Mittwoch, 29. Januar 2020

(1.4) Über-etwas-sprechen (2. Aufl.)

Kripke richtete sich mit seinem Tauf-Ansatz gegen Bündel-Theorien von Bedeutungen, in denen Namen als Bedeutungen die sprachlich erfassten Eigenschaften ihrer Träger erhalten. Ohne auf seine Kritik einzugehen: Dass ein zeitgenössischer Name wie ‚Peter Müller‘ der Lautgestalt nach nichts Relevantes preisgibt, lediglich etwas bedeutet, das aber nicht bezugsrelevant ist, wird rasch einsichtig sein. Um an Bedeutungen zu kommen, verweist innerhalb von Bündel-Theorien ein Tragen eines Namens auf das Vorliegen eines Bezugs. Erst über einen solchen konstruierten Bezug kommt man innerhalb einer Bündel-Theorie überhaupt an Bedeutungen heran. Dieses Vorgehen kann man als ein empirisches Nachhelfen erläutern, Bedeutungen und besonders Bezüge werden hineininterpretiert, die Besonderheit von Namen nicht beachtet.
Da aber Kripke im Rahmen seines Tauf-Ansatzes zumindest auf sozial zugewiesene Bezüge angewiesen ist, kann auch sein Ansatz in Frage gestellt werden. Auch Kripke hätte, um zu erläutern, auf welchen Peter (oder welche Margaret, um ein Beispiel anzuführen, das Kripke nutzt) er sich bezieht, Eigenschaften, Umstände anzuführen, auch wenn er diese Erläuterungen nicht als Bedeutungen, sondern als Erläuterungen der Referenz, des Bezugs ausweist (vgl. Kripke, Saul, 2014, S.123). Würde man nun Fragen, was sprachliche Bedeutungen in relevanten konkreten Fällen anderes sein könnten als Erläuterungen von empirisch relevanten Bezügen, fiele mir zunächst nichts ein. Kripke fügt den Bündel-Theorien lediglich den Tauf-Ansatz hinzu, ohne dies explizit zu machen.
Die Besonderheit von Namen wie ‚Peter Müller‘ ist, dass sie kaum der Sprache angehören, auch wenn die Ausdrücke aus der Sprache stammen, aus Bedeutungen, die nunmehr bezugsunabhängig sind, und aus einem Verhalten. Ein Name konnte unter Menschen wahrscheinlich zur Ehre gereichen, ebenso zur Schande. Doch auch ein Hund könnte, würde man ihn darauf abrichten, auf ‚Peter Müller‘ hören, ohne Kenntnisse über menschliche Sprache zu haben. Ein menschliches Namengeben ist im Hinblick auf Lebewesen, die damit etwas anfangen können, derart rudimentär, dass sich eine Frage nach Sprache kaum stellt. Dennoch lassen sich Namen so nutzen, als hätten sie Bezug. In einem solchen Fall würde sich jedoch auch die Frage nach bezugsabhängiger Bedeutung stellen, die der jeweilige Name als solcher nicht hat, auch wenn sich historisch linguistische Forschungen anstellen ließen. - Ob die Ergebnisse solcher Forschungen Auskünfte über einen Namensträger geben könnten, wäre allenfalls familiengeschichtlich nicht unerheblich, oder im Kontext von Belletristik, in der Namen mehr oder weniger indirekt als Beschreibungen fiktiver Träger fungieren können. - Erkennbar werden kann, dass sprachliche Bedeutungen und Bezüge voneinander abhängig sind. Für ein Namengeben im Hinblick auf Lebewesen reicht hingegen ein Abrichten vollkommen aus, es entstehen sogar Schwierigkeiten, wollte man Bedeutungen und / oder Bezüge ermitteln, Probleme, die erst aus der Sprache entstehen, sich innerhalb von sozialem Verhalten aber gar nicht stellen.
Sprachliche Bedeutungen, darauf sei noch separat hingewiesen, haben mit umgangssprachlich veranschlagbaren Bedeutung von Sachen oder Sachverhalten, zu denen auch ein Verhalten zählen kann, nichts zu tun, für die man besser ein Wort wie ‚Relevanz‘ nutzen könnte. Ein Namengeben, um die spezielle Relevanz hervorzuheben, ermöglicht vor allem jemanden anzusprechen.

Die Abhängigkeit von Bedeutungen und Bezügen ist eine sprachliche Besonderheit, die es erlaubt, in Erfahrung zu bringen, worüber jemand spricht oder sprechen könnte. Den Ausgang bei einem Verstehen bilden häufig die Bedeutungen, würde dennoch unklar bleiben, worüber gesprochen wird, wären alle Anstrengungen umsonst gewesen. Die Sachen bzw. Sachverhalte, auf die Bezug genommen und über die etwas ausgesagt wird, sind sprachlich von Relevanz. Auf sie ließe sich nicht verzichten, auch wenn man der Ansicht ist, dass sie erkenntnistheoretisch nur Produkte des Gehirns sind. Niemand hat die Chance, außerhalb solcher präsentierten Wirklichkeitszeiträume zu stehen, es bliebe lediglich die Möglichkeit, sich auf diese einzulassen.
Würde man sich hingegen weigern, wie dies z.B. Glasersfeld als radikaler Konstruktivist tat (vgl. Glasersfeld, v., Ernst, 1987), blieben lediglich Bedeutungen und Kommunikation übrig. Die wichtigste Funktion von Sprache würde verlorengehen: über etwas sprechen und gegebenenfalls über etwas schreiben, etwas erkennen zu können, auch wenn dies nur innerhalb der Erkenntnisbedingungen möglich ist. Alternativ ließe sich allenfalls über wahrgenommene Qualitäten (Farben, Klänge usw.) sprechen, doch dafür liegt (a) keine Sprache vor, (b) müsste das Hirn zumindest partiell abgeschaltet werden. Die Differenz von Sprache und dem, worauf Bezug genommen wird, lässt sich auch nicht einfach unterlaufen.
Einige analytisch geschulte Theoretiker (wie z.B. Goodman, Kripke) erläutern ‚Bezug‘ mit Formulierungen wie ‚für etwas stehen‘. Doch genau dies ist unmöglich: Ob Zeichen, Symbole, Namen oder Worte, nichts davon kann für Sachen oder Sachverhalte stehen, sie gegebenfalls ersetzen. Dazu bedürfte es einer Zauberei, in der z.B. Stoffpuppen mit Nadeln bestochen werden, die für jemanden stehen, dem nicht nur alles Schlechte gewünscht wird, dieser Wunsch wird mit einer analogen Handlung nachdrücklich bestärkt! Die Formulierung ‚für etwas stehen‘ gehört zu den missverständlichsten Erläuterungen, die sich mit Bezug auf sprachliche Bezüge geben lassen.

Alle möglichen Hindernisse sind aber längst nicht ausgeräumt, noch wären sie zu beseitigen: eine Sprache ist kein System, sondern ein Sammelsurium von Worten, semantischen und syntaktischen Konventionen als auch Kreationen; letztere verweisen z.B. auf Jugendsprachen, Fachsprachen, Belletristik oder Politik, in denen auch sprachbildende Prozesse zum Alltag gehören. Umgangssprachlich sind besonders Metaphernbildungen zu berücksichtigen, zu den neueren gehören z.B. ‚Evolution‘ (vgl. Matern, Reinhard, 2014). Ich kenne niemanden, dem ich einen Gesamtüberblick über das gesellschaftliche bzw. sprachgemeinschaftlich Tun auch nur in einer Sprache ansatzweise zutrauen würde. Auseinandersetzungen und Gruppenbildungen sind unausweichlich. Sie reichen bis zu Abschottungen, die speziell in der analytischen Philosophie dazu führten, sich primär mit wissenschaftsrelevanten Fragen auseinanderzusetzen, weil genau jene von Konstruktivisten in der Theorie präferierte Kommunikation allgemein fast nicht oder nur sehr, sehr eingeschränkt möglich ist.
Innergesellschaftlich ist man darauf angewiesen, sich unterschiedliche sprachliche Ausprägungen anzueignen, um den verschiedenen Situationen gewachsen zu sein, in die man geraten kann, ob im Zusammenhang mit ‚Sprache‘, ‚Evolution‘, ‚Kultur‘ oder ‚Natur‘. Es wäre überhaupt nicht verwunderlich, gesellschaftliche Bereiche ausfindig zu machen, in denen Zuhörern kaum mehr als ein Kopfschütteln bleibt.
Es hat innerhalb der vergangenen Jahrzehnte im deutschsprachigen Raum Wissenschaftler und Philosophen gegeben, die nicht über ein Thema sprachen, sondern etwas zu einem Thema zu sagen hatten. Der Unterschied lässt sich klarer erkennen, wenn man beispielhaft konkret wird: nicht über ein Klavier wurde gesprochen, sondern zu einem Klavier. Auf eine persönliche Ansprache („Mein liebes Klavier, wie du vielleicht ahnst …“) wurde zwar verzichtet, Ansprechpartner blieben in der Regel Kollegen, aber in die Sprache war eine Herrschaftsannahme geraten, die über Soziales durchaus diskutierbar wäre, im Hinblick auf sprachliche Eigenschaften jedoch unangemessen war und ist. Eine neuerliche Vermischung von sprachlichen und sozialen Relation ist in den Schriften von Derrida und seinen Nachfolgern (vgl. z.B. Culler, Jonathan, 1999) auszumachen. Um es zu betonen: Sprache tut der Wirklichkeit nichts an, sie kann unzureichend sein, in Einzelfällen, sogar in vielen, bezieht man umgangssprachliche Phrasen wie ‚Evolution‘, ‚Kultur‘ oder ‚Natur‘ ein, unangemessen, Sprache kann auch einen Einfluss darauf haben, was von Menschen überhaupt in Erwägung gezogen wird, dennoch wären sprachliche und soziale Relationen zu differenzieren. Eine Vermischung verweist auf eine mangelhafte Unterscheidung von Sprache und Sachen bzw. Sachverhalten. Ein sprachliches und ein soziales ‚Über‘ sind also auseinanderzuhalten, obgleich die Wortlaute identisch sind.

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