Weitergabe nichtssagender wurden.
Einen weiteren Schritt auf der Suche, was sprachlicher Bezug bedeuten könnte, komme ich vielleicht mit Formulierungen, die aus der philosophischen Tradition als sogenannte Kennzeichnungen bekannt sind, Beschreibungen, die unbestimmt (einer, eine, ein …) oder bestimmt (der, die, das …) sein können: als Beispiele führt Russel u.a. „the present King of France “ an (vgl. Russel, 1905, S.479) und fügt hinzu, dass eine solche Phrase erst eine Bedeutung durch den Kontext erhält (vgl. ebd., S.480).
Eine definite Beschreibung, auch wenn sie einem Individuum zugeordnet ist, lässt sich nicht leichter als ein Eigenname wie z.B. ‚Peter Müller‘ erfassen, doch sie enthält Worte, die zumindest einen Beginn ermöglichen können. Zwar ließe sich auch ‚Peter Müller‘ in einen Kontext stellen, der Eigenname würde selber jedoch kaum etwas zur Auffindung einer bezugsrelevanten Bedeutung beitragen können, weil er gesellschaftlich zu weit zurückreicht, zu unspezifisch, zu unauffällig ist und zusätzlich noch zu häufig vorkommt.
Aber es gibt Eigennamen, die als definite Beschreibungen fungieren können, ‚das Ruhrgebiet‘ ist so eine. Doch es fehlt, um die Unvollständigkeit für einen Bezug hervorzuheben, in dieser sprachlichen Form eine Angabe der relevanten Zeit bzw. der Zeitspanne. Auch wird keine Existenz behauptet, noch eine örtliche Orientierung gegeben, noch eine Eigenschaft angeführt. ‚Das Ruhrgebiet‘ könnte, würde man es bei der Formulierung belassen, falls überhaupt, in einem düsteren Mondkrater liegen und von einer Gesellschaft bewohnt sein, die keinen Weg aus dem Krater findet, ja vielleicht von Seiten der dortigen Politiker und Bürger nicht einmal finden möchte. Soviel über einen möglichen Zusammenhang.
Vom Kontext und Umfeld kann allerdings auch abhängen, wie exzessiv oder / und formalisiert man die Ansprüche an eine ein- und abgrenzende Beschreibung betreiben möchte. Sogar im Hinblick auf Eigennamen. Dass z.B. Bertrand Russel lebte, wann und wo, würde im vorliegenden Kontext allenfalls lustig klingen, nicht nur weil er relativ bekannt ist, sondern weil der vorliegende Kontext ein philosophischer ist, kein biografischer.
Sprachliche Bezüge, ob zur Empirie oder zu empirisch oder logisch mögliche, ja sogar zu empirisch oder logisch unmögliche Welten, allesamt als Bestandteile von Wirklichkeit, sind nicht einfach da, sie müssen erst geschaffen werden. Aus Texten führt kein Fingerzeig hinaus; alles ist sprachlich zu leisten. Ein anfängliches Sprachlernen, das vergleichsweise behavioristisch geschieht, kann, wie Quine hervorhebt, nur demonstrieren, dass ein Kind Gegenstände unterscheidet, jedoch nicht, dass es auch Bezugnahmen versteht (vgl. Quine, Willard v. Orman, 1976, S.119). Quine ist freilich einseitig auf (Natur-)Wissenschaften ausgerichtet. Doch über Gegenstände zu sprechen, ich spreche im vorliegenden Kontext lieber über Sachen und Sachverhalte, ist weitaus komplizierter, als mit Lautfolgen und Fingerzeigen umzugehen.
Bezüge sind entstanden, sobald deutlich geworden ist, worüber gesprochen wird. Dies gilt für die Wissenschaften und die Philosophie ebenso wie für Poetiken. Die Mittel differieren, eine poetisch imaginäre Welt kann sich von einer empirischen unterscheiden, z.B. wenn Worte in ungewöhnlicher Weise genutzt werden; eventuell wird durch den Einsatz von poetischen Mitteln zunächst nur eine Oberfläche erfahrbar, doch dass diese erfahrbar wird, ist Resultat der Sprache. Ein logisches Kalkül kann hingegen ganz in sich ruhen, völlig bezugslos. Erst im Fall einer Integration von mathematisch logischen Verfahren in einen bezugshaften Kontext, bereits die theoretische Physik nutzt ein solches Vorgehen, werden Aussagen über etwas getroffen, wie z.B. in der allgemeinen Relativitätstheorie.
Der Weg von definiten Beschreibungen hin zu Kontexten, durch die erst Bezüge entstehen können, lässt die Frage aufwerfen, wie umfangreich diese sein müssen, damit derartiges geschehen kann. Eine Antwort auf die Frage hängt davon ab, was im jeweiligen Fall vorausgesetzt werden kann. Es eröffnet sich ein pragmatisches Problem, das allgemein gar nicht eingrenzbar und lösbar ist. Eine wissenschaftliche Hypothese kann das Wissen eines gesamten Fachs voraussetzen, Quine spricht in diesem Kontext von wissenschaftlichem Holismus (vgl. Quine, Willard v. Orman, 1995, S.18 ff.), doch damit nicht genug, manche Probleme lassen sich nur lösen, wenn man über Fächergrenzen hinausschaut. Dies geschieht ohnehin, doch nicht immer zum Vorteil: Die physikalisch orientierte Modellökonomie ist spätestens im Zuge der weltweiten Finanzkrisen ersichtlich an Grenzen gestoßen. Mit ihr lassen sich die Entwicklungen nicht erklären. Und eine pragmatisch durchaus verständliche Abschwächung der Krisen als Sonderfälle, um zu einer sogenannten Normalität zurückkehren zu können, macht fraglich, ob überhaupt ein Interesse an Wissenschaft besteht. Relevante Kontexte reichen aber noch viel weiter: Wissenschaften, Philosophie und Poetik setzen Sprache und ein sprachliches Differenzierungsvermögen voraus.
Quine spricht über Gegenstände, weil die Worte der Sprache überwiegend von Gegenständen handeln. Dies ist leicht nachzuvollziehen, berücksichtigt man die Menge an alltäglichen Dingen, mit denen Menschen umgehen und auf die man sich beziehen kann (vgl. Quine, Willard v. Orman, 1980, S. 17 ff.).
Es wäre aber zu kurz gefasst, lediglich alltägliche Dinge wie Schreibtisch und Kühlschrank zu berücksichtigen. Auch Abstaktes wie Zahlen, Attribute und Klassen spielen eine Rolle. Deshalb spricht Quine allgemein von einem Sprechen über Gegenstände (vgl. Quine, Willard v. Orman, 1975, S. 7 ff.).
Von menschlichen Sinnen erfasst werden biologischen Beobachtungen nach jedoch nicht Gegenstände, sondern Qualitäten wie Farben und Klänge (vgl. z.B. Maturana, Humberto R., 1985). Die menschliche Wahrnehmung entsteht erst im Gehirn.
Sprachlich ändert sich dadurch jedoch wenig: dass die menschliche Wahrnehmung von Wahrnehmungsbedingungen abhängig ist, haben bereits Hume und nach ihm auch Kant formuliert. Was außerhalb solcher Bedingungen liegt, ist unzugänglich. Dass zu diesen Bedingungen gehört, neuronal eine äußere Welt in komplexer Weise entstehen zu lassen, ändert zunächst nicht viel, philosophisch betrachtet. Die physiologisch entstehende Innen-Außen-Relation ist ein Produkt des Gehirns, gehört zu den Wahrnehmungsbedingungen. Was außerhalb dieser Bedingungen geschieht, bleibt weiterhin unzugänglich. Doch der biologische als auch neurologische Gewinn ist kaum zu unterschätzen.
Die philosophische Tradition bietet den Grund, weshalb ich eine Formulierung ‚Konstruktivismus‘ für die Philosophie ablehne, es sei denn, man verfolgt eine solipsistische Ausrichtung, in der eine Existenz von Außenwelt bestritten wird oder als erfunden gilt. Mit solchen solipsistischen Einschätzungen würde man sich jedoch außerhalb der Wahrnehmungsbedingungen bewegen. Dass bei Menschen etwas hineingelangt, dass Sinnesreizungen zu beobachten sind, lässt sich kaum leugnen. Und wenn sich ‚Erfindung‘ nicht mehr abgrenzen lässt, weil alles erfunden ist, dann sagt dies Wort nichts mehr aus. Ein solcher Überschwang wäre nicht zu rechtfertigen. Auf eine Diskussion dieser „Kognitionswissenschaft“ (vgl. Schmidt, Siegried, J., 1987, S.13) verzichte ich im vorliegenden Kontext.
Es ist philosophisch nicht unüblich, allgemein von Gegenständen der Wahrnehmung, der Erkenntnis oder der Erfahrung zu reden; Kant hatte dies in exzessiver Weise betrieben. Über Sachen und Sachverhalte zu sprechen, anstatt über Gegenstände, ist ein Resutat sprachlicher Erwägungen. Im Englischen, dessen bin ich mir bewusst, gibt es für diese Worte kaum adäquate Übersetzungen. ‚Sache‘ wird zumeist mit ‚thing‘ (Ding), ‚Sachverhalt‘ mit ‚facts‘ (Fakten, Tatbestand) übertragen. Der Grund ergab sich aus einer speziellen Einbeziehung der deutschen Umgangssprache: Worte ‚Sache‘ sind in dieser allgemeiner als Worte ‚Ding‘ oder ‚Gegenstand‘, die sich in der Regel auf abgrenzbare physikalische Gebilde wie Tisch und Stuhl beziehen können, weniger auf konzeptionelle Gegenstände, ob logische oder poetische. Darüberhinaus weist ‚Sachverhalt‘ auf eine, allerdings unbestimmte, komplexere Gestalt hin; dies kann bei Beschreibungen hilfreich sein.
Ist man bereit, zu den biologischen Wahrnehmungsbedingungen von Menschen auch die neuronal aufwendig produzierte Innen-Außen-Relation von zu zählen, ohne angeben zu können, was außerhalb dieser geschieht, sind Sachen als auch Sachverhalte nur innerhalb dieser Relation lokalisier- als auch erfassbar. Wie neuronale Prozesse in anderen Tieren vorgehen, ob dort Sinnesreize, wie sie die Biologen beobachten, anders verarbeitet werden, eventuell ohne Produktion einer aufwendigen Innen-Außen-Relation, die man scherzhaft als Heimkino beschreiben könnte, vermag ich nicht zu beurteilen, ist im Kontext dieser Studie jedoch auch nicht erforderlich.
Wie aber wäre eine Reizbedeutung von Worten unter den angeführten physiologischen Bedingungen aufzufassen, die Quine wie eine empirische Absicherung sprachlicher Bedeutungen und Übersetzungen einführt und als eine „Klasse aller Reizeinflüsse“ fasst (vgl. Quine, Willard v. Orman, 1980, S. 69)? Solange man Reizeinflüsse unter die physiologischen Wahrnehmungsbedingungen stellt, würde sich wenig ändern. Es wäre lediglich darauf hinzuweisen, dass zur Voraussetzung nicht nur Reize, sondern auch eine vergleichbare Reizverarbeitung verschiedener Menschen gehört, damit eine solche Absicherung überhaupt in Erwägung gezogen werden kann. Im experimentellen Beispiel, in dem der Reizbedeutung eine besondere Rolle zukommt, ein aufmerksamer Ethnologe herauszufinden sucht, worauf sich der Lautkomplex ‚Gavagai‘ von Einheimischen bezieht, dient letztlich dieselbe Reizbedeutung als Maßstab (vgl. ebd., S.70). Mit dieser formalen Fassung ist das Übersetzungsproblem jedoch nicht behoben. Quine führt Gründe an, weshalb dieser Behaviorismus scheitert: ob eine identische Reizbedeutung vorliegt, lässt sich im Kommunikationsprozess zwischen Ethnologe und Einheimischen nicht ermitteln, sogar eine Unbestimmtheit bleibt letztlich unzugänglich (vgl. ebd., S.137-147). Sein Urteil fällt in später entstandenen Schriften im Hinblick auf Übersetzungsvorgänge noch düsterer aus: „Es besteht noch nicht einmal Hoffnung, so etwas wie eine Kodifizierung der einschlägigen Prodzeduren erreichen zu können, um dann vielleicht durch Angabe eben dieser Manöver zu definieren, was als Übersetzung zu gelten habe.“ (Ders., 1995, S.67).
Konkret hat ein Forscher bei relevanten Reizen die Möglichkeit, ‚Gavgai?‘ zu fragen, die Einheimischen haben die Möglichkeiten, bejahendende oder verneindende Anworten zu geben. Fehlen relevante Reize, ist die Kommunikation gehemmt (vgl. ders., 1980, S.75). Ich sehe im Folgenden von Reizen als möglichen Hilfen ab, vor allem wegen ihrer allgemein mangelhaften Zugänglichkeit in sprachlichen Situationen, fragen lässt sich aber, wie Bedeutungen und Bezüge zusammenhängen.
Literatur
*Maturana, Humberto R., 1985, Erkennen. Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit, Braunschweig, Wiesbaden.
*Quine, Willard v. Orman, 1975, Das Sprechen über Gegenstände, in: Ontologische Relativität und andere Schriften, Stuttgart, S.7-40.
*Quine, Willard v. Orman, 1976, Die Wurzeln der Referenz, Frankfurt a.M.
*Quine, Willard v. Orman, 1980, Wort und Gegenstand, Stuttgart.
*Quine, Willard v. Orman, 1995, Unterwegs zur Wahrheit, Paderborn.
*Russel, Bertrand, 1905, On Denoting, in: Mind 14, S.479-493.
*Schmidt, Siegried, J., 1987, Der radikale Konstruktivismus: Ein neues Paradigma im interdisziplinären Diskurs, in: Der Diskurs des radikalen Konstruktivismus, hg. v. dems., Frankfurt a.M., S. 11-131.
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Kripke richtete sich mit seinem Tauf-Ansatz gegen Bündel-Theorien von Bedeutungen, in denen Namen als Bedeutungen die sprachlich erfassten Eigenschaften ihrer Träger erhalten. Ohne auf seine Kritik einzugehen: Dass ein zeitgenössischer Name wie ‚Peter Müller‘ der Lautgestalt nach nichts Relevantes preisgibt, nichts bedeutet, wird rasch einsichtig sein. Um überhaupt an Bedeutungen zu kommen, verweist innerhalb von Bündel-Theorien ein Tragen eines Namens auf das Vorliegen eines Bezugs. Erst über einen solchen konstruierten Bezug kommt man innerhalb einer Bündel-Theorie überhaupt an Bedeutungen heran. Dieses Vorgehen kann man als ein empirisches Nachhelfen erläutern, Bezüge und Bedeutungen werden hineininterpretiert, die Besonderheit von Namen nicht beachtet.
Da aber Kripke im Rahmen seines Tauf-Ansatzes zumindest auf Bezüge angewiesen ist, kann auch sein Ansatz in Frage gestellt werden. Auch Kripke hätte, um zu erläutern, auf welchen Peter (oder welche Margaret, um ein Beispiel anzuführen, das Kripke nutzt) er sich bezieht, Eigenschaften, Umstände anzuführen, auch wenn er diese Erläuterungen nicht als Bedeutungen, sondern als Erläuterungen der Referenz, des Bezugs ausweist (vgl. Kripke, Saul, 2014, S.123). Würde man nun Fragen, was sprachliche Bedeutungen in relevanten konkreten Fällen anderes sein könnten als Erläuterungen von Bezügen, fiele mir nichts ein. Kripke fügt den Bündel-Theorien lediglich den Tauf-Ansatz hinzu, ohne dies explizit zu machen.
Die Besonderheit von Namen wie ‚Peter Müller‘ ist, dass sie gar nicht der Sprache angehören, auch wenn die Ausdrücke aus der Sprache stammen, sondern einem Verhalten. Auch ein Hund könnte, würde man ihn darauf abrichten, auf ‚Peter Müller‘ hören, ohne Kenntnisse über menschliche Sprache zu haben. Ein menschliches Namengeben ist im Hinblick auf Lebewesen, die damit etwas anfangen können, derart rudimentär, dass sich eine Frage nach Sprache gar nicht stellt. Dennoch lassen sich Namen so nutzen, als hätten sie Bezug. In einem solchen Fall würde sich jedoch auch die Frage nach sprachlicher Bedeutung stellen, die der jeweilige Name als solcher nicht hat, auch wenn sich historisch linguistische Forschungen anstellen ließen. - Ob die Ergebnisse solcher Forschungen Auskünfte über einen Namensträger geben könnten, wäre jedoch allenfalls familiengeschichtlich nicht unerheblich, oder im Kontext von Belletristik, in der Namen mehr oder weniger indirekt als Beschreibungen der Träger fungieren können. -
Erkennbar werden kann, dass sprachliche Bedeutungen und Bezüge voneinander abhängig sind. Für ein Namengeben im Hinblick auf Lebewesen reicht hingegen ein Abrichten vollkommen aus, es entstehen sogar Schwierigkeiten, wollte man Bedeutungen und / oder Bezüge ermitteln, Probleme, die erst aus der Sprache entstehen, sich innerhalb von bloßem Verhalten aber gar nicht stellen.
Sprachliche Bedeutungen, darauf sei noch separat hingewiesen, haben mit umgangssprachlich veranschlagbaren Bedeutung von Sachen oder Sachverhalten, zu denen auch ein Verhalten zählen kann, nichts zu tun, für die man besser Worte wie ‚Relevanz‘ nutzen könnte. Ein Namengeben, um die spezielle Relevanz hervorzuheben, ermöglicht vor allem, jemanden anzusprechen.
Die Abhängigkeit von Bedeutungen und Bezügen ist eine sprachliche Besonderheit, die es erlaubt, in Erfahrung zu bringen, worüber jemand spricht oder sprechen könnte. Den Ausgang bei einem Verstehen bilden häufig die Bedeutungen, würde dennoch unklar bleiben, worüber gesprochen wird, wären alle Anstrengungen umsonst gewesen.
Die Sachen bzw. Sachverhalte, auf die Bezug genommen und über die etwas ausgesagt wird, sind sprachlich von Relevanz. Auf sie ließe sich nicht verzichten, auch wenn man der Ansicht ist, dass sie erkenntnistheoretisch nur Produkte des Gehirns sind. Niemand hat die Chance, außerhalb solcher präsentierten Wirklichkeitszeiträume zu stehen, es bliebe lediglich die Möglichkeit, sich auf diese einzulassen. Würde man sich hingegen weigern, wie dies z.B. Glasersfeld als radikaler Konstruktivist tat (vgl. Glasersfeld, v., Ernst, 1987), blieben lediglich Bedeutungen und Kommunikation übrig. Die wichtigste Funktion von Sprache würde verlorengehen: über etwas sprechen und gegebenenfalls über etwas schreiben, etwas erkennen zu können, auch wenn dies nur innerhalb der Erkenntnisbedingungen möglich ist. Alternativ ließe sich allenfalls über wahrgenommene Qualitäten (Farben, Klänge usw.) sprechen, doch dafür liegt (a) keine Sprache vor, (b) müsste das Hirn zumindest partiell abgeschaltet werden.
Die Differenz von Sprache und dem, worauf Bezug genommen wird, lässt sich auch nicht einfach unterlaufen. Einige analytisch geschulte Theoretiker (wie z.B. Goodman, Kripke) erläutern ‚Bezug‘ mit Formulierungen wie ‚für etwas stehen‘. Doch genau dies ist unmöglich: Ob Zeichen, Symbole, Namen oder Worte, nichts davon kann für Sachen oder Sachverhalte stehen, sie gegebenfalls ersetzen. Dazu bedürfte es einer Zauberei, in der z.B. Stoffpuppen mit Nadeln bestochen werden, die für jemanden stehen, dem nicht nur alles Schlechte gewünscht wird, dieser Wunsch wird mit einer analogen Handlung nachdrücklich bestärkt! Die Formulierung ‚für etwas stehen‘ gehört zu den missverständlichsten Erläuterungen, die sich mit Bezug auf sprachliche Bezüge geben lassen.
Alle möglichen Hindernisse sind aber längst nicht ausgeräumt, noch wären sie zu beseitigen: eine Sprache ist kein System, sondern ein Sammelsurium von Worten, semantischen und syntaktischen Konventionen als auch Kreationen; letztere verweisen z.B. auf Jugendsprachen, Fachsprachen, Belletristik oder Politik, in denen auch sprachbildende Prozesse zum Alltag gehören. Umgangssprachlich sind besonders Metaphernbildungen zu berücksichtigen, zu den neueren gehören z.B. ‚Evolution‘ (vgl. Matern, Reinhard, 2014). Ich kenne niemanden, dem ich einen Gesamtüberblick über das gesellschaftliche bzw. sprachgemeinschaftlich Tun auch nur in einer Sprache ansatzweise zutrauen würde. Auseinandersetzungen und Gruppenbildungen sind unausweichlich. Sie reichen bis zu Abschottungen, die speziell in der analytischen Philosophie dazu führten, sich primär mit wissenschaftsrelevanten Fragen auseinanderzusetzen, weil genau jene von Konstruktivisten in der Theorie präferierte Kommunikation allgemein fast nicht oder nur sehr, sehr eingeschränkt möglich ist.
Innergesellschaftlich ist man darauf angewiesen, sich unterschiedliche sprachliche Ausprägungen anzueignen, um den verschiedenen Situationen gewachsen zu sein, in die man geraten kann, ob im Zusammenhang mit ‚Sprache‘, ‚Evolution‘, ‚Kultur‘ oder ‚Natur‘. Es wäre überhaupt nicht verwunderlich, gesellschaftliche Bereiche ausfindig zu machen, in denen Zuhörern kaum mehr als ein Kopfschütteln bleibt.
Es hat innerhalb der vergangenen Jahrzehnte im deutschsprachigen Raum Wissenschaftler und Philosophen gegeben, die nicht über ein Thema sprachen, sondern etwas zu einem Thema zu sagen hatten. Der Unterschied lässt sich klarer erkennen, wenn man beispielhaft konkret wird: nicht über ein Klavier wurde gesprochen, sondern zu einem Klavier. Auf eine persönliche Ansprache („Mein liebes Klavier, wie du vielleicht ahnst …“) wurde zwar verzichtet, Ansprechpartner blieben in der Regel Kollegen, aber in die Sprache war eine Herrschaftsannahme geraten, die über Soziales durchaus diskutierbar wäre, im Hinblick auf sprachliche Eigenschaften jedoch unangemessen war und ist. Eine neuerliche Vermischung von sprachlichen und sozialen Relation ist in den Schriften von Derrida und seinen Nachfolgern (vgl. z.B. Culler, Jonathan, 1999) auszumachen. Um es zu betonen: Sprache tut der Wirklichkeit nichts an, sie kann unzureichend sein, in Einzelfällen, sogar in vielen, bezieht man umgangssprachliche Phrasen wie ‚Evolution‘, ‚Kultur‘ oder ‚Natur‘ ein, unangemessen, Sprache kann auch einen Einfluss darauf haben, was von Menschen überhaupt in Erwägung gezogen wird, dennoch wären sprachliche und soziale Relationen zu differenzieren. Eine Vermischung verweist auf eine mangelhafte Unterscheidung von Sprache und Sachen bzw. Sachverhalten. Ein sprachliches und ein soziales ‚Über‘ sind also auseinanderzuhalten, obgleich die Wortlaute identisch sind.
Literatur
*Culler, Jonathan, 1999, Dekonstruktion, Reinbek b. Hamburg.
*Glasersfeld, v., Ernst, 1987, Wissen, Sprache und Wirklichkeit, Braunschweig / Wiesbaden.
*Kripke, Saul, 2014, Name und Notwendigkeit, Frankfurt a.M.
*Matern, Reinhard, 2014, Evolution und Vergeblichkeit, in: ders., Wie wärs mit einer Revolution? Duisburg (eBook, ePub).
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Luhmann hatte einen allgemeinen Systembegriff entwickelt, der lediglich Sinn voraussetzt, Bedeutung, irgendeine Ordnung (vgl. Luhmann, 1987). In diesem Kontext wäre auch ein Sammelsurium eine Ordnung, die sich hinsichtlich von Funktionszusammenhängen analysieren ließe.
Doch die Vokabeln ‚Sinn‘ und ‚Bedeutung‘ ließen sich allgemein gar nicht verstehen, berücksichtigte man den einfachen Unterschied von Sprache und Sachen bzw. Sachverhalten. Würde man sich hingegen auf Sachen und Sachverhalte beschränken, könnte allenfalls von ‚Relevanz‘ die Rede sein, ohne dass klar werden könnte, in welcher Weise. ‚Ordnung‘ wird (a) zunächst derart weit gefasst, dass der Begriff nichts aussagt, (b) dann aber spezifisch, im Kontext von zu ermittelnden Funktionszusammenhängen. Der von Luhmann präsentierte Systembegriff bietet nicht mehr als eine umgangssprachliche Herangehensweise, die alles andere als hilfreich ist, aber im Hinblick auf den Begriff ‚Ordnung‘ ein primär bürokratisches Anliegen kenntlich machen könnte. Das von mir anführte Sammelsurium ist hingegen ein Resultat historischer Prozesse, von Prozessen, die von unterschiedlichen Gruppen und Individuen geprägt wurden. Diese historische Perspektive vermeidet eine quasi-ontologische Fundierung, die aus ahistorischer Sicht erforderlich zu sein scheint, um überhaupt einen Anfang der Diskussion setzen zu können. Es bleibt nach meinem Ermessen kaum anderes übrig, als sich auf ein Abenteuer einzulassen, das ein historisch entstandenes Sammelsurium bieten kann.
Sprachlich macht es kaum einen Unterschied, ob ein historisch entstandenes Sammelsurium einer Wirklichkeit - im Rahmen menschlicher Erkenntnisbedingungen -, oder einer unabhängigen Realität zugerechnet wird. Die nutzbaren Worte für Beschreibung, Differenzierung und Analyse wären gleich. Erst im Kontext einiger methodischer Begriffe wie ‚Objektivität‘ und einer erkenntnistheoretischen Interpretation von historischen Ergebnissen würde der Unterschied auffallen können.
Weil methodische Erwägungen auch in dieser Arbeit von Relevanz sind, gebe ich einige Anmerkungen: Mir, so muss ich gestehen, bleibt eine Realität, die außerhalb meiner Erkenntnisbedingungen liegt, unzugänglich. Diese Bedingungen umfassen mehr als lediglich biologische, auch sprachliche und soziale, die historisch eingebettet sind. Die alte Frage nach Objektivität, in Abgrenzung zu Subjektivität, würde sich mir gar nicht stellen können, weil sie besonders auf historische Bedingungen keine hinreichende Rücksicht nimmt. Ich kann im vorliegenden Kontext lediglich nach sprachlicher Angemessenheit fragen, im Hinblick auf Bedeutung und Bezug - und, davon war bislang noch nicht die Rede, dies wird innerhalb der Studie aber erforderlich sein, auf sprachliches Verhalten. Eine allgemein reproduzierbare Methode lässt sich auf diese Weise nicht entwickeln, es lassen sich nur konkrete Fälle kontextabhängig behandeln.
Die Grenzen menschlicher Erkenntnis lassen sich erweitern, z.B. durch Messinstrumente und -verfahren, oder / und durch sprachliche Differenzierungen, die Unterschiede merklich machen können, einen größeren Detailreichtum erfassen helfen, oder Differenzierungen als unangemessene verwerfen. Doch Grenzen bleiben, sie lassen sich allenfalls verschieben. Ein Beispiel der Begrenztheit bietet aktuell die Physik. Die hypothetisch angenommene, im Kosmos nur indirekt bemerkbare dunkle Materie, ist etwas völlig Unbekanntes. Sie wurde als ‚dunkel‘ beschrieben, nicht weil sie dunkel wäre, entfernt vergleichbar mit einer düsteren Gewitterwolke, sondern aus Verlegenheit. Die dunkle Materie reflektiert kein Licht, es scheint durch sie hindurch, bleibt für menschliche Sinne und von Menschen gefertigte Instrumente unsichtbar. Eine Annahme einer solchen Materie wurde gemacht, weil sich messbare Gravitationskräfte im Rahmen des kosmologischen Standardmodells nicht erläutern ließen; das Standardmodell umfasst u.a. die allgemeinen Relativitätstheorie, die Annahmen über Gravitation enthält. Unzureichend kann allerdings auch das bisherige Standardmodell sein. (Vgl. Bührke, Thomas, 2012.) Unabhängig davon, wie sich die entstandenen Irritationen auflösen lassen, falls sie sich auflösen lassen, welche Annahmen und Bezüge nicht bloß mögliche bleiben, die physikalische Sicht auf den Kosmos wird sich verändern. Berücksichtigt man jedoch, wie lange über die sonderbaren Gravitationskräfte geforscht wird, bereits in den Dreißiger Jahren des 20. Jhds. fielen dem Schweizer Astronom Fritz Zwicky unerklärbare Bewegungen im Kosmos auf (vgl. Lindner, Manfred; Marrodán Undagoitia, Teresa; Schwetz-Mangold, Thomas; Simgen, Hardy, 2014), wird ersichtlich, welche historischen Ausmaße eine Ungewissheit erlangen kann, die bis in die Grundlagen reicht.
Vielleicht klingt es manchem verrückt, mich sprachlich auf Erzeugnisse meines Gehirns beziehen zu müsse, die als solche anderen nicht zugänglich sind, und nach Angemessenheit zu fragen. Dieser vergleichsweise autistische Vorgang kann jedoch in jedem Menschen geschehen. Hinzukommt, dass ich diese Erzeugnisse nicht konstruiere, nur wenig direkten Einfluss darauf habe, was mir mein Gehirn präsentiert. Dieses Gehirn nutzt vor allem entstandene Routinen, die sich im Hinblick auf neue Sitationen auch als angesammelte Vorurteile interpretieren ließen. Nach sprachlicher Angemessenheit zu fragen, gönnt dem Automatismus eine Pause. Doch auch diese Frage und die bisherigen Antworten können in einen Automatismus gelangen, der auf relevante Bedingungen und Details keine Rücksicht mehr nimmt. Sicherheit in Erkenntnisprozessen zu erlangen, wäre etwas anderes. Es würde auch nicht ausreichen, auf Zustimmung zu hoffen. Die beschriebene Unsicherheit gälte für alle Ansprechbaren gleichermaßen. Doch obwohl keine Sicherheit erlangbar, meine Freiheit unter Einbezug aktiver Hirnroutinen beschränkt ist, eröffnet sich eine Möglichkeit zur Autonomie (vgl. Roth, Gerhard, 2001, S. 427 ff.).
Literatur
*Bührke, Thomas, 2012, Die Jagd nach dem Unsichtbaren, in: Max Plank Forschung, 4/2012, S. 34-41.
*Lindner, Manfred; Marrodán Undagoitia, Teresa; Schwetz-Mangold, Thomas; Simgen, Hardy, 2014, Dunkle Materie - Dark matter, Forschungsbericht 2014 - Max-Planck-Institut für Kernphysik, Heidelberg.
*Luhmann, Niklas, 1987, Soziale Systeme: Grundriss einer allgemeinen Theorie, Frankfurt am Main.
*Roth, Gerhard, 2001, Denken, Fühlen, Handeln, Frankfurt a.M.
(1.1) Zeichen, Symbole und Worte
Zu voreilig wird ein allgemeiner Ansatz betrieben, zeichen-, symbol- als auch sprachtheoretisch, als ließen sich Vorkommnisse von Zeichen (de Saussure, Peirce), Symbolen (Goodman) und von Worten einer Sprache alle in gleicher Weise erfassen und behandeln. Es mag sein, dass man sich ernsthaft darum bemüht, all die fraglichen Fälle zu berücksichtigen, doch finden sich gerade deshalb erstaunliche Kuriositäten, die in das jeweilige Konzept nicht passen. Deshalb vollziehe ich zu Beginn eine Differenzierung zwischen Zeichen (bzw. Symbolen) und Worten, um mich im weiteren Verlauf der theoretischen Studie auf Worte und Sprache zu konzentieren.
Ich greife ein zeichen- bzw. symboltheoretisches Beispiel auf, das die Schwierigkeit erläutern lässt, der man sich durch ein unangemessenes allgemeines Vorgehen aussetzt: Eine ausgearbeitete Komposition, worauf könnte sie sich beziehen?
Notengrafiken haben durchaus Bedeutungen, sonst wären sie nicht von Musikern und Interessierten lesbar, doch was bezeichnen, symbolisieren sie, oder worauf beziehen sie sich? Faktisch handelt es sich um Anweisungen, die zudem der Interpretation, einer Lesart bedürfen. Würde man - wie Goodman dies z.B. tat - eine ideale Aufführung als Symbolisiertes ausgeben, ließe man die einzubringende Lesart außer Acht, Helge Bol hat darauf hingewiesen (vgl. Bol. Helge, 2014). Und Notenschriften sind keineswegs derart präzise, dass ein Ideal einbeziehbar wäre. Lediglich eine romantische Fassung von Kompositionen kann dem Wunsch nach einem Ideal, jedoch nur im Hinblick auf eine Bedeutung, nachkommen (vgl. ebd.). Sogar wenn Notenschriften so präzise wären wie z.B. Anweisungen, Algorithmen für Computer, auch dann ließe sich fragen, ob ein Bezeichnetes, Symbolisiertes oder ein Bezug auf etwas überhaupt relevant wäre. Es würde nach meinem Ermessen vollkommen ausreichen, dass die Maschine die Bedeutungen der Anweisungen interpretieren und ausführen kann, ohne einen Bezug zu berücksichtigen.
Nicht anders lassen sich mathematische und logische Zeichen fassen. Auch diese haben Bedeutungen, Bezüge sind jedoch nicht erforderlich. Erst wenn man z.B. eine vergleichsweise platonische Metaphysik generieren würde, ließen sich auch Bezüge veranschlagen, auf metaphysische Entitäten. Um jedoch verstehen zu können, um was es bei den Zeichen und ihren relationalen Zusammenhängen geht, kann auf eine Metaphysik leicht verzichtet werden. Durch eine Maßgabe, auch ein Bezeichnetes haben zu müssen, etwas, auf das Bezug genommen wird, ließe sich zwar die Motivation begreiflich machen, als Grund könnte sie jedoch nicht dienen, um die Annahme von Bezeichnetem zu rechtfertigen. Es gäbe freilich viele andere Möglichkeiten für eine Motivation, Metaphysik zu betreiben, sogar eine erwägbare Schönheit, doch dies ist nicht mein Thema.
Ebenfalls wäre es überflüssig, Straßenschildern Bezüge zukommen zu lassen, die Anweisungen geben. Ein Stoppschild weist seiner Bedeutung nach lediglich darauf hin, dass anzuhalten sei, nicht auf ein ideales Vorgehen derjenigen, denen das Schild zugewandt ist. Die Anweisung verstehen zu können, reicht aus, auch wenn man diese unberücksichtigt lässt. In diesem Zusammenhang lässt sich aber auf allgemeinverständliche Weise ein weiter Fall integrieren, durch den nicht Anweisungen gegeben, sondern Möglichkeiten offeriert werden: Ein als Parkplatz ausgewiesener Bereich bietet Abstellmöglichkeiten für Kraftfahrzeuge. Wird der fragliche Bereich eventuell durch das Schild bezeichnet, hat das Schild einen Bezug? Um diese Frage beantworten zu können, ist ein wichtiger Unterschied zu beachten:
Es ist nicht das Schild, das den Bereich abgrenzt, sondern die bauliche Gestaltung des Terrains. Auf was sich das Schild beziehen könnte, ist von dieser Gestaltung abhängig, nicht von der erläuterbaren Bedeutung des Schildes. Diese Bedeutung eröffnet nicht mehr als eine Verhaltensmöglichkeit, ohne auch nur einen Hinweis auf einen Bezug zu enthalten. - Diese Komplexität lässt einen Seitenblick auf Sprache zu: Der Ausruf „Parkplatz!“ eines Beifahres sagt dem Fahrer eventuell wenig, provoziert unter Umständen die Rückfrage: „Wo?“ Auch sprachlich wäre ein Zusammenhang zu berücksichtigen; sprachlich ließe sich, dies macht den entscheidenden Unterschied aus, der Weg zum als auch die Gestalt und der Umfang des Bereichs beschreiben. Eventuell ist innerstädtisch sogar relevant, wie groß die aktuelle Freifläche für den PKW ist bzw. sein könnte. - Das Schild bezieht sich hingegen nicht, sondern bietet pauschal eine Verhaltensmöglichkeit, mehr nicht.
Ein weiterer Fall betrifft Etiketten. Solche sind in der Regel relevanten Gegenständen und Produkten direkt angeheftet, z.B. in Supermärkten. Ein Anheftungsvorgang ließe sich vielleicht am ehesten als Bezeichnung anführen, doch ob auch ein Bezug möglich sein kann, ist separat zu klären. Wenn ein Schild, das ein Parken ermöglicht, keine Informationen darüber enthält, auf was es sich beziehen könnte, ein Bezug unrelevant wird, vielleicht werden Anheftungsvorgänge lediglich vollzogen, um eine Eingrenzung des Geltungsbereichs zu ermöglichen. Etiketten enthalten zwar Angaben, vielleicht sogar in sprachlicher Form, aber keine Informationen über den Geltungsbereich, allenfalls abstrakt durch eine Information über die Füllmenge. Auf was sich die sprachliche Angabe einer Füllmenge aber bezieht, bleibt offen. Anheftungsvorgänge sind zusätzliche praktische Maßnahmen, ähnlich wie die bauliche Gestaltung eines Parkplatzes, die den Etiketten den Geltungsbereich zuweisen. Die Etiketten geben, um Bezug haben zu können, zu wenig preis.
Und wie sieht es mit Abbildungen aus, z.B. künstlerischen, unter der Voraussetzung, dass eine solche Relation im Einzelfall überhaupt relevant ist? Das Problem beginnt bereits mit diesem Begriff. Etwas abzubilden beschreibt bereits eine Relation, eine, die sprachlich nicht, oder, berücksichtigt man konkrete Poesie, kaum vollzogen werden kann. Es ließe sich bestenfalls eine Metapher ‚Bezug‘ einbringen. Diese wird möglich, weil Zeichnungen, Fotografien und Gemälde einen Detailreichtum enthalten können, oder durch Reduktion eine Bedeutung einbringen, wie dies mit Sprache gleichfalls möglich ist, nur auf eine andere Art und Weise.
Schließlich sei eine Metapher angeführt, die ich in einem anderen Kontext analysiert habe (vgl. Pege, Kai, 2014, S. 15 ff.) und die häufig in sprachlichen Zusammenhängen auftaucht: ‚Darstellung‘. Ein Theaterstück kann dargestellt werden, oder ein Dokumentarfilm stellt die Veränderung eines Terrains dar, z.B. die Entwicklung des Dortmunder Phoenix-Sees. Sprachlich lässt sich eine Theorie erläutern, am besten mit Bezug. ‚Darstellung‘ träfe den Sachverhalt hingegen nur indirekt. Auch ‚Darstellung‘ ist wie ‚Abbildung‘ bereits ein relationaler Begriff, der aus anderen Bereichen kommt und dort angemessener aufgehoben ist.
Die gegebenen Erläuterungen, dies war mir besonders wichtig, verzichten darauf, Symbole und Zeichen durch eine sprachliche Vorentscheidung zu interpretieren. Legt man von Beginn an Sprache hinein, lassen sich Symbole und Zeichen nur missverstehen. Fraglos könnten z.B. Ausrufe wie „Parkplatz!“ mit einem Schild verglichen werden, doch Sprache vermag mehr, kann einen Bezug durch Präzisierung entstehen lassen. Eventuell würde praktisch auch ein Fingerzeig genügen, ein außersprachlicher Vorgang, doch dieses Umgangsverhalten änderte an den sprachlichen Möglichkeiten nichts, die Schildern und Etiketten in dieser Weise nicht zukommen.
Gleichfalls habe ich es vermieden, Sprache lediglich aus symbol- oder zeichenähnlichen Worten bestehen zu lassen. Mit einzelnen Worten kann niemand etwas anfangen, es sei denn innerhalb konkreter praktischer Zusammenhänge und dies auch nur im Kontext eines relativ umfangreichen Wortschatzes. Sprache aber kann, dies macht den zentralen Unterschied zu Zeichen und Symbolen aus, Bezüge haben, über etwas Auskunft geben, und dies ohne weitere Hilfsmaßnahmen.
Literatur
*Bol, Helge, 2014, Ein pragmatischer Beginn, in: Diabolus, Essays über Künste, hg. v. K. Talmi, Duisburg (eBook, ePub).
*Pege, Kai, 2014, Analytische Philosophie? in: Analytische Philosophie?, hg. v. K. Pege, Duisburg, S.9-49 (eBook, PDF).
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(1.2) Wie voneinander abgrenzen?
Den Anreiz zu differenzieren, hoffe ich gegeben zu haben, unklar blieb bislang jedoch, ob und gegebenfalls wie Worte von Zeichen (bzw. Symbolen) systematisch abgrenzbar sind.
Goodmans Symboltheorie lasse ich im Fortgang unberücksichtigt, weil sie in vielerlei Hinsicht einen Sonderfall darstellt, der eventuell in einem Kontext über Künste interessieren könnte, doch sogar in diesem Zusammenhang separat zu erörtern wäre: Einige grundsätzliche Schwierigkeiten und Fragen habe ich in einem solchen Kontext formuliert (vgl. Pege, Kai, 2014 (2)), auf eine dezidierte Erörterung jedoch verzichtet.
Als weiteres Problem kann hinzukommen, dass Zeichen, ob als Piktogramme oder abstrakte mathematisch logische Gebilde, sprachlich artikulierbare Bedeutungen haben, historisch aller Wahrscheinlichkeit nach aus einem Sprachverhalten entstanden sind, wie formalisierte Abkürzungen wirken können, als formale Zeichen jedoch der Sprache entzogen sind.
Emoticons, um noch ein Beispiel zu integrieren, werden zwar innerhalb der Umgangssprache eingesetzt, sie haben Bedeutungen, die sich als emotionale Ausdrücke spezifizieren lassen könnten, verzichtete man darauf, Ausdruck zeichentheoretisch als Extension bzw. Bezug zu fassen, aber keinen Bezug. Ein Emoticon lässt nicht erkennen, weshalb es gesetzt wurde. Ohne sprachliche Erläuterung, die eventuell für sich schon ausreichen würde, den Zustand mitzuteilen, hinge ein Emoticon gleichsam in der Luft oder fungierte lediglich als außersprachlicher Gestenersatz.
Ob und worauf sich sprachliche Äußerungen beziehen, ist abhängig von den Bedeutungen, nicht nur der Worte, sondern des jeweiligen sprachlichen Zusammenhangs. Diese Komplexität im Hinblick auf eine Ein- und Abgrenzung entfällt in der Regel bei Zeichen. Im Fall mathematisch logischer Zeichen gibt es zwar funktionale Differenzierungen und Abhängkeiten, jedoch nicht im Hinblick auf einen Bezug, lediglich auf die nutzbaren bzw. vorliegenden Zeichenfunktionen. Ähnlich, wenn auch weniger abstrakt und viel loser gebunden, geht es bei Straßenschildern zu. Die Farbgestaltung ist z.B. nach Gefahren-, Verbots- und Gebotsschildern sortiert, doch auch bei ihnen spielt Bezug keine erkennbare Rolle, im Vordergrund stehen ebenfalls Funktionen, keine mathematisch logischen, sondern solche eines Verhaltens, die durch die Bedeutungen übermittelt werden. Um den Geltungsbereich - nicht den Bezugsumfang - solcher Schilder einschätzen zu können, ist man jedoch auf zusätzliche Informationen angewiesen, die z.B. durch bauliche Gestaltungen gegeben werden.
Doch auch bei sprachlichen Äußerungen kann eine Frage nach Bezügen berechtigt, eventuell offen bleiben oder bestritten werden. Im Umgang können außersprachliche Faktoren, sowohl hinsichtlich des Verhaltens als auch der Umstände behilflich und entlastend sein.
Relativ hilflos kann man gegenüber Eigennamen bleiben, nicht nur sobald man Telefon- und Adressverzeichnisse oder das Internet einbezieht. Entwicklungen, ob landschaftlich historische, menschliche, tierische, oder Differenzierungen nach Tageszeit (Abend-, Morgenstern) erschwerten in der philosophischen Literatur einen Umgang. Kripe unternahm die Anstrengung, nach Bezügen, nach sogenannten ‚Referenten‘ Ausschau zu halten, um letztlich in einer Namensgebung (Taufe) als dem jeweiligen individuellen Beginn zu landen (vgl. z.B. Kripke, Saul, 2014, S.112), dem Beginn von Kausalketten, die sich aufgrund von Weitergaben eines Namens ergibt. Doch ließen sich Eigenschaftsänderungen bei Sachen und Individuen berücksichtigen? Wäre ein Kleinkind, das einen Namen zugesprochen bekommt, noch dasselbe Lebewesen in späteren Jahren? Wäre man darauf angewiesen, eine abstrakte Entität auszuweisen, die über die Zeit identisch bleibt? Das Modell gibt erstaunlicherweise keine Auskunft. Es ließe sich in Bezug auf Individuen aber eine Ereignisreihe (Lebenslauf) bilden, eine solche Vorgehensweise ist in der Praxis durchaus nicht unüblich, wenn z.B. auf verschiedene Schaffensphasen eines Philosophen Bezug genommen wird. Doch dann wird der Name als solcher relativ unrelevant: er reicht bei weitem nicht aus! Von einem frühen Wittgenstein ist z.B. die Rede, von einem späten.
Fragen lässt sich, was eine Namensgebung (Taufe) mit einem Bezug des Namens zu tun hat. Ein solcher Akt, der eventuell einer Anheftung ähnlich ist, sagt noch gar nichts über einen Bezug aus, auch wenn ein Name durch soziale Umfelder weitergereicht wird. Innerhalb von sozialen Umfeldern handelt es sich zunächst nicht um Eigennamen, sondern um erteilte Rufnamen, die es ermöglichen können, ein Individuum anzusprechen, bei Menschen und Haustieren übrigens in ähnlicher Weise. Dass ein Hund bei der menschlichen Äußerung „Fritz“ aufhorcht, bemerkt, dass er gemeint ist, obgleich er die menschliche Sprache nicht versteht noch spricht, sich also angesprochen fühlt, weil man ihn zuvor über einen Zeitraum auf diesen Lautkomplex konditioniert hat, kann deutlich machen, dass ein praktisch angemessenes Verhalten auch ohne relevante konkrete Sprachkenntnisse möglich ist. Ein Angesprochenwerden und ein Ansprechen von Individuen überfordert Hunde keineswegs. Es handelt sich um rudimentäres Verhalten, das noch gar nichts mit Sprache zu tun haben muss und sich auch deutlich von der menschlichen Sprache abhebt: „Hund“, solange dieser Ausdruck nicht als Rufname etabliert wird, kann, je nach Kontext, ein allgemeines oder konkretes Wort sein. Rufnamen hingegen stehen ausschließlich mit Individuen in Verbindung. Wenn in einer Spielstraße z.B. „Peter“ oder „Mohammed“ erschallt, kann dieser Vorgang zu Verwirrung führen, weil solche Namen in Deutschland nicht selten sind. Quine hat von ‚singulären Termini‘ gesprochen (vgl. Quine, Willard v. Orman, 1974, S. 262); ich bleibe bei ‚Namen‘, halte aber eine Differenzierung von Ruf- und Eigennamen für empirisch relevant. In diesem Essay bezieht sich ‚Rufnamen‘ auf Lautkomplexe oder Buchstabenfolgen, die es ermöglichen, Individuen anzusprechen und Bedingung für eine Konditionierung sind. ‚Eigennamen‘ sind hingegen das Resultat einer solchen Konditionierung, vielleicht nicht unähnlich einem Brandzeichen, sähe man davon ab, dass solche Zeichen primär massenhaft vergebene Eigentumsmarken anderer sind. Namen müssen sich erst einprägen, bevor sie Eigennamen werden können, für das jeweilige Individuum wie auch für andere, die einem Individuum einen Eigennamen zuerkennen.
Dass Namen Bezug haben, zumindest in den meisten Fällen, wird von Kripke vorausgesetzt, obgleich er etwas kokett fragt, ob überhaupt referiert wird (vgl. Kripke, Saul A., 2014., S.38/39). Kripke erhöht sogar die Namensgebung und Weiterreichung, indem der vergebene Eigenname als starrer Bezeichnungsausdruck (‚regider Designator‘) in allen möglichen Welten Geltung habe (vgl. ebd., S.59). Doch eine Namensgebung ist ein empirischer Vorgang, der durch ein Belieben der Namensgeber geprägt wird und durchaus unterschiedlichen Konventionen und Moden unterworfen sein kann. Nicht Bezug, sondern soziale Geltung scheint mir der relevante Begriff im Hinblick auf Namen zu sein, und zwar in mehrfacher Hinsicht: für diejenigen, die Namen als Rufnamen nutzen und auch als Eigennamen anderer anerkennen, ebenso für die Angesprochenen und die mit oder gar unter einem Namen Agierenden.
Eine Diskussion von Eigennamen verführt dazu, sich auf bekannte Namen zu konzentrieren und eine Gewichtung hineinzulegen, die ihnen gesellschaftlich zukommt. In der Literatur ist z.B. von Aristoteles und Gödel (wie bei Kripke) die Rede, von Beethoven und von Goethe. Wie würden jedoch Fälle zu interpretieren sein, die gesellschaftlich weniger auffällig und im Hinblick auf das Leben von Individuen relativ ereignislos geblieben sind? Möglicherweise ließen sich Weitergaben von Namen verwechseln?
Zu solchen Fällen könnten gesellschaftlich bedingte Namenswechsel gehören: Übernimmt ein Ehepartner bei der Heirat den Namen des anderen, wie dies bei Frauen lange Zeit üblich war, würde sich die Frage nach einem ‚regiden Designator‘ kaum stellen, der über Zeiten und Welten gleich bliebe, es sei denn in satirischer Weise. Vorkommnisse können sogar noch vielfältiger ausfallen, wenn nicht nur zu verschiedene Lebensabschnitten eines Menschen verschiedene Eigennamen treten, sondern auch verschiedene Funktionen einen solchen Eigennamen erhalten. Pseudonyme werden in der Regel in dieser Weise gebraucht, ob unter Schriftstellern, Musikern oder … Die umgangssprachliche Phrase ‚Pseudo-‘ deutet eine gesellschaftlich ideologische Abhängigkeit in Bezug auf Namen an, die primär eine praktisch orientierte ist, in der es um eine, umgangssprachlich formuliert, Identifizierbarkeit von Menschen geht, was immer auch amtlich oder auf der Straße darunter konkret verstanden wird.
Eine Konzentration auf bekannte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens hilft nicht weiter, wenn es darum geht, Namen und ihre Verwendung zu erläutern, weil der Bezugsrahmen viel zu klein wäre. Ohne die gesellschaftlichen Vorgänge zu berücksichtigen, die alltäglich sind, blieben die Ansätze eventuell hübsch und nett, doch vor allem unrelevant.
Ich halte es für aussichtlos, Ruf- und Eigennamen in allgemeiner Weise sprachliche Bedeutungen und Bezüge zukommen zu lassen. Man könnte über gesellschaftliche Relevanz und Bekannheit sprechen, der Namen als auch der assoziierten Personen oder Sachen, doch als Bezug würde ich diese möglichen Assoziationen und deren gesellschaftliche Vielheit nicht ausgeben wollen. Eine Frage nach Namen ist nach meinem Ermessen überhaupt keine sprachtheoretische, sondern eine soziologische und psychologische, die z.B. statistisch aufzubereiten wären.
Mir persönlich, dies sei eingestanden, bedeutet ‚Kai Pege‘ bezugsrelevant nichts. Mir kann lediglich deutlich werden, dass ich innerhalb eines konkreten Umfelds angesprochen werde, nicht ein anderer Mensch. Diese differenzierte Ansprechmöglichkeit, vergleichbar mit einem Stupser, ist jedoch primär einem Verhalten zuzuordnen, nicht Sprachlichem.
Mit dem Ausscheiden von Symbolen, Zeichen und Namen als bezugsrelevante Parameter gewinnt die Sprache hinzu. Der praktische Nutzen, eventuell ein poetischer, der allerdings separat zu erläutern wäre, ebenso der theoretische im Fall mathematisch logischer Zeichen, schmälert sich dadurch nicht. Im Hinblick auf sprachliche Bezüge sind Symbole, Zeichen und Namen in der Regel ohne Relevanz.
Literatur
*Kripke, Saul A., 2014, Name und Notwendigkeit, Frankfurt a.M.
*Pege, Kai, 2014 (2), Über Kunst oder Künste, in: Diabolus. Essays über Künste, hg. v. Kathrina Talmi, Duisburg (eBook, ePub).
*Quine, Willard v. Orman, 1974, Grundzüge der Logik, Frankfurt a.M.
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(1.3) Definite Beschreibungen und Bezüge
Namensgebungen unter Menschen, obgleich sie in kleinen Rahmen gesellschaftliche Ereignisse sind, auch soziologisch untersucht werden können, entziehen sich der gesellschaftlichen Sprache. Gerade weil Namensgebungen im Hinblick auf Menschen überwiegend private Angelegenheiten sind, auch wenn gesellschaftliche Ansprüche und Moden eine gewichtige Rolle spielen, sind sie sprachlich ohne Relevanz.Dieses Engagement bei Namengebungen kann erläutern helfen, weshalb es schwierig sein kann, Eigennamen gesellschaftlich durchzusetzen, ihnen Geltung zu verschaffen: besonders in religiösen, politischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen. Es bedarf Kampagnen oder breiter medialer Unterstützung, damit einige Namen in aller Munde landen, ebenso das, womit sie jeweils assoziativ verbunden sein sollen. Sprache ist ein gesellschaftliches Unterfangen. Die Eigennamen fließen durch ein solches Engagement in die Sprache ein, obgleich sie nicht dazugehören.
Vielen Eigennamen ist jedoch eine Abkunft aus der Sprache anzumerken, weil sie, historisch weit zurückliegend, aus beruflichen oder örtlichen Zusammenhängen entstanden sind: ‚Müller‘ z.B., oder ‚von der Mühlen‘. Diese jedoch in einen Zusammenhang mit Individuen zu stellen, waren lokale Hilfskonstrukte, die, je weiter die Zeit und Weitergabe fortschreitete, waghalsiger, durch ein Zusammenwachsen von Orten, Regionen und durch die Verfielfältigung bei der Weitergabe nichtssagender wurden.
Einen weiteren Schritt auf der Suche, was sprachlicher Bezug bedeuten könnte, komme ich vielleicht mit Formulierungen, die aus der philosophischen Tradition als sogenannte Kennzeichnungen bekannt sind, Beschreibungen, die unbestimmt (einer, eine, ein …) oder bestimmt (der, die, das …) sein können: als Beispiele führt Russel u.a. „the present King of France “ an (vgl. Russel, 1905, S.479) und fügt hinzu, dass eine solche Phrase erst eine Bedeutung durch den Kontext erhält (vgl. ebd., S.480).
Eine definite Beschreibung, auch wenn sie einem Individuum zugeordnet ist, lässt sich nicht leichter als ein Eigenname wie z.B. ‚Peter Müller‘ erfassen, doch sie enthält Worte, die zumindest einen Beginn ermöglichen können. Zwar ließe sich auch ‚Peter Müller‘ in einen Kontext stellen, der Eigenname würde selber jedoch kaum etwas zur Auffindung einer bezugsrelevanten Bedeutung beitragen können, weil er gesellschaftlich zu weit zurückreicht, zu unspezifisch, zu unauffällig ist und zusätzlich noch zu häufig vorkommt.
Aber es gibt Eigennamen, die als definite Beschreibungen fungieren können, ‚das Ruhrgebiet‘ ist so eine. Doch es fehlt, um die Unvollständigkeit für einen Bezug hervorzuheben, in dieser sprachlichen Form eine Angabe der relevanten Zeit bzw. der Zeitspanne. Auch wird keine Existenz behauptet, noch eine örtliche Orientierung gegeben, noch eine Eigenschaft angeführt. ‚Das Ruhrgebiet‘ könnte, würde man es bei der Formulierung belassen, falls überhaupt, in einem düsteren Mondkrater liegen und von einer Gesellschaft bewohnt sein, die keinen Weg aus dem Krater findet, ja vielleicht von Seiten der dortigen Politiker und Bürger nicht einmal finden möchte. Soviel über einen möglichen Zusammenhang.
Vom Kontext und Umfeld kann allerdings auch abhängen, wie exzessiv oder / und formalisiert man die Ansprüche an eine ein- und abgrenzende Beschreibung betreiben möchte. Sogar im Hinblick auf Eigennamen. Dass z.B. Bertrand Russel lebte, wann und wo, würde im vorliegenden Kontext allenfalls lustig klingen, nicht nur weil er relativ bekannt ist, sondern weil der vorliegende Kontext ein philosophischer ist, kein biografischer.
Sprachliche Bezüge, ob zur Empirie oder zu empirisch oder logisch mögliche, ja sogar zu empirisch oder logisch unmögliche Welten, allesamt als Bestandteile von Wirklichkeit, sind nicht einfach da, sie müssen erst geschaffen werden. Aus Texten führt kein Fingerzeig hinaus; alles ist sprachlich zu leisten. Ein anfängliches Sprachlernen, das vergleichsweise behavioristisch geschieht, kann, wie Quine hervorhebt, nur demonstrieren, dass ein Kind Gegenstände unterscheidet, jedoch nicht, dass es auch Bezugnahmen versteht (vgl. Quine, Willard v. Orman, 1976, S.119). Quine ist freilich einseitig auf (Natur-)Wissenschaften ausgerichtet. Doch über Gegenstände zu sprechen, ich spreche im vorliegenden Kontext lieber über Sachen und Sachverhalte, ist weitaus komplizierter, als mit Lautfolgen und Fingerzeigen umzugehen.
Bezüge sind entstanden, sobald deutlich geworden ist, worüber gesprochen wird. Dies gilt für die Wissenschaften und die Philosophie ebenso wie für Poetiken. Die Mittel differieren, eine poetisch imaginäre Welt kann sich von einer empirischen unterscheiden, z.B. wenn Worte in ungewöhnlicher Weise genutzt werden; eventuell wird durch den Einsatz von poetischen Mitteln zunächst nur eine Oberfläche erfahrbar, doch dass diese erfahrbar wird, ist Resultat der Sprache. Ein logisches Kalkül kann hingegen ganz in sich ruhen, völlig bezugslos. Erst im Fall einer Integration von mathematisch logischen Verfahren in einen bezugshaften Kontext, bereits die theoretische Physik nutzt ein solches Vorgehen, werden Aussagen über etwas getroffen, wie z.B. in der allgemeinen Relativitätstheorie.
Der Weg von definiten Beschreibungen hin zu Kontexten, durch die erst Bezüge entstehen können, lässt die Frage aufwerfen, wie umfangreich diese sein müssen, damit derartiges geschehen kann. Eine Antwort auf die Frage hängt davon ab, was im jeweiligen Fall vorausgesetzt werden kann. Es eröffnet sich ein pragmatisches Problem, das allgemein gar nicht eingrenzbar und lösbar ist. Eine wissenschaftliche Hypothese kann das Wissen eines gesamten Fachs voraussetzen, Quine spricht in diesem Kontext von wissenschaftlichem Holismus (vgl. Quine, Willard v. Orman, 1995, S.18 ff.), doch damit nicht genug, manche Probleme lassen sich nur lösen, wenn man über Fächergrenzen hinausschaut. Dies geschieht ohnehin, doch nicht immer zum Vorteil: Die physikalisch orientierte Modellökonomie ist spätestens im Zuge der weltweiten Finanzkrisen ersichtlich an Grenzen gestoßen. Mit ihr lassen sich die Entwicklungen nicht erklären. Und eine pragmatisch durchaus verständliche Abschwächung der Krisen als Sonderfälle, um zu einer sogenannten Normalität zurückkehren zu können, macht fraglich, ob überhaupt ein Interesse an Wissenschaft besteht. Relevante Kontexte reichen aber noch viel weiter: Wissenschaften, Philosophie und Poetik setzen Sprache und ein sprachliches Differenzierungsvermögen voraus.
Quine spricht über Gegenstände, weil die Worte der Sprache überwiegend von Gegenständen handeln. Dies ist leicht nachzuvollziehen, berücksichtigt man die Menge an alltäglichen Dingen, mit denen Menschen umgehen und auf die man sich beziehen kann (vgl. Quine, Willard v. Orman, 1980, S. 17 ff.).
Es wäre aber zu kurz gefasst, lediglich alltägliche Dinge wie Schreibtisch und Kühlschrank zu berücksichtigen. Auch Abstaktes wie Zahlen, Attribute und Klassen spielen eine Rolle. Deshalb spricht Quine allgemein von einem Sprechen über Gegenstände (vgl. Quine, Willard v. Orman, 1975, S. 7 ff.).
Von menschlichen Sinnen erfasst werden biologischen Beobachtungen nach jedoch nicht Gegenstände, sondern Qualitäten wie Farben und Klänge (vgl. z.B. Maturana, Humberto R., 1985). Die menschliche Wahrnehmung entsteht erst im Gehirn.
Sprachlich ändert sich dadurch jedoch wenig: dass die menschliche Wahrnehmung von Wahrnehmungsbedingungen abhängig ist, haben bereits Hume und nach ihm auch Kant formuliert. Was außerhalb solcher Bedingungen liegt, ist unzugänglich. Dass zu diesen Bedingungen gehört, neuronal eine äußere Welt in komplexer Weise entstehen zu lassen, ändert zunächst nicht viel, philosophisch betrachtet. Die physiologisch entstehende Innen-Außen-Relation ist ein Produkt des Gehirns, gehört zu den Wahrnehmungsbedingungen. Was außerhalb dieser Bedingungen geschieht, bleibt weiterhin unzugänglich. Doch der biologische als auch neurologische Gewinn ist kaum zu unterschätzen.
Die philosophische Tradition bietet den Grund, weshalb ich eine Formulierung ‚Konstruktivismus‘ für die Philosophie ablehne, es sei denn, man verfolgt eine solipsistische Ausrichtung, in der eine Existenz von Außenwelt bestritten wird oder als erfunden gilt. Mit solchen solipsistischen Einschätzungen würde man sich jedoch außerhalb der Wahrnehmungsbedingungen bewegen. Dass bei Menschen etwas hineingelangt, dass Sinnesreizungen zu beobachten sind, lässt sich kaum leugnen. Und wenn sich ‚Erfindung‘ nicht mehr abgrenzen lässt, weil alles erfunden ist, dann sagt dies Wort nichts mehr aus. Ein solcher Überschwang wäre nicht zu rechtfertigen. Auf eine Diskussion dieser „Kognitionswissenschaft“ (vgl. Schmidt, Siegried, J., 1987, S.13) verzichte ich im vorliegenden Kontext.
Es ist philosophisch nicht unüblich, allgemein von Gegenständen der Wahrnehmung, der Erkenntnis oder der Erfahrung zu reden; Kant hatte dies in exzessiver Weise betrieben. Über Sachen und Sachverhalte zu sprechen, anstatt über Gegenstände, ist ein Resutat sprachlicher Erwägungen. Im Englischen, dessen bin ich mir bewusst, gibt es für diese Worte kaum adäquate Übersetzungen. ‚Sache‘ wird zumeist mit ‚thing‘ (Ding), ‚Sachverhalt‘ mit ‚facts‘ (Fakten, Tatbestand) übertragen. Der Grund ergab sich aus einer speziellen Einbeziehung der deutschen Umgangssprache: Worte ‚Sache‘ sind in dieser allgemeiner als Worte ‚Ding‘ oder ‚Gegenstand‘, die sich in der Regel auf abgrenzbare physikalische Gebilde wie Tisch und Stuhl beziehen können, weniger auf konzeptionelle Gegenstände, ob logische oder poetische. Darüberhinaus weist ‚Sachverhalt‘ auf eine, allerdings unbestimmte, komplexere Gestalt hin; dies kann bei Beschreibungen hilfreich sein.
Ist man bereit, zu den biologischen Wahrnehmungsbedingungen von Menschen auch die neuronal aufwendig produzierte Innen-Außen-Relation von zu zählen, ohne angeben zu können, was außerhalb dieser geschieht, sind Sachen als auch Sachverhalte nur innerhalb dieser Relation lokalisier- als auch erfassbar. Wie neuronale Prozesse in anderen Tieren vorgehen, ob dort Sinnesreize, wie sie die Biologen beobachten, anders verarbeitet werden, eventuell ohne Produktion einer aufwendigen Innen-Außen-Relation, die man scherzhaft als Heimkino beschreiben könnte, vermag ich nicht zu beurteilen, ist im Kontext dieser Studie jedoch auch nicht erforderlich.
Wie aber wäre eine Reizbedeutung von Worten unter den angeführten physiologischen Bedingungen aufzufassen, die Quine wie eine empirische Absicherung sprachlicher Bedeutungen und Übersetzungen einführt und als eine „Klasse aller Reizeinflüsse“ fasst (vgl. Quine, Willard v. Orman, 1980, S. 69)? Solange man Reizeinflüsse unter die physiologischen Wahrnehmungsbedingungen stellt, würde sich wenig ändern. Es wäre lediglich darauf hinzuweisen, dass zur Voraussetzung nicht nur Reize, sondern auch eine vergleichbare Reizverarbeitung verschiedener Menschen gehört, damit eine solche Absicherung überhaupt in Erwägung gezogen werden kann. Im experimentellen Beispiel, in dem der Reizbedeutung eine besondere Rolle zukommt, ein aufmerksamer Ethnologe herauszufinden sucht, worauf sich der Lautkomplex ‚Gavagai‘ von Einheimischen bezieht, dient letztlich dieselbe Reizbedeutung als Maßstab (vgl. ebd., S.70). Mit dieser formalen Fassung ist das Übersetzungsproblem jedoch nicht behoben. Quine führt Gründe an, weshalb dieser Behaviorismus scheitert: ob eine identische Reizbedeutung vorliegt, lässt sich im Kommunikationsprozess zwischen Ethnologe und Einheimischen nicht ermitteln, sogar eine Unbestimmtheit bleibt letztlich unzugänglich (vgl. ebd., S.137-147). Sein Urteil fällt in später entstandenen Schriften im Hinblick auf Übersetzungsvorgänge noch düsterer aus: „Es besteht noch nicht einmal Hoffnung, so etwas wie eine Kodifizierung der einschlägigen Prodzeduren erreichen zu können, um dann vielleicht durch Angabe eben dieser Manöver zu definieren, was als Übersetzung zu gelten habe.“ (Ders., 1995, S.67).
Konkret hat ein Forscher bei relevanten Reizen die Möglichkeit, ‚Gavgai?‘ zu fragen, die Einheimischen haben die Möglichkeiten, bejahendende oder verneindende Anworten zu geben. Fehlen relevante Reize, ist die Kommunikation gehemmt (vgl. ders., 1980, S.75). Ich sehe im Folgenden von Reizen als möglichen Hilfen ab, vor allem wegen ihrer allgemein mangelhaften Zugänglichkeit in sprachlichen Situationen, fragen lässt sich aber, wie Bedeutungen und Bezüge zusammenhängen.
Literatur
*Maturana, Humberto R., 1985, Erkennen. Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit, Braunschweig, Wiesbaden.
*Quine, Willard v. Orman, 1975, Das Sprechen über Gegenstände, in: Ontologische Relativität und andere Schriften, Stuttgart, S.7-40.
*Quine, Willard v. Orman, 1976, Die Wurzeln der Referenz, Frankfurt a.M.
*Quine, Willard v. Orman, 1980, Wort und Gegenstand, Stuttgart.
*Quine, Willard v. Orman, 1995, Unterwegs zur Wahrheit, Paderborn.
*Russel, Bertrand, 1905, On Denoting, in: Mind 14, S.479-493.
*Schmidt, Siegried, J., 1987, Der radikale Konstruktivismus: Ein neues Paradigma im interdisziplinären Diskurs, in: Der Diskurs des radikalen Konstruktivismus, hg. v. dems., Frankfurt a.M., S. 11-131.
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(1.4) Über etwas sprechen
Kripke richtete sich mit seinem Tauf-Ansatz gegen Bündel-Theorien von Bedeutungen, in denen Namen als Bedeutungen die sprachlich erfassten Eigenschaften ihrer Träger erhalten. Ohne auf seine Kritik einzugehen: Dass ein zeitgenössischer Name wie ‚Peter Müller‘ der Lautgestalt nach nichts Relevantes preisgibt, nichts bedeutet, wird rasch einsichtig sein. Um überhaupt an Bedeutungen zu kommen, verweist innerhalb von Bündel-Theorien ein Tragen eines Namens auf das Vorliegen eines Bezugs. Erst über einen solchen konstruierten Bezug kommt man innerhalb einer Bündel-Theorie überhaupt an Bedeutungen heran. Dieses Vorgehen kann man als ein empirisches Nachhelfen erläutern, Bezüge und Bedeutungen werden hineininterpretiert, die Besonderheit von Namen nicht beachtet.
Da aber Kripke im Rahmen seines Tauf-Ansatzes zumindest auf Bezüge angewiesen ist, kann auch sein Ansatz in Frage gestellt werden. Auch Kripke hätte, um zu erläutern, auf welchen Peter (oder welche Margaret, um ein Beispiel anzuführen, das Kripke nutzt) er sich bezieht, Eigenschaften, Umstände anzuführen, auch wenn er diese Erläuterungen nicht als Bedeutungen, sondern als Erläuterungen der Referenz, des Bezugs ausweist (vgl. Kripke, Saul, 2014, S.123). Würde man nun Fragen, was sprachliche Bedeutungen in relevanten konkreten Fällen anderes sein könnten als Erläuterungen von Bezügen, fiele mir nichts ein. Kripke fügt den Bündel-Theorien lediglich den Tauf-Ansatz hinzu, ohne dies explizit zu machen.
Die Besonderheit von Namen wie ‚Peter Müller‘ ist, dass sie gar nicht der Sprache angehören, auch wenn die Ausdrücke aus der Sprache stammen, sondern einem Verhalten. Auch ein Hund könnte, würde man ihn darauf abrichten, auf ‚Peter Müller‘ hören, ohne Kenntnisse über menschliche Sprache zu haben. Ein menschliches Namengeben ist im Hinblick auf Lebewesen, die damit etwas anfangen können, derart rudimentär, dass sich eine Frage nach Sprache gar nicht stellt. Dennoch lassen sich Namen so nutzen, als hätten sie Bezug. In einem solchen Fall würde sich jedoch auch die Frage nach sprachlicher Bedeutung stellen, die der jeweilige Name als solcher nicht hat, auch wenn sich historisch linguistische Forschungen anstellen ließen. - Ob die Ergebnisse solcher Forschungen Auskünfte über einen Namensträger geben könnten, wäre jedoch allenfalls familiengeschichtlich nicht unerheblich, oder im Kontext von Belletristik, in der Namen mehr oder weniger indirekt als Beschreibungen der Träger fungieren können. -
Erkennbar werden kann, dass sprachliche Bedeutungen und Bezüge voneinander abhängig sind. Für ein Namengeben im Hinblick auf Lebewesen reicht hingegen ein Abrichten vollkommen aus, es entstehen sogar Schwierigkeiten, wollte man Bedeutungen und / oder Bezüge ermitteln, Probleme, die erst aus der Sprache entstehen, sich innerhalb von bloßem Verhalten aber gar nicht stellen.
Sprachliche Bedeutungen, darauf sei noch separat hingewiesen, haben mit umgangssprachlich veranschlagbaren Bedeutung von Sachen oder Sachverhalten, zu denen auch ein Verhalten zählen kann, nichts zu tun, für die man besser Worte wie ‚Relevanz‘ nutzen könnte. Ein Namengeben, um die spezielle Relevanz hervorzuheben, ermöglicht vor allem, jemanden anzusprechen.
Die Abhängigkeit von Bedeutungen und Bezügen ist eine sprachliche Besonderheit, die es erlaubt, in Erfahrung zu bringen, worüber jemand spricht oder sprechen könnte. Den Ausgang bei einem Verstehen bilden häufig die Bedeutungen, würde dennoch unklar bleiben, worüber gesprochen wird, wären alle Anstrengungen umsonst gewesen.
Die Sachen bzw. Sachverhalte, auf die Bezug genommen und über die etwas ausgesagt wird, sind sprachlich von Relevanz. Auf sie ließe sich nicht verzichten, auch wenn man der Ansicht ist, dass sie erkenntnistheoretisch nur Produkte des Gehirns sind. Niemand hat die Chance, außerhalb solcher präsentierten Wirklichkeitszeiträume zu stehen, es bliebe lediglich die Möglichkeit, sich auf diese einzulassen. Würde man sich hingegen weigern, wie dies z.B. Glasersfeld als radikaler Konstruktivist tat (vgl. Glasersfeld, v., Ernst, 1987), blieben lediglich Bedeutungen und Kommunikation übrig. Die wichtigste Funktion von Sprache würde verlorengehen: über etwas sprechen und gegebenenfalls über etwas schreiben, etwas erkennen zu können, auch wenn dies nur innerhalb der Erkenntnisbedingungen möglich ist. Alternativ ließe sich allenfalls über wahrgenommene Qualitäten (Farben, Klänge usw.) sprechen, doch dafür liegt (a) keine Sprache vor, (b) müsste das Hirn zumindest partiell abgeschaltet werden.
Die Differenz von Sprache und dem, worauf Bezug genommen wird, lässt sich auch nicht einfach unterlaufen. Einige analytisch geschulte Theoretiker (wie z.B. Goodman, Kripke) erläutern ‚Bezug‘ mit Formulierungen wie ‚für etwas stehen‘. Doch genau dies ist unmöglich: Ob Zeichen, Symbole, Namen oder Worte, nichts davon kann für Sachen oder Sachverhalte stehen, sie gegebenfalls ersetzen. Dazu bedürfte es einer Zauberei, in der z.B. Stoffpuppen mit Nadeln bestochen werden, die für jemanden stehen, dem nicht nur alles Schlechte gewünscht wird, dieser Wunsch wird mit einer analogen Handlung nachdrücklich bestärkt! Die Formulierung ‚für etwas stehen‘ gehört zu den missverständlichsten Erläuterungen, die sich mit Bezug auf sprachliche Bezüge geben lassen.
Alle möglichen Hindernisse sind aber längst nicht ausgeräumt, noch wären sie zu beseitigen: eine Sprache ist kein System, sondern ein Sammelsurium von Worten, semantischen und syntaktischen Konventionen als auch Kreationen; letztere verweisen z.B. auf Jugendsprachen, Fachsprachen, Belletristik oder Politik, in denen auch sprachbildende Prozesse zum Alltag gehören. Umgangssprachlich sind besonders Metaphernbildungen zu berücksichtigen, zu den neueren gehören z.B. ‚Evolution‘ (vgl. Matern, Reinhard, 2014). Ich kenne niemanden, dem ich einen Gesamtüberblick über das gesellschaftliche bzw. sprachgemeinschaftlich Tun auch nur in einer Sprache ansatzweise zutrauen würde. Auseinandersetzungen und Gruppenbildungen sind unausweichlich. Sie reichen bis zu Abschottungen, die speziell in der analytischen Philosophie dazu führten, sich primär mit wissenschaftsrelevanten Fragen auseinanderzusetzen, weil genau jene von Konstruktivisten in der Theorie präferierte Kommunikation allgemein fast nicht oder nur sehr, sehr eingeschränkt möglich ist.
Innergesellschaftlich ist man darauf angewiesen, sich unterschiedliche sprachliche Ausprägungen anzueignen, um den verschiedenen Situationen gewachsen zu sein, in die man geraten kann, ob im Zusammenhang mit ‚Sprache‘, ‚Evolution‘, ‚Kultur‘ oder ‚Natur‘. Es wäre überhaupt nicht verwunderlich, gesellschaftliche Bereiche ausfindig zu machen, in denen Zuhörern kaum mehr als ein Kopfschütteln bleibt.
Es hat innerhalb der vergangenen Jahrzehnte im deutschsprachigen Raum Wissenschaftler und Philosophen gegeben, die nicht über ein Thema sprachen, sondern etwas zu einem Thema zu sagen hatten. Der Unterschied lässt sich klarer erkennen, wenn man beispielhaft konkret wird: nicht über ein Klavier wurde gesprochen, sondern zu einem Klavier. Auf eine persönliche Ansprache („Mein liebes Klavier, wie du vielleicht ahnst …“) wurde zwar verzichtet, Ansprechpartner blieben in der Regel Kollegen, aber in die Sprache war eine Herrschaftsannahme geraten, die über Soziales durchaus diskutierbar wäre, im Hinblick auf sprachliche Eigenschaften jedoch unangemessen war und ist. Eine neuerliche Vermischung von sprachlichen und sozialen Relation ist in den Schriften von Derrida und seinen Nachfolgern (vgl. z.B. Culler, Jonathan, 1999) auszumachen. Um es zu betonen: Sprache tut der Wirklichkeit nichts an, sie kann unzureichend sein, in Einzelfällen, sogar in vielen, bezieht man umgangssprachliche Phrasen wie ‚Evolution‘, ‚Kultur‘ oder ‚Natur‘ ein, unangemessen, Sprache kann auch einen Einfluss darauf haben, was von Menschen überhaupt in Erwägung gezogen wird, dennoch wären sprachliche und soziale Relationen zu differenzieren. Eine Vermischung verweist auf eine mangelhafte Unterscheidung von Sprache und Sachen bzw. Sachverhalten. Ein sprachliches und ein soziales ‚Über‘ sind also auseinanderzuhalten, obgleich die Wortlaute identisch sind.
Literatur
*Culler, Jonathan, 1999, Dekonstruktion, Reinbek b. Hamburg.
*Glasersfeld, v., Ernst, 1987, Wissen, Sprache und Wirklichkeit, Braunschweig / Wiesbaden.
*Kripke, Saul, 2014, Name und Notwendigkeit, Frankfurt a.M.
*Matern, Reinhard, 2014, Evolution und Vergeblichkeit, in: ders., Wie wärs mit einer Revolution? Duisburg (eBook, ePub).
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(1.5) Wirklichkeit und sprachliche Angemessenheit
Luhmann hatte einen allgemeinen Systembegriff entwickelt, der lediglich Sinn voraussetzt, Bedeutung, irgendeine Ordnung (vgl. Luhmann, 1987). In diesem Kontext wäre auch ein Sammelsurium eine Ordnung, die sich hinsichtlich von Funktionszusammenhängen analysieren ließe.
Doch die Vokabeln ‚Sinn‘ und ‚Bedeutung‘ ließen sich allgemein gar nicht verstehen, berücksichtigte man den einfachen Unterschied von Sprache und Sachen bzw. Sachverhalten. Würde man sich hingegen auf Sachen und Sachverhalte beschränken, könnte allenfalls von ‚Relevanz‘ die Rede sein, ohne dass klar werden könnte, in welcher Weise. ‚Ordnung‘ wird (a) zunächst derart weit gefasst, dass der Begriff nichts aussagt, (b) dann aber spezifisch, im Kontext von zu ermittelnden Funktionszusammenhängen. Der von Luhmann präsentierte Systembegriff bietet nicht mehr als eine umgangssprachliche Herangehensweise, die alles andere als hilfreich ist, aber im Hinblick auf den Begriff ‚Ordnung‘ ein primär bürokratisches Anliegen kenntlich machen könnte. Das von mir anführte Sammelsurium ist hingegen ein Resultat historischer Prozesse, von Prozessen, die von unterschiedlichen Gruppen und Individuen geprägt wurden. Diese historische Perspektive vermeidet eine quasi-ontologische Fundierung, die aus ahistorischer Sicht erforderlich zu sein scheint, um überhaupt einen Anfang der Diskussion setzen zu können. Es bleibt nach meinem Ermessen kaum anderes übrig, als sich auf ein Abenteuer einzulassen, das ein historisch entstandenes Sammelsurium bieten kann.
Sprachlich macht es kaum einen Unterschied, ob ein historisch entstandenes Sammelsurium einer Wirklichkeit - im Rahmen menschlicher Erkenntnisbedingungen -, oder einer unabhängigen Realität zugerechnet wird. Die nutzbaren Worte für Beschreibung, Differenzierung und Analyse wären gleich. Erst im Kontext einiger methodischer Begriffe wie ‚Objektivität‘ und einer erkenntnistheoretischen Interpretation von historischen Ergebnissen würde der Unterschied auffallen können.
Weil methodische Erwägungen auch in dieser Arbeit von Relevanz sind, gebe ich einige Anmerkungen: Mir, so muss ich gestehen, bleibt eine Realität, die außerhalb meiner Erkenntnisbedingungen liegt, unzugänglich. Diese Bedingungen umfassen mehr als lediglich biologische, auch sprachliche und soziale, die historisch eingebettet sind. Die alte Frage nach Objektivität, in Abgrenzung zu Subjektivität, würde sich mir gar nicht stellen können, weil sie besonders auf historische Bedingungen keine hinreichende Rücksicht nimmt. Ich kann im vorliegenden Kontext lediglich nach sprachlicher Angemessenheit fragen, im Hinblick auf Bedeutung und Bezug - und, davon war bislang noch nicht die Rede, dies wird innerhalb der Studie aber erforderlich sein, auf sprachliches Verhalten. Eine allgemein reproduzierbare Methode lässt sich auf diese Weise nicht entwickeln, es lassen sich nur konkrete Fälle kontextabhängig behandeln.
Die Grenzen menschlicher Erkenntnis lassen sich erweitern, z.B. durch Messinstrumente und -verfahren, oder / und durch sprachliche Differenzierungen, die Unterschiede merklich machen können, einen größeren Detailreichtum erfassen helfen, oder Differenzierungen als unangemessene verwerfen. Doch Grenzen bleiben, sie lassen sich allenfalls verschieben. Ein Beispiel der Begrenztheit bietet aktuell die Physik. Die hypothetisch angenommene, im Kosmos nur indirekt bemerkbare dunkle Materie, ist etwas völlig Unbekanntes. Sie wurde als ‚dunkel‘ beschrieben, nicht weil sie dunkel wäre, entfernt vergleichbar mit einer düsteren Gewitterwolke, sondern aus Verlegenheit. Die dunkle Materie reflektiert kein Licht, es scheint durch sie hindurch, bleibt für menschliche Sinne und von Menschen gefertigte Instrumente unsichtbar. Eine Annahme einer solchen Materie wurde gemacht, weil sich messbare Gravitationskräfte im Rahmen des kosmologischen Standardmodells nicht erläutern ließen; das Standardmodell umfasst u.a. die allgemeinen Relativitätstheorie, die Annahmen über Gravitation enthält. Unzureichend kann allerdings auch das bisherige Standardmodell sein. (Vgl. Bührke, Thomas, 2012.) Unabhängig davon, wie sich die entstandenen Irritationen auflösen lassen, falls sie sich auflösen lassen, welche Annahmen und Bezüge nicht bloß mögliche bleiben, die physikalische Sicht auf den Kosmos wird sich verändern. Berücksichtigt man jedoch, wie lange über die sonderbaren Gravitationskräfte geforscht wird, bereits in den Dreißiger Jahren des 20. Jhds. fielen dem Schweizer Astronom Fritz Zwicky unerklärbare Bewegungen im Kosmos auf (vgl. Lindner, Manfred; Marrodán Undagoitia, Teresa; Schwetz-Mangold, Thomas; Simgen, Hardy, 2014), wird ersichtlich, welche historischen Ausmaße eine Ungewissheit erlangen kann, die bis in die Grundlagen reicht.
Vielleicht klingt es manchem verrückt, mich sprachlich auf Erzeugnisse meines Gehirns beziehen zu müsse, die als solche anderen nicht zugänglich sind, und nach Angemessenheit zu fragen. Dieser vergleichsweise autistische Vorgang kann jedoch in jedem Menschen geschehen. Hinzukommt, dass ich diese Erzeugnisse nicht konstruiere, nur wenig direkten Einfluss darauf habe, was mir mein Gehirn präsentiert. Dieses Gehirn nutzt vor allem entstandene Routinen, die sich im Hinblick auf neue Sitationen auch als angesammelte Vorurteile interpretieren ließen. Nach sprachlicher Angemessenheit zu fragen, gönnt dem Automatismus eine Pause. Doch auch diese Frage und die bisherigen Antworten können in einen Automatismus gelangen, der auf relevante Bedingungen und Details keine Rücksicht mehr nimmt. Sicherheit in Erkenntnisprozessen zu erlangen, wäre etwas anderes. Es würde auch nicht ausreichen, auf Zustimmung zu hoffen. Die beschriebene Unsicherheit gälte für alle Ansprechbaren gleichermaßen. Doch obwohl keine Sicherheit erlangbar, meine Freiheit unter Einbezug aktiver Hirnroutinen beschränkt ist, eröffnet sich eine Möglichkeit zur Autonomie (vgl. Roth, Gerhard, 2001, S. 427 ff.).
Literatur
*Bührke, Thomas, 2012, Die Jagd nach dem Unsichtbaren, in: Max Plank Forschung, 4/2012, S. 34-41.
*Lindner, Manfred; Marrodán Undagoitia, Teresa; Schwetz-Mangold, Thomas; Simgen, Hardy, 2014, Dunkle Materie - Dark matter, Forschungsbericht 2014 - Max-Planck-Institut für Kernphysik, Heidelberg.
*Luhmann, Niklas, 1987, Soziale Systeme: Grundriss einer allgemeinen Theorie, Frankfurt am Main.
*Roth, Gerhard, 2001, Denken, Fühlen, Handeln, Frankfurt a.M.
Sonntag, 21. September 2014
Über Kunst oder Künste?
I
Die Frage des Essays lautet, ob allgemein über Kunst gesprochen werden kann, oder ob man sich mit einer Sammlung, mit Künsten zufriedengeben muss, die ein einheitliches Vorgehen nicht erlauben. Einbezogen werden Theorien, die von Bense, von Gustaffson und von Goodman stammen. Die ersten beiden Theorien sind explizit zeichentheoretisch ausgerichtet, die ditte symboltheoretisch. Eine Lösung des Problems bietet keine der aufgegriffenen Erläuterungen, aber die Schwierigkeiten verfolgen zu können, ist eventuell schon ein Gewinn.
Bense hat in den Sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts einen kommunikationswissenschaftlichen Ansatz über Kunst vorgelegt. Sein Beitrag ist ein Dokument einer theoretischen Umorientierung. Adornos oft diskutierte „Ästhetische Theorie“ (Adorno, Th. W., 1973) ist der hegelschen Philosophie verpflichtet; Bense findet einen Ansatz unter Berücksichtigung der mathematischen Informationstheorie (vgl. Bense, M., 1979, S.332). Die knappe Anführung von Adornos Theorie hat einen weiteren Grund. Benses Theorie wird ebenfalls als ästhetische ausgegeben, ist betitelt mit „Ästhetische Kommunikation“.
Grundlage von Benses Ansatz sind seine Aussagen über Zeichen, aus denen Informationen gebildet werden: „Alle zur Herstellung eines Kunstwerks verwendeten Elemente wie Töne, Farben, Wörter, Kontraste, Linien, Formen, Modulationen usw. sind als ‚Zeichen‘ zu verstehen.“ (Ebd., S.335.) Es handelt sich um die physikalischen Zustände von Kunstwerken (vgl. ebd., S.334).
Als zweite Klasse von Zuständen führt Bense konventionelle semantische an; diese werden von den physikalischen realisiert (vgl. ebd.). In dem Fall sprachlicher Kunstwerke bedeuten Laute Wörter, letztere beziehen sich auf Dinge (vgl. ebd.), wobei unklar bleibt, was unter Bezug verstanden wird. Allgemein differenziert Bense in drei Realisierungsfunktionen: der „repräsentierenden (abbildenden), präsentierenden (zeigenden) und konstruktiven (aufbauenden)“ (vgl. ebd., S.336).
Drittens führt er ästhetische Zustände an, die sich sowohl auf physikalische als auch auf semantische beziehen können (vgl. ebd., S.334). Bense kreiert weitere Diktionen: ästhetische Zustände werden durch physikalische und semantische getragen oder durch diese konstituiert; physikalische Zustände liegen stets vor, nicht immer relevante semantische wie bei einigen modernen Kunstwerken (vgl. ebd., S.333, 334). Ein möglicher ästhetischer Zustand wäre beispielsweise die Schönheit eines Kunstwerkes (vgl. ebd., S.333).
Es kann die Frage aufkommen, ob einige moderne Kunstwerke, die keine Bedeutungen, keine semantischen Zustände haben, dennoch aus physikalischen Zeichen bestehen? Der allgemein kommunikationswissenschaftliche Ansatz steht oder fällt mit der Antwort. Bense lässt die „gesamte kommunikative Seite der Kunst (...) durch die semiotische Möglichkeit ihrer Elemente“ garantieren (vgl. ebd., S.336). Das Wort Möglichkeit ist jedoch unangemessen gewählt: entweder gibt es Kunstwerke, bei denen semantische Zustände ohne Relevanz sind, dann ist auch die Möglichkeit, semantische Zustände zu bilden, ohne allgemeine Relevanz, oder es gibt Kunstwerke, die zwar den Künstlern nach keine, aber dem Kunsttheoretiker nach semantische Zustände haben. Wendet man sich den semiotischen Möglichkeiten zu, Bense differenziert in die Funktionen Repräsentation, Präsentation und Konstruktion, dann ist nicht erkennbar, dass z.B. Sprache miterfasst wird. Bense erläutert das Wort Repräsentation mit dem Wort Abbildung. Worte bilden aber, allgemein gesehen, nichts ab. Zwar können Worte z.B. in Form eines Kreuzes angeordnet werden, eventuell ist auch eindeutig, um was für einen konkreten Gegenstand es sich handelt, damit von Abbildung die Rede sein kann, doch in Bezug auf Sprache ist diese grafische Funktion unerheblich. Es gibt eine zweite Möglichkeit von Abbildungen. Auf die grafische Funktion kann verzichtet werden, allein die Frage, ob Isomorphie vorliege, Ein-Eindeutigkeit, wäre dann noch von Relevanz. Ist in Bezug auf Kunstwerke eine ein-eindeutige Relation von Worten zu Gegenständen gegeben, gleichgültig ob es sich um empirische, imaginäre, traumatische oder metaphysische Gegenstände handelt? Eine inständige Beteuerung dessen würde nicht ausreichen, auch nicht eine mehr oder weniger wahrscheinliche Einschätzung eines Kritikers. Wer könnte z.B. in Bezug auf Gedichte von Trakl isomorphe Strukturen belegen?
Sieht man von der Erläuterung ‚Abbildung‘ ab, ist zu fragen, was vom Wort Repräsentation zu halten ist. Kann ein Wort einen Gegenstand repräsentieren, für diesen stehen, kann ein Wort z.B. eine Person, in welcher Weise auch immer, ersetzten? Worte präsentieren auch nichts Außersprachliches, zeigen nichts, stellen nichts dar, was jenseits von Sprache liegt. Nur ein verschwindend kleiner Prozentsatz von Formulierungen könnte eventuell aufgrund von Lautstrukturen als nachahmende Darstellungen von Gegenständlichem dienen. Dass besonders Gedichte zu relevanten Äußerungen verleiten können, ließe sich mit der Angabe von Stimulationen aufgrund der Wortwahl und mit Imaginationen von Lesern erklären. Worte stehen zu Gegenständen in keinem relevanten Verhältnis, es sei denn man versteht unter der Bezeichnung Semantik Bildliches, das Lesern innerlich erscheint bzw. hochkommt. Die konstruktive Funktion ließe sich in ähnlicher Weise interpretieren.
Bense öffnet tatsächlich die Erlebniswelt und führt sogar eine veränderte Diktion ein: „Die Entstehung dessen, was wir in der künstlerischen Produktion ein ‚Bild‘ oder einen ‚Text’ (...) nennen, ist in jedem Fall an die Möglichkeit gebunden, physikalische Ordnungen materialer ‚Signale‘ als ästhetische Ordnungen immaterieller ‚Zeichen‘ einzuführen.“ (Ebd.) Dieser Formulierung nach besteht die Semantik aus mentalen Zeichen; Worte, Farben, Töne usw., also die Bestandteile von Kunstwerken, fungieren als Signale. Nicht mehr die Kunstwerke sind, das innere Erleben vor diesen steht jetzt Zentrum der kommunikativen Funktion von Kunst. Die Kunstwerke dienen nur noch der Artikulation von innerlich Erlebtem.
Kunstwissenschaftlich ist das private Erleben des Forschers freilich ohne Belang. Eine allgemeine Theorie über Erleben vor, eventuell Erleben von Kunst dürfte in den Bereich kunstpsychologischer Erörterungen fallen. Anhand seiner kommunikativ semantischen Realisierungsfunktionen, der Repräsentation (Abbildung), der Präsentation (Zeigen), der Konstruktion (Aufbau) ist bemerkenswert, dass besonders Sprache keinerlei relevante Berücksichtigung erfährt. Ausdehnen ließe sich die Kritik mit der Erörterung des fehlenden Bezugs auf Musik. Was wäre, sieht man von Programmusik ab, als Abgebildetes, als Gezeigtes, als Konstruiertes semantisch in den Musikwissenschaften von Belang, was nicht die Musik selber wäre? Hat z.B. eine musikalische Reihe und ihr Krebs eine Reihe und ihr Krebs zu bedeuten, damit klar wird, sie eine Reihe und ihr Krebs ist? In Bezug auf darstellende Künste wären Worte wie abbilden, zeigen und konstruieren vielleicht eher angebracht, wenngleich äußerst selektiv, zudem: kaum in der kommunikativ mentalistischen Variante von Bense.
An dieser Stelle ist es möglich den Begriff ‚ästhetische Information‘ anzuführen, der die Grundlage für die Probleme bildet. Die Abbildungsfunktion ist eine ästhetische Information und zwar eine Information eines Kunstwerkes wie auch eine über ein Kunstwerk, also die eines Betrachters. Von hier aus lassen sich innere Erlebniswelt und äußere Gegenstandswelt, soweit es sich um ästhetische Informationen handelt, nicht mehr differenzieren. Ähnliches trifft auf Gegenstand und Wort zu: als Information des Gegenstandes und als eine des Erlebenden bleibt eine Differenzierung weitgehend unberücksichtigt.
II
Gustafsson, schwedischer Schriftsteller, hat in seiner Habilitation einen analytischen Ansatz vorgelegt, der zugleich ein allgemein zeichentheoretischer ist. Doch gibt dieser ihm die Möglichkeit, auch auf Kunstgegenstände Bezug zu nehmen? Wenn Gustafssons Ansatz, er selber spricht von „Vorarbeiten“ (Gustaffson, L., 1980, S. 241ff.), die Grundlage für eine allgemeine Zeichentheorie bildet, dann hätte man eventuell auch eine theoretische Basis, um allgemein über Kunst sprechen zu können.
Konträr zu Bense, der seine Theorie im Rahmen einer Kommunikationswissenschaft vorstellt, seine Theorie als wissenschaftliche verstanden wissen will, nimmt der Schriftsteller Gustafsson seine Resultate zurück: seine Aussagen liegen zwar im Bereich wissenschaftlicher Philosophie, sind als Vorarbeiten jedoch mit Vorsicht zu genießen. Für diese müssen freilich die selben Kriterien gelten, wie für eine ausführlich entwickelte Theorie.
Gustafsson untersucht verschiedene Repräsentationen, Abbildungen, so die eingesteckten Steinchen eines Jungen in Relation zu passierten Fahrzeugen, den Streckenfahrplan einer U-Bahn in Relation zum Streckennetz, Bilder von Rembrandt und Delacroix. Er kommt zu dem Resultat, dass es verschiedene Abbildungen geben kann, isomorphe (ein-eindeutige) wie im Fall der Steinchen und Fahrzeuge und im Fall des Streckenfahrplans, oder, wie im Fall der Kunstwerke, eine komplexere Regel. Wichtig sei, dass man die jeweilige Regel finde, mit der abgebildet werde. Generell ist Gustafsson der Ansicht, dass Elemente der Wirklichkeit abgebildet werden (vgl. ebd., S.241-243). In Bezug auf Steinchen/Fahrzeuge und Plan/Strecke ließe sich eine solche Auffassung vertreten, wie sieht es aber in den Fällen von Kunstwerken aus?
Im Fall eines Bildes von Delacroix fällt das Wort „nachahmen“ (vgl. ebd., S.243). Es wird vorausgesetzt, dass etwas sei, etwas Bestimmtes, das abgebildet wird. Nichts wird hinzugefügt, was keine Entsprechung hätte. Der Hilfsgegenstand dient nicht zur Inspiration, lediglich als Vorlage. Freilich nur dann, wenn die Regel von dem Nachahmer konsequent verfolgt wird, wie Gustafsson voraussetzt (vgl. ebd., S.242). Wäre es im Hinblick auf eine Nachahmung angemessen, wenn man z.B. erläuterte, dass zwar alle Gesichtsteile eines bestimmten Mannes in einem Bild dargestellt würden, die gemalte Warze aber eine Darstellung eines Gegenstandes ist, der einer Frau zugehört, die während des Malvorganges nicht anwesend war? Wie verhielte es sich, wenn eine Zuordnung der gemalten Warze konkret nicht möglich wäre, wenn nicht klar wäre, dass ein Gegenstand der Empirie zur Darstellung gelangt ist?
Die Steinchen, die Zeichen des Jungen bilden situationsbedingt ein-eindeutig passierte Fahrzeuge ab: ein Fahrzeug / ein Steinchen, eine der Taschen / vormittags. Gustafsson beschreibt mit dieser Abbildungsregel zugleich eine Relation der Zeichen zur Wirklichkeit. In den Fällen der Kunstwerke sei es komplexer, würden seiner allgemeinen Fassung nach Elemente in eine andere hinein abgebildet (vgl. ebd., S.242/ 243). Diese allgemeine Beschreibung von Malvorgängen mit verschiedenen Farb- und Materialschichten ist als Beschreibung einer Relation zur Wirklichkeit jedoch unerheblich, weil diese Schichten kaum differenzierbar sind, im Unterschied zu den verschiedenen Taschen; aus diesem Kontext ließe sich aber indirekt entnehmen, dass auch bei Gemälden grundsätzlich eine ein-eindeutige Abbildung vorausgesetzt wird. Gustafsson übersieht, dass Gemälde vielfach auf die Verschmelzung von verschiedenen Schichten ausgerichtet sind, nicht auf deren Betonung.
Die Erörterungen von nicht-sprachlichen Abbildungen nehmen in Gustafssons Untersuchung jedoch einen geringen Umfang ein, diese bleiben zudem relativ oberflächlich. Primär analysiert er sprachliche Vorkommnisse. Für die Beurteilung seiner Theorie ist die Diskussion über nicht sprachliche Abbildungen, die oben geführt wurde, allerdings erforderlich.
Die folgende Beschäftigung mit seinen Aussagen über Sprache betrifft sowohl verschiedene Ausrichtungen innerhalb der Philosophie, wissenschaftlich orientierte und andere, als auch Belletristik. Inwieweit auf Umgangssprachen Bezug genommen wird, bleibt offen. Gustafsson greift auf die Sprachphilosophie vom jungen Wittgenstein, auf den „Tractatus logico-philosophicus“ zurück, allerdings nur in einem äußerst begrenzten Umfang (vgl. Gustafsson, L., 1980, S.248ff.). Zum Verständnis der hier relevanten Aussagen muss auf Wittgensteins Theorie nicht dezidiert eingegangen werden. Die Annahme isomorpher Strukturen in Bezug auf Sprache und Empirie ist dann möglich, wenn es sich um Sprachen handelt, die eindeutig sind. So kann es beispielsweise in deskriptiven Statistiken Ein-Eindeutigkeit geben. Die erste Frage, die sich stellt, ist: wie verhält es sich mit nicht exakten, wenngleich hoch differenzierten belletristischen Sprachen? Gustafsson führt in Bezug auf Schriften von Nietzsche eine heranziehbare Diskussion.
Von ihm angeführte Argumente sprechen gegen isomorphe Strukturen. „Wenn man mit Unbestimmtheit die normale Unbestimmtheit meint (...), dann dürfte man bei Nietzsche keine Schwierigkeit haben, unbestimmte Sätze zu finden.“ (Ebd., S.41.) Für seine Theorie findet er hingegen nur Ausflüchte, ohne diese angemessen zu bezeichnen. So rettet er sich vordergründig mit der Ansicht, dass die Situation auch auf die übrigen Philosophen des 19. Jahrhunderts zuträfe (vgl. ebd.). Was würde sich ändern, wenn seine Einschätzung richtig wäre? Auch wenn man, wie er in einem Extremfall vorschlägt, Dichtungen von Mallarmé Realdefinitionen zur Seite stellt (vgl. ebd.), was wäre durch solche Hypothesen gewonnen?
Im Kontext von Gedichten des Spätromantikers fällt auf, dass Gustafssons Wort Wirklichkeit einen umfangreicheren Bezug haben muss, als zunächst angenommen wurde. Eventuell führt die folgende Diskussion noch zu einer Klärung. Kunstwerke von Nachahmern, wie z.B. die Bilder von Rembrandt und Delacroix innerhalb Gustafssons Theorie, decken nur einen kleinen Bereich ab. Für eine Theorie, die z.B. auch Kandinskys informelle Malerei erfasst, werden andere Angaben benötigt. Relevante Aussagen findet man im Rahmen der Sprachphilosophie. Die Frage lautet: was wird abgebildet? Gustafsson antwortet mit den Worten Struktur, Ordnung und Relationen (vgl. ebd., S.247/248). Doch welche könnten als Abgebildete in Frage kommen?
So als ob Gustaffson ein Rückzugsgefecht einleitet, wechselt er von Abbildungen hin zu Konstruktionen. Sätze werden nicht als Abbildungen in Relation zur Wirklichkeit gestellt, sondern sie werden konstruiert. Als Grundlage dient: „die Struktur des Satzes und die Struktur der Welt ist immer dieselbe.“ (Ebd., S.261.) Im Hinblick auf Konstruktionen geht er noch einen Schritt weiter. Nicht nur Sätze werden konstruiert, sondern auch die Welt: „Wir selber strukturieren die Welt, wenn wir verschiedenfarbige Steine in unserer rechten oder linken Hosentasche sammeln“ (ebd.) Doch genau dies ist unmöglich: so können Gegenstände eines Zimmers, die man umräumt, relational strukturiert, auch umstrukturiert werden, nicht aber Fahrzeuge durch Zeichen, z.B. durch Steine wie im Fall des Jungen. Die Welt würde bleiben wie sie war.
Das krampfhafte Festhalten an Isomorphie hängt vielleicht damit zusammen, dass die Struktur unabhängig von Sprache und Welt vorkommt, als Substanz: „die Struktur des Satzes und die Struktur der Welt ist immer dieselbe. Nie existiert mehr als ein Exemplar von einer Struktur; das, wovon mehrere Exemplare existieren, sind ihre Erscheinungsformen“ (Ebd.) Die Substanz wäre ein metaphysisches Etwas, das sich Gustafsson in Sprache und Welt.
III
In Goodmans Ansatz ist über Zeichen kaum etwas zu erfahren. Er spricht über Symbole, die für etwas stehen und auf diese Weise Bezug nehmen. Die Schwierigkeit ist, rauszubekommen, was damit ausgesagt wird, denn dieses ‘Für-etwas-stehen’, das ein Symbolisieren ausmache, verbindet zwei völlig verschiedene Bereiche auf geheimnisvolle Weise miteinander. Der Präsident einer menschlichen Gemeinschaft, sei es auch nur der eines lokalen Kunstvereins, kann aufgrund seines Amtes für die Mitglieder sprechen, auch wenn er ausgepfiffen wird, doch Svmbole einerseits und Symbolisiertes andererseits gehören zu unterschiedlichen Bereichen. Es wäre z.B. lächerlich, anstatt den Präsidenten auftreten zu lassen, ein Bild von ihm auf der Bühne zu platzieren. Dass Talmi im Eingangsessay Goodmans symboltheoretisches Hauptwerk (vgl. Goodmann, N., 1998) erst gar nicht einbezieht, ist vielleicht diesem besonderen Umstand zu verdanken.
Die Lösungen, die Goodman anbietet, sind nicht weniger kurios als die bisher behandelten. Worte Symbol geben ihm – im Vergleich – mehr Möglichkeiten an die Hand, Bezüge zu beanspruchen. Der Bauplan eines Gebäudes würde das Gebäude symbolisieren, eine Notation eine Aufführung. In beiden Fällen handelt es sich jedoch um konzeptionelle Gestaltungen. Bei der Anfertigung eines Konzeptes auf etwas als Bezug zu verweisen, das eventuell in der Zukunft liegt, unter Umständen gar nicht eintreten wird, weitet Bezugnahmen unangemessen aus. Immerhin gibt Goodman aber die Möglichkeit frei, dass kein Bezug vorliegt, wie bei einem Bild, das ein Einhorn zeigt.
Er bleibt jedoch keineswegs eindeutig: „Wer (...) nach einer Kunst ohne Symbol Ausschau hält, wird keine finden“ (ders., 1990, S.86). Auch ein emotionaler Audruck kann Symbol sein. Ein Kunstwerk enthält den Ausdruck von Trauer durch eine symbolische Metapher, die sich auf etwas bezieht, auf das auch ein Wort traurig verweisen würde (vgl. ders., 1998, S.87f.). Die Schwierigkeit, die sich eröffnet, ist leicht beschrieben: ein künstlerischer Audruck ist i.d.R. viel präziser, als es ein kontextloses Wort traurig sein kann. Die Bezugsmöglichkeiten eines Wort traurig wären zu umfangreich, um als Hilfe oder Erläuterung zu dienen. Und wenn schließlich ein Symbol in der Not, weil es einen Bezug aufzuweisen hat, sogar auf sich selber verweisen muss (vgl. ders., 1998, S.65), wirkt das ganze Unternehmen doch sehr erkünstelt. Ich sehe im vorliegenden Kontext davon ab, Goodmans Symboltheorie in aller Breite vorzustellen.
IV
Die zentrale Frage des Essays lautete: ist eine allgemeine Kunsttheorie möglich? Fasst man Worte, Farben, Töne, Klänge usw. als Zeichen oder Symbole, dann ergeben sich Unvereinbarkeiten und Künstlichkeiten, die aus funktionalen Differenzen resultieren. Vergleichsweise junge Künste, für manchen eventuell absonderliche, müssen erst gar nicht einbezogen werden; bereits die traditionellen, gleichsam klassischen Bereiche Belletristik, Malerei und Musik lassen sich kaum allgemein behandeln.
Literatur
Adorno, Th.W., 1973, Ästhetische Theorie, Frankfurt a.M.
Arnauld, A., 1972, Die Logik oder die Kunst des Denkens, Darmstadt (Wiss. Buchgesellschaft).
Bense, M., 1979, Ästhetische Kommunikation, in: Ästhetik, hrg. v. W. Henckmann, Darmstadt (Wiss. Buchgesellschaft), S.332-338.
Goodman, N., 1990, Weisen der Welterzeugung, Frankfurt a.M.
Goodman, N., 1998, Sprachen der Kunst: Entwurf einer Symboltheorie, Frankfurt a.M.
Gustafsson, L., 1980, Sprache und Lüge, München.
Wittgenstein, L., 1984, Tractatus logico-philosophicus, in: Werkausgabe Bd.1, Frankfurt a.M., S.7-85.
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Mein Beitrag zum Band: „Diabolus. Essays über Künste“, hg. v. K. Talmi, der diesen Herbst erscheinen wird (AutorenVerlag Matern).
Die Frage des Essays lautet, ob allgemein über Kunst gesprochen werden kann, oder ob man sich mit einer Sammlung, mit Künsten zufriedengeben muss, die ein einheitliches Vorgehen nicht erlauben. Einbezogen werden Theorien, die von Bense, von Gustaffson und von Goodman stammen. Die ersten beiden Theorien sind explizit zeichentheoretisch ausgerichtet, die ditte symboltheoretisch. Eine Lösung des Problems bietet keine der aufgegriffenen Erläuterungen, aber die Schwierigkeiten verfolgen zu können, ist eventuell schon ein Gewinn.
Bense hat in den Sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts einen kommunikationswissenschaftlichen Ansatz über Kunst vorgelegt. Sein Beitrag ist ein Dokument einer theoretischen Umorientierung. Adornos oft diskutierte „Ästhetische Theorie“ (Adorno, Th. W., 1973) ist der hegelschen Philosophie verpflichtet; Bense findet einen Ansatz unter Berücksichtigung der mathematischen Informationstheorie (vgl. Bense, M., 1979, S.332). Die knappe Anführung von Adornos Theorie hat einen weiteren Grund. Benses Theorie wird ebenfalls als ästhetische ausgegeben, ist betitelt mit „Ästhetische Kommunikation“.
Grundlage von Benses Ansatz sind seine Aussagen über Zeichen, aus denen Informationen gebildet werden: „Alle zur Herstellung eines Kunstwerks verwendeten Elemente wie Töne, Farben, Wörter, Kontraste, Linien, Formen, Modulationen usw. sind als ‚Zeichen‘ zu verstehen.“ (Ebd., S.335.) Es handelt sich um die physikalischen Zustände von Kunstwerken (vgl. ebd., S.334).
Als zweite Klasse von Zuständen führt Bense konventionelle semantische an; diese werden von den physikalischen realisiert (vgl. ebd.). In dem Fall sprachlicher Kunstwerke bedeuten Laute Wörter, letztere beziehen sich auf Dinge (vgl. ebd.), wobei unklar bleibt, was unter Bezug verstanden wird. Allgemein differenziert Bense in drei Realisierungsfunktionen: der „repräsentierenden (abbildenden), präsentierenden (zeigenden) und konstruktiven (aufbauenden)“ (vgl. ebd., S.336).
Drittens führt er ästhetische Zustände an, die sich sowohl auf physikalische als auch auf semantische beziehen können (vgl. ebd., S.334). Bense kreiert weitere Diktionen: ästhetische Zustände werden durch physikalische und semantische getragen oder durch diese konstituiert; physikalische Zustände liegen stets vor, nicht immer relevante semantische wie bei einigen modernen Kunstwerken (vgl. ebd., S.333, 334). Ein möglicher ästhetischer Zustand wäre beispielsweise die Schönheit eines Kunstwerkes (vgl. ebd., S.333).
Es kann die Frage aufkommen, ob einige moderne Kunstwerke, die keine Bedeutungen, keine semantischen Zustände haben, dennoch aus physikalischen Zeichen bestehen? Der allgemein kommunikationswissenschaftliche Ansatz steht oder fällt mit der Antwort. Bense lässt die „gesamte kommunikative Seite der Kunst (...) durch die semiotische Möglichkeit ihrer Elemente“ garantieren (vgl. ebd., S.336). Das Wort Möglichkeit ist jedoch unangemessen gewählt: entweder gibt es Kunstwerke, bei denen semantische Zustände ohne Relevanz sind, dann ist auch die Möglichkeit, semantische Zustände zu bilden, ohne allgemeine Relevanz, oder es gibt Kunstwerke, die zwar den Künstlern nach keine, aber dem Kunsttheoretiker nach semantische Zustände haben. Wendet man sich den semiotischen Möglichkeiten zu, Bense differenziert in die Funktionen Repräsentation, Präsentation und Konstruktion, dann ist nicht erkennbar, dass z.B. Sprache miterfasst wird. Bense erläutert das Wort Repräsentation mit dem Wort Abbildung. Worte bilden aber, allgemein gesehen, nichts ab. Zwar können Worte z.B. in Form eines Kreuzes angeordnet werden, eventuell ist auch eindeutig, um was für einen konkreten Gegenstand es sich handelt, damit von Abbildung die Rede sein kann, doch in Bezug auf Sprache ist diese grafische Funktion unerheblich. Es gibt eine zweite Möglichkeit von Abbildungen. Auf die grafische Funktion kann verzichtet werden, allein die Frage, ob Isomorphie vorliege, Ein-Eindeutigkeit, wäre dann noch von Relevanz. Ist in Bezug auf Kunstwerke eine ein-eindeutige Relation von Worten zu Gegenständen gegeben, gleichgültig ob es sich um empirische, imaginäre, traumatische oder metaphysische Gegenstände handelt? Eine inständige Beteuerung dessen würde nicht ausreichen, auch nicht eine mehr oder weniger wahrscheinliche Einschätzung eines Kritikers. Wer könnte z.B. in Bezug auf Gedichte von Trakl isomorphe Strukturen belegen?
Sieht man von der Erläuterung ‚Abbildung‘ ab, ist zu fragen, was vom Wort Repräsentation zu halten ist. Kann ein Wort einen Gegenstand repräsentieren, für diesen stehen, kann ein Wort z.B. eine Person, in welcher Weise auch immer, ersetzten? Worte präsentieren auch nichts Außersprachliches, zeigen nichts, stellen nichts dar, was jenseits von Sprache liegt. Nur ein verschwindend kleiner Prozentsatz von Formulierungen könnte eventuell aufgrund von Lautstrukturen als nachahmende Darstellungen von Gegenständlichem dienen. Dass besonders Gedichte zu relevanten Äußerungen verleiten können, ließe sich mit der Angabe von Stimulationen aufgrund der Wortwahl und mit Imaginationen von Lesern erklären. Worte stehen zu Gegenständen in keinem relevanten Verhältnis, es sei denn man versteht unter der Bezeichnung Semantik Bildliches, das Lesern innerlich erscheint bzw. hochkommt. Die konstruktive Funktion ließe sich in ähnlicher Weise interpretieren.
Bense öffnet tatsächlich die Erlebniswelt und führt sogar eine veränderte Diktion ein: „Die Entstehung dessen, was wir in der künstlerischen Produktion ein ‚Bild‘ oder einen ‚Text’ (...) nennen, ist in jedem Fall an die Möglichkeit gebunden, physikalische Ordnungen materialer ‚Signale‘ als ästhetische Ordnungen immaterieller ‚Zeichen‘ einzuführen.“ (Ebd.) Dieser Formulierung nach besteht die Semantik aus mentalen Zeichen; Worte, Farben, Töne usw., also die Bestandteile von Kunstwerken, fungieren als Signale. Nicht mehr die Kunstwerke sind, das innere Erleben vor diesen steht jetzt Zentrum der kommunikativen Funktion von Kunst. Die Kunstwerke dienen nur noch der Artikulation von innerlich Erlebtem.
Kunstwissenschaftlich ist das private Erleben des Forschers freilich ohne Belang. Eine allgemeine Theorie über Erleben vor, eventuell Erleben von Kunst dürfte in den Bereich kunstpsychologischer Erörterungen fallen. Anhand seiner kommunikativ semantischen Realisierungsfunktionen, der Repräsentation (Abbildung), der Präsentation (Zeigen), der Konstruktion (Aufbau) ist bemerkenswert, dass besonders Sprache keinerlei relevante Berücksichtigung erfährt. Ausdehnen ließe sich die Kritik mit der Erörterung des fehlenden Bezugs auf Musik. Was wäre, sieht man von Programmusik ab, als Abgebildetes, als Gezeigtes, als Konstruiertes semantisch in den Musikwissenschaften von Belang, was nicht die Musik selber wäre? Hat z.B. eine musikalische Reihe und ihr Krebs eine Reihe und ihr Krebs zu bedeuten, damit klar wird, sie eine Reihe und ihr Krebs ist? In Bezug auf darstellende Künste wären Worte wie abbilden, zeigen und konstruieren vielleicht eher angebracht, wenngleich äußerst selektiv, zudem: kaum in der kommunikativ mentalistischen Variante von Bense.
An dieser Stelle ist es möglich den Begriff ‚ästhetische Information‘ anzuführen, der die Grundlage für die Probleme bildet. Die Abbildungsfunktion ist eine ästhetische Information und zwar eine Information eines Kunstwerkes wie auch eine über ein Kunstwerk, also die eines Betrachters. Von hier aus lassen sich innere Erlebniswelt und äußere Gegenstandswelt, soweit es sich um ästhetische Informationen handelt, nicht mehr differenzieren. Ähnliches trifft auf Gegenstand und Wort zu: als Information des Gegenstandes und als eine des Erlebenden bleibt eine Differenzierung weitgehend unberücksichtigt.
II
Gustafsson, schwedischer Schriftsteller, hat in seiner Habilitation einen analytischen Ansatz vorgelegt, der zugleich ein allgemein zeichentheoretischer ist. Doch gibt dieser ihm die Möglichkeit, auch auf Kunstgegenstände Bezug zu nehmen? Wenn Gustafssons Ansatz, er selber spricht von „Vorarbeiten“ (Gustaffson, L., 1980, S. 241ff.), die Grundlage für eine allgemeine Zeichentheorie bildet, dann hätte man eventuell auch eine theoretische Basis, um allgemein über Kunst sprechen zu können.
Konträr zu Bense, der seine Theorie im Rahmen einer Kommunikationswissenschaft vorstellt, seine Theorie als wissenschaftliche verstanden wissen will, nimmt der Schriftsteller Gustafsson seine Resultate zurück: seine Aussagen liegen zwar im Bereich wissenschaftlicher Philosophie, sind als Vorarbeiten jedoch mit Vorsicht zu genießen. Für diese müssen freilich die selben Kriterien gelten, wie für eine ausführlich entwickelte Theorie.
Gustafsson untersucht verschiedene Repräsentationen, Abbildungen, so die eingesteckten Steinchen eines Jungen in Relation zu passierten Fahrzeugen, den Streckenfahrplan einer U-Bahn in Relation zum Streckennetz, Bilder von Rembrandt und Delacroix. Er kommt zu dem Resultat, dass es verschiedene Abbildungen geben kann, isomorphe (ein-eindeutige) wie im Fall der Steinchen und Fahrzeuge und im Fall des Streckenfahrplans, oder, wie im Fall der Kunstwerke, eine komplexere Regel. Wichtig sei, dass man die jeweilige Regel finde, mit der abgebildet werde. Generell ist Gustafsson der Ansicht, dass Elemente der Wirklichkeit abgebildet werden (vgl. ebd., S.241-243). In Bezug auf Steinchen/Fahrzeuge und Plan/Strecke ließe sich eine solche Auffassung vertreten, wie sieht es aber in den Fällen von Kunstwerken aus?
Im Fall eines Bildes von Delacroix fällt das Wort „nachahmen“ (vgl. ebd., S.243). Es wird vorausgesetzt, dass etwas sei, etwas Bestimmtes, das abgebildet wird. Nichts wird hinzugefügt, was keine Entsprechung hätte. Der Hilfsgegenstand dient nicht zur Inspiration, lediglich als Vorlage. Freilich nur dann, wenn die Regel von dem Nachahmer konsequent verfolgt wird, wie Gustafsson voraussetzt (vgl. ebd., S.242). Wäre es im Hinblick auf eine Nachahmung angemessen, wenn man z.B. erläuterte, dass zwar alle Gesichtsteile eines bestimmten Mannes in einem Bild dargestellt würden, die gemalte Warze aber eine Darstellung eines Gegenstandes ist, der einer Frau zugehört, die während des Malvorganges nicht anwesend war? Wie verhielte es sich, wenn eine Zuordnung der gemalten Warze konkret nicht möglich wäre, wenn nicht klar wäre, dass ein Gegenstand der Empirie zur Darstellung gelangt ist?
Die Steinchen, die Zeichen des Jungen bilden situationsbedingt ein-eindeutig passierte Fahrzeuge ab: ein Fahrzeug / ein Steinchen, eine der Taschen / vormittags. Gustafsson beschreibt mit dieser Abbildungsregel zugleich eine Relation der Zeichen zur Wirklichkeit. In den Fällen der Kunstwerke sei es komplexer, würden seiner allgemeinen Fassung nach Elemente in eine andere hinein abgebildet (vgl. ebd., S.242/ 243). Diese allgemeine Beschreibung von Malvorgängen mit verschiedenen Farb- und Materialschichten ist als Beschreibung einer Relation zur Wirklichkeit jedoch unerheblich, weil diese Schichten kaum differenzierbar sind, im Unterschied zu den verschiedenen Taschen; aus diesem Kontext ließe sich aber indirekt entnehmen, dass auch bei Gemälden grundsätzlich eine ein-eindeutige Abbildung vorausgesetzt wird. Gustafsson übersieht, dass Gemälde vielfach auf die Verschmelzung von verschiedenen Schichten ausgerichtet sind, nicht auf deren Betonung.
Die Erörterungen von nicht-sprachlichen Abbildungen nehmen in Gustafssons Untersuchung jedoch einen geringen Umfang ein, diese bleiben zudem relativ oberflächlich. Primär analysiert er sprachliche Vorkommnisse. Für die Beurteilung seiner Theorie ist die Diskussion über nicht sprachliche Abbildungen, die oben geführt wurde, allerdings erforderlich.
Die folgende Beschäftigung mit seinen Aussagen über Sprache betrifft sowohl verschiedene Ausrichtungen innerhalb der Philosophie, wissenschaftlich orientierte und andere, als auch Belletristik. Inwieweit auf Umgangssprachen Bezug genommen wird, bleibt offen. Gustafsson greift auf die Sprachphilosophie vom jungen Wittgenstein, auf den „Tractatus logico-philosophicus“ zurück, allerdings nur in einem äußerst begrenzten Umfang (vgl. Gustafsson, L., 1980, S.248ff.). Zum Verständnis der hier relevanten Aussagen muss auf Wittgensteins Theorie nicht dezidiert eingegangen werden. Die Annahme isomorpher Strukturen in Bezug auf Sprache und Empirie ist dann möglich, wenn es sich um Sprachen handelt, die eindeutig sind. So kann es beispielsweise in deskriptiven Statistiken Ein-Eindeutigkeit geben. Die erste Frage, die sich stellt, ist: wie verhält es sich mit nicht exakten, wenngleich hoch differenzierten belletristischen Sprachen? Gustafsson führt in Bezug auf Schriften von Nietzsche eine heranziehbare Diskussion.
Von ihm angeführte Argumente sprechen gegen isomorphe Strukturen. „Wenn man mit Unbestimmtheit die normale Unbestimmtheit meint (...), dann dürfte man bei Nietzsche keine Schwierigkeit haben, unbestimmte Sätze zu finden.“ (Ebd., S.41.) Für seine Theorie findet er hingegen nur Ausflüchte, ohne diese angemessen zu bezeichnen. So rettet er sich vordergründig mit der Ansicht, dass die Situation auch auf die übrigen Philosophen des 19. Jahrhunderts zuträfe (vgl. ebd.). Was würde sich ändern, wenn seine Einschätzung richtig wäre? Auch wenn man, wie er in einem Extremfall vorschlägt, Dichtungen von Mallarmé Realdefinitionen zur Seite stellt (vgl. ebd.), was wäre durch solche Hypothesen gewonnen?
Im Kontext von Gedichten des Spätromantikers fällt auf, dass Gustafssons Wort Wirklichkeit einen umfangreicheren Bezug haben muss, als zunächst angenommen wurde. Eventuell führt die folgende Diskussion noch zu einer Klärung. Kunstwerke von Nachahmern, wie z.B. die Bilder von Rembrandt und Delacroix innerhalb Gustafssons Theorie, decken nur einen kleinen Bereich ab. Für eine Theorie, die z.B. auch Kandinskys informelle Malerei erfasst, werden andere Angaben benötigt. Relevante Aussagen findet man im Rahmen der Sprachphilosophie. Die Frage lautet: was wird abgebildet? Gustafsson antwortet mit den Worten Struktur, Ordnung und Relationen (vgl. ebd., S.247/248). Doch welche könnten als Abgebildete in Frage kommen?
So als ob Gustaffson ein Rückzugsgefecht einleitet, wechselt er von Abbildungen hin zu Konstruktionen. Sätze werden nicht als Abbildungen in Relation zur Wirklichkeit gestellt, sondern sie werden konstruiert. Als Grundlage dient: „die Struktur des Satzes und die Struktur der Welt ist immer dieselbe.“ (Ebd., S.261.) Im Hinblick auf Konstruktionen geht er noch einen Schritt weiter. Nicht nur Sätze werden konstruiert, sondern auch die Welt: „Wir selber strukturieren die Welt, wenn wir verschiedenfarbige Steine in unserer rechten oder linken Hosentasche sammeln“ (ebd.) Doch genau dies ist unmöglich: so können Gegenstände eines Zimmers, die man umräumt, relational strukturiert, auch umstrukturiert werden, nicht aber Fahrzeuge durch Zeichen, z.B. durch Steine wie im Fall des Jungen. Die Welt würde bleiben wie sie war.
Das krampfhafte Festhalten an Isomorphie hängt vielleicht damit zusammen, dass die Struktur unabhängig von Sprache und Welt vorkommt, als Substanz: „die Struktur des Satzes und die Struktur der Welt ist immer dieselbe. Nie existiert mehr als ein Exemplar von einer Struktur; das, wovon mehrere Exemplare existieren, sind ihre Erscheinungsformen“ (Ebd.) Die Substanz wäre ein metaphysisches Etwas, das sich Gustafsson in Sprache und Welt.
III
In Goodmans Ansatz ist über Zeichen kaum etwas zu erfahren. Er spricht über Symbole, die für etwas stehen und auf diese Weise Bezug nehmen. Die Schwierigkeit ist, rauszubekommen, was damit ausgesagt wird, denn dieses ‘Für-etwas-stehen’, das ein Symbolisieren ausmache, verbindet zwei völlig verschiedene Bereiche auf geheimnisvolle Weise miteinander. Der Präsident einer menschlichen Gemeinschaft, sei es auch nur der eines lokalen Kunstvereins, kann aufgrund seines Amtes für die Mitglieder sprechen, auch wenn er ausgepfiffen wird, doch Svmbole einerseits und Symbolisiertes andererseits gehören zu unterschiedlichen Bereichen. Es wäre z.B. lächerlich, anstatt den Präsidenten auftreten zu lassen, ein Bild von ihm auf der Bühne zu platzieren. Dass Talmi im Eingangsessay Goodmans symboltheoretisches Hauptwerk (vgl. Goodmann, N., 1998) erst gar nicht einbezieht, ist vielleicht diesem besonderen Umstand zu verdanken.
Die Lösungen, die Goodman anbietet, sind nicht weniger kurios als die bisher behandelten. Worte Symbol geben ihm – im Vergleich – mehr Möglichkeiten an die Hand, Bezüge zu beanspruchen. Der Bauplan eines Gebäudes würde das Gebäude symbolisieren, eine Notation eine Aufführung. In beiden Fällen handelt es sich jedoch um konzeptionelle Gestaltungen. Bei der Anfertigung eines Konzeptes auf etwas als Bezug zu verweisen, das eventuell in der Zukunft liegt, unter Umständen gar nicht eintreten wird, weitet Bezugnahmen unangemessen aus. Immerhin gibt Goodman aber die Möglichkeit frei, dass kein Bezug vorliegt, wie bei einem Bild, das ein Einhorn zeigt.
Er bleibt jedoch keineswegs eindeutig: „Wer (...) nach einer Kunst ohne Symbol Ausschau hält, wird keine finden“ (ders., 1990, S.86). Auch ein emotionaler Audruck kann Symbol sein. Ein Kunstwerk enthält den Ausdruck von Trauer durch eine symbolische Metapher, die sich auf etwas bezieht, auf das auch ein Wort traurig verweisen würde (vgl. ders., 1998, S.87f.). Die Schwierigkeit, die sich eröffnet, ist leicht beschrieben: ein künstlerischer Audruck ist i.d.R. viel präziser, als es ein kontextloses Wort traurig sein kann. Die Bezugsmöglichkeiten eines Wort traurig wären zu umfangreich, um als Hilfe oder Erläuterung zu dienen. Und wenn schließlich ein Symbol in der Not, weil es einen Bezug aufzuweisen hat, sogar auf sich selber verweisen muss (vgl. ders., 1998, S.65), wirkt das ganze Unternehmen doch sehr erkünstelt. Ich sehe im vorliegenden Kontext davon ab, Goodmans Symboltheorie in aller Breite vorzustellen.
IV
Die zentrale Frage des Essays lautete: ist eine allgemeine Kunsttheorie möglich? Fasst man Worte, Farben, Töne, Klänge usw. als Zeichen oder Symbole, dann ergeben sich Unvereinbarkeiten und Künstlichkeiten, die aus funktionalen Differenzen resultieren. Vergleichsweise junge Künste, für manchen eventuell absonderliche, müssen erst gar nicht einbezogen werden; bereits die traditionellen, gleichsam klassischen Bereiche Belletristik, Malerei und Musik lassen sich kaum allgemein behandeln.
Literatur
Adorno, Th.W., 1973, Ästhetische Theorie, Frankfurt a.M.
Arnauld, A., 1972, Die Logik oder die Kunst des Denkens, Darmstadt (Wiss. Buchgesellschaft).
Bense, M., 1979, Ästhetische Kommunikation, in: Ästhetik, hrg. v. W. Henckmann, Darmstadt (Wiss. Buchgesellschaft), S.332-338.
Goodman, N., 1990, Weisen der Welterzeugung, Frankfurt a.M.
Goodman, N., 1998, Sprachen der Kunst: Entwurf einer Symboltheorie, Frankfurt a.M.
Gustafsson, L., 1980, Sprache und Lüge, München.
Wittgenstein, L., 1984, Tractatus logico-philosophicus, in: Werkausgabe Bd.1, Frankfurt a.M., S.7-85.
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Mein Beitrag zum Band: „Diabolus. Essays über Künste“, hg. v. K. Talmi, der diesen Herbst erscheinen wird (AutorenVerlag Matern).
Mittwoch, 26. Februar 2014
Über das neue eBook „Analytische Belletristik“
Aktuell streiten sich in ZEIT, FAZ, und SZ Schriftsteller über den Buchmarkt, über konventionell gewordene Literatur und ihre Gründe, führen behütete Milieus junger Schriftsteller an, die Beharrung auf deutschen Lesegewohnheiten durch den Literaturbetrieb gegenüber Migranten, auf einen mysteriös belassenen gesellschaftlichen Zusammenhang … Doch all dies bleibt weit zurück hinter einer grundlegenden Kritik, die Mark Ammern einleitend in der von ihm herausgegebenen „Analytischen Belletristik“ formuliert: in Kritik gerät der Literaturbetrieb als industrieller Komplex, der an Literatur zunehmend das Interesse verloren hat, Marktgängigkeit und Konsum in das Zentrum stellt, weit davon entfernt, literarische Kunst anbieten zu wollen. Dem gegenüber wird auf „individuelle Zugänge“ von Schriftstellern zur Literatur samt einiger Ausnahmen verwiesen.
Bei den Texten des Bandes handelt es sich nicht um wissenschaftliche oder philosophische, sondern um literarische Essays, denen gleichwohl eine analytische Haltung zugrunde liegt. Deshalb finde ich die Publikation besonders interessant.
Wenn der Literaturbetrieb im großen Umfang betroffen ist, dann auch Kritik und Literaturwissenschaft. Ich folge nicht dem Aufbau des Buches, nach Ammerns Einleitung ist Kathrina Talmis Essay „Jenseits des Absoluten“ zu finden, in dem künstlerische Autonomie und Angemessenheit als Kriterien vorgeschlagen werden, sondern aus der Position eines Rezipienten, der mit sprachlichen Produkten konfrontiert wird. Reinhard Matern macht in „Deformation, Dekonstruktion und Analyse“ darauf aufmerksam, dass es Rezipienten schwerfallen kann, überhaupt auf Literatur Bezug zu nehmen, weil dies ihre sprachtheoretischen Annahmen gar nicht ermöglichen! Dies fällt besonders bei Derrida auf, der im Rahmen seiner Zeichentheorie lediglich Worte und Bedeutungen anführt. Dieser besondere Mangel, so Matern, mache es leicht, Worte und Gegenständlichkeiten, ob wirkliche oder imaginäre, zu verwechseln, der Sprache Eigenschaften zukommen zu lassen, die einer sozialen Welt des Handelns entlehnt sind, aber mit Sprache nichts zu tun haben. Eine unzureichende Differenzierung von Sprache und Gegenständlichkeiten sieht er auch in Friedrichs Erörterung spätromantischer Lyrik, die er zuvor thematisiert hatte. Wirklichkeit wird nach Friedrichs deformiert, obgleich eine dichterische Sprache Gegenständlichkeiten überhaupt nichts anhaben kann. Matern plädiert dafür, sich zunächst die Möglichkeit zu schaffen, überhaupt als Rezipient auftreten zu können und schlägt die analytische Sprachphilosophie als geeigneten Kontext vor.
Kant hatte in seiner „Kritik der Urteilskraft“ auch Geschmacksurteile thematisiert. Weil im Literaturbetrieb als auch unter Rezipienten immer mal wieder von Geschmack die Rede ist, Ammern hebt dies in seiner Einleitung hervor, ist es unumgänglich, die Möglichkeiten für solche Phrasen auszuloten. Nach Kathrina Talmi („Jenseits vom Absoluten“) verliert sich das Gerede empirisch in unzählige Worte schön, denen allenfalls psychologisch nachzukommen wäre, Ammern wendet sich Kant direkt zu und erläutert im Rahmen einer geschaffenen experimentellen Laborsituation, dass durch begrifflos Schönes nicht einmal Form berücksichtigt werden könnte, lediglich ein glucksendes Wonnegefühl, das dem von Babys ähneln könnte.
Um diesem desolaten Mangel zu entgehen, schlägt Talmi die bislang primär durch Wissenschaft und Philosophie bekannte Frage nach Angemessenheit vor und führt in diesem Kontext vorhandene als mögliche Relationen an, die für ein Kunstwerk relevant sein können, innere als auch äußere. Das Wort Angessenheit wird in der gesamten Publiktion jedoch nicht definiert. Beurteilungen bleiben persönliche Einschätzungen, jedoch innerhalb von Zusammenhängen und Kontexten. Talmi setzt einen besonderen Akzent auf die Offenheit von Angemessenheit, weil die jeweiligen Produkte als Ausgang dienen, um Relationen beurteilen zu können. Eine Frage nach Angemessenheit kann sich vielen künstlerischen Richtungen gebenüber bewähren, weil sie diese ernst nimmt. Um jedoch ein „hermeneutisches Geschwätz“ zu vermeiden, hebt Matern die Möglichkeit zu Vergleichen hervor, zu „analytisch bedingte(n)“.
Künste können sich nur entwicklen, wenn Neues gewagt wird. Dazu bedarf es jedoch künstlerischer Autonomie. Ohne eine solche Freiheit verfällt eine Kunst in Kunsthandwerk, das sich hervorragend industieller Produktionsweisen bedienen kann. Talmi als auch Ammern fordern zu künstlerischer Autonomie heraus, um einem gesellschaftlich entstandenen Einerlei zu entkommen. Talmi betont den künstlerischen Preis, „Schweiß und Tränen“, Ammern verweist historisch auf Dada, Pop-Art und Aktionskunst, um die Tragweite von autonomem Handeln und möglicher Angemessenheit anzuführen.
Literarische Angemessenheit wird in zwei Gesprächen und Ammerns Essay „Wer erzählt - warum - und für wen?“ thematisiert. Ammerns Anliegen ist es, einen gottgleichen Erzähler der Theologie zuzuschieben, gleichwohl sieht er die Möglichkeit für einen erzählenden Konstrukteur, der allerdings, wenn er nicht literarisch ausgebildet ist, nur mit dem Autor zusammenfallen kann! Alles andere würde von außen eine Fantasie überstülpen, die mit dem Text nichts zu tun hat. Über eine Stärkung des Erzählers hinaus verweist Ammern sogar auf die Schaffung eines Micro-Umfelds, wie es literarisch in alten Sammlungen oder in Novellen ausgebildet wurde, das mögliche Hörer / Leser integriert. Wie dies in zeitgenössischer Weise machbar ist, muss freilich den jeweiligen Schriftstellern überlassen bleiben.
Das Gespräch „Das Dilemma der Literaturkritik“, an dem Matern und sein Erzähler, Talmi als auch Ammern beteiligt sind, nimmt den Bachmannpreis 2013 zum Anlass, um sich über die Rolle von Kritikern, über Literatur und ein letztlich zentrales Problem auszutauschen: Gegen Ende des Gesprächs gerät eine schriftstellerische Wirklichkeit in Gegensatz zu Formansprüchen der Kritik. Es handelt sich um eine Unverhältnismäßigkeit der Kritik.
Fast zum Abschluss des Bandes, im zweiten Gespräch (Talmi, Matern, Ammern), betitelt mit „Literarische Angemessenheit“, wird Bernhards Kritik eines traditionellen Kunstbegriffes aufgegriffen und weitergetrieben: Talmi bezeichnet ihn als „platonische Idee“ und verwirft die Ansprüche an Vollkommenheit, Vollständigkeit usw., um der Literatur wieder Leben einzuhauchen. Dies kann auch dazu führen, dass Ammerns Hang zur schreibenden Improvisation Geltung erhält, auch wenn sie betont, dass sie eine von Ammern gebaute Brücke nicht betreten würde.
Analytische Belletristik.
Essays und Gespräche.
Hg.: Mark Ammern
ISBN 9783929899115 (ePub)
ISBN 9783929899153 (Kindle KF8)
€ 4,99
Erscheinungsdatum: 28.02.2014
AutorenVerlag Matern
Bei den Texten des Bandes handelt es sich nicht um wissenschaftliche oder philosophische, sondern um literarische Essays, denen gleichwohl eine analytische Haltung zugrunde liegt. Deshalb finde ich die Publikation besonders interessant.
… mit Bezug auf Sprache
Wenn der Literaturbetrieb im großen Umfang betroffen ist, dann auch Kritik und Literaturwissenschaft. Ich folge nicht dem Aufbau des Buches, nach Ammerns Einleitung ist Kathrina Talmis Essay „Jenseits des Absoluten“ zu finden, in dem künstlerische Autonomie und Angemessenheit als Kriterien vorgeschlagen werden, sondern aus der Position eines Rezipienten, der mit sprachlichen Produkten konfrontiert wird. Reinhard Matern macht in „Deformation, Dekonstruktion und Analyse“ darauf aufmerksam, dass es Rezipienten schwerfallen kann, überhaupt auf Literatur Bezug zu nehmen, weil dies ihre sprachtheoretischen Annahmen gar nicht ermöglichen! Dies fällt besonders bei Derrida auf, der im Rahmen seiner Zeichentheorie lediglich Worte und Bedeutungen anführt. Dieser besondere Mangel, so Matern, mache es leicht, Worte und Gegenständlichkeiten, ob wirkliche oder imaginäre, zu verwechseln, der Sprache Eigenschaften zukommen zu lassen, die einer sozialen Welt des Handelns entlehnt sind, aber mit Sprache nichts zu tun haben. Eine unzureichende Differenzierung von Sprache und Gegenständlichkeiten sieht er auch in Friedrichs Erörterung spätromantischer Lyrik, die er zuvor thematisiert hatte. Wirklichkeit wird nach Friedrichs deformiert, obgleich eine dichterische Sprache Gegenständlichkeiten überhaupt nichts anhaben kann. Matern plädiert dafür, sich zunächst die Möglichkeit zu schaffen, überhaupt als Rezipient auftreten zu können und schlägt die analytische Sprachphilosophie als geeigneten Kontext vor.
Schönheit versus Angemessenheit
Kant hatte in seiner „Kritik der Urteilskraft“ auch Geschmacksurteile thematisiert. Weil im Literaturbetrieb als auch unter Rezipienten immer mal wieder von Geschmack die Rede ist, Ammern hebt dies in seiner Einleitung hervor, ist es unumgänglich, die Möglichkeiten für solche Phrasen auszuloten. Nach Kathrina Talmi („Jenseits vom Absoluten“) verliert sich das Gerede empirisch in unzählige Worte schön, denen allenfalls psychologisch nachzukommen wäre, Ammern wendet sich Kant direkt zu und erläutert im Rahmen einer geschaffenen experimentellen Laborsituation, dass durch begrifflos Schönes nicht einmal Form berücksichtigt werden könnte, lediglich ein glucksendes Wonnegefühl, das dem von Babys ähneln könnte.
Um diesem desolaten Mangel zu entgehen, schlägt Talmi die bislang primär durch Wissenschaft und Philosophie bekannte Frage nach Angemessenheit vor und führt in diesem Kontext vorhandene als mögliche Relationen an, die für ein Kunstwerk relevant sein können, innere als auch äußere. Das Wort Angessenheit wird in der gesamten Publiktion jedoch nicht definiert. Beurteilungen bleiben persönliche Einschätzungen, jedoch innerhalb von Zusammenhängen und Kontexten. Talmi setzt einen besonderen Akzent auf die Offenheit von Angemessenheit, weil die jeweiligen Produkte als Ausgang dienen, um Relationen beurteilen zu können. Eine Frage nach Angemessenheit kann sich vielen künstlerischen Richtungen gebenüber bewähren, weil sie diese ernst nimmt. Um jedoch ein „hermeneutisches Geschwätz“ zu vermeiden, hebt Matern die Möglichkeit zu Vergleichen hervor, zu „analytisch bedingte(n)“.
Künstlerische Autonomie und Angemessenheit
Künste können sich nur entwicklen, wenn Neues gewagt wird. Dazu bedarf es jedoch künstlerischer Autonomie. Ohne eine solche Freiheit verfällt eine Kunst in Kunsthandwerk, das sich hervorragend industieller Produktionsweisen bedienen kann. Talmi als auch Ammern fordern zu künstlerischer Autonomie heraus, um einem gesellschaftlich entstandenen Einerlei zu entkommen. Talmi betont den künstlerischen Preis, „Schweiß und Tränen“, Ammern verweist historisch auf Dada, Pop-Art und Aktionskunst, um die Tragweite von autonomem Handeln und möglicher Angemessenheit anzuführen.
Literarische Angemessenheit wird in zwei Gesprächen und Ammerns Essay „Wer erzählt - warum - und für wen?“ thematisiert. Ammerns Anliegen ist es, einen gottgleichen Erzähler der Theologie zuzuschieben, gleichwohl sieht er die Möglichkeit für einen erzählenden Konstrukteur, der allerdings, wenn er nicht literarisch ausgebildet ist, nur mit dem Autor zusammenfallen kann! Alles andere würde von außen eine Fantasie überstülpen, die mit dem Text nichts zu tun hat. Über eine Stärkung des Erzählers hinaus verweist Ammern sogar auf die Schaffung eines Micro-Umfelds, wie es literarisch in alten Sammlungen oder in Novellen ausgebildet wurde, das mögliche Hörer / Leser integriert. Wie dies in zeitgenössischer Weise machbar ist, muss freilich den jeweiligen Schriftstellern überlassen bleiben.
Das Gespräch „Das Dilemma der Literaturkritik“, an dem Matern und sein Erzähler, Talmi als auch Ammern beteiligt sind, nimmt den Bachmannpreis 2013 zum Anlass, um sich über die Rolle von Kritikern, über Literatur und ein letztlich zentrales Problem auszutauschen: Gegen Ende des Gesprächs gerät eine schriftstellerische Wirklichkeit in Gegensatz zu Formansprüchen der Kritik. Es handelt sich um eine Unverhältnismäßigkeit der Kritik.
Fast zum Abschluss des Bandes, im zweiten Gespräch (Talmi, Matern, Ammern), betitelt mit „Literarische Angemessenheit“, wird Bernhards Kritik eines traditionellen Kunstbegriffes aufgegriffen und weitergetrieben: Talmi bezeichnet ihn als „platonische Idee“ und verwirft die Ansprüche an Vollkommenheit, Vollständigkeit usw., um der Literatur wieder Leben einzuhauchen. Dies kann auch dazu führen, dass Ammerns Hang zur schreibenden Improvisation Geltung erhält, auch wenn sie betont, dass sie eine von Ammern gebaute Brücke nicht betreten würde.
Analytische Belletristik.
Essays und Gespräche.
Hg.: Mark Ammern
ISBN 9783929899115 (ePub)
ISBN 9783929899153 (Kindle KF8)
€ 4,99
Erscheinungsdatum: 28.02.2014
AutorenVerlag Matern
Mittwoch, 22. Januar 2014
EBook: "Analytische Philosophie?"
Der Essay "Analytische Philosophie?", den ich online gestellt habe, ist der Titelessay eines gleichnamigen eBooks, das in Kürze erscheinen wird: als ePub, Mobi-KF8 und als PDF. Der Verlag schreibt:
"Der Titel des Bandes greift eine Frage auf, die im alltäglichen Umgang aufkam: die Frage nach analytischer Philosophie, vom Rücksitz eines Autos gestellt. Dieser Kontext bot den Anlass, eine Herangehensweise zu wählen, die bislang nicht üblich war: auszuprobieren, was eine Einbeziehung des Alltags und Umgangs erbringen könnte, ohne auf Komplexität zu verzichten.
Diese Öffnung hat zu überraschenden Ergebnissen geführt, die eine Weiterentwicklung der analytischen Philosophie erlauben, auch und in besonderer Weise theoretisch: Die Beachtung von umgangsprachlichem Verhalten kann dabei behilflich sein, Sprache besser zu verstehen, als dies eine traditionelle wissenschaftsphilosophische Ausrichtung ermöglichen würde.
Die Beiträge zu diesem Band haben Kathrina Talmi, Reinhard Matern und Kai Pege eingebracht." (Vgl. AutorenVerlag Matern)
Online ist dort ein Preview-PDF zu finden, das auch die Inhaltsübersicht und die Einleitung enthält. Ich freue mich, dass der Titel bald lieferbar sein wird!
"Der Titel des Bandes greift eine Frage auf, die im alltäglichen Umgang aufkam: die Frage nach analytischer Philosophie, vom Rücksitz eines Autos gestellt. Dieser Kontext bot den Anlass, eine Herangehensweise zu wählen, die bislang nicht üblich war: auszuprobieren, was eine Einbeziehung des Alltags und Umgangs erbringen könnte, ohne auf Komplexität zu verzichten.
Diese Öffnung hat zu überraschenden Ergebnissen geführt, die eine Weiterentwicklung der analytischen Philosophie erlauben, auch und in besonderer Weise theoretisch: Die Beachtung von umgangsprachlichem Verhalten kann dabei behilflich sein, Sprache besser zu verstehen, als dies eine traditionelle wissenschaftsphilosophische Ausrichtung ermöglichen würde.
Die Beiträge zu diesem Band haben Kathrina Talmi, Reinhard Matern und Kai Pege eingebracht." (Vgl. AutorenVerlag Matern)
Online ist dort ein Preview-PDF zu finden, das auch die Inhaltsübersicht und die Einleitung enthält. Ich freue mich, dass der Titel bald lieferbar sein wird!
Samstag, 4. Januar 2014
Analytische Philosophie?
- Der Titelessay von “Analytische Philosophie?”, hg. v. Kai Pege, AutorenVerlag Matern, Januar 2014 -
Die Frage nach analytischer Philosophie, die dem vorliegenden Band den Titel gab, wurde vom Rücksitz eines Autos gestellt, nachdem ich eine Zuordnung meines philosophischen Interesses bekundete. Im weiteren Gesprächsverlauf wurde mir deutlich, dass der Person, die um eine Erläuterung gebeten hatte, primär einige Philosophen namentlich bekannt waren, die der Frühzeit der analytischen Philosophie angehörten, dem Wiener Kreis. Die an mich herangetragenen Assoziationen waren zunächst verhalten, beruhten auf marginalen Texterfahrungen, die noch aus der Schulzeit stammten, im Fortgang Polemiken erinnern ließen, die speziell in Deutschland entstanden waren, vor allem innerhalb der ‘Kritischen Theorie’.
Diese Alltagssituation ermunterte mich, eine Herangehensweise zu entwickeln, die es mir erlaubt, zu erläutern, worin das Besondere der analytischen Philosophie liegen kann, unter Einbeziehung des Alltags. Die Möglichkeitsform weist darauf hin, dass es ‘die analytische Philosophie’ nicht gibt, sondern relativ viele verschiedene Autoren und Ansichten. Mir liegt wenig daran, einen Überblick bieten zu wollen. Es gibt einige Publikationen auf dem Markt, die einem solchen Anliegen gewidmet sind, spannender sind jedoch Bücher, in denen vom jeweiligen Autor ein eigener Zugang gesucht wird (vgl. z.B. Tugendhat, E., 1976). Ein gemeinsames Programm, zu dem sich zumindest eine Reihe von Autoren bekennen, gibt es schon lange nicht mehr. Gemeinsam ist vielen Philosophen aus der analytischen Richtung allerdings immer noch, den Ansatz ihrer Arbeit in der Sprache und in hinreichenden Differenzierungen zu nehmen. Dabei muss Sprachphilosophie jedoch nicht im Zentrum stehen. Nicht wenige der Akteure sind praktisch ausgerichtet, an Handlungen und / oder Ethik interessiert. Hervorgehoben sei William K. Frankenas “Analytische Ethik” (vgl. Frankena, W.K., 1972), eine knappe und dennoch gründliche Einführung.
In diesem Band werden Ergebnisse des verbliebenen Sprachanalytischen Forums vorgelegt, das einst in den Neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts entstanden war, nunmehr als privater Kreis von Autoren fortbesteht, von Autoren, die auch den AutorenVerlag gegründet hatten. Es wird keine langen historischen Abhandlungen oder Exkurse geben, erst Recht keine, die bis zu Sokrates zurückführen, um vermeintliche Grundfragen zu stellen, die unter Athenischen Bürgern entstanden waren. Es gibt keine ‘ewigen’ Fragen. Wer hätte sie bilden und stellen sollen, in Vorzeiten, als nur Bakterien die Erde bevölkerten, wer könnte sich um diese bemühen, wenn die Phase der Menschheit beendet ist, durch Geschehnisse aus dem Universum oder durch menschliches Versagen. Ob die interessanten Fragen in der menschlichen Geschichte stets die gleichen geblieben sind, ist ebenfalls bezweifelbar. Konkret änderte sich innerhalb der Menscheitsgeschichte viel, auch die Voraussetzungen und Bedingungen, unter denen Fragen gestellt wurden. Um so erschreckender können Handlungs- und Verhaltensmuster im Wirtschaftsleben zeitgenössischer Gesellschaften sein, die an hypostasierte ‘Naturzustände’ erinnern lassen (vgl. z.B. Hobbes, Th., 1983). Mein Anliegen ist nicht, fiktional und möglichst naiv in eine altgriechische Polis oder in andere Gesellschaften zu flüchten, sondern zeitgenössischen Lesern zu erläutern, wie heute philosophische Fragen aus dem Alltage heraus entstehen können.
Mein Vorgehen ist systematisch, nicht historisch, aber weit davon entfernt, einen Systementwurf zu bieten, der deduktiv bei einigen Grundannahmen und allgemeinen Aussagen beginnt, um sich dann Schritt für Schritt in die Niederungen der Städte und Gemeinden zu begeben. Solche Systeme können durchaus imposant sein, wie eine alte Kathedrale oder ein modern gestaltetes Opernhaus, doch Vergleiche dieser Art sind oberflächig: nicht nur werden solche Gebäude von unten errichtet, in luftiger Höhe ist schwer Halt zu finden, nein, Architektur und Philosophie trennt etwas Spezifisches. Nicht Raumkonzepte, Beton, Glas und Stahl müssen auf einander abgestimmt werden, die Philosophie ‘baut’ Sprache. Das kann nicht funktionieren, wird man eventuell einwenden: Man hätte Recht! Dennoch bietet der Vergleich einen geeigneten Ansatz, zu fragen, was geschähe, wenn ich den Anfang mit einer Definition von Philosophie nehmen würde:
Man steckte einen Rahmen ab, ohne zu explizieren, was er umfasst, ohne abschätzen zu können, ob er zu weit oder zu eng ausfällt. Man säße an einem Reißbrett und würde ein Opernhaus skizzieren, ohne Informationen über konkrete Erfordernisse im Hinblick auf Empfang, Publikumsbereich, Orchestergraben, Bühne, Umkleide und Kantine. Wäre dieses Vorgehen für einen Architekten nicht ziemlich unprofessionell? Es ließe sich vielleicht von einer ‘Studie’ sprechen, doch wofür könnte diese dienen? Zum Marketing, wäre anmerkbar, um eine Metropole zu einem Auftrag zu animieren. Doch was könnte diese überraschende Entwicklung noch mit der Arbeit von Philosophen zu tun haben?
Konkrete Informationen über architektonische und bauliche Erfordernisse erhält ein Architekt von seinen Auftraggebern. In der Philosophie wäre so etwas kaum möglich, es sei denn ein Auftrag beschränkte sich auf eine Erläuterung oder Zusammenfassung von Ansichten, die bereits geäußert oder publiziert wurden. Eine Vorabdefinition von Philosophie würde den Prozess des Philosophierens auf eine Fleißarbeit reduzieren, die letztlich die eigenen Vorgaben erfüllt. Manch einer, soweit er bürokratisch gesinnt ist, wird sich damit anfreunden können. Um jedoch Philosophie betreiben zu können, bedarf es einer ungestillten Neugierde.
Ein solcher Drang kann auch in ein Verhängnis führen, mit dem unter Umständen nicht leicht umzugehen ist. Ich war von deutscher Bewusstseinphilosophie geprägt, bevor mich im Studium analytische Philosophie ins Straucheln brachte. Mit einem Schlag verlor ich meine bis dahin ausgeübte Sprache, die um ‘Denken’ kreiste, ohne mir begreiflich machen zu können, wie ich an die ‘Gedanken’ anderer herankommen soll, ja von richtigem und falschem ‘Denken’ war in der Bewusstseinsphilosophie die Rede, bisweilen sogar von ‘Denkgesetzen’. Zwar hatte mir der juristische Ton überhaupt nicht gefallen, der penetrante Widerwille erzeugte Sympathien mit anarchischen Bestrebungen in Philosophie, Wissenschaft, der Universität, der Politik! Dennoch fehlte mir ein geeigneter Ansatz, den deutschen Psycho-Terror loszuwerden.
Die Rettung bot mir Quine, das spürte ich sofort, als mir “Wort und Gegenstand” (vgl. Quine, W.v.O., 1980) bekannt wurde, dennoch geriet ich in höchste Gefahr: Ich wusste nicht mehr zu sprechen! Nicht ‘Denken’, sondern Sprache stand plötzlich im Zentrum, keine Spekulationen über psychische Prozesse, sondern lesbare Texte, Worte und ihre Bezüge. Die Tür öffnete sich mit einem Schlag, doch der betretene Raum war fremd, musste erst schrittweise entdeckt werden. Von dort öffneten sich viele weitere Räume, in denen ich mir wie ein Kind vorkam, das die Erlaubnis erhielt, sprechen zu lernen. Es ist mir immer noch schleierhaft, wie sich die Bewusstseinsphilosphie in Deutschland so lange halten konnte. Mehr als ein knapper Hinweis auf bürokratische Tradition fällt mir dazu nicht ein.
Bleiben Deduktion und Definition verwehrt, aus sachlichen Gründen, werde ich mich ins Getümmel stürzen können. Handelte es sich bei der Philosophie um Formales, wie bei der Mathematik und der Logik, ließe sich über Deduktionen ausgiebiger diskutieren. Da formale Systeme aber nur partielle Bereiche innerhalb der Philosophie sein können, wäre eine allgemeine Herangehensweise ohnehin unangemessen. Mein Interesse ist im vorliegenden Kontext hingegen in anderer Hinsicht speziell: Wie kann Philosophie heute aus dem Alltag entstehen?
Noch ist Sprache das primäre Verständigungsmittel unter Menschen. Zwar sind Images stärker in den Vordergrund gerückt, besonders im Zuge entstandener und inzwischen etablierter multimedialer Techniken, dennoch ist Sprache im Umgang nicht weniger relevant geworden. Auch Icons und Bilderwelten werden im Alltag zum Thema, sei es als Frage und Bestätigung, dies oder das gesehen zu haben, oder um etwas zu erläutern, Kindern zum Beispiel. In den Social Media entwickeln sich Ausdrücke emotionaler Befindlichkeiten unter Umständen zu Gesprächen. Inner- und außerhalb dieser Medien sind private Vorhaben unter Freuden abzusprechen. Die Politik fordert zu Diskussionen, Artikeln, zu Büchern heraus. Ohne Sprache wäre die Kommunikation im Alltag unzureichend. Und die gesellschaftlich beobachtbaren Icons und Bilder der Betriebssysteme von Mobiltelefonen, Tablet- und Desktop-Computern folgen Konventionen und Regeln, die auf sprachlichen Differenzierungen und Abstraktionen beruhen, mit welchem Erfolg auch immer. Sie sind konzeptionell entworfen worden, bieten die käuflich erwerbbare Grundlage für eine aufgehübschte private Bürokratie.
Sprache und physische Ereignisse, die kommunikativ auf Sprache beruhen, wie zum Beispiel viele Bilder, Töne aus einem Mobiltelefon oder ein Produktdesign, sind gleichwohl unterscheidbar. Icons und Tonfolgen geben funktionale Hinweise, ein Design fällt primär durch ästhetische Differenz auf, eröffnet durch diesen Verweis möglicherweise eine soziale. Bilderwelten können etwas darstellen. Zur Erläuterung und argumentativen Kritik bedarf es jedoch der Sprache. Funktionale Hinweise sind durch den hohen Abstraktionsgrad für eine detaillierte Kommunikation ungeeignet. Bilderwelten können hingegen eine hohe Differenzierung erreichen, zum Beispiel in Filmen. Die Darstellungen erfolgen jedoch nach anderen als nach sprachlichen Kriterien, sieht man von Abschnitten ab, in denen auch Sprache eine wichtige Funktion einnimmt. Die Bilder präsentieren das im Studio oder anderswo angesiedelte Dargestellte, mit der empirischen oder empirisch möglichen Welt treten kausale Abläufe hervor, während Sprache sich auf etwas bezieht und logische Strukturen entwickeln kann. Ein Bildaufbau wird nach anderen Kriterien vollzogen als eine sprachliche Mitteilung oder ein Textaufbau. Wenn man bildhaft von einer Grammatik und einer logischen Struktur in Bezug auf Bilderwelten sprechen wollte, wären sie im Fall der Bilderwelten etwas anderes als in der Sprache. Die geleistete Übertragung würde den Unterschied lediglich übergehen, eventuell sogar verschleiern, jedoch nicht tilgen können. Es wäre nicht hilfreich, die Besonderheiten der Sprache aufzuheben, wie Derrida dies in einem Interview vollzog: “Das, was ich Text nenne, ist alles, ist praktisch alles” (vgl. Engelmann, P., 1987, S.105). Das Wort ‘Text’ wird zu einer Metapher, die alles mit Deutungszauber verschlingt. In der Umgangsprache kann alles etwas bedeuten, Worte, Handlungen, Gegenstände, und dennoch bleiben Unterschiede gewahrt: Wortbedeutungen erläutern in der Regel den Bezug oder die grammatische Funktion, Bedeutungen von Handlungen und Gegenständen betreffen häufig die Relevanz, ob für jemanden persönlich oder in weiteren Zusammenhängen.
Wenn in Bezug auf Sprache von Darstellung gesprochen wird, dann in einer anderen Weise als im Zusammenhang mit Bildern, es sei denn, bei dem Dargestellten handelt es sich um einen Redebeitrag, ein Theaterstück oder ein Drehbuch, das zur Aufführung gelangt. Im ersten Fall wird das Wort Darstellung häufig konträr zu Äußerungen oder Texten genutzt, die (zusätzliche) Wertungen enthalten, ohne jedoch, wie im Film, das Dargestellte aufführen oder präsentieren zu können. Mehr als Bezüge herzustellen, bleibt kaum, sieht man vom Zitieren ab. Eine wortbildhafte Sprache kann zwar Assoziationen wecken, die abstrakte Relation Bezug verliert dadurch jedoch nicht an Relevanz. Was in den Zuhörern oder Lesern assoziativ vorgeht, ist ohne weiteres nicht von außen erfahrbar. Der sprachliche Bezug bleibt im Zentrum, es sei denn für Personen, die sich durch ihre eigenen Assoziationen überwältigen lassen. Im zweiten Fall, bei einer Aufführung, kommt aber etwas zur Darstellung, wie es bei einem Film geschieht, Wort für Wort, ob dramaturgisch verändert oder nicht. Sprache, so wäre zu konstatieren, kann allenfalls Sprache zur Darstellung bringen, präsentieren. Die Besonderheit des abstrakten Bezugs in der Sprache schließt in den meisten Fällen eine darstellende Funktion aus. Die Formulierung, über etwas zu sprechen, nimmt diesen speziellen Sachverhalt, die Distanz auf, dennoch scheint es kein verbürgtes Wort zu geben, das eine Alternative zum missverständlichen Wort ‘Darstellung’ bietet. Üblicherweise stellt man nicht, wie im sprachlichen Kontext angemessen wäre, über etwas dar, sondern etwas.
Die Alltagskommunikation findet in situativen Zusammenhängen statt. Um eine Artikulation verstehen zu können, sind außer der Sprache weitere Reize vorhanden, die Einordnungen ermöglichen, ob an der Kasse eines Supermarktes, im Streit mit einem der Nachbarn oder während einer Fahrt. Autoren und Lesern haben jedoch nichts weiter als die Texte. Dies macht die Ausgangslage schwieriger. Deshalb ist es im speziellen Kontext der Philosophie aus pragmatischer Sicht vorteilhaft, differenziert vorzugehen, auch wenn der Text dadurch komplexer wird. Was gemeinhin als sprachliche Darstellung ausgewiesen wird, übrigens nicht nur im Alltag, sondern auch in Wissenschaft und Philosophie, kann gar keine sein, nicht einmal, wenn man auf (zusätzliche) Wertungen verzichtet, weil in beiden Fällen die Distanz unberücksichtigt bleibt, die durch Bezugnahmen erzeugt wird.
Die Umgangsprache ist angefüllt mit Übertragungen, die aus sprachlicher Sicht unpassend sein können. Wenn ein Konzept umgesetzt werden soll, etwa wie ein Möbelstück, das für einen anderen Platz vorgesehen war oder sich an einem anderen als den vorgesehenen, aus welchen Gründen auch immer, besser macht, lässt sich zweifeln, ob dies gelingen kann. Dem Konzept soll, im Unterschied zu jenem Möbelstück, nichts geschehen, es soll lediglich als Handlungsanweisung dienen. Man würde ein Konzept allenfalls ausführen, wenn es Anweisungen enthält, nicht jedoch umsetzten. Ähnlich verhält es sich mit dem Wort ‘verwirklichen’. Ein Konzept, das es bereits gibt, also wirklich ist, kann nicht zusätzlich noch verwirklicht werden. Dabei ist es egal, ob es sich bei dem Konzept um eine Idee oder ein beschriebenes Stück Papier handelt. Eine Idee ist nicht weniger wirklich, nur weil sie etwas Psychisches, Kognitives ist. Schließlich noch ein Beispiel, das historische Veränderungen berücksichtigt und das Setzen einer besonderen Pointe erlaubt: Banken treiben seit einigen Jahren derart risikofreudige Geschäfte, dass sich diese mit der Sicherheit und Ruhe, die man mit einer Gartenbank assoziieren vermag, nicht in Einklang zu bringen sind. Nicht mehr eine assoziative Übertragung, sondern eine Differenz ist festzustellen. Man müsste das Möbelstück schon auf eine Autobahn stellen, um wenigstens einer vagen Vorstellung nach ein ähnliches Risikoniveau zu erreichen.
An den angeführten Beispielen ist ein Unterschied zu bemerken: im letzten Fall geht es um Gegenstandsbezeichnungen, die aufgrund der Bezüge verschiedene gleichlautende Worte sind und assoziative Verknüpfungen oder Divergenzen hervorrufen können, beim umzusetzenden Konzept handelt es sich hingegen um Sprachliches, das mit der Übertragung sonderbarerweise nicht-sprachlich behandelt wird. Es lohnt sich, diese beiden Beispiele näher zu betrachten. Bei den Gegenstandsbezeichnungen sind nicht nur die Bezüge different, es gibt längst eingebürgerte lexikalische Bedeutungen, die ebenfalls differieren. Würde man nachschlagen, erhielte man (a) Erläuterungen über Sitzmöbel, würde eventuell auf eine althochdeutsche “banc” (‘Erhöhung’) stoßen, auf andere Bedeutungen anderer Sprachen, in denen sehr ähnliche Lautkomplexe vorkommen; (b) über Geld- bzw. Kreditinstitute und deren Funktionen. Man erhielte, sähe man von historischen und fremdsprachlichen Exkursen ab, Erläuterungen über die Gegenstände, auf die Bezug genommen wird. Die Bedeutungen erläutern die Bezugnahme: man erfährt, worüber gesprochen wird. Von Assoziationen ist nicht die Rede. Die Möglichkeit für Assoziationen eröffnet die historische Veränderung im Hinblick auf die betroffenen Gegenständen. Assoziationen bleiben das Vergnügen von Sprechern und Hörern, Schreibern und Lesern. Wären sie deshalb sprachlich unrelevant?
Nähme man außer Bezug und lexikalischer Bedeutung noch eine weitere Funktion hinzu, ließe sich das Problem eventuell elegant lösen: eine hypothetische Ausdrucksbedeutung. Diese spielte nicht in jedem sprachlichen Fall eine Rolle, fiele bloß auf, wenn sie emotional stark besetzt ist, wie bei identifizierenden Beleidigungen oder Schwärmereien, könnte durch Gewohnheit im Alltag untergehen, oder durch eine aufkommende Differenz hervortreten. Und sie ist keineswegs so bestimmbar wie eine lexikalische, eine eingebürgerte Bedeutung, ließe unterscheidbare Varianten zu, die auf den Assoziationen unterschiedlicher Menschen beruhen. Das Bank- bzw. Bänke-Beispiel demonstriert, wie man sich interpretativ versteigen kann, rhetorisch, doch keineswegs nur als Winkelzug, sondern aus Interesse an gesellschaftlichen Entwicklungen. Dagegen ist jenes Umsetzen eines Konzeptes vergleichsweise abstrakt, wäre nicht mit der Handhabe von Gegenständen zu vergleichen: Sprache wird unzureichend erfasst. Um Ausdrucksbedeutungen von Übertragungen der Umgangssprache erfassen zu können, wäre man auf empirische Untersuchungen angewiesen - und erhielte so etwas wie Top-Listen, die sich im Laufe der Zeit ändern können, im Grunde nicht mehr als einen zeitbezogenen Spaß einbrächten.
Davidson ist der Ansicht, dass zusätzliche Bedeutungen zur Erfassung von Metaphern überflüssig seien: Metaphern könnten wörtlich, als eine neue Bedeutung genommen werden. In Bezug auf sein Beispiel ‘das Kind Tolstoi’, das im Kontext einer literaturwissenschaftlichen Einschätzung angeführt wird, “Tolstoi sei ein ‘moralsierendes großes Kind’ gewesen” (vgl. Davidson, D., 1994, S.347), ließe sich dies eventuell annehmen, obgleich man im Hinblick auf ‘neu’ mehr erwarten könnte. Schwieriger wird es, wenn man nach einer wörtlichen Bedeutung von ‘verwirklichen’ fragt. Ich wüsste darauf ohne weiteres nicht zu antworten!
Alltagssprachlich werden nicht nur Konzepte umgesetzt und verwirklicht, auch Träume werden wahr. Wenn ein Konsumartikel als Traum bezeichnet wird, ein Börsencrash hingegen als Albtraum, dann sind die psychischen Zustände, auf die mit Worten ‘Nacht-’ und ‘Tagtraum’ Bezug genommen wird, eher unrelevant. Idealisiertes und Bedrohliches stehen in Frage, die zwar erträumt werden können, dem sprachlichen Verhalten nach aber anders in Rede stehen. Es findet wie in vorhergegangenen Fällen eine Übertragung statt. Ein Wort ‘Traum’ oder ‘Albtraum’ dient als Metapher.
Steht kein Zusammenhang oder Kontext zur Verfügung, bleibt offen, um was es sich jeweils handelt, wenn der Artikulation nach ein Traum für jemanden wahr wird. Vielleicht kann dennoch stärker differenziert werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Metapher ‘Traum’ genutzt wird, die Erwünschtes und / oder Idealisiertes bezeichnet, ist relativ groß. Nacht- als auch Tagträume wären in der Regel zu umfangreich, vielleicht nicht einmal bewusst, um ihnen so etwas wie ‘wahr werden’ zuordnen zu können. Und ‘wahr werden’, sieht man mal von Metamorphosen ab, in denen aus einem erwünschten ein wirklicher Gegenstand wird oder geworden ist, die nur in esoterischen Ausnahmefällen eine Rolle spielen könnten, würde darauf Bezug nehmen, dass nun ein physischer Gegenstand, nicht nur ein erwünschter verfügbar ist. Auch ‘wahr’ wäre eine Metapher, aber eine vergleichsweise abstrakte. Sie betonte das Physische des Gegenstandes, in Differenz zu bloß Imaginärem.
Die Metaphern der Umgangssprache haben etwas Anachisches. Nicht einmal die Annahme einer wörtlichen Bedeutung könnte sie in ein rational erträgliches Gefüge bringen. Eine allgemeine philosophische Theorie über Metaphern hätte die Umgangssprache aber zu berücksichtigen, nicht bloß ausgesuchte Beispiele aus Dichtung, Wissenschaft und Philosophie. Der Begriff Ausdrucksbedeutung bezeichnet eine Variable, die als solche zwar ansetzbar ist, sich jedoch nicht allgemein weiter bestimmen lässt, weil sie lediglich eventuelle und verschiedenen Assoziationen umfasst, samt ihrem anarchischen Potential. Dieses anarchische Potential schließt nicht aus, dass sich funktionale Listen anlegen ließen, um Metaphern, auch solche der Umgangssprache, linguistisch sortieren zu helfen. Ein solches Vorgehen führte im vorliegenden Kontext jedoch zu weit, die philosophische Relevanz wäre fraglich.
Welche Relevanz hat aber die ‘hypothetische Ausdruckbedeutung’ für die Theorie? Immerhin werden, wenn auch nur als blinde Variable, also ohne nähere Angaben machen zu können, propositionale Einstellungen berücksichtigt. Und als sei dies nicht schon problematisch genug (vgl. Davidson, D., 1994, S.9), lässt sich daran zweifeln, ob die betroffene Sprache lernbar sein kann, weil diese Offenheit für Neues keine Abgeschlossenheit und Endlichkeit garantiert (vgl. Davidson, D., 1994, S.33)? Dazu später mehr.
Was bislang als Alltags- bzw. Umgangssprache bezeichnet wurde, gilt in Bereichen der Sprachwissenschaften und der Philosophie als ‘natürliche Sprache’, in Differenz zu formalen, künstlichen oder zu Plansprachen. Ein Wort ‘Natur’ kann, muss in diesem Kontext keine Metapher sein, wenn man einen wissenschaftlichen Naturbegriff präferiert, der auch Menschen und ihre Kulturen einschließt. Ein solcher Begriff würde jedoch auch speziell angefertigte Sprachen umfassen, wollte man vermeiden, sie abseits der Natur einer Metaphysik zuzuschieben. Die beanspruchte Differenz von ‘natürlichen’ und ‘künstlichen’ Sprachen wäre dahin.
Tja, wie sprechen, ließe sich fragen. Wenn die Sprache, die in Rede steht, gesellschaftlich geformt ist, dann erhalte ich die Möglichkeit, sie als gesellschaftliche zu bezeichnen, unabhängig von den angeführten klassifikatorischen Schwierigkeiten. Ich werde diese Möglichkeit nutzen, doch auch weiterhin vom Alltag und Umgang der Menschen sprechen, weil die explizite Berücksichtung das besondere Anliegen der vorliegenden Arbeit von Beginn an war und weiterhin sein wird.
Die bisherigen Beispiele betrafen die gesellschaftliche Sprache, die in Deutschland gesprochen wird. Es ist nicht selbstverständlich, dass diese sich in andere Sprachen adäquat übersetzen lassen. Ich scheue jedoch davor zurück, länder- und sprachübergreifend nach Beispielen zu suchen, obleich mir klar ist, dass die deutsche Sprache nur von vergleichsweise regionaler Relevanz ist. Ein unabsehbarer Umfang multilingualer Forschung würde das Projekt überfordern. Eine Begrenzung auf die indo-europäische Sprachfamilie wäre nicht zu rechtfertigen. Beispiele aus einer gesellschaftlichen Sprache reichen aber aus, um theoretisch von Belang zu sein.
Davidson verknüpft die Frage nach einem Spracherwerb mit der nach einer Überschaubarkeit, einer Endlichkeit semantischer Ausdrücke, allerdings in einem anderen Kontext, im Zusammenhang mit Zitaten. “Jedes Zitat ist ein semantischer einfacher Ausdruck, und da es unendlich viele verschiedene Zitate gibt, ist eine Sprache, die Zitate enthält, unlernbar.” (Vgl. Davidson, D., 1994, S.33.) Würde man anstatt von Zitaten von Sätzen sprechen, die Metaphern enthalten, unabhängig davon, ob man diese als ‘einfach’ bezeichnen würde, ergäbe sich ein ähnliches Problem: unendlich viele verschiedene Metaphern dieser Sprache würden einen Lernprozess nicht zum Abschluss bringen können.
Doch wie ist es möglich, weshalb relevant, eine Sprache vollständig zu beherrschen? Davidson stellt eine Anforderung an die Theorie: “Mit der richtigen psychologischen Einkleidung versehen, sollte unsere Theorie uns in den Stand setzen, mit Bezug auf einen beliebigen Satz anzugeben, was ein Sprecher der betreffenden Sprache mit diesem Satz meint (bzw. was dieser nach seiner Meinung bedeutet).” (Vgl. Davidson, D., 1994, S.30.) Die Interpretation von Zitaten kann im vorliegenden Kontext außen vorbleiben, die von Metaphern ist hingegen schon angeführt worden: Metaphern seien wörtlich zu verstehen (vgl. Davidson, D., 1994, S.343). Mit dieser Angabe ist geklärt, wie sich man sich eventuell nicht enden wollende Prozesse vom Leib halten kann.
Mein Vorgehen, muss ich eingestehen, ist nicht ganz unähnlich, doch ich bezweifle, dass stets eine wörtliche Bedeutung fassbar ist. Meine Erläuterungen über einige alltägliche Metaphern, darunter Worte wie ‘Darstellung’, ‘umsetzen’ und ‘verwirklichen’, wären mit einer schlichten Angabe von Bedeutungen nicht explizierbar gewesen. Eine wörtliche Bedeutung ließ sich am einfachsten beim Wort ‘umsetzen’ angeben, unter Berücksichtigung von Möbelstücken, verständlich ist die Metapher dadurch aber nicht geworden. Eine Forderung, mit der Theorie seien Metaphern wörtlich aufzufassen, die Bedeutungen beliebiger Metapher von Sprechern erfassen zu können, ist äußerst fragwürdig.
Mit der ‘hypothetischen Ausdrucksbedeutung’ habe ich der Pandora eine Pforte geöffnet, ohne sie wirklich reinzulassen. Die Variable zeigt, dass es unzählige Assoziationen in Bezug auf Metaphern geben kann, sie ließen sich sogar empirisch schätzen, bleiben aber außen vor, weil sie theoretisch auf keinen anderen Nenner zu bringen wären. Man könnte der Ansicht sein, dies käme einer Kapitulation gleich. Ich würde betonen, dass es davon abhängt, ob man das anarchische Potential zu nutzen weiß, das in die analytische Theorie integriert wurde. Vielleicht ist ein Umgang damit nicht von jedem lernbar, auf den Umgang mit Logik träfe jedoch Gleiches zu.
Die sprachtheoretische Schwierigkeit im Umgang mit Metaphern resultiert aus einem gesellschaftlichen Sprachverhalten, das auch außerhalb von üblichen Konventionen und Regeln, abseits von sachlich angemessenen Differenzierungen erfolgt. Man kann darüber verzweifeln oder es mit einem Lächeln billigen. Es findet statt. Praktisch bleibt nichts anderes übrig, als jeweilige Resultate zu prüfen, zu analysieren, ohne spezielle Vorgaben darüber zu machen, was Metaphern konkret seien, wie sie gebildet sind, was sie bedeuten. Es ist diese Offenheit, die es erlaubt, verschiedene Übertragungen zu erkennen als auch zu interpretieren, in meinem Fall unter sprachanalytischen Kriterien. Erst diese Offenheit garantiert eine Vollständigkeit der Theorie. Und nur sie reicht aus, um mit dem anarchischen Potential, das bei Metaphernbildungen zum Tragen kam und kommt, angemessen umgehen zu können.
Aber nicht nur geäußerte Metaphern können im Umgang besonders auffallen, ebenso Auseinandersetzungen darüber, was als wahr gelten kann. Im Umgang mit Metaphern steht weniger eine Frage nach Wahrheit im Zentrum, eher nach Angemessenheit, die sich auf die konkrete sprachliche Verwendung oder Erzeugung bezieht. Bei einer üblen Beschimpfung ist es egal, ob sie wahr ist oder nicht, relevant ist, ob sie passt, also angemessen ist, und ob sich andererseits ein Beschimpfter angegriffen, soziale herabgesetzung fühlt. ‘Wahrheit’ wird hingegen relevant, sobald sprachliche Bezüge in Frage gestellt werden, zum Beispiel gegenüber politischen Äußerungen, mit denen eine entstandene Armut in westlichen Gesellschaften übergangen wird: Bürger beginnen zu fragen, worüber, über welche Gesellschaften überhaupt gesprochen wird.
Der Begriff Geltung ist diesem Zusammenhang wichtig, weil der Entscheid über Wahrheit intersubjektiv getroffen wird, von den Beteiligten. Zu einer Auseinandersetzung kommt es, wenn die einbezogenen Ansichten darüber differieren, was wahr ist. Es könnte durchaus sein, dass aus einer nicht einbezogenen Sichtweise alle an einem Streit beteiligten Personen oder Parteien falsch liegen, dies jedoch nicht auffällt. Eine Frage nach Geltung könnte sich eventuell erübrigen, wenn die Kriterien für Entscheide, ob eine Aussage wahr oder falsch ist, gleich sind. In der deutschen Politik ist man dazu übergegangen, selber sprachbildend tätig zu werden, um zu vermeiden, von Wissenschaftlern oder wissenschaftlich gebildeten Journalisten mit statistischen Mitteln bloßgestellt zu werden. Speziell angepasste Diktionen von ‘sozial’ und ‘arm’ verhindern dies, bürgern sich sogar graduell ein.
Solche sprachlichen Neufassungen verändern die Bedingungen der Kommunikation, ohne die politisch vorherrschende Geltung im Hinblick auf ‘wahr’ und ‘falsch’ in Frage zu stellen. ‘Wahrheit’ betrifft das Vorliegen oder Nicht-Vorliegen von Bezügen, nicht hingegen die Wortbedeutungen. Würde man ‘arm’, um ein extremes Beispiel zu geben, nicht den Lebensbedingungen westlicher Großstädte anpassen, sondern solchen wie in Bangladesch, wäre Armut mit einem Schlag in Deutschland überwunden. Tipps von Politikern, die Heizung im Winter auszulassen, man könne alternativ zu Pullovern greifen, zudem Strom zu sparen, der Betrieb eines Kühlschranks wäre in der zu erwartenden Umgebung nicht erforderlich, können erläutern, dass im Kontext von Bedeutungen nicht ‘Wahrheit’, sondern Angemessenheit in Frage steht. ‘Wahrheit’ kommt erst ins Spiel, wenn mit Hilfe der Bedeutungen die Bezüge thematisiert werden. Innerhalb des extremen Beispiels lägen keine des Wortes ‘Armut’ in Deutschland vor. Pointiert, wenngleich zynisch, ließe sich sogar über einen erstaunlichen Reichtum sprechen.
Das soziale Gerangel, das politisch betrieben wird, auch vor einer Missachtung von gesellschaftlichen Gruppen nicht zurückschreckt, ließe sich dies durch Appelle an eine Vernunft unterbinden helfen? Die Ausrichtung der Diskussion würde sich ändern. Ein Erfolg wäre, nach Habermas, an die Überwindung “egozentrischer Nutzenkalküle” gebunden; es bedürfte mehr als einer kommunikativen Verständigung (vgl. Habermas, J., Bd. 1, S. 151). Doch unter den Bedingungen, die Habermas für eine ideale soziale Kommunikation entwickelt, wie relevant oder unrelevant sie für eine konkrete Praxis auch sein mögen, werden “Verständlichkeit” als Voraussetzung, Ansprüche auf “Wahrhaftigkeit”, “propositionale Wahrheit” und “normative Richtigkeit” angeführt (vgl. Habermas, J., Bd., 1, S.416), von sprachlicher Angemessenheit ist nicht die Rede. Das pragmatischen Kommunikationsmodell umfasst Sprache nur unzureichend. Im Rahmen einer Konsenstheorie der Wahrheit, in der es letztlich um die Zustimmung der Beteiligten geht, nicht um Sprache, sondern um Geltung, mag dies kaum auffallen.
Sieht man von jenem sozialen Gerangel ab, das von der Politik betrieben wird und dem auch das pragmatische Kommunikationsmodell Tribut zollt, lässt sich um der Sache willen diskutieren. Sprachtheoretische Fragen nach Wahrheit können zumindest in zwei Richtungen gestellt werden: im Hinblick auf die Bedeutung des Wortes ‘wahr’, oder durch eine Klärung dessen, was ein sprachlicher Bezug ist.
Mit einer semantischen Theorie der Wahrheit steht Angemessenheit zur Diskussion, nicht deren Wahrheit. Tarski hat eine in der Philosophie viel beachtete relevante Theorie entwickelt. Zur Angemessenheit kommt als weiteres Kriterium noch die formale Richtigkeit hinzu (vgl. Tarski, A., 1972, S.55). Ein Problem seines Konzeptes ist, dass ‘wahr’ im Kontext der ‘Äquivalenzform T’ (bzw. dt. ‘W’), sein Beispiel sei angeführt, ‘>Schnee ist weiß< ist wahr genau dann, wenn Schnee weiß ist’, durch ‘erfüllen’ erläutert wird. Seiner Ansicht nach hätte ‘Erfüllung’ einen grundlegenderen Charakter als ‘Wahrheit’, und er beschreibt sie als “eine Beziehung zwischen beliebigen Gegenständen und bestimmten Ausdrücken, genannt Aussagefunktionen.” (Vgl. Tarski, A., 1972, S.71.) Eine Aussage sei wahr, wenn sie von allen Gegenständen erfüllt werde, sonst falsch. Nun wäre freilich zu klären, was unter jener Beziehung, die als ‘Erfüllung’ bezeichnet wird, zu verstehen ist. Ein Seitenschwenk zur Logik würde nicht helfen, weil es lediglich um ein Einsetzen ginge. Was immer in der Logik geschehen mag, Gegenstände werden nicht eingesetzt. Handelt es sich bei ‘Erfüllung’ überhaupt um eine Beziehung, und könnte ‘Erfüllung’ eine solche angemessen bezeichnen? Bereits Field hat auf solche Undurchsichtigkeit hingewiesen (vgl. Field, H., 1976, S.124). Einen Überblick, besonders über formale Einwände, gibt Puntel (vgl. Puntel, L.B., 1978, S.41-69).
Davidson erweitert die Form lediglich um Sprache, Sprecher und Zeit (vgl. Davidson, 1994, S.77), um sie für natürliche, also gesellschaftliche Sprachen nutzbar zu machen. Dies ist durchaus ein wichtiger Schritt, reicht aber nicht aus, um verstehen zu können, was mit jener Beziehung gemeint ist. Erfüllungen können mit propositionalen Ansprüchen, Wünschen und Erwartungen in einem Zusammenhang stehen, wie jedoch mit beliebigen sprachlichen Ausdrücken? ‘Erfüllung’ wäre eine Metapher, die alles andere als klar und verständlich ist. Es kann aber aus dem zuvor angeführten Beispiel deutlich werden, um was es letztlich geht: um einen vorliegenden oder nicht vorliegenden sprachlichen Bezug.
Was aber ist das, ein sprachlicher Bezug? Ich habe bislang von einer abstrakten Funktion gesprochen, nun lässt sich hinzufügen, die vorliegen kann, eventuell aber auch nicht. Dies macht die Sache keineswegs einfacher. Man könnte untersuchen, wie Bezugnahmen psychogenetisch geschehen, wie dies zum Beispiel Quine unternommen hat (vgl. Quine, W.v.O., 1976). Was aber ‘Bezug’ ausmacht, ist aus dieser Prosa nicht zu erfahren. In “Ontologische Relativität” hatte er zuvor eine “Unerforschlichkeit der Referenz” hypostasiert und diese u.a. mit einer Zweideutigkeit von Worten begründet: Das Wort ‘grün’ könne als konkreter allgemeiner Term (das Gras sei grün) fungieren, ebenso als abstrakter singulärer Term (Grün sei eine Farbe) (vgl. Quine, W.v.O., 1975, S.57). Sieht man davon, ob es sich um die selben Worte handeln kann, ist der angeführte Fall trivial. Ohne Kontexte oder situative Zusammenhänge, in denen die relevanten Äußerungen erfolgen, bleibt offen, worüber gesprochen wird. Nicht trivial wäre hingegen eine Antwort auf die Frage, was Bezüge aus theoretischer Sicht sind. Handelt es sich bei den relevanten Worten ‘Bezug’, ‘Bezüge’ ebenfalls nur um Metaphern, die völlig undurchsichtig sind?
Davidson stört nicht die sprachliche Übertragung, die mittels ‘Bezug’ vorgenommen wird und die sich längst eingebürgert hat. Er präferiert die Möglichkeit, sprachtheoretische Begriffe auf einfachere zurückzuführen. “Alles an der Sprache kann rätselhaft erscheinen, und wir würden sie besser verstehen, wenn wir die semantischen Begriffe auf andere Begriffe zurückführen könnten.” (Vgl. Davidson, 1994, S.311.) Diese Möglichkeit werde im Hinblick ‘Bezugnahme’ jedoch verwehrt (vgl. Davidson, 1994, S.306.). Damit ist man auf ‘Erfüllung’ angewiesen.
Und nun? Weiß jemand was geschieht, wenn gesprochen wird? Oder hat man es mit einem Mysterium zu tun, das seit der frühen Steinzeit entweder nur Plappern oder Schweigen lässt?
Angemessenheit von Worten wie ‘Wahrheit’, ‘Bedeutung’ und ‘Bezug’ wird relevant, wenn Bedeutungen zu formen sind. Würde man nach der Wahrheit der Worte fragen, dann nach dem Vorliegen ausgesagter Bezüge. In dieser Weise ließe sich beispielsweise über eine erarbeitete Fassung des Aristotelischen Wahrheitsbegriffs urteilen, der selber nur an- oder unangemessen sein kann. An einer solchen historischen Erörterung habe ich im vorliegenden Kontext aber kein Interesse.
Die bisherige philosophische Diskussion über die relevanten Worte hat in eine Sackgasse geführt, weil, so lässt sich vermuten, Sprache unzureichend erfasst wurde. Dem sprachlichen Bezug wie einem Mysterium gegenüberzustehen, kann nicht das letzte Wort in dieser Sache sein. Über die auszuarbeitenden Bedeutungen der Begriffe kommen jedoch auch Wahrheitsfragen in die Diskussion, weil Sprache etwas Gesellschaftliches ist, mithin Bezüge relevant werden.
Man könnte es als einen Missstand innerhalb der analytischen Sprachphilosophie bezeichnen, den Blick nicht viel weiter geöffnet zu haben, als es aus wissenschaftsphilosophischer Sicht erforderlich war. Es ließe sich sogar in vielen Fällen fragen, ob es überhaupt um Theorie gegangen ist, nicht bloß um Konzepte ohne nennenswerte empirische Relevanz. Quine antwortet auf solche Vorwürfe mit dem Verweis auf die Entstehung eines Fachs, der wissenschaftlichen Philosophie. Schriftstellerische Ambitionen schließe er aus: professionelle Philosophen seien dazu nicht geeignet. (Vgl. Quine, W.v.O., 1991, S.233). Die Frage nach einer Angemessenheit wissenschaftsphilosophischer Begriffe ließe sich jedoch nicht abwehren, indem man sie schriftstellerischen Tätigkeiten zuordnet. Zudem wäre es zweierlei, wissenschaftliche Philosophie zu betreiben, ohne sich thematisch fixieren zu lassen, oder ob man sich als professioneller Zuträger der Wissenschaften versteht. Letzteres hätte Ähnlichkeiten mit der Relevanz von Philosophie im Mittelalter, als professionelle Küchenhilfe der Theologie.
Auch Wittgenstein sieht einen unangemessenen Umgang mit Worten, doch in einer anderen Hinsicht: Er konfiguriert eine Situation, in der ein Philosoph einem okkulten Vorgang nachgeht, in dem eine Beziehung, es ließe sich hinzufügen, eine wesenshafte Beziehung, zwischen Name und Benanntem herauszubringen sei. In diesem Fall geschehe Außergewöhnliches (vgl. Wittgenstein, L., 1984, S.260). Die gesuchte Beziehung wird - ohne Rückgriff auf Autoren und relevante Schriften - in viele unterschiedliche Beziehungen aufgelöst: “Diese Beziehung kann, unter vielem anderen, auch darin bestehen, daß das Hören des Namens uns das Bild des Benannten vor die Seele ruft, und sie besteht unter anderem auch darin, daß der Name auf das Benannte beschrieben ist, oder daß er beim Zeigen auf das Benannte ausgesprochen wird.” (Vgl. Wittgenstein, L., 1984, S.259.) Er belustigt sich.
Auch solche Ereignisse gehören zu sogenannten Sprachspielen. Um erfassen zu können, was solche Spiele seien, wird der Gebrauch der Worte angeführt. Auf die rhetorische Frage, was mit Worten eines spezifischen Spiels bezeichnet wird, gibt er die Auskunft: “Was sie bezeichnen, wie soll ich das zeigen, es sei denn in der Art ihres Gebrauchs” (vgl. Wittgenstein, L., 1984, S.242.) Auffallend ist, dass in jenem okkulten Spiel nicht nur sprachliche Vorkommnisse einbezogen sind, sondern auch psychische Erlebnisse. Eine Differenzierung unterbleibt. Als typischer Rat ist zu lesen: “Schau auf das Sprachspiel …, oder ein anderes!” (vgl. Wittgenstein, L., 1984, S.259). Dieser Hinweis steht unter anderem im Kontrast zur traditionellen Methode des Abrichtens von Kindern, das seinerseits als Sprachspiel bezeichnet wird (vgl. Wittgenstein, L., 1984, S.239-241) und im Rahmen der Konditionierung auch Handlungen umfasst. ‘Gebrauch’ ist innerhalb seiner Spätphilosophie ein reichliches undifferenziertes Wort, das mit diesem Bezugsumfang durchaus nicht dem Alltag entlehnt ist. Er räumt die Undifferenziertheit sogar ein und spricht von “unzählige(n) verschiedene(n) Arten der Verwendung dessen, was wir ‘Zeichen’, ‘Worte’, ‘Sätze’ nennen.” (Vgl. Wittgenstein, L., 1984, S.250.) Sein Spiel der Spiele, das man auch als “Lebensform” (vgl. Wittgenstein, L., 1984, S.246, 250) auffassen kann, ähnelt in dieser speziellen Hinsicht dem Gepansche eines Alchemisten.
Betont werden muss, dass die “Philosophischen Untersuchungen” aus dem Nachlass veröffentlich wurden, nicht als abgeschlossen gelten können. Das Vorhaben war ambitioniert: Ein Aufzeigen, ich würde entgegen seiner Absicht von einer Konzeption sprechen, der Sprachspiele, diene dem Vergleich, insgesamt sollte eine von vielen möglichen Ordnung entstehen. (Vgl. Wittgenstein, L., 1984, S.304).
Auf der Suche nach Angemessenheit bin ich jedoch keinen Schritt weiter gekommen. Zwar lässt sich mit Bezug auf Wittgensteins Spätphilosophie hervorheben, “daß bezugnehmende Verwendungsweisen kein >Wesen< besitzen; es gibt nicht ein bestimmtes Etwas, das als Bezugnahme bezeichnet werden kann.” (Vgl. Putnam, H., 1997, 212.) Berücksichtigt man jedoch, den ominösen Begriff ‘Gebrauch’, sagt dies wenig aus.
Wittgensteins Abgrenzung von Fragen über Wesen, u.a. auch des Bezugs - in diesem Kontext wird von ihm angeführt, die Sprache feiere (vgl. Wittgenstein, L., 1984, S.242) -, kann eventuell Heidegger als Adressat gemeint sein, festlegen möchte ich mich jedoch nicht. Im Rahmen von Wittgensteins Konzept wird eine Parallelwelt anvisiert, eine mögliche Ordnung, die dem Vergleich dienen kann, deshalb spielt Bezug und Wirklichkeit für ihn ohnehin eine untergeordnete Rolle, ähnlich wie innerhalb der Belletristik. Wesensbegriffe interessieren mich ebenfalls nicht, ob ontologische oder metaphysische, Fragen nach Wirklichkeitsbezügen hingegen schon.
Obwohl im Hinblick auf Wirklichkeit differente Ausrichtungen bestehen, eignet sich Wittgensteins Spätphilosophie besser als die zuvor angeführten formalen Erörterungen, einen von mir bereits skizzierten Ansatz in geeigneter Weise aufzugreifen. Wittgenstein ist der Überzeugung, dass er Sprachspiele beschreibt, den Gebrauch zeigt, also darstellend vorgeht. Eine darstellende Funktion wird innerhalb der “Philosophischen Untersuchungen” jedoch nur in ganz wenigen Passagen ausgeübt: durch ein rhetorisches Fragen, um den Textfluss in Gang zu halten. Mit diesen Fragen wird eine fiktive Sprechsituation dargestellt, freilich äußerst knapp, im Grunde kaum einer Rede wert. Alles andere dient der Entwicklung von Bedeutungen, besonders der von Worten ‘Sprachspiel’ und ‘Gebrauch’, durch Erläuterungen möglicher Gebräuche.
Es gibt einen sprachlichen Unterschied zwischen der Präsentation, die beispielsweise durch Schauspieler vollzogen wird, und einer Erörterung, die über einen Text, eine Sache oder einen Gegenstandsbereich erfolgt. Im ersten Fall ist eine Darstellung eines Textes, auch die eines fiktiven Streits, durchaus möglich, im zweiten Fall wird eine solche Darstellung normalerweise vermieden, ist gar nicht erwünscht. Sogar eine studentische Seminararbeit, die ausschließlich aus einer Reihung von Zitaten besteht, würde kaum als Darstellung durchgehen, weil nichts über die Ursprungstexte gesagt wird. Und im Unterschied zur rezitierenden Arbeit, sieht man von speziellen schauspielerischen Leistungen ab, wird durch den Studenten eine gewichtende Auswahl getroffen. Dieser arme Kerl bietet dennoch praktisch nichts.
Es gehört zum Alltag, ich nahm es kürzlich erneut auf einer Zugfahrt wahr, Menschen beobachten zu können, die von einem Sprechmodus zum anderen wechseln. Von einem knappen Erfahrungbericht schaltete einer junger Mann plötzlich in den Darstellungsmodus um: “Ich: …; er: …; und ich: …” - “Hihihi!” war anschließend aus der Gruppe zu hören, in der sich die Szene abspielte. Ein solches Ereignis wird Personen geläufig sein, die das Leben der städtischen Massen noch nicht hinter sich gelassen haben.
Der Darstellungsmodus wird im Fortgang nicht weiter beachtet. Im vorliegenden Kontext interessiert, was in dem anderen, dem primären Modus geschieht, während über etwas gesprochen oder geschrieben wird. Dabei ist es gleichgültig, ob es sich um einen knappen oder ausführlichen Bericht, um ein Gespräch, um eine Diskussion, eine Erläuterung oder Erörterung handelt, ob in jedem Fall ein Wort ‘über’ sprachlich üblich ist. Systematisch relevant ist die sachliche Differenz zwischen den beiden Modi. Und ich hoffe, dass ich ohne eine verquere Bezeichnung des primären sprachlichen Modus auskomme. Ich werde ihn nicht einmal fortlaufend anführen, sondern schlicht voraussetzen. Anzumerken ist allerdings, dass dem gesellschaftlichen Sprachverhalten nach auch über etwas gelacht und geweint werden kann. Das Wort ‘über’ ist nicht auf Zusammenhänge mit Sprache begrenzt. Die Distanz, die im Gegensatz zu Darstellungen zum Ausdruck kommt, bei denen etwas, nicht über etwas zur Präsentation gelangt, muss keineswegs eine emotionale sein.
Metaphern lassen jenes ‘über’, das speziell bei Äußerungen zum Tragen kommt, außer Acht, überwinden es im vorgenommenen Vergleich geradezu, wie beispielsweise durch Wittgenstein: Wenn seine Eröterung Sprachspiele darlegt, mögliche Gebräuche, Muster, als werde ein Bild skizziert, das dem Vergleich mit der Wirklichkeit dienen soll, dann wird die sprachliche Tätigkeit, mit der Sprache erläutert wird, umgedeutet, ja als spezielle ausgeblendet. Das Bemühen, Sprache durch ein ‘Sprache ist wie’ zu fassen, kann nur scheitern, weil es gar nicht mehr um Sprache ginge. Wenn Sprache etwas nicht ist, dann ‘wie’.
Das Wort ‘fassen’, das ich im vorausgehenden Absatz nutzte, ist ebenfalls metaphorisch. Ein solches metaphorisches Sprechen oder Schreiben über sprachliche Akte ist sogar relativ weit verbreitet, weil kaum Alternativen bestehen. Einige Beispiele sind bereits angeführt worden: ‘darstellen’, ‘erfüllen’, ‘zeigen’, ja sogar ‘anführen‘ gehört dazu. Würde man alle relevanten metaphorischen Äußerungen tilgen, blieben kaum Worte übrig. Eine Reduktion würde eine Diskussion über Sprache und sprachliche Tätigkeiten fast unmöglich machen. Vermeiden lässt sich aber, den Metaphern auf den Leim zu gehen.
Ich möchte die Möglichkeit nutzen, einen eigenen Ansatz zu entwickeln. Mehr als eine Richtungsentscheidung soll sich dabei aber nicht ergeben. Vorausgesetzt wird, dass die im vorliegenden Kontext relevante Sprache gesellschaftlich geformt wird. Wissenschaften und die Philosophie sind abhängig von dieser Sprache, unternehmen jedoch auch eigene Anstrengungen, um die Präzision von Aussagen zu erhöhen. Dieses Vorgehen ist besonders wichtig, ich halte es für die zentrale Aufgabe, mit diesen Tätigkeiten deutlicher als im gesellschaftlichen Alltag zu machen, um was es jeweils geht und die Entwicklung dessen, was gemeinhin Wissen genannt wird, voranzutreiben.
Sieht man von Metaphern ab, bleibt für sprachlichen ‘Bezug’ kaum mehr als eine abstrakte Funktion. Mit diesem Akt reduziere ich jedoch nur Ungeschicklichkeiten - und erhalte möglicherweise eine neue, vielleicht sogar eine hervorragende Grundlage für eine andere Form von Unangemessenheit. Abstrakta (und Allgemeinbegriffe) boten und bieten seit Platon immer wieder den Ausgang für Spekulationen über ihr Sein, als handele es sich um Gegenstände, die mit physikalischen vergleichbar wären. Dass Abstrakta hilfreich sein können, beim Rechnen, Sortieren und Putzen, will ich gar nicht bestreiten, aber muss es deshalb auch um ein metaphysisches oder ontologisches Sein gehen, nur weil das Zeug nicht so einfach kaputtzukriegen ist?
Wenn ich der Ansicht wäre, dass sprachliche Äußerungen stets Bezüge hätten, würde ich Kriterien benötigen, besonders solche, die über ‘wahr’ und ‘falsch’ entscheiden lassen. Bezüge wären eine Eigenschaft der Sprache, jedoch nur formal, weil nur in jeweiligen Zusammenhängen geklärt werden könnte, welche. Ein isolierter Satz wie ‘Die Bank ist grün’ würde offen lassen, auf was sich die Äußerung bezieht. Nun könnte man einwenden, dass die Eigenschaft, Bezug zu haben, nicht einfach formal ist, sondern sich im Rahmen von vorgegebenen Möglichkeiten bewegt. Dem ließe sich entgegnen, dass es sein mag, dass sich relativ viele Menschen an übliche Bedeutungen und Bezüge halten, Neuerungen wären dann aber nicht möglich. Sprache würde sich nicht mehr entwickeln können. Jüngere gesellschaftliche Vorkommnisse wie ‘geil’ und ‘cool’ wären einfach nur absurd.
Würde man akzeptieren, dass Spache nur formal Bezüge als Eigenschaften haben kann, sich letztlich die äußernden Menschen entscheiden, welche konkret, durch die Kontexte oder durch die Situationen im Umgang, weshalb sollten Menschen nicht darüber entscheiden können, ob ihre Äußerungen überhaupt Bezug haben, oder nicht. Nein, nein, dies ginge zu weit? Wäre es angebrachter, auch Zahlen und Götterbezeichnungen Bezüge zuzuschreiben, unabhängig davon, ob man an einen lichten Himmel oder eine düstere Unterwelt voller abstrakter Entitäten und Götter aller Schattierungen glaubt? Ist Sprache zentral ein metaphysisches Unterfangen, zu dem auch jene formale Eigenschaft gehört? In religiösen Kontexten ließen sich vielleicht diskursiv eingebrachte Götterbezeichnungen als Zitate interpretieren, eventuell sogar selektiv, bei der Verwendung von Zahlen und anderen Abstrakta auch? Wäre der interpretative Aufwand letztlich nicht zu hoch, der erforderlich wäre, um eine Formalie zu erhalten, die man gar nicht braucht?
Man bräuchte sie, um die Frage nach Wahrheit aufrechtzuerhalten. Diese Frage wäre belanglos, würde es nunmehr um Bezüge gehen, die vorliegen können. Es wäre (a) ungewiss, welche geäußerten Ansichten Bezüge haben, zumal worauf, unabhängig davon, ob sie wahr oder falsch sind. Damit wäre (b) unklar, in Bezug auf was die Frage nach Wahrheit gestellt werden kann. Sprache würde der Beliebigkeit anheimgestellt. Die Menschen könnten geradezu machen, was sie wollten. Dieser unberechtigten Angst - die Leute machen ohnehin, was sie wollen, fragen nicht erst einen Sprachmetaphyiker oder -priester -, ließen sich die verschiedenen Kontexte entgegenhalten, in denen es um empirische oder religiöse beziehungsweise metaphysische Gegenstände und Sachverhalte geht. Wenn man mir abends in einem Laden zu verstehen gäbe, dass Milch ausverkauft sei, könnte ich die Äußerung mit relativ großer Sicherheit als empiriebezogene auffassen, nicht als Aussage über ein eingebrochenes mythisches Verhängnis, das häufig abends eintritt, auch wenn mich dieser Umstand nicht trösten könnte.
Es ließe sich, speziell um religiösen und metaphysischen Scheinproblemen zu entgehen, ein Rahmen abstecken, der durch Bedeutungen gegeben wird, die Verifikationshinweise umfassen, Bedeutungen, die wissenschaftlich konkreter wären, als zum Beispiel lexikalische Bedeutungen, Prüfbarkeit ermöglichten. Es entstände ein “empirischer Gehalt” (vgl. Quine, W.v.O., 1995, S.75), jedoch ebenso eine Beschränkung des Tätigkeitsbereichs. Der philosophische Anspruch auf Professionalität wäre erkauft, ohne dass dies erforderlich wäre. Durch einen selektiven Verzicht auf Gegenstandbezüge ließe sich auch über etwas sprechen, das es der eigenen Auffassung nach gar nicht gibt, dennoch gesellschaftlich relevant ist. Quine sieht im Kontext von Abstrakta, dass “der ontologische Gürtel um einige Löcher enger” zu schnallen sei (vgl. Quine, W.v.O., 1975, S.29), bei dieser leichten Abmagerungskur bleibt es allerdings.
Propositionale Einstellungen eines Autors gegenüber einer Textpassage sind mir als Leser in der Regel unbekannt. Unabhängig davon kann ich aber prüfen, ob Bezüge vorliegen, oder in welchem Umfang. Passagen und ihre Kontexte geben in der Regel preis, ob Bezüge für die jeweiligen Texte eine Rolle spielen können, oder nicht. In diesem Zusammenhang ließe sich sogar weitaus differenzierter vorgehen, als dies eine Dichotomie in ‘wahr’ und ‘falsch’ erlauben würde. Ist der Übertrag, der von formalen Sprachen aus vollzogen wurde, sprachlich nicht völlig ungeeignet, besonders im Hinblick auf Studien, die explizit ihren (möglichen) Empiriebezug betonen und der von vielen Faktoren abhängig ist, von den ausgewählten theoretischen Grundlagen, den Hypothesenbildungen, der sogenannten Operationalisierung, bis hin zu den präferierten Messinstrumenten? Schlicht nach Wahrheit zu fragen, käme der Inszenierung eines mittelalterlichen Gottesurteils gleich.
Auf Abstrakta und Gottheiten als Gegenstände lässt sich nach meinem Ermessen leicht verzichten, so sehr man die einen oder anderen auch konzeptionell gebrauchen kann, zum Beispiel in einer Diskussion. Ein solcher persönlicher Verzicht ließe dennoch zu, über Glaubensgegenstände anderer zu sprechen. Die Frage nach angemessenen Regeln oder sprachlichen Bedeutungen reicht für Gespräche völlig aus, alles weitere wäre ohnehin nur mit Gewalt zu lösen. Entscheidend ist nicht die Frage, ob eine abstrakte Entität existiert, sondern wie sie gefasst wird. Ob sie darüberhinaus noch existiert, ist für eine Diskussion sekundär.
Wenn die Frage nach Wahrheit entfallen kann, weil es bei möglicherweise empriebezogenen Äußerungen darauf ankommt, ob im Rahmen einer Prüfung ein solcher Bezug vorliegt oder nicht, gegebenfalls in welchem Umfang, in religiösen oder metaphysischen Kontexten hingegen Angemessenheit der Bedeutungen gefragt ist, nicht Bezug, es sei denn bei Textanalysen, die sich auf Schriften beziehen, könnte man ‘wahr’ als schlichtes Urteil auffassen, ähnlich wie ‘schön’. Nach meinem Ermessen käme dies einer Entlastung des kleinen unscheinbaren Wörtchens gleich, auch einer Entlastung von seiner Substantivierung und vom Pathos. Eine Frage nach der Bedeutung von ‘wahr’ wäre lediglich noch eine empiriebezogene, würde unzählige Bedeutungen in Sprache l (language), zur Zeit t (time), im Raum a (area) ergeben, eventuell sogar amüsante. Mehr wäre kaum zu erwarten.
Bezug ist keine Eigenschaft der Sprache. Aber ich gestehe sprachlichen Erzeugnissen selektiv eine abstrakte Funktion zu, über etwas Auskunft zu geben. Dieser Vorgang vollzieht sich intrasubjektiv, hängt von Erfahrungen, vom Differenzierungsvermögen, von vielem ab, das interpersonell kaum zugänglich ist. Sogenannte Forschungsstandards zu setzen, mag dabei behilflich sein, eine Fleißarbeit zu leisten, vielleicht auch eine nach der anderen, doch genau diese Standards sind es, die Objektivität vorgaukeln und ein wissenschaftliches als auch philosophisches Fortschreiten behindern.
Die Schwierigkeit aber, herauszufinden, was die abstrakte Funktion ausmacht, besteht darin, nichts zur Verfügung zu haben, was nicht die Sprache wäre, die es zu erläutern gilt. Diese Grenze hat auch Wittgestein gesehen. In seiner Spätphilosophie reagierte er darauf mit unangemessenen Darstellungsbemühungen. Mehr als den im Grunde schwachen Hinweis, über etwas Auskunft zu geben, vermag ich nicht zu formulieren.
Die Frage nach analytischer Philosophie, die dem vorliegenden Band den Titel gab, wurde vom Rücksitz eines Autos gestellt, nachdem ich eine Zuordnung meines philosophischen Interesses bekundete. Im weiteren Gesprächsverlauf wurde mir deutlich, dass der Person, die um eine Erläuterung gebeten hatte, primär einige Philosophen namentlich bekannt waren, die der Frühzeit der analytischen Philosophie angehörten, dem Wiener Kreis. Die an mich herangetragenen Assoziationen waren zunächst verhalten, beruhten auf marginalen Texterfahrungen, die noch aus der Schulzeit stammten, im Fortgang Polemiken erinnern ließen, die speziell in Deutschland entstanden waren, vor allem innerhalb der ‘Kritischen Theorie’.
Diese Alltagssituation ermunterte mich, eine Herangehensweise zu entwickeln, die es mir erlaubt, zu erläutern, worin das Besondere der analytischen Philosophie liegen kann, unter Einbeziehung des Alltags. Die Möglichkeitsform weist darauf hin, dass es ‘die analytische Philosophie’ nicht gibt, sondern relativ viele verschiedene Autoren und Ansichten. Mir liegt wenig daran, einen Überblick bieten zu wollen. Es gibt einige Publikationen auf dem Markt, die einem solchen Anliegen gewidmet sind, spannender sind jedoch Bücher, in denen vom jeweiligen Autor ein eigener Zugang gesucht wird (vgl. z.B. Tugendhat, E., 1976). Ein gemeinsames Programm, zu dem sich zumindest eine Reihe von Autoren bekennen, gibt es schon lange nicht mehr. Gemeinsam ist vielen Philosophen aus der analytischen Richtung allerdings immer noch, den Ansatz ihrer Arbeit in der Sprache und in hinreichenden Differenzierungen zu nehmen. Dabei muss Sprachphilosophie jedoch nicht im Zentrum stehen. Nicht wenige der Akteure sind praktisch ausgerichtet, an Handlungen und / oder Ethik interessiert. Hervorgehoben sei William K. Frankenas “Analytische Ethik” (vgl. Frankena, W.K., 1972), eine knappe und dennoch gründliche Einführung.
In diesem Band werden Ergebnisse des verbliebenen Sprachanalytischen Forums vorgelegt, das einst in den Neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts entstanden war, nunmehr als privater Kreis von Autoren fortbesteht, von Autoren, die auch den AutorenVerlag gegründet hatten. Es wird keine langen historischen Abhandlungen oder Exkurse geben, erst Recht keine, die bis zu Sokrates zurückführen, um vermeintliche Grundfragen zu stellen, die unter Athenischen Bürgern entstanden waren. Es gibt keine ‘ewigen’ Fragen. Wer hätte sie bilden und stellen sollen, in Vorzeiten, als nur Bakterien die Erde bevölkerten, wer könnte sich um diese bemühen, wenn die Phase der Menschheit beendet ist, durch Geschehnisse aus dem Universum oder durch menschliches Versagen. Ob die interessanten Fragen in der menschlichen Geschichte stets die gleichen geblieben sind, ist ebenfalls bezweifelbar. Konkret änderte sich innerhalb der Menscheitsgeschichte viel, auch die Voraussetzungen und Bedingungen, unter denen Fragen gestellt wurden. Um so erschreckender können Handlungs- und Verhaltensmuster im Wirtschaftsleben zeitgenössischer Gesellschaften sein, die an hypostasierte ‘Naturzustände’ erinnern lassen (vgl. z.B. Hobbes, Th., 1983). Mein Anliegen ist nicht, fiktional und möglichst naiv in eine altgriechische Polis oder in andere Gesellschaften zu flüchten, sondern zeitgenössischen Lesern zu erläutern, wie heute philosophische Fragen aus dem Alltage heraus entstehen können.
Mein Vorgehen ist systematisch, nicht historisch, aber weit davon entfernt, einen Systementwurf zu bieten, der deduktiv bei einigen Grundannahmen und allgemeinen Aussagen beginnt, um sich dann Schritt für Schritt in die Niederungen der Städte und Gemeinden zu begeben. Solche Systeme können durchaus imposant sein, wie eine alte Kathedrale oder ein modern gestaltetes Opernhaus, doch Vergleiche dieser Art sind oberflächig: nicht nur werden solche Gebäude von unten errichtet, in luftiger Höhe ist schwer Halt zu finden, nein, Architektur und Philosophie trennt etwas Spezifisches. Nicht Raumkonzepte, Beton, Glas und Stahl müssen auf einander abgestimmt werden, die Philosophie ‘baut’ Sprache. Das kann nicht funktionieren, wird man eventuell einwenden: Man hätte Recht! Dennoch bietet der Vergleich einen geeigneten Ansatz, zu fragen, was geschähe, wenn ich den Anfang mit einer Definition von Philosophie nehmen würde:
Man steckte einen Rahmen ab, ohne zu explizieren, was er umfasst, ohne abschätzen zu können, ob er zu weit oder zu eng ausfällt. Man säße an einem Reißbrett und würde ein Opernhaus skizzieren, ohne Informationen über konkrete Erfordernisse im Hinblick auf Empfang, Publikumsbereich, Orchestergraben, Bühne, Umkleide und Kantine. Wäre dieses Vorgehen für einen Architekten nicht ziemlich unprofessionell? Es ließe sich vielleicht von einer ‘Studie’ sprechen, doch wofür könnte diese dienen? Zum Marketing, wäre anmerkbar, um eine Metropole zu einem Auftrag zu animieren. Doch was könnte diese überraschende Entwicklung noch mit der Arbeit von Philosophen zu tun haben?
Konkrete Informationen über architektonische und bauliche Erfordernisse erhält ein Architekt von seinen Auftraggebern. In der Philosophie wäre so etwas kaum möglich, es sei denn ein Auftrag beschränkte sich auf eine Erläuterung oder Zusammenfassung von Ansichten, die bereits geäußert oder publiziert wurden. Eine Vorabdefinition von Philosophie würde den Prozess des Philosophierens auf eine Fleißarbeit reduzieren, die letztlich die eigenen Vorgaben erfüllt. Manch einer, soweit er bürokratisch gesinnt ist, wird sich damit anfreunden können. Um jedoch Philosophie betreiben zu können, bedarf es einer ungestillten Neugierde.
Ein solcher Drang kann auch in ein Verhängnis führen, mit dem unter Umständen nicht leicht umzugehen ist. Ich war von deutscher Bewusstseinphilosophie geprägt, bevor mich im Studium analytische Philosophie ins Straucheln brachte. Mit einem Schlag verlor ich meine bis dahin ausgeübte Sprache, die um ‘Denken’ kreiste, ohne mir begreiflich machen zu können, wie ich an die ‘Gedanken’ anderer herankommen soll, ja von richtigem und falschem ‘Denken’ war in der Bewusstseinsphilosophie die Rede, bisweilen sogar von ‘Denkgesetzen’. Zwar hatte mir der juristische Ton überhaupt nicht gefallen, der penetrante Widerwille erzeugte Sympathien mit anarchischen Bestrebungen in Philosophie, Wissenschaft, der Universität, der Politik! Dennoch fehlte mir ein geeigneter Ansatz, den deutschen Psycho-Terror loszuwerden.
Die Rettung bot mir Quine, das spürte ich sofort, als mir “Wort und Gegenstand” (vgl. Quine, W.v.O., 1980) bekannt wurde, dennoch geriet ich in höchste Gefahr: Ich wusste nicht mehr zu sprechen! Nicht ‘Denken’, sondern Sprache stand plötzlich im Zentrum, keine Spekulationen über psychische Prozesse, sondern lesbare Texte, Worte und ihre Bezüge. Die Tür öffnete sich mit einem Schlag, doch der betretene Raum war fremd, musste erst schrittweise entdeckt werden. Von dort öffneten sich viele weitere Räume, in denen ich mir wie ein Kind vorkam, das die Erlaubnis erhielt, sprechen zu lernen. Es ist mir immer noch schleierhaft, wie sich die Bewusstseinsphilosphie in Deutschland so lange halten konnte. Mehr als ein knapper Hinweis auf bürokratische Tradition fällt mir dazu nicht ein.
II
Bleiben Deduktion und Definition verwehrt, aus sachlichen Gründen, werde ich mich ins Getümmel stürzen können. Handelte es sich bei der Philosophie um Formales, wie bei der Mathematik und der Logik, ließe sich über Deduktionen ausgiebiger diskutieren. Da formale Systeme aber nur partielle Bereiche innerhalb der Philosophie sein können, wäre eine allgemeine Herangehensweise ohnehin unangemessen. Mein Interesse ist im vorliegenden Kontext hingegen in anderer Hinsicht speziell: Wie kann Philosophie heute aus dem Alltag entstehen?
Noch ist Sprache das primäre Verständigungsmittel unter Menschen. Zwar sind Images stärker in den Vordergrund gerückt, besonders im Zuge entstandener und inzwischen etablierter multimedialer Techniken, dennoch ist Sprache im Umgang nicht weniger relevant geworden. Auch Icons und Bilderwelten werden im Alltag zum Thema, sei es als Frage und Bestätigung, dies oder das gesehen zu haben, oder um etwas zu erläutern, Kindern zum Beispiel. In den Social Media entwickeln sich Ausdrücke emotionaler Befindlichkeiten unter Umständen zu Gesprächen. Inner- und außerhalb dieser Medien sind private Vorhaben unter Freuden abzusprechen. Die Politik fordert zu Diskussionen, Artikeln, zu Büchern heraus. Ohne Sprache wäre die Kommunikation im Alltag unzureichend. Und die gesellschaftlich beobachtbaren Icons und Bilder der Betriebssysteme von Mobiltelefonen, Tablet- und Desktop-Computern folgen Konventionen und Regeln, die auf sprachlichen Differenzierungen und Abstraktionen beruhen, mit welchem Erfolg auch immer. Sie sind konzeptionell entworfen worden, bieten die käuflich erwerbbare Grundlage für eine aufgehübschte private Bürokratie.
Sprache und physische Ereignisse, die kommunikativ auf Sprache beruhen, wie zum Beispiel viele Bilder, Töne aus einem Mobiltelefon oder ein Produktdesign, sind gleichwohl unterscheidbar. Icons und Tonfolgen geben funktionale Hinweise, ein Design fällt primär durch ästhetische Differenz auf, eröffnet durch diesen Verweis möglicherweise eine soziale. Bilderwelten können etwas darstellen. Zur Erläuterung und argumentativen Kritik bedarf es jedoch der Sprache. Funktionale Hinweise sind durch den hohen Abstraktionsgrad für eine detaillierte Kommunikation ungeeignet. Bilderwelten können hingegen eine hohe Differenzierung erreichen, zum Beispiel in Filmen. Die Darstellungen erfolgen jedoch nach anderen als nach sprachlichen Kriterien, sieht man von Abschnitten ab, in denen auch Sprache eine wichtige Funktion einnimmt. Die Bilder präsentieren das im Studio oder anderswo angesiedelte Dargestellte, mit der empirischen oder empirisch möglichen Welt treten kausale Abläufe hervor, während Sprache sich auf etwas bezieht und logische Strukturen entwickeln kann. Ein Bildaufbau wird nach anderen Kriterien vollzogen als eine sprachliche Mitteilung oder ein Textaufbau. Wenn man bildhaft von einer Grammatik und einer logischen Struktur in Bezug auf Bilderwelten sprechen wollte, wären sie im Fall der Bilderwelten etwas anderes als in der Sprache. Die geleistete Übertragung würde den Unterschied lediglich übergehen, eventuell sogar verschleiern, jedoch nicht tilgen können. Es wäre nicht hilfreich, die Besonderheiten der Sprache aufzuheben, wie Derrida dies in einem Interview vollzog: “Das, was ich Text nenne, ist alles, ist praktisch alles” (vgl. Engelmann, P., 1987, S.105). Das Wort ‘Text’ wird zu einer Metapher, die alles mit Deutungszauber verschlingt. In der Umgangsprache kann alles etwas bedeuten, Worte, Handlungen, Gegenstände, und dennoch bleiben Unterschiede gewahrt: Wortbedeutungen erläutern in der Regel den Bezug oder die grammatische Funktion, Bedeutungen von Handlungen und Gegenständen betreffen häufig die Relevanz, ob für jemanden persönlich oder in weiteren Zusammenhängen.
Wenn in Bezug auf Sprache von Darstellung gesprochen wird, dann in einer anderen Weise als im Zusammenhang mit Bildern, es sei denn, bei dem Dargestellten handelt es sich um einen Redebeitrag, ein Theaterstück oder ein Drehbuch, das zur Aufführung gelangt. Im ersten Fall wird das Wort Darstellung häufig konträr zu Äußerungen oder Texten genutzt, die (zusätzliche) Wertungen enthalten, ohne jedoch, wie im Film, das Dargestellte aufführen oder präsentieren zu können. Mehr als Bezüge herzustellen, bleibt kaum, sieht man vom Zitieren ab. Eine wortbildhafte Sprache kann zwar Assoziationen wecken, die abstrakte Relation Bezug verliert dadurch jedoch nicht an Relevanz. Was in den Zuhörern oder Lesern assoziativ vorgeht, ist ohne weiteres nicht von außen erfahrbar. Der sprachliche Bezug bleibt im Zentrum, es sei denn für Personen, die sich durch ihre eigenen Assoziationen überwältigen lassen. Im zweiten Fall, bei einer Aufführung, kommt aber etwas zur Darstellung, wie es bei einem Film geschieht, Wort für Wort, ob dramaturgisch verändert oder nicht. Sprache, so wäre zu konstatieren, kann allenfalls Sprache zur Darstellung bringen, präsentieren. Die Besonderheit des abstrakten Bezugs in der Sprache schließt in den meisten Fällen eine darstellende Funktion aus. Die Formulierung, über etwas zu sprechen, nimmt diesen speziellen Sachverhalt, die Distanz auf, dennoch scheint es kein verbürgtes Wort zu geben, das eine Alternative zum missverständlichen Wort ‘Darstellung’ bietet. Üblicherweise stellt man nicht, wie im sprachlichen Kontext angemessen wäre, über etwas dar, sondern etwas.
Die Alltagskommunikation findet in situativen Zusammenhängen statt. Um eine Artikulation verstehen zu können, sind außer der Sprache weitere Reize vorhanden, die Einordnungen ermöglichen, ob an der Kasse eines Supermarktes, im Streit mit einem der Nachbarn oder während einer Fahrt. Autoren und Lesern haben jedoch nichts weiter als die Texte. Dies macht die Ausgangslage schwieriger. Deshalb ist es im speziellen Kontext der Philosophie aus pragmatischer Sicht vorteilhaft, differenziert vorzugehen, auch wenn der Text dadurch komplexer wird. Was gemeinhin als sprachliche Darstellung ausgewiesen wird, übrigens nicht nur im Alltag, sondern auch in Wissenschaft und Philosophie, kann gar keine sein, nicht einmal, wenn man auf (zusätzliche) Wertungen verzichtet, weil in beiden Fällen die Distanz unberücksichtigt bleibt, die durch Bezugnahmen erzeugt wird.
Die Umgangsprache ist angefüllt mit Übertragungen, die aus sprachlicher Sicht unpassend sein können. Wenn ein Konzept umgesetzt werden soll, etwa wie ein Möbelstück, das für einen anderen Platz vorgesehen war oder sich an einem anderen als den vorgesehenen, aus welchen Gründen auch immer, besser macht, lässt sich zweifeln, ob dies gelingen kann. Dem Konzept soll, im Unterschied zu jenem Möbelstück, nichts geschehen, es soll lediglich als Handlungsanweisung dienen. Man würde ein Konzept allenfalls ausführen, wenn es Anweisungen enthält, nicht jedoch umsetzten. Ähnlich verhält es sich mit dem Wort ‘verwirklichen’. Ein Konzept, das es bereits gibt, also wirklich ist, kann nicht zusätzlich noch verwirklicht werden. Dabei ist es egal, ob es sich bei dem Konzept um eine Idee oder ein beschriebenes Stück Papier handelt. Eine Idee ist nicht weniger wirklich, nur weil sie etwas Psychisches, Kognitives ist. Schließlich noch ein Beispiel, das historische Veränderungen berücksichtigt und das Setzen einer besonderen Pointe erlaubt: Banken treiben seit einigen Jahren derart risikofreudige Geschäfte, dass sich diese mit der Sicherheit und Ruhe, die man mit einer Gartenbank assoziieren vermag, nicht in Einklang zu bringen sind. Nicht mehr eine assoziative Übertragung, sondern eine Differenz ist festzustellen. Man müsste das Möbelstück schon auf eine Autobahn stellen, um wenigstens einer vagen Vorstellung nach ein ähnliches Risikoniveau zu erreichen.
An den angeführten Beispielen ist ein Unterschied zu bemerken: im letzten Fall geht es um Gegenstandsbezeichnungen, die aufgrund der Bezüge verschiedene gleichlautende Worte sind und assoziative Verknüpfungen oder Divergenzen hervorrufen können, beim umzusetzenden Konzept handelt es sich hingegen um Sprachliches, das mit der Übertragung sonderbarerweise nicht-sprachlich behandelt wird. Es lohnt sich, diese beiden Beispiele näher zu betrachten. Bei den Gegenstandsbezeichnungen sind nicht nur die Bezüge different, es gibt längst eingebürgerte lexikalische Bedeutungen, die ebenfalls differieren. Würde man nachschlagen, erhielte man (a) Erläuterungen über Sitzmöbel, würde eventuell auf eine althochdeutsche “banc” (‘Erhöhung’) stoßen, auf andere Bedeutungen anderer Sprachen, in denen sehr ähnliche Lautkomplexe vorkommen; (b) über Geld- bzw. Kreditinstitute und deren Funktionen. Man erhielte, sähe man von historischen und fremdsprachlichen Exkursen ab, Erläuterungen über die Gegenstände, auf die Bezug genommen wird. Die Bedeutungen erläutern die Bezugnahme: man erfährt, worüber gesprochen wird. Von Assoziationen ist nicht die Rede. Die Möglichkeit für Assoziationen eröffnet die historische Veränderung im Hinblick auf die betroffenen Gegenständen. Assoziationen bleiben das Vergnügen von Sprechern und Hörern, Schreibern und Lesern. Wären sie deshalb sprachlich unrelevant?
Nähme man außer Bezug und lexikalischer Bedeutung noch eine weitere Funktion hinzu, ließe sich das Problem eventuell elegant lösen: eine hypothetische Ausdrucksbedeutung. Diese spielte nicht in jedem sprachlichen Fall eine Rolle, fiele bloß auf, wenn sie emotional stark besetzt ist, wie bei identifizierenden Beleidigungen oder Schwärmereien, könnte durch Gewohnheit im Alltag untergehen, oder durch eine aufkommende Differenz hervortreten. Und sie ist keineswegs so bestimmbar wie eine lexikalische, eine eingebürgerte Bedeutung, ließe unterscheidbare Varianten zu, die auf den Assoziationen unterschiedlicher Menschen beruhen. Das Bank- bzw. Bänke-Beispiel demonstriert, wie man sich interpretativ versteigen kann, rhetorisch, doch keineswegs nur als Winkelzug, sondern aus Interesse an gesellschaftlichen Entwicklungen. Dagegen ist jenes Umsetzen eines Konzeptes vergleichsweise abstrakt, wäre nicht mit der Handhabe von Gegenständen zu vergleichen: Sprache wird unzureichend erfasst. Um Ausdrucksbedeutungen von Übertragungen der Umgangssprache erfassen zu können, wäre man auf empirische Untersuchungen angewiesen - und erhielte so etwas wie Top-Listen, die sich im Laufe der Zeit ändern können, im Grunde nicht mehr als einen zeitbezogenen Spaß einbrächten.
Davidson ist der Ansicht, dass zusätzliche Bedeutungen zur Erfassung von Metaphern überflüssig seien: Metaphern könnten wörtlich, als eine neue Bedeutung genommen werden. In Bezug auf sein Beispiel ‘das Kind Tolstoi’, das im Kontext einer literaturwissenschaftlichen Einschätzung angeführt wird, “Tolstoi sei ein ‘moralsierendes großes Kind’ gewesen” (vgl. Davidson, D., 1994, S.347), ließe sich dies eventuell annehmen, obgleich man im Hinblick auf ‘neu’ mehr erwarten könnte. Schwieriger wird es, wenn man nach einer wörtlichen Bedeutung von ‘verwirklichen’ fragt. Ich wüsste darauf ohne weiteres nicht zu antworten!
Alltagssprachlich werden nicht nur Konzepte umgesetzt und verwirklicht, auch Träume werden wahr. Wenn ein Konsumartikel als Traum bezeichnet wird, ein Börsencrash hingegen als Albtraum, dann sind die psychischen Zustände, auf die mit Worten ‘Nacht-’ und ‘Tagtraum’ Bezug genommen wird, eher unrelevant. Idealisiertes und Bedrohliches stehen in Frage, die zwar erträumt werden können, dem sprachlichen Verhalten nach aber anders in Rede stehen. Es findet wie in vorhergegangenen Fällen eine Übertragung statt. Ein Wort ‘Traum’ oder ‘Albtraum’ dient als Metapher.
Steht kein Zusammenhang oder Kontext zur Verfügung, bleibt offen, um was es sich jeweils handelt, wenn der Artikulation nach ein Traum für jemanden wahr wird. Vielleicht kann dennoch stärker differenziert werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Metapher ‘Traum’ genutzt wird, die Erwünschtes und / oder Idealisiertes bezeichnet, ist relativ groß. Nacht- als auch Tagträume wären in der Regel zu umfangreich, vielleicht nicht einmal bewusst, um ihnen so etwas wie ‘wahr werden’ zuordnen zu können. Und ‘wahr werden’, sieht man mal von Metamorphosen ab, in denen aus einem erwünschten ein wirklicher Gegenstand wird oder geworden ist, die nur in esoterischen Ausnahmefällen eine Rolle spielen könnten, würde darauf Bezug nehmen, dass nun ein physischer Gegenstand, nicht nur ein erwünschter verfügbar ist. Auch ‘wahr’ wäre eine Metapher, aber eine vergleichsweise abstrakte. Sie betonte das Physische des Gegenstandes, in Differenz zu bloß Imaginärem.
Die Metaphern der Umgangssprache haben etwas Anachisches. Nicht einmal die Annahme einer wörtlichen Bedeutung könnte sie in ein rational erträgliches Gefüge bringen. Eine allgemeine philosophische Theorie über Metaphern hätte die Umgangssprache aber zu berücksichtigen, nicht bloß ausgesuchte Beispiele aus Dichtung, Wissenschaft und Philosophie. Der Begriff Ausdrucksbedeutung bezeichnet eine Variable, die als solche zwar ansetzbar ist, sich jedoch nicht allgemein weiter bestimmen lässt, weil sie lediglich eventuelle und verschiedenen Assoziationen umfasst, samt ihrem anarchischen Potential. Dieses anarchische Potential schließt nicht aus, dass sich funktionale Listen anlegen ließen, um Metaphern, auch solche der Umgangssprache, linguistisch sortieren zu helfen. Ein solches Vorgehen führte im vorliegenden Kontext jedoch zu weit, die philosophische Relevanz wäre fraglich.
III
Welche Relevanz hat aber die ‘hypothetische Ausdruckbedeutung’ für die Theorie? Immerhin werden, wenn auch nur als blinde Variable, also ohne nähere Angaben machen zu können, propositionale Einstellungen berücksichtigt. Und als sei dies nicht schon problematisch genug (vgl. Davidson, D., 1994, S.9), lässt sich daran zweifeln, ob die betroffene Sprache lernbar sein kann, weil diese Offenheit für Neues keine Abgeschlossenheit und Endlichkeit garantiert (vgl. Davidson, D., 1994, S.33)? Dazu später mehr.
Was bislang als Alltags- bzw. Umgangssprache bezeichnet wurde, gilt in Bereichen der Sprachwissenschaften und der Philosophie als ‘natürliche Sprache’, in Differenz zu formalen, künstlichen oder zu Plansprachen. Ein Wort ‘Natur’ kann, muss in diesem Kontext keine Metapher sein, wenn man einen wissenschaftlichen Naturbegriff präferiert, der auch Menschen und ihre Kulturen einschließt. Ein solcher Begriff würde jedoch auch speziell angefertigte Sprachen umfassen, wollte man vermeiden, sie abseits der Natur einer Metaphysik zuzuschieben. Die beanspruchte Differenz von ‘natürlichen’ und ‘künstlichen’ Sprachen wäre dahin.
Tja, wie sprechen, ließe sich fragen. Wenn die Sprache, die in Rede steht, gesellschaftlich geformt ist, dann erhalte ich die Möglichkeit, sie als gesellschaftliche zu bezeichnen, unabhängig von den angeführten klassifikatorischen Schwierigkeiten. Ich werde diese Möglichkeit nutzen, doch auch weiterhin vom Alltag und Umgang der Menschen sprechen, weil die explizite Berücksichtung das besondere Anliegen der vorliegenden Arbeit von Beginn an war und weiterhin sein wird.
Die bisherigen Beispiele betrafen die gesellschaftliche Sprache, die in Deutschland gesprochen wird. Es ist nicht selbstverständlich, dass diese sich in andere Sprachen adäquat übersetzen lassen. Ich scheue jedoch davor zurück, länder- und sprachübergreifend nach Beispielen zu suchen, obleich mir klar ist, dass die deutsche Sprache nur von vergleichsweise regionaler Relevanz ist. Ein unabsehbarer Umfang multilingualer Forschung würde das Projekt überfordern. Eine Begrenzung auf die indo-europäische Sprachfamilie wäre nicht zu rechtfertigen. Beispiele aus einer gesellschaftlichen Sprache reichen aber aus, um theoretisch von Belang zu sein.
Davidson verknüpft die Frage nach einem Spracherwerb mit der nach einer Überschaubarkeit, einer Endlichkeit semantischer Ausdrücke, allerdings in einem anderen Kontext, im Zusammenhang mit Zitaten. “Jedes Zitat ist ein semantischer einfacher Ausdruck, und da es unendlich viele verschiedene Zitate gibt, ist eine Sprache, die Zitate enthält, unlernbar.” (Vgl. Davidson, D., 1994, S.33.) Würde man anstatt von Zitaten von Sätzen sprechen, die Metaphern enthalten, unabhängig davon, ob man diese als ‘einfach’ bezeichnen würde, ergäbe sich ein ähnliches Problem: unendlich viele verschiedene Metaphern dieser Sprache würden einen Lernprozess nicht zum Abschluss bringen können.
Doch wie ist es möglich, weshalb relevant, eine Sprache vollständig zu beherrschen? Davidson stellt eine Anforderung an die Theorie: “Mit der richtigen psychologischen Einkleidung versehen, sollte unsere Theorie uns in den Stand setzen, mit Bezug auf einen beliebigen Satz anzugeben, was ein Sprecher der betreffenden Sprache mit diesem Satz meint (bzw. was dieser nach seiner Meinung bedeutet).” (Vgl. Davidson, D., 1994, S.30.) Die Interpretation von Zitaten kann im vorliegenden Kontext außen vorbleiben, die von Metaphern ist hingegen schon angeführt worden: Metaphern seien wörtlich zu verstehen (vgl. Davidson, D., 1994, S.343). Mit dieser Angabe ist geklärt, wie sich man sich eventuell nicht enden wollende Prozesse vom Leib halten kann.
Mein Vorgehen, muss ich eingestehen, ist nicht ganz unähnlich, doch ich bezweifle, dass stets eine wörtliche Bedeutung fassbar ist. Meine Erläuterungen über einige alltägliche Metaphern, darunter Worte wie ‘Darstellung’, ‘umsetzen’ und ‘verwirklichen’, wären mit einer schlichten Angabe von Bedeutungen nicht explizierbar gewesen. Eine wörtliche Bedeutung ließ sich am einfachsten beim Wort ‘umsetzen’ angeben, unter Berücksichtigung von Möbelstücken, verständlich ist die Metapher dadurch aber nicht geworden. Eine Forderung, mit der Theorie seien Metaphern wörtlich aufzufassen, die Bedeutungen beliebiger Metapher von Sprechern erfassen zu können, ist äußerst fragwürdig.
Mit der ‘hypothetischen Ausdrucksbedeutung’ habe ich der Pandora eine Pforte geöffnet, ohne sie wirklich reinzulassen. Die Variable zeigt, dass es unzählige Assoziationen in Bezug auf Metaphern geben kann, sie ließen sich sogar empirisch schätzen, bleiben aber außen vor, weil sie theoretisch auf keinen anderen Nenner zu bringen wären. Man könnte der Ansicht sein, dies käme einer Kapitulation gleich. Ich würde betonen, dass es davon abhängt, ob man das anarchische Potential zu nutzen weiß, das in die analytische Theorie integriert wurde. Vielleicht ist ein Umgang damit nicht von jedem lernbar, auf den Umgang mit Logik träfe jedoch Gleiches zu.
IV
Die sprachtheoretische Schwierigkeit im Umgang mit Metaphern resultiert aus einem gesellschaftlichen Sprachverhalten, das auch außerhalb von üblichen Konventionen und Regeln, abseits von sachlich angemessenen Differenzierungen erfolgt. Man kann darüber verzweifeln oder es mit einem Lächeln billigen. Es findet statt. Praktisch bleibt nichts anderes übrig, als jeweilige Resultate zu prüfen, zu analysieren, ohne spezielle Vorgaben darüber zu machen, was Metaphern konkret seien, wie sie gebildet sind, was sie bedeuten. Es ist diese Offenheit, die es erlaubt, verschiedene Übertragungen zu erkennen als auch zu interpretieren, in meinem Fall unter sprachanalytischen Kriterien. Erst diese Offenheit garantiert eine Vollständigkeit der Theorie. Und nur sie reicht aus, um mit dem anarchischen Potential, das bei Metaphernbildungen zum Tragen kam und kommt, angemessen umgehen zu können.
Aber nicht nur geäußerte Metaphern können im Umgang besonders auffallen, ebenso Auseinandersetzungen darüber, was als wahr gelten kann. Im Umgang mit Metaphern steht weniger eine Frage nach Wahrheit im Zentrum, eher nach Angemessenheit, die sich auf die konkrete sprachliche Verwendung oder Erzeugung bezieht. Bei einer üblen Beschimpfung ist es egal, ob sie wahr ist oder nicht, relevant ist, ob sie passt, also angemessen ist, und ob sich andererseits ein Beschimpfter angegriffen, soziale herabgesetzung fühlt. ‘Wahrheit’ wird hingegen relevant, sobald sprachliche Bezüge in Frage gestellt werden, zum Beispiel gegenüber politischen Äußerungen, mit denen eine entstandene Armut in westlichen Gesellschaften übergangen wird: Bürger beginnen zu fragen, worüber, über welche Gesellschaften überhaupt gesprochen wird.
Der Begriff Geltung ist diesem Zusammenhang wichtig, weil der Entscheid über Wahrheit intersubjektiv getroffen wird, von den Beteiligten. Zu einer Auseinandersetzung kommt es, wenn die einbezogenen Ansichten darüber differieren, was wahr ist. Es könnte durchaus sein, dass aus einer nicht einbezogenen Sichtweise alle an einem Streit beteiligten Personen oder Parteien falsch liegen, dies jedoch nicht auffällt. Eine Frage nach Geltung könnte sich eventuell erübrigen, wenn die Kriterien für Entscheide, ob eine Aussage wahr oder falsch ist, gleich sind. In der deutschen Politik ist man dazu übergegangen, selber sprachbildend tätig zu werden, um zu vermeiden, von Wissenschaftlern oder wissenschaftlich gebildeten Journalisten mit statistischen Mitteln bloßgestellt zu werden. Speziell angepasste Diktionen von ‘sozial’ und ‘arm’ verhindern dies, bürgern sich sogar graduell ein.
Solche sprachlichen Neufassungen verändern die Bedingungen der Kommunikation, ohne die politisch vorherrschende Geltung im Hinblick auf ‘wahr’ und ‘falsch’ in Frage zu stellen. ‘Wahrheit’ betrifft das Vorliegen oder Nicht-Vorliegen von Bezügen, nicht hingegen die Wortbedeutungen. Würde man ‘arm’, um ein extremes Beispiel zu geben, nicht den Lebensbedingungen westlicher Großstädte anpassen, sondern solchen wie in Bangladesch, wäre Armut mit einem Schlag in Deutschland überwunden. Tipps von Politikern, die Heizung im Winter auszulassen, man könne alternativ zu Pullovern greifen, zudem Strom zu sparen, der Betrieb eines Kühlschranks wäre in der zu erwartenden Umgebung nicht erforderlich, können erläutern, dass im Kontext von Bedeutungen nicht ‘Wahrheit’, sondern Angemessenheit in Frage steht. ‘Wahrheit’ kommt erst ins Spiel, wenn mit Hilfe der Bedeutungen die Bezüge thematisiert werden. Innerhalb des extremen Beispiels lägen keine des Wortes ‘Armut’ in Deutschland vor. Pointiert, wenngleich zynisch, ließe sich sogar über einen erstaunlichen Reichtum sprechen.
Das soziale Gerangel, das politisch betrieben wird, auch vor einer Missachtung von gesellschaftlichen Gruppen nicht zurückschreckt, ließe sich dies durch Appelle an eine Vernunft unterbinden helfen? Die Ausrichtung der Diskussion würde sich ändern. Ein Erfolg wäre, nach Habermas, an die Überwindung “egozentrischer Nutzenkalküle” gebunden; es bedürfte mehr als einer kommunikativen Verständigung (vgl. Habermas, J., Bd. 1, S. 151). Doch unter den Bedingungen, die Habermas für eine ideale soziale Kommunikation entwickelt, wie relevant oder unrelevant sie für eine konkrete Praxis auch sein mögen, werden “Verständlichkeit” als Voraussetzung, Ansprüche auf “Wahrhaftigkeit”, “propositionale Wahrheit” und “normative Richtigkeit” angeführt (vgl. Habermas, J., Bd., 1, S.416), von sprachlicher Angemessenheit ist nicht die Rede. Das pragmatischen Kommunikationsmodell umfasst Sprache nur unzureichend. Im Rahmen einer Konsenstheorie der Wahrheit, in der es letztlich um die Zustimmung der Beteiligten geht, nicht um Sprache, sondern um Geltung, mag dies kaum auffallen.
Sieht man von jenem sozialen Gerangel ab, das von der Politik betrieben wird und dem auch das pragmatische Kommunikationsmodell Tribut zollt, lässt sich um der Sache willen diskutieren. Sprachtheoretische Fragen nach Wahrheit können zumindest in zwei Richtungen gestellt werden: im Hinblick auf die Bedeutung des Wortes ‘wahr’, oder durch eine Klärung dessen, was ein sprachlicher Bezug ist.
Mit einer semantischen Theorie der Wahrheit steht Angemessenheit zur Diskussion, nicht deren Wahrheit. Tarski hat eine in der Philosophie viel beachtete relevante Theorie entwickelt. Zur Angemessenheit kommt als weiteres Kriterium noch die formale Richtigkeit hinzu (vgl. Tarski, A., 1972, S.55). Ein Problem seines Konzeptes ist, dass ‘wahr’ im Kontext der ‘Äquivalenzform T’ (bzw. dt. ‘W’), sein Beispiel sei angeführt, ‘>Schnee ist weiß< ist wahr genau dann, wenn Schnee weiß ist’, durch ‘erfüllen’ erläutert wird. Seiner Ansicht nach hätte ‘Erfüllung’ einen grundlegenderen Charakter als ‘Wahrheit’, und er beschreibt sie als “eine Beziehung zwischen beliebigen Gegenständen und bestimmten Ausdrücken, genannt Aussagefunktionen.” (Vgl. Tarski, A., 1972, S.71.) Eine Aussage sei wahr, wenn sie von allen Gegenständen erfüllt werde, sonst falsch. Nun wäre freilich zu klären, was unter jener Beziehung, die als ‘Erfüllung’ bezeichnet wird, zu verstehen ist. Ein Seitenschwenk zur Logik würde nicht helfen, weil es lediglich um ein Einsetzen ginge. Was immer in der Logik geschehen mag, Gegenstände werden nicht eingesetzt. Handelt es sich bei ‘Erfüllung’ überhaupt um eine Beziehung, und könnte ‘Erfüllung’ eine solche angemessen bezeichnen? Bereits Field hat auf solche Undurchsichtigkeit hingewiesen (vgl. Field, H., 1976, S.124). Einen Überblick, besonders über formale Einwände, gibt Puntel (vgl. Puntel, L.B., 1978, S.41-69).
Davidson erweitert die Form lediglich um Sprache, Sprecher und Zeit (vgl. Davidson, 1994, S.77), um sie für natürliche, also gesellschaftliche Sprachen nutzbar zu machen. Dies ist durchaus ein wichtiger Schritt, reicht aber nicht aus, um verstehen zu können, was mit jener Beziehung gemeint ist. Erfüllungen können mit propositionalen Ansprüchen, Wünschen und Erwartungen in einem Zusammenhang stehen, wie jedoch mit beliebigen sprachlichen Ausdrücken? ‘Erfüllung’ wäre eine Metapher, die alles andere als klar und verständlich ist. Es kann aber aus dem zuvor angeführten Beispiel deutlich werden, um was es letztlich geht: um einen vorliegenden oder nicht vorliegenden sprachlichen Bezug.
Was aber ist das, ein sprachlicher Bezug? Ich habe bislang von einer abstrakten Funktion gesprochen, nun lässt sich hinzufügen, die vorliegen kann, eventuell aber auch nicht. Dies macht die Sache keineswegs einfacher. Man könnte untersuchen, wie Bezugnahmen psychogenetisch geschehen, wie dies zum Beispiel Quine unternommen hat (vgl. Quine, W.v.O., 1976). Was aber ‘Bezug’ ausmacht, ist aus dieser Prosa nicht zu erfahren. In “Ontologische Relativität” hatte er zuvor eine “Unerforschlichkeit der Referenz” hypostasiert und diese u.a. mit einer Zweideutigkeit von Worten begründet: Das Wort ‘grün’ könne als konkreter allgemeiner Term (das Gras sei grün) fungieren, ebenso als abstrakter singulärer Term (Grün sei eine Farbe) (vgl. Quine, W.v.O., 1975, S.57). Sieht man davon, ob es sich um die selben Worte handeln kann, ist der angeführte Fall trivial. Ohne Kontexte oder situative Zusammenhänge, in denen die relevanten Äußerungen erfolgen, bleibt offen, worüber gesprochen wird. Nicht trivial wäre hingegen eine Antwort auf die Frage, was Bezüge aus theoretischer Sicht sind. Handelt es sich bei den relevanten Worten ‘Bezug’, ‘Bezüge’ ebenfalls nur um Metaphern, die völlig undurchsichtig sind?
Davidson stört nicht die sprachliche Übertragung, die mittels ‘Bezug’ vorgenommen wird und die sich längst eingebürgert hat. Er präferiert die Möglichkeit, sprachtheoretische Begriffe auf einfachere zurückzuführen. “Alles an der Sprache kann rätselhaft erscheinen, und wir würden sie besser verstehen, wenn wir die semantischen Begriffe auf andere Begriffe zurückführen könnten.” (Vgl. Davidson, 1994, S.311.) Diese Möglichkeit werde im Hinblick ‘Bezugnahme’ jedoch verwehrt (vgl. Davidson, 1994, S.306.). Damit ist man auf ‘Erfüllung’ angewiesen.
Und nun? Weiß jemand was geschieht, wenn gesprochen wird? Oder hat man es mit einem Mysterium zu tun, das seit der frühen Steinzeit entweder nur Plappern oder Schweigen lässt?
V
Angemessenheit von Worten wie ‘Wahrheit’, ‘Bedeutung’ und ‘Bezug’ wird relevant, wenn Bedeutungen zu formen sind. Würde man nach der Wahrheit der Worte fragen, dann nach dem Vorliegen ausgesagter Bezüge. In dieser Weise ließe sich beispielsweise über eine erarbeitete Fassung des Aristotelischen Wahrheitsbegriffs urteilen, der selber nur an- oder unangemessen sein kann. An einer solchen historischen Erörterung habe ich im vorliegenden Kontext aber kein Interesse.
Die bisherige philosophische Diskussion über die relevanten Worte hat in eine Sackgasse geführt, weil, so lässt sich vermuten, Sprache unzureichend erfasst wurde. Dem sprachlichen Bezug wie einem Mysterium gegenüberzustehen, kann nicht das letzte Wort in dieser Sache sein. Über die auszuarbeitenden Bedeutungen der Begriffe kommen jedoch auch Wahrheitsfragen in die Diskussion, weil Sprache etwas Gesellschaftliches ist, mithin Bezüge relevant werden.
Man könnte es als einen Missstand innerhalb der analytischen Sprachphilosophie bezeichnen, den Blick nicht viel weiter geöffnet zu haben, als es aus wissenschaftsphilosophischer Sicht erforderlich war. Es ließe sich sogar in vielen Fällen fragen, ob es überhaupt um Theorie gegangen ist, nicht bloß um Konzepte ohne nennenswerte empirische Relevanz. Quine antwortet auf solche Vorwürfe mit dem Verweis auf die Entstehung eines Fachs, der wissenschaftlichen Philosophie. Schriftstellerische Ambitionen schließe er aus: professionelle Philosophen seien dazu nicht geeignet. (Vgl. Quine, W.v.O., 1991, S.233). Die Frage nach einer Angemessenheit wissenschaftsphilosophischer Begriffe ließe sich jedoch nicht abwehren, indem man sie schriftstellerischen Tätigkeiten zuordnet. Zudem wäre es zweierlei, wissenschaftliche Philosophie zu betreiben, ohne sich thematisch fixieren zu lassen, oder ob man sich als professioneller Zuträger der Wissenschaften versteht. Letzteres hätte Ähnlichkeiten mit der Relevanz von Philosophie im Mittelalter, als professionelle Küchenhilfe der Theologie.
Auch Wittgenstein sieht einen unangemessenen Umgang mit Worten, doch in einer anderen Hinsicht: Er konfiguriert eine Situation, in der ein Philosoph einem okkulten Vorgang nachgeht, in dem eine Beziehung, es ließe sich hinzufügen, eine wesenshafte Beziehung, zwischen Name und Benanntem herauszubringen sei. In diesem Fall geschehe Außergewöhnliches (vgl. Wittgenstein, L., 1984, S.260). Die gesuchte Beziehung wird - ohne Rückgriff auf Autoren und relevante Schriften - in viele unterschiedliche Beziehungen aufgelöst: “Diese Beziehung kann, unter vielem anderen, auch darin bestehen, daß das Hören des Namens uns das Bild des Benannten vor die Seele ruft, und sie besteht unter anderem auch darin, daß der Name auf das Benannte beschrieben ist, oder daß er beim Zeigen auf das Benannte ausgesprochen wird.” (Vgl. Wittgenstein, L., 1984, S.259.) Er belustigt sich.
Auch solche Ereignisse gehören zu sogenannten Sprachspielen. Um erfassen zu können, was solche Spiele seien, wird der Gebrauch der Worte angeführt. Auf die rhetorische Frage, was mit Worten eines spezifischen Spiels bezeichnet wird, gibt er die Auskunft: “Was sie bezeichnen, wie soll ich das zeigen, es sei denn in der Art ihres Gebrauchs” (vgl. Wittgenstein, L., 1984, S.242.) Auffallend ist, dass in jenem okkulten Spiel nicht nur sprachliche Vorkommnisse einbezogen sind, sondern auch psychische Erlebnisse. Eine Differenzierung unterbleibt. Als typischer Rat ist zu lesen: “Schau auf das Sprachspiel …, oder ein anderes!” (vgl. Wittgenstein, L., 1984, S.259). Dieser Hinweis steht unter anderem im Kontrast zur traditionellen Methode des Abrichtens von Kindern, das seinerseits als Sprachspiel bezeichnet wird (vgl. Wittgenstein, L., 1984, S.239-241) und im Rahmen der Konditionierung auch Handlungen umfasst. ‘Gebrauch’ ist innerhalb seiner Spätphilosophie ein reichliches undifferenziertes Wort, das mit diesem Bezugsumfang durchaus nicht dem Alltag entlehnt ist. Er räumt die Undifferenziertheit sogar ein und spricht von “unzählige(n) verschiedene(n) Arten der Verwendung dessen, was wir ‘Zeichen’, ‘Worte’, ‘Sätze’ nennen.” (Vgl. Wittgenstein, L., 1984, S.250.) Sein Spiel der Spiele, das man auch als “Lebensform” (vgl. Wittgenstein, L., 1984, S.246, 250) auffassen kann, ähnelt in dieser speziellen Hinsicht dem Gepansche eines Alchemisten.
Betont werden muss, dass die “Philosophischen Untersuchungen” aus dem Nachlass veröffentlich wurden, nicht als abgeschlossen gelten können. Das Vorhaben war ambitioniert: Ein Aufzeigen, ich würde entgegen seiner Absicht von einer Konzeption sprechen, der Sprachspiele, diene dem Vergleich, insgesamt sollte eine von vielen möglichen Ordnung entstehen. (Vgl. Wittgenstein, L., 1984, S.304).
Auf der Suche nach Angemessenheit bin ich jedoch keinen Schritt weiter gekommen. Zwar lässt sich mit Bezug auf Wittgensteins Spätphilosophie hervorheben, “daß bezugnehmende Verwendungsweisen kein >Wesen< besitzen; es gibt nicht ein bestimmtes Etwas, das als Bezugnahme bezeichnet werden kann.” (Vgl. Putnam, H., 1997, 212.) Berücksichtigt man jedoch, den ominösen Begriff ‘Gebrauch’, sagt dies wenig aus.
VI
Wittgensteins Abgrenzung von Fragen über Wesen, u.a. auch des Bezugs - in diesem Kontext wird von ihm angeführt, die Sprache feiere (vgl. Wittgenstein, L., 1984, S.242) -, kann eventuell Heidegger als Adressat gemeint sein, festlegen möchte ich mich jedoch nicht. Im Rahmen von Wittgensteins Konzept wird eine Parallelwelt anvisiert, eine mögliche Ordnung, die dem Vergleich dienen kann, deshalb spielt Bezug und Wirklichkeit für ihn ohnehin eine untergeordnete Rolle, ähnlich wie innerhalb der Belletristik. Wesensbegriffe interessieren mich ebenfalls nicht, ob ontologische oder metaphysische, Fragen nach Wirklichkeitsbezügen hingegen schon.
Obwohl im Hinblick auf Wirklichkeit differente Ausrichtungen bestehen, eignet sich Wittgensteins Spätphilosophie besser als die zuvor angeführten formalen Erörterungen, einen von mir bereits skizzierten Ansatz in geeigneter Weise aufzugreifen. Wittgenstein ist der Überzeugung, dass er Sprachspiele beschreibt, den Gebrauch zeigt, also darstellend vorgeht. Eine darstellende Funktion wird innerhalb der “Philosophischen Untersuchungen” jedoch nur in ganz wenigen Passagen ausgeübt: durch ein rhetorisches Fragen, um den Textfluss in Gang zu halten. Mit diesen Fragen wird eine fiktive Sprechsituation dargestellt, freilich äußerst knapp, im Grunde kaum einer Rede wert. Alles andere dient der Entwicklung von Bedeutungen, besonders der von Worten ‘Sprachspiel’ und ‘Gebrauch’, durch Erläuterungen möglicher Gebräuche.
Es gibt einen sprachlichen Unterschied zwischen der Präsentation, die beispielsweise durch Schauspieler vollzogen wird, und einer Erörterung, die über einen Text, eine Sache oder einen Gegenstandsbereich erfolgt. Im ersten Fall ist eine Darstellung eines Textes, auch die eines fiktiven Streits, durchaus möglich, im zweiten Fall wird eine solche Darstellung normalerweise vermieden, ist gar nicht erwünscht. Sogar eine studentische Seminararbeit, die ausschließlich aus einer Reihung von Zitaten besteht, würde kaum als Darstellung durchgehen, weil nichts über die Ursprungstexte gesagt wird. Und im Unterschied zur rezitierenden Arbeit, sieht man von speziellen schauspielerischen Leistungen ab, wird durch den Studenten eine gewichtende Auswahl getroffen. Dieser arme Kerl bietet dennoch praktisch nichts.
Es gehört zum Alltag, ich nahm es kürzlich erneut auf einer Zugfahrt wahr, Menschen beobachten zu können, die von einem Sprechmodus zum anderen wechseln. Von einem knappen Erfahrungbericht schaltete einer junger Mann plötzlich in den Darstellungsmodus um: “Ich: …; er: …; und ich: …” - “Hihihi!” war anschließend aus der Gruppe zu hören, in der sich die Szene abspielte. Ein solches Ereignis wird Personen geläufig sein, die das Leben der städtischen Massen noch nicht hinter sich gelassen haben.
Der Darstellungsmodus wird im Fortgang nicht weiter beachtet. Im vorliegenden Kontext interessiert, was in dem anderen, dem primären Modus geschieht, während über etwas gesprochen oder geschrieben wird. Dabei ist es gleichgültig, ob es sich um einen knappen oder ausführlichen Bericht, um ein Gespräch, um eine Diskussion, eine Erläuterung oder Erörterung handelt, ob in jedem Fall ein Wort ‘über’ sprachlich üblich ist. Systematisch relevant ist die sachliche Differenz zwischen den beiden Modi. Und ich hoffe, dass ich ohne eine verquere Bezeichnung des primären sprachlichen Modus auskomme. Ich werde ihn nicht einmal fortlaufend anführen, sondern schlicht voraussetzen. Anzumerken ist allerdings, dass dem gesellschaftlichen Sprachverhalten nach auch über etwas gelacht und geweint werden kann. Das Wort ‘über’ ist nicht auf Zusammenhänge mit Sprache begrenzt. Die Distanz, die im Gegensatz zu Darstellungen zum Ausdruck kommt, bei denen etwas, nicht über etwas zur Präsentation gelangt, muss keineswegs eine emotionale sein.
VII
Metaphern lassen jenes ‘über’, das speziell bei Äußerungen zum Tragen kommt, außer Acht, überwinden es im vorgenommenen Vergleich geradezu, wie beispielsweise durch Wittgenstein: Wenn seine Eröterung Sprachspiele darlegt, mögliche Gebräuche, Muster, als werde ein Bild skizziert, das dem Vergleich mit der Wirklichkeit dienen soll, dann wird die sprachliche Tätigkeit, mit der Sprache erläutert wird, umgedeutet, ja als spezielle ausgeblendet. Das Bemühen, Sprache durch ein ‘Sprache ist wie’ zu fassen, kann nur scheitern, weil es gar nicht mehr um Sprache ginge. Wenn Sprache etwas nicht ist, dann ‘wie’.
Das Wort ‘fassen’, das ich im vorausgehenden Absatz nutzte, ist ebenfalls metaphorisch. Ein solches metaphorisches Sprechen oder Schreiben über sprachliche Akte ist sogar relativ weit verbreitet, weil kaum Alternativen bestehen. Einige Beispiele sind bereits angeführt worden: ‘darstellen’, ‘erfüllen’, ‘zeigen’, ja sogar ‘anführen‘ gehört dazu. Würde man alle relevanten metaphorischen Äußerungen tilgen, blieben kaum Worte übrig. Eine Reduktion würde eine Diskussion über Sprache und sprachliche Tätigkeiten fast unmöglich machen. Vermeiden lässt sich aber, den Metaphern auf den Leim zu gehen.
Ich möchte die Möglichkeit nutzen, einen eigenen Ansatz zu entwickeln. Mehr als eine Richtungsentscheidung soll sich dabei aber nicht ergeben. Vorausgesetzt wird, dass die im vorliegenden Kontext relevante Sprache gesellschaftlich geformt wird. Wissenschaften und die Philosophie sind abhängig von dieser Sprache, unternehmen jedoch auch eigene Anstrengungen, um die Präzision von Aussagen zu erhöhen. Dieses Vorgehen ist besonders wichtig, ich halte es für die zentrale Aufgabe, mit diesen Tätigkeiten deutlicher als im gesellschaftlichen Alltag zu machen, um was es jeweils geht und die Entwicklung dessen, was gemeinhin Wissen genannt wird, voranzutreiben.
Sieht man von Metaphern ab, bleibt für sprachlichen ‘Bezug’ kaum mehr als eine abstrakte Funktion. Mit diesem Akt reduziere ich jedoch nur Ungeschicklichkeiten - und erhalte möglicherweise eine neue, vielleicht sogar eine hervorragende Grundlage für eine andere Form von Unangemessenheit. Abstrakta (und Allgemeinbegriffe) boten und bieten seit Platon immer wieder den Ausgang für Spekulationen über ihr Sein, als handele es sich um Gegenstände, die mit physikalischen vergleichbar wären. Dass Abstrakta hilfreich sein können, beim Rechnen, Sortieren und Putzen, will ich gar nicht bestreiten, aber muss es deshalb auch um ein metaphysisches oder ontologisches Sein gehen, nur weil das Zeug nicht so einfach kaputtzukriegen ist?
Wenn ich der Ansicht wäre, dass sprachliche Äußerungen stets Bezüge hätten, würde ich Kriterien benötigen, besonders solche, die über ‘wahr’ und ‘falsch’ entscheiden lassen. Bezüge wären eine Eigenschaft der Sprache, jedoch nur formal, weil nur in jeweiligen Zusammenhängen geklärt werden könnte, welche. Ein isolierter Satz wie ‘Die Bank ist grün’ würde offen lassen, auf was sich die Äußerung bezieht. Nun könnte man einwenden, dass die Eigenschaft, Bezug zu haben, nicht einfach formal ist, sondern sich im Rahmen von vorgegebenen Möglichkeiten bewegt. Dem ließe sich entgegnen, dass es sein mag, dass sich relativ viele Menschen an übliche Bedeutungen und Bezüge halten, Neuerungen wären dann aber nicht möglich. Sprache würde sich nicht mehr entwickeln können. Jüngere gesellschaftliche Vorkommnisse wie ‘geil’ und ‘cool’ wären einfach nur absurd.
Würde man akzeptieren, dass Spache nur formal Bezüge als Eigenschaften haben kann, sich letztlich die äußernden Menschen entscheiden, welche konkret, durch die Kontexte oder durch die Situationen im Umgang, weshalb sollten Menschen nicht darüber entscheiden können, ob ihre Äußerungen überhaupt Bezug haben, oder nicht. Nein, nein, dies ginge zu weit? Wäre es angebrachter, auch Zahlen und Götterbezeichnungen Bezüge zuzuschreiben, unabhängig davon, ob man an einen lichten Himmel oder eine düstere Unterwelt voller abstrakter Entitäten und Götter aller Schattierungen glaubt? Ist Sprache zentral ein metaphysisches Unterfangen, zu dem auch jene formale Eigenschaft gehört? In religiösen Kontexten ließen sich vielleicht diskursiv eingebrachte Götterbezeichnungen als Zitate interpretieren, eventuell sogar selektiv, bei der Verwendung von Zahlen und anderen Abstrakta auch? Wäre der interpretative Aufwand letztlich nicht zu hoch, der erforderlich wäre, um eine Formalie zu erhalten, die man gar nicht braucht?
Man bräuchte sie, um die Frage nach Wahrheit aufrechtzuerhalten. Diese Frage wäre belanglos, würde es nunmehr um Bezüge gehen, die vorliegen können. Es wäre (a) ungewiss, welche geäußerten Ansichten Bezüge haben, zumal worauf, unabhängig davon, ob sie wahr oder falsch sind. Damit wäre (b) unklar, in Bezug auf was die Frage nach Wahrheit gestellt werden kann. Sprache würde der Beliebigkeit anheimgestellt. Die Menschen könnten geradezu machen, was sie wollten. Dieser unberechtigten Angst - die Leute machen ohnehin, was sie wollen, fragen nicht erst einen Sprachmetaphyiker oder -priester -, ließen sich die verschiedenen Kontexte entgegenhalten, in denen es um empirische oder religiöse beziehungsweise metaphysische Gegenstände und Sachverhalte geht. Wenn man mir abends in einem Laden zu verstehen gäbe, dass Milch ausverkauft sei, könnte ich die Äußerung mit relativ großer Sicherheit als empiriebezogene auffassen, nicht als Aussage über ein eingebrochenes mythisches Verhängnis, das häufig abends eintritt, auch wenn mich dieser Umstand nicht trösten könnte.
Es ließe sich, speziell um religiösen und metaphysischen Scheinproblemen zu entgehen, ein Rahmen abstecken, der durch Bedeutungen gegeben wird, die Verifikationshinweise umfassen, Bedeutungen, die wissenschaftlich konkreter wären, als zum Beispiel lexikalische Bedeutungen, Prüfbarkeit ermöglichten. Es entstände ein “empirischer Gehalt” (vgl. Quine, W.v.O., 1995, S.75), jedoch ebenso eine Beschränkung des Tätigkeitsbereichs. Der philosophische Anspruch auf Professionalität wäre erkauft, ohne dass dies erforderlich wäre. Durch einen selektiven Verzicht auf Gegenstandbezüge ließe sich auch über etwas sprechen, das es der eigenen Auffassung nach gar nicht gibt, dennoch gesellschaftlich relevant ist. Quine sieht im Kontext von Abstrakta, dass “der ontologische Gürtel um einige Löcher enger” zu schnallen sei (vgl. Quine, W.v.O., 1975, S.29), bei dieser leichten Abmagerungskur bleibt es allerdings.
Propositionale Einstellungen eines Autors gegenüber einer Textpassage sind mir als Leser in der Regel unbekannt. Unabhängig davon kann ich aber prüfen, ob Bezüge vorliegen, oder in welchem Umfang. Passagen und ihre Kontexte geben in der Regel preis, ob Bezüge für die jeweiligen Texte eine Rolle spielen können, oder nicht. In diesem Zusammenhang ließe sich sogar weitaus differenzierter vorgehen, als dies eine Dichotomie in ‘wahr’ und ‘falsch’ erlauben würde. Ist der Übertrag, der von formalen Sprachen aus vollzogen wurde, sprachlich nicht völlig ungeeignet, besonders im Hinblick auf Studien, die explizit ihren (möglichen) Empiriebezug betonen und der von vielen Faktoren abhängig ist, von den ausgewählten theoretischen Grundlagen, den Hypothesenbildungen, der sogenannten Operationalisierung, bis hin zu den präferierten Messinstrumenten? Schlicht nach Wahrheit zu fragen, käme der Inszenierung eines mittelalterlichen Gottesurteils gleich.
Auf Abstrakta und Gottheiten als Gegenstände lässt sich nach meinem Ermessen leicht verzichten, so sehr man die einen oder anderen auch konzeptionell gebrauchen kann, zum Beispiel in einer Diskussion. Ein solcher persönlicher Verzicht ließe dennoch zu, über Glaubensgegenstände anderer zu sprechen. Die Frage nach angemessenen Regeln oder sprachlichen Bedeutungen reicht für Gespräche völlig aus, alles weitere wäre ohnehin nur mit Gewalt zu lösen. Entscheidend ist nicht die Frage, ob eine abstrakte Entität existiert, sondern wie sie gefasst wird. Ob sie darüberhinaus noch existiert, ist für eine Diskussion sekundär.
Wenn die Frage nach Wahrheit entfallen kann, weil es bei möglicherweise empriebezogenen Äußerungen darauf ankommt, ob im Rahmen einer Prüfung ein solcher Bezug vorliegt oder nicht, gegebenfalls in welchem Umfang, in religiösen oder metaphysischen Kontexten hingegen Angemessenheit der Bedeutungen gefragt ist, nicht Bezug, es sei denn bei Textanalysen, die sich auf Schriften beziehen, könnte man ‘wahr’ als schlichtes Urteil auffassen, ähnlich wie ‘schön’. Nach meinem Ermessen käme dies einer Entlastung des kleinen unscheinbaren Wörtchens gleich, auch einer Entlastung von seiner Substantivierung und vom Pathos. Eine Frage nach der Bedeutung von ‘wahr’ wäre lediglich noch eine empiriebezogene, würde unzählige Bedeutungen in Sprache l (language), zur Zeit t (time), im Raum a (area) ergeben, eventuell sogar amüsante. Mehr wäre kaum zu erwarten.
Bezug ist keine Eigenschaft der Sprache. Aber ich gestehe sprachlichen Erzeugnissen selektiv eine abstrakte Funktion zu, über etwas Auskunft zu geben. Dieser Vorgang vollzieht sich intrasubjektiv, hängt von Erfahrungen, vom Differenzierungsvermögen, von vielem ab, das interpersonell kaum zugänglich ist. Sogenannte Forschungsstandards zu setzen, mag dabei behilflich sein, eine Fleißarbeit zu leisten, vielleicht auch eine nach der anderen, doch genau diese Standards sind es, die Objektivität vorgaukeln und ein wissenschaftliches als auch philosophisches Fortschreiten behindern.
Die Schwierigkeit aber, herauszufinden, was die abstrakte Funktion ausmacht, besteht darin, nichts zur Verfügung zu haben, was nicht die Sprache wäre, die es zu erläutern gilt. Diese Grenze hat auch Wittgestein gesehen. In seiner Spätphilosophie reagierte er darauf mit unangemessenen Darstellungsbemühungen. Mehr als den im Grunde schwachen Hinweis, über etwas Auskunft zu geben, vermag ich nicht zu formulieren.
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