Dienstag, 4. Februar 2020

(2.1) Sprachlicher Bezug und Wahrheit (2. Aufl.)

Weil man Menschen nicht einfach in den Kopf schauen kann, um zu erfahren, über was sie reden, auch die von Quine beanspruchten Reizbedeutungen sind allgemein nicht zugänglich, ist man als Zuhörer oder Leser auf sprachliche Erläuterungen angewiesen. Solche Erläuterungen können sehr unterschiedlich ausfallen, so dass unter Umständen offen bleiben kann, ob über etwas gesprochen wird, nicht nur z.B. menschliche Erregung zum Ausdruck gelangt.
Ansprüche, bezugnehmende Erläuterungen darüber zu geben, von wo welche Gefahr droht, ob und wo es Wasser gibt oder was man wieder angestellt habe, gehörten vermutlich schon zum steinzeitlichen Alltag. Und der Satz, „Sag die Wahrheit! “, ist wahrscheinlich noch heute Bestandteil von Kindheitserfahrungen. Der umgangssprachliche Wahrheitsanspruch steht gemeinhin der Lüge gegenüber, bei der man erwischt werden kann und die in der Regel sanktioniert wird, ob mit einer wütenden Drohgebärde, mit einem strengen Verweis aufs Kinderzimmer oder mit einer überfallhaften Dresche. ‚Wahrheit‘ und ‚Lüge‘ sind in diesem Kontext praktisch eingebunden, und um die praktische Relevanz noch zu erhöhen, möglich wäre als Reaktion auf eine kindliche Erläuterung auch ein spontanes Schmunzeln, weil z.B. Wahrheit und Lüge eine erstaunliche Melange eingegangen sind.

Die Herkunft von Worten ‚Wahrheit‘ und ‚Lüge‘ aus der Praxis ist auch in der philosophischen Literatur zu finden, besonders innerhalb von ethisch ausgerichteten Werken. Über Wahrhaftigkeit als Tugend bzw. Haltung wird seit Aristoteles (vgl. Bien, Günther (Hg.), 1985, 1127a-1128a, S.94-96 – viertes Buch, Kap. 13) diskutiert, gar nicht selten in rigoroser Manier, unabhängig von möglicherweise relevanten Bedingungen und Umständen. In der Nikomachschen Ethik ist zu lesen: „Nun ist die Lüge an sich schlecht und tadelnswert und die Wahrheit gut und lobenswert.“ (Vgl. ebd., 1127a, S.95.) Mit einer Liebe zur Weisheit, gemäß der Übertragung von altgriechisch φιλοσοφία‘, aus der eine Berücksichtigung von Bedingungen und Umständen erwachsen könnte, hat eine solche Rohrstock-Ethik nichts gemein. Generell ließe sich ein normativer Anspruch leicht in Frage stellen, bereits mit der einfachen, kindlich anmutenden Frage: Warum? Aus praktischer Sicht sind doch nicht beliebige allgemeine Normen interessant, sondern Handlungssituationen, -resultate und mögliche kausale Folgen. Kamlah hat die alte ethische Suche nach griffigen Normen um die Frage, wie gelebt werden kann (vgl. Kamlah, Wilhelm, 1984, S.145), ergänzt. Diese Ergänzung könnte man auch als eine alternative Ausrichtung betrachten, die Menschen nicht den Weg in eine Mündigkeit bzw. Autonomie versperren würde, ethisch als auch praktisch letztlich angemessener wäre.

Im Unterschied zu praktischen Situationen, in denen Wahrhaftigkeit durchaus zum Tode vieler Menschen beitragen könnte, z.B. durch Verrat in einer Kriegsgefangenschaft, Ironie und Übertreibung künstlerische Mittel sein können, um etwas hervorzuheben, sind Philosophie und Wissenschaften in der Regel auf Wahrheit ausgerichtet. Um was es sich dabei handelt, wird jedoch unterschiedlich beantwortet.
Speziell Aristoteles’ Fassung wird häufig in den Kontext von Korrespondenztheorien gestellt, in denen eine Übereinstimmung mit der Wirklichkeit / Realität entscheidend ist. Aristoteles äußert sich jedoch viel spezifischer: Wahr ist, nach Aristoteles, wenn Behauptetes zutrifft. („Zu sagen nämlich, das Seiende sei nicht, oder das Nicht-Seiende sei, ist falsch, dagegen zu sagen, das Seiende sei und das Nicht-Seiende sei nicht, ist wahr.“ (Vgl. Seidel, Horst (Bearb.), 1982, 1011b, S.171). Ebenso ließe sich anführen, dass Urteile ‚wahr‘ und ‚falsch‘ auch logische Vereinbarkeiten bzw. Unvereinbarkeiten betreffen können (vgl. ebd.). In diesem Kontext ließe sich von einem Kohärenzansatz sprechen. Eine systematische Differenzierung liegt bei Aristoteles nicht vor. Wahrheitstheorien des 20. Jahrhunderts hatte man im alten Griechenland nicht ausgebildet.

Hier ist nicht der Raum, um ausführlich über verschiedene Wahrheitstheorien (vgl. z.B. Puntel, L. Bruno, 1978) bzw. -definitionen zu sprechen, aber bereits die Tatsache, dass ‚Wahrheit‘ mit Verschiedenem erläutert und identifiziert wird, könnte die Frage aufkommen lassen, wofür solche metasprachlichen Wahrheitsbegriffe bzw. -worte erforderlich sind. Egal ob sprachlicher Bezug im Zentrum steht, logische Vereinbarkeit, also Richtigkeit, oder ein Konsens unter Experten, all dies lässt sich sachlich angemessen erläutern und diskutieren, ohne ‚Wahrheit‘ bemühen zu müssen. Ob eine Entscheidung für eine der Ausrichtungen grundsätzlich angemessen wäre, fällt in diesem Rahmen kaum auf. Mir liegt sowohl an Bezügen als auch innertheoretischen Vereinbarkeiten viel, um auf einen zu erlangenden Konsens unter ohnehin divergierenden Experten zu hoffen, fehlt mir hingegen der erforderliche Glaube.

Weil besonders in der Philosophie die Frage nach sprachlichen Bezügen keine einfache ist, nicht nur da fraglich werden könnte, was Philosophie mit Wirklichkeit / Realität zu tun habe, sondern auch, wie ich auf ‚sprachliche Bezüge‘ komme, beziehe ich Tarskis semantische Wahrheitsdefinition ein, die besonders innerhalb der analytischen Philosophie und im kritischen Rationalismus eine wichtige Rolle eingenommen hat. Zunächst muss hervorgehoben werden, dass Tarski eine Definition für formalisierte Sprachen endlicher Ordnung entwickelte, in Abgrenzung zu Umgangssprachen (vgl. Tarski, Alfred, 1935, S.537-538). Um als formalisierte Sprache gelten zu können, wäre meine fachspezifische aber essayistische Vorgehensweise vermutlich ungeeignet. Tarskis Ansprüche sind an den Zeichensprachen von Logik und Mathematik ausgerichtet (vgl. ebd., S.458-459), die für mein Vorhaben schlicht ungeeignet wären, auch falls mir dadurch eine Präzision fehlen würde, die zu erreichen Tarskis erläutertes Anliegen ist (vgl. ebd., S.448).
Auch die Möglichkeit, ein Lügnerparadox ausbilden zu können, beschäftigte ihn (vgl. ebd., S.447). Die Behauptung, der aktuell geäußerte Satz sei falsch, lässt einen (Selbst-)Bezug erkennen, der die Äußerung in Frage stellt. Berücksichtigte man, dass sich Logik und Mathematik ohnehin nicht beziehen – vordergründig ließe sich annehmen, allenfalls durch Konstanten und Variablen, sobald Bezüge auf Empirie definiert seien -, wäre die Möglichkeit, sprachlich ein Lügnerparadox ausbilden zu können, eine besondere Qualität der Sprache. Das Paradox ließe sich als ein Beispiel verwenden, wie Bezüge gebildet werden, wäre auf den ersten Blick ebenso ein Beispiel für sprachliche Unangemessenheit, ließe sich durch ein Kriterium ‚sprachliche Angemessenheit‘ im Hinblick auf Bedeutungen und Bezüge durchaus vermeiden, sähe man von Situationen wie Comedy ab, in denen durch das Paradox ein Spaß, wenn auch kein origineller, entstehen könnte. Dazu ein weiteres, ein erläuterndes Beispiel: Einen Akteur mit dem Satz, „Alles was ich sage, ist falsch! “, die Bühne betreten zu lassen, könnte ein langgezogenes „Oh! “ als Antwort bzw. Kommentar folgen lassen, in diesem Zusammenhang wäre nicht die Logik relevant, sondern möglicherweise Erfahrungen, fortlaufend auf Widerstand zu stoßen. ‚Alles‘ wäre Ausdruck dieser vielfach gemachten Erfahrungen, bezöge sich in diesem Fall nicht auch auf diesen Satz, es sei denn, ein Selbstbezug würde am Ende der Szene als Pointe erkennbar werden.
Solche sprachlichen Differenzierungen und Preziosen, auch wenn sie heute kaum originelle wären, sind logisch und mathematisch gar nicht bildbar, solange u.a. an einer einfachen Zweiwertigkeit (wahr / falsch) festgehalten wird, und man würde mit Ansprüchen, die aus einer Beschäftigung mit Logik und Mathematik erwachsen sind, Sprache unangemessen behandeln. Tarski bemängelt eine sprachliche Tendenz zum Universalismus (vgl. ebd.), vermutlich, unter Berücksichtigung des Kontextes, sich sprachlich beliebig beziehen zu können. Dagegen hebt er im Kontext einer formal vollständig beschreibbaren Sprache der Logik ihren universalen Charakter hervor, aufgrund ihrer Relevanz für deduktive Systeme (vgl. ebd., S.501).

Tarskis bekundetes Interesse richtet sich auf die Konstruktion einer Definition von ‚wahre Aussage‘ (vgl. ebd., S.494). Um eine Definition konstruieren zu können, ist zunächst eine Metasprache („Metawissenschaft“) einzurichten, die drei Gruppen von Aussagen (bzw. Axiomen) enthält: allgemein logische, Definitionsausdrücke und deskriptive Axiome (vgl. ebd., S.494-495). Ich möchte den gesamten Konstruktionsaufwand aber nicht erläutern, sondern mich den ersten Ergebnissen zuwenden. Zentrales metasprachliches Mittel für die Definition ist: „Erfülltsein einer Aussagefunktion durch eine Folge von Gegenständen“ (vgl. ebd., S.478, 497). Die Begriffe bzw. Worte ‚Erfülltseins‘, oder schlichter ‚Erfüllung‘, werfen erste Fragen auf. Umgangssprachlich können Menschen von Liebe erfüllt sein, Bedingungen, Träume und Wünsche sind eventuell erfüllbar, auch Abfüllungen wären möglich, z.B. mit Bier, in all diesen Fällen, vielleicht mir Ausnahme von geäußerten Wünschen, spielt aber Sprache keine erkennbare Rolle. Die Erfüllung einer Aussagefunktion würde sich markant von jenen Fällen abheben, ließe sich vielleicht am ehesten mit einer geäußerten Wunscherfüllung vergleichen.
Als Erläuterung gibt Tarski lediglich einige Schemata, zwischen denen zu lesen ist, dass „Schnee die Aussagefunktion „x ist weiß“ erfüllt“ (vgl. ebd., S.478). Der formale Eifer kommt erstaunlich schnell zu einem Stillstand, indem lediglich auf mathematisch logische Konventionen zurückgegriffen wird, ohne zu erwägen, ob ‚Erfüllung‘ überhaupt sprachlich angemessen ist. Im Unterschied zu einem geäußerten Wunsch, der sich auf etwas Bestimmtes richtet, ob auf Konkretes (ein Glas Bier), auf Allgemeines (ein friedvolles Zusammenleben der Menschen) oder auf Konkret-Abstraktes (eine Lösung für eine logische Aufgabe) und einer möglichen Befriedigung, bietet jene Aussagefunktion ‚x ist weiß‘ eine Variable, die sich allenfalls sprachlich füllen ließe, z.B. durch ein Wort ‚Bier‘. Eine bloße Füllung würde jedoch nicht ausreichen, die Aussagefunktion enthält auch eine beschriebene Bedingung: ‚ist weiß‘. Diese Bedingung grenzt die möglichen Bezüge der einsetzbaren Worte ein. ‚Erfüllung‘ wäre auf Worte gerichtet, deren Sachen, auf die durch jene Bezug genommen wird, sich mit der formulierten Bedingung beschreiben lassen.
Die Metapher ist sprachlich durchaus erläuterbar, setzt in der gegebenen Version aber sehr, sehr viel voraus: sieht man von dem sonderbaren Bau der Metapher ab, zentral die Formulierungen ‚sprachlicher Bezug‘ und ‚empirische Bedingung‘. Falls aber Schnee die Aussagefunktion erfüllen könnte, nicht Worte mit relevantem Bezug, wäre hervorzuheben, dass sich Schnee nicht in die Funktion einsetzen ließe. Es läge, würde man dies für möglich halten, eine Verwechslung von Wort und Sache vor. Demgegenüber könnte eine Sache aber einen sprachlich geäußerten Wunsch erfüllen, diesen befriedigen.

Um mit der Definition voranzukommen, bildet Tarski einige Jahre später eine ‚Äquivalenzform T‘ (Truth) aus: x ist wahr genau dann, wenn p, wobei ‚x‘ einen einen Satz enthält, der ‚p‘ beschreibt (sein Name sei). (Vgl. Tarski, Alfred, 1944, S.59.) Entstanden ist diese Form aus der beispielhaften Aussage: ‚Schnee ist weiß‘ ist wahr genau dann, wenn Schnee weiß ist. Und erneut greift Tarski ein Wort ‚Erfüllung‘ auf, erläutert es diesmal explizit als „Beziehung zwischen beliebigen Gegenständen und bestimmten Ausdrücken, genannt Aussagefunktionen“ (vgl. ebd., S.71). Eine solche Aussagefunktion ist z.B. ‚x ist weiß‘.
In diesem Fall beträfe Erfüllung, soweit ich dies erkennen kann, nicht eine Einsetzbarkeit in die Funktion, sondern all das, worauf sich die Funktion insgesamt beziehen kann, also auf Sachen bzw. Sachverhalte, vergleichbar mit einer konkreten Wunschäußerung. Da weiterhin auch ‚x ist weiß‘ zu füllen wäre, eine solche bedingungsrelevante (Er)füllung nur durch Sprache möglich wäre, hätte man innerhalb eines Gesamtüberblicks zwei verschiedene Erfüllungsbegriffe. Der von Tarski explizierte Erfüllungsbegriff, der fundamentaler als ‚Wahrheit‘ sei (vgl. ebd.) berücksichtigt die Äquivalenzform, aber in einer unangemessenen Weise: Die Aussagefunktion ‚x‘ steht in T einer empirischen Bedingungsbeschreibung ‚p‘ gegenüber, die nur wahr bzw. erfüllbar wäre, wenn ‚x‘ das ‚p‘ beschreibt (Name von ‚p‘ ist). Die Bedingungsbeschreibung ist jedoch keine nichtsprachliche Sache, sondern Sprachliches. Tarski vergleicht aber Beschreibung (‚x‘) mit Empirie (‚p‘), genau dies ist innerhalb der Form logisch nicht möglich! Vergleichbar wären lediglich Aussagefunktion und Bedingungsbeschreibung. Wenn ‚p‘ als Sprachliches relevant wäre, würde T erst funktionieren können, sobald nach einer Umformulierung eine Austauschbarkeit der Sätze oder eine Tautologie herauskäme.
Die Äquivalenzform T behandelt keine logische Äquivalenz von Sätzen, sondern eine kausale Wenn-Dann-Relation: Wenn ‚p‘, dann ist ‚x‘ wahr, bzw., um die kausale Relation präziser zu fassen, wenn ‚p‘, dann lässt sich ‚x‘ als wahr beurteilen. Konkret: wenn Schnee weiß ist, dann ist ‚Schnee ist weiß‘ wahr, bzw., wenn Schnee weiß ist, dann lässt sich ‚Schnee ist weiß‘ als wahr beurteilen. ‚Wahrheit‘ reduziert sich auf einen zu beurteilenden Bezug. Ein solches Ergebnis hätte man sehr viel einfacher haben können.

Wenn im Kontext einer semantischen Wahrheitsdefinition lediglich die Frage nach vorliegenden oder nicht vorliegenden sprachlichen Bezügen relevant ist, dann kann auf eine metasprachliche Marke wie ‚Wahrheit‘ leicht verzichtet werden. Auch ließe sich nach Bezugsumfängen fragen, also viel differenzierter vorgehen als im Rahmen einer alten und vor allem einschränkenden Zweiwertigkeit (wahr / falsch). Man würde letztlich die Chance ergreifen können, Sprache angemessen zu behandeln, auch und besonders fachlich. Es würde die Frage bleiben, die auch für das vorliegende Kapitel von zentraler Relevanz war, über was gesprochen wird.

Davidson hat Tarskis Konzeption als Ausgang für natürliche Sprachen genutzt, aber Modifikationen vorgenommen, die es erlauben, konkretere Bezüge vorzunehmen. Er erweiterte im Rahmen seines Interpretationsansatzes die Definition um Paramter wie Sprache und Zeit (vgl. Davidson, Donald, 1994, S.40-67). Probleme mit Metaphern wie ‚Erfüllung‘ oder eine mögliche Redundanz von ‚Wahrheit‘ sah er nicht.

Samstag, 1. Februar 2020

(1.5) Wirklichkeit und sprachliche Angemessenheit (2. Aufl.)

Luhmann hatte einen allgemeinen Systembegriff entwickelt, der lediglich Sinn voraussetzt, Bedeutung, irgendeine Ordnung (vgl. Luhmann, 1987). In diesem Kontext wäre auch ein Sammelsurium eine Ordnung, die sich hinsichtlich von Funktionszusammenhängen analysieren ließe. Doch die Vokabeln ‚Sinn‘ und ‚Bedeutung‘ ließen sich allgemein gar nicht verstehen, berücksichtigte man den einfachen Unterschied von Sprache und Sachen bzw. Sachverhalten. Würde man sich hingegen auf Sachen und Sachverhalte beschränken, könnte allenfalls von ‚Relevanz‘ die Rede sein, ohne dass klar werden könnte, in welcher Weise. ‚Ordnung‘ wird (a) zunächst derart weit gefasst, dass der Begriff nichts aussagt, (b) dann aber spezifisch, im Kontext von zu ermittelnden Funktionszusammenhängen.
Der von Luhmann präsentierte Systembegriff bietet nicht mehr als eine umgangssprachliche Herangehensweise,die alles andere als hilfreich ist, aber im Hinblick auf den Begriff ‚Ordnung‘ ein primär bürokratisches Anliegen kenntlich machen könnte. Das von mir anführte Sammelsurium ist hingegen ein Resultat historischer Prozesse, von Prozessen, die von unterschiedlichen Gruppen und Individuen geprägt wurden. Diese historische Perspektive vermeidet eine quasi-ontologische Fundierung, die aus ahistorischer Sicht erforderlich zu sein scheint, um überhaupt einen Anfang der Diskussion setzen zu können. Es bleibt nach meinem Ermessen kaum anderes übrig, als sich auf ein Abenteuer einzulassen, das ein historisch entstandenes Sammelsurium bieten kann.

Sprachlich macht es kaum einen Unterschied, ob ein historisch entstandenes Sammelsurium einer Wirklichkeit – im Rahmen menschlicher Erkenntnisbedingungen –, oder einer unabhängigen Realität zugerechnet wird. Die nutzbaren Worte für Beschreibung, Differenzierung und Analyse wären gleich. Erst im Kontext einiger methodischer Begriffe wie ‚Objektivität‘ und einer erkenntnistheoretischen Interpretation von historischen Ergebnissen würde der Unterschied auffallen können.
Weil methodische Erwägungen auch in dieser Arbeit von Relevanz sind, gebe ich einige Anmerkungen: Mir, so muss ich gestehen, bleibt eine Realität, die außerhalb meiner Erkenntnisbedingungen liegt, unzugänglich. Diese Bedingungen umfassen mehr als lediglich biologische, auch sprachliche und soziale, die historisch eingebettet sind. Die alte Frage nach Objektivität, in Abgrenzung zu Subjektivität, würde sich mir gar nicht stellen können, weil sie besonders auf historische Bedingungen keine hinreichende Rücksicht nimmt. Ich kann im vorliegenden Kontext lediglich nach sprachlicher Angemessenheit fragen, im Hinblick auf Bedeutung und Bezug – und, davon war bislang noch nicht die Rede, dies wird innerhalb der Studie aber erforderlich sein, auf sprachliches Verhalten. Eine allgemein reproduzierbare Methode lässt sich auf diese Weise nicht entwickeln, es lassen sich nur konkrete Fälle kontextabhängig behandeln.

Die Grenzen menschlicher Erkenntnis lassen sich erweitern, z.B. durch Messinstrumente und -verfahren, oder / und durch sprachliche Differenzierungen, die Unterschiede merklich machen können, einen größeren Detailreichtum erfassen helfen, oder Differenzierungen als unangemessene verwerfen. Doch Grenzen bleiben, sie lassen sich allenfalls verschieben.
Ein Beispiel der Begrenztheit bietet aktuell die Physik. Die hypothetisch angenommene, im Kosmos nur indirekt bemerkbare dunkle Materie, ist etwas völlig Unbekanntes. Sie wurde als ‚dunkel‘ beschrieben, nicht weil sie dunkel wäre, entfernt vergleichbar mit einer düsteren Gewitterwolke, sondern aus Verlegenheit. Die dunkle Materie reflektiert kein Licht, es scheint durch sie hindurch, bleibt für menschliche Sinne und von Menschen gefertigte Instrumente unsichtbar. Eine Annahme einer solchen Materie wurde gemacht, weil sich messbare Gravitationskräfte im Rahmen des kosmologischen Standardmodells nicht erläutern ließen; das Standardmodell umfasst u.a. die allgemeinen Relativitätstheorie, die Annahmen über Gravitation enthält.
Unzureichend kann allerdings auch das bisherige Standardmodell sein. (Vgl. Bührke, Thomas, 2012.) Unabhängig davon, wie sich die entstandenen Irritationen auflösen lassen, falls sie sich auflösen lassen, welche Annahmen und Bezüge nicht bloß mögliche bleiben, die physikalische Sicht auf den Kosmos wird sich verändern. Berücksichtigt man jedoch, wie lange über die sonderbaren Gravitationskräfte geforscht wird, bereits in den Dreißiger Jahren des 20. Jhds. fielen dem Schweizer Astronom Fritz Zwicky unerklärbare Bewegungen im Kosmos auf (vgl. Lindner, Manfred; Marrodán Undagoitia, Teresa; Schwetz-Mangold, Thomas; Simgen, Hardy, 2014), wird ersichtlich, welche historischen Ausmaße eine Ungewissheit erlangen kann, die bis in die Grundlagen reicht.

Vielleicht klingt es manchem verrückt, mich sprachlich auf Erzeugnisse meines Gehirns beziehen zu müsse, die als solche anderen nicht zugänglich sind, und nach Angemessenheit zu fragen. Dieser vergleichsweise autistische Vorgang kann jedoch in jedem Menschen geschehen. Hinzukommt, dass ich diese Erzeugnisse nicht konstruiere, nur wenig direkten Einfluss darauf habe, was mir mein Gehirn präsentiert. Dieses Gehirn nutzt vor allem entstandene Routinen, die sich im Hinblick auf neue Situationen auch als angesammelte Vorurteile interpretieren ließen. Nach sprachlicher Angemessenheit zu fragen, gönnt dem Automatismus eine Pause. Doch auch diese Frage und die bisherigen Antworten können in einen Automatismus gelangen, der auf relevante Bedingungen und Details keine Rücksicht mehr nimmt. Sicherheit in Erkenntnisprozessen zu erlangen, wäre etwas anderes. Es würde auch nicht ausreichen, auf Zustimmung zu hoffen. Die beschriebene Unsicherheit gälte für alle Ansprechbaren gleichermaßen. Doch obwohl keine Sicherheit erlangbar, meine Freiheit unter Einbezug aktiver Hirnroutinen beschränkt ist, eröffnet sich eine Möglichkeit zur Autonomie (vgl. Roth, Gerhard, 2001, S. 427 ff.).

Mittwoch, 29. Januar 2020

(1.4) Über-etwas-sprechen (2. Aufl.)

Kripke richtete sich mit seinem Tauf-Ansatz gegen Bündel-Theorien von Bedeutungen, in denen Namen als Bedeutungen die sprachlich erfassten Eigenschaften ihrer Träger erhalten. Ohne auf seine Kritik einzugehen: Dass ein zeitgenössischer Name wie ‚Peter Müller‘ der Lautgestalt nach nichts Relevantes preisgibt, lediglich etwas bedeutet, das aber nicht bezugsrelevant ist, wird rasch einsichtig sein. Um an Bedeutungen zu kommen, verweist innerhalb von Bündel-Theorien ein Tragen eines Namens auf das Vorliegen eines Bezugs. Erst über einen solchen konstruierten Bezug kommt man innerhalb einer Bündel-Theorie überhaupt an Bedeutungen heran. Dieses Vorgehen kann man als ein empirisches Nachhelfen erläutern, Bedeutungen und besonders Bezüge werden hineininterpretiert, die Besonderheit von Namen nicht beachtet.
Da aber Kripke im Rahmen seines Tauf-Ansatzes zumindest auf sozial zugewiesene Bezüge angewiesen ist, kann auch sein Ansatz in Frage gestellt werden. Auch Kripke hätte, um zu erläutern, auf welchen Peter (oder welche Margaret, um ein Beispiel anzuführen, das Kripke nutzt) er sich bezieht, Eigenschaften, Umstände anzuführen, auch wenn er diese Erläuterungen nicht als Bedeutungen, sondern als Erläuterungen der Referenz, des Bezugs ausweist (vgl. Kripke, Saul, 2014, S.123). Würde man nun Fragen, was sprachliche Bedeutungen in relevanten konkreten Fällen anderes sein könnten als Erläuterungen von empirisch relevanten Bezügen, fiele mir zunächst nichts ein. Kripke fügt den Bündel-Theorien lediglich den Tauf-Ansatz hinzu, ohne dies explizit zu machen.
Die Besonderheit von Namen wie ‚Peter Müller‘ ist, dass sie kaum der Sprache angehören, auch wenn die Ausdrücke aus der Sprache stammen, aus Bedeutungen, die nunmehr bezugsunabhängig sind, und aus einem Verhalten. Ein Name konnte unter Menschen wahrscheinlich zur Ehre gereichen, ebenso zur Schande. Doch auch ein Hund könnte, würde man ihn darauf abrichten, auf ‚Peter Müller‘ hören, ohne Kenntnisse über menschliche Sprache zu haben. Ein menschliches Namengeben ist im Hinblick auf Lebewesen, die damit etwas anfangen können, derart rudimentär, dass sich eine Frage nach Sprache kaum stellt. Dennoch lassen sich Namen so nutzen, als hätten sie Bezug. In einem solchen Fall würde sich jedoch auch die Frage nach bezugsabhängiger Bedeutung stellen, die der jeweilige Name als solcher nicht hat, auch wenn sich historisch linguistische Forschungen anstellen ließen. - Ob die Ergebnisse solcher Forschungen Auskünfte über einen Namensträger geben könnten, wäre allenfalls familiengeschichtlich nicht unerheblich, oder im Kontext von Belletristik, in der Namen mehr oder weniger indirekt als Beschreibungen fiktiver Träger fungieren können. - Erkennbar werden kann, dass sprachliche Bedeutungen und Bezüge voneinander abhängig sind. Für ein Namengeben im Hinblick auf Lebewesen reicht hingegen ein Abrichten vollkommen aus, es entstehen sogar Schwierigkeiten, wollte man Bedeutungen und / oder Bezüge ermitteln, Probleme, die erst aus der Sprache entstehen, sich innerhalb von sozialem Verhalten aber gar nicht stellen.
Sprachliche Bedeutungen, darauf sei noch separat hingewiesen, haben mit umgangssprachlich veranschlagbaren Bedeutung von Sachen oder Sachverhalten, zu denen auch ein Verhalten zählen kann, nichts zu tun, für die man besser ein Wort wie ‚Relevanz‘ nutzen könnte. Ein Namengeben, um die spezielle Relevanz hervorzuheben, ermöglicht vor allem jemanden anzusprechen.

Die Abhängigkeit von Bedeutungen und Bezügen ist eine sprachliche Besonderheit, die es erlaubt, in Erfahrung zu bringen, worüber jemand spricht oder sprechen könnte. Den Ausgang bei einem Verstehen bilden häufig die Bedeutungen, würde dennoch unklar bleiben, worüber gesprochen wird, wären alle Anstrengungen umsonst gewesen. Die Sachen bzw. Sachverhalte, auf die Bezug genommen und über die etwas ausgesagt wird, sind sprachlich von Relevanz. Auf sie ließe sich nicht verzichten, auch wenn man der Ansicht ist, dass sie erkenntnistheoretisch nur Produkte des Gehirns sind. Niemand hat die Chance, außerhalb solcher präsentierten Wirklichkeitszeiträume zu stehen, es bliebe lediglich die Möglichkeit, sich auf diese einzulassen.
Würde man sich hingegen weigern, wie dies z.B. Glasersfeld als radikaler Konstruktivist tat (vgl. Glasersfeld, v., Ernst, 1987), blieben lediglich Bedeutungen und Kommunikation übrig. Die wichtigste Funktion von Sprache würde verlorengehen: über etwas sprechen und gegebenenfalls über etwas schreiben, etwas erkennen zu können, auch wenn dies nur innerhalb der Erkenntnisbedingungen möglich ist. Alternativ ließe sich allenfalls über wahrgenommene Qualitäten (Farben, Klänge usw.) sprechen, doch dafür liegt (a) keine Sprache vor, (b) müsste das Hirn zumindest partiell abgeschaltet werden. Die Differenz von Sprache und dem, worauf Bezug genommen wird, lässt sich auch nicht einfach unterlaufen.
Einige analytisch geschulte Theoretiker (wie z.B. Goodman, Kripke) erläutern ‚Bezug‘ mit Formulierungen wie ‚für etwas stehen‘. Doch genau dies ist unmöglich: Ob Zeichen, Symbole, Namen oder Worte, nichts davon kann für Sachen oder Sachverhalte stehen, sie gegebenfalls ersetzen. Dazu bedürfte es einer Zauberei, in der z.B. Stoffpuppen mit Nadeln bestochen werden, die für jemanden stehen, dem nicht nur alles Schlechte gewünscht wird, dieser Wunsch wird mit einer analogen Handlung nachdrücklich bestärkt! Die Formulierung ‚für etwas stehen‘ gehört zu den missverständlichsten Erläuterungen, die sich mit Bezug auf sprachliche Bezüge geben lassen.

Alle möglichen Hindernisse sind aber längst nicht ausgeräumt, noch wären sie zu beseitigen: eine Sprache ist kein System, sondern ein Sammelsurium von Worten, semantischen und syntaktischen Konventionen als auch Kreationen; letztere verweisen z.B. auf Jugendsprachen, Fachsprachen, Belletristik oder Politik, in denen auch sprachbildende Prozesse zum Alltag gehören. Umgangssprachlich sind besonders Metaphernbildungen zu berücksichtigen, zu den neueren gehören z.B. ‚Evolution‘ (vgl. Matern, Reinhard, 2014). Ich kenne niemanden, dem ich einen Gesamtüberblick über das gesellschaftliche bzw. sprachgemeinschaftlich Tun auch nur in einer Sprache ansatzweise zutrauen würde. Auseinandersetzungen und Gruppenbildungen sind unausweichlich. Sie reichen bis zu Abschottungen, die speziell in der analytischen Philosophie dazu führten, sich primär mit wissenschaftsrelevanten Fragen auseinanderzusetzen, weil genau jene von Konstruktivisten in der Theorie präferierte Kommunikation allgemein fast nicht oder nur sehr, sehr eingeschränkt möglich ist.
Innergesellschaftlich ist man darauf angewiesen, sich unterschiedliche sprachliche Ausprägungen anzueignen, um den verschiedenen Situationen gewachsen zu sein, in die man geraten kann, ob im Zusammenhang mit ‚Sprache‘, ‚Evolution‘, ‚Kultur‘ oder ‚Natur‘. Es wäre überhaupt nicht verwunderlich, gesellschaftliche Bereiche ausfindig zu machen, in denen Zuhörern kaum mehr als ein Kopfschütteln bleibt.
Es hat innerhalb der vergangenen Jahrzehnte im deutschsprachigen Raum Wissenschaftler und Philosophen gegeben, die nicht über ein Thema sprachen, sondern etwas zu einem Thema zu sagen hatten. Der Unterschied lässt sich klarer erkennen, wenn man beispielhaft konkret wird: nicht über ein Klavier wurde gesprochen, sondern zu einem Klavier. Auf eine persönliche Ansprache („Mein liebes Klavier, wie du vielleicht ahnst …“) wurde zwar verzichtet, Ansprechpartner blieben in der Regel Kollegen, aber in die Sprache war eine Herrschaftsannahme geraten, die über Soziales durchaus diskutierbar wäre, im Hinblick auf sprachliche Eigenschaften jedoch unangemessen war und ist. Eine neuerliche Vermischung von sprachlichen und sozialen Relation ist in den Schriften von Derrida und seinen Nachfolgern (vgl. z.B. Culler, Jonathan, 1999) auszumachen. Um es zu betonen: Sprache tut der Wirklichkeit nichts an, sie kann unzureichend sein, in Einzelfällen, sogar in vielen, bezieht man umgangssprachliche Phrasen wie ‚Evolution‘, ‚Kultur‘ oder ‚Natur‘ ein, unangemessen, Sprache kann auch einen Einfluss darauf haben, was von Menschen überhaupt in Erwägung gezogen wird, dennoch wären sprachliche und soziale Relationen zu differenzieren. Eine Vermischung verweist auf eine mangelhafte Unterscheidung von Sprache und Sachen bzw. Sachverhalten. Ein sprachliches und ein soziales ‚Über‘ sind also auseinanderzuhalten, obgleich die Wortlaute identisch sind.

Montag, 27. Januar 2020

(1.3) Definite Beschreibungen und Bezüge (2. Aufl.)

Namensgebungen unter Menschen, obgleich sie in kleinen Rahmen gesellschaftliche Ereignisse sind, auch soziologisch untersucht werden können, entziehen sich der gesellschaftlichen Sprache. Gerade weil Namensgebungen im Hinblick auf Menschen überwiegend private Angelegenheiten sind, auch wenn gesellschaftliche Ansprüche und Moden eine gewichtige Rolle spielen, sind sie sprachlich ohne empirische Relevanz.
Dieses Engagement bei Namengebungen kann erläutern helfen, weshalb es schwierig sein kann, Eigennamen gesellschaftlich durchzusetzen, ihnen Geltung zu verschaffen: besonders in religiösen, politischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen. Es bedarf Kampagnen oder breiter medialer Unterstützung, damit einige Namen in aller Munde landen, ebenso das, womit sie jeweils assoziativ verbunden sein sollen. Sprache ist ein gesellschaftliches Unterfangen. Die Eigennamen fließen durch ein solches Engagement in die Sprache ein, obgleich sie nicht dazugehören. Vielen Eigennamen ist jedoch eine Abkunft aus der Sprache anzumerken, weil sie, historisch weit zurückliegend, aus beruflichen oder örtlichen Zusammenhängen entstanden sind: ‚Müller‘ z.B., oder ‚von der Mühlen‘. Diese jedoch in einen Zusammenhang mit Individuen zu stellen, waren lokale Hilfskonstrukte, die, je weiter die Zeit und Weitergabe fortschreitete, waghalsiger, durch ein  Zusammenwachsen von Orten, Regionen und durch die Verfielfältigung bei der Weitergabe nichtssagender wurden.

Einen weiteren Schritt auf der Suche, was sprachlicher Bezug bedeuten könnte, komme ich vielleicht mit Formulierungen, die aus der philosophischen Tradition als sogenannte Kennzeichnungen bekannt sind, Beschreibungen, die unbestimmt (einer, eine, ein …) oder bestimmt (der, die, das …) sein können: als Beispiele führt Russel u.a. „the present King of France “ an (vgl. Russel, 1905, S.479) und fügt hinzu, dass eine solche Phrase erst eine Bedeutung durch den Kontext erhält (vgl. ebd., S.480).
Eine definite Beschreibung, auch wenn sie einem Individuum zugeordnet ist, lässt sich nicht leichter als ein Eigenname wie z.B. ‚Peter Müller‘ erfassen, doch sie enthält Worte, die zumindest einen Beginn ermöglichen können. Zwar ließe sich auch ‚Peter Müller‘ in einen Kontext stellen, der Eigenname würde selber jedoch kaum etwas zur Auffindung einer bezugsrelevanten Bedeutung beitragen können, weil er gesellschaftlich zu weit zurückreicht, zu unspezifisch, zu unauffällig ist und zusätzlich noch zu häufig vorkommt.
Aber es gibt Eigennamen, die als definite Beschreibungen fungieren können, ‚das Ruhrgebiet‘ ist so eine. Doch es fehlt, um die Unvollständigkeit für einen Bezug hervorzuheben, in dieser sprachlichen Form eine Angabe der relevanten Zeit bzw. der Zeitspanne. Auch wird keine Existenz behauptet, noch eine örtliche Orientierung gegeben, noch eine Eigenschaft angeführt. ‚Das Ruhrgebiet‘ könnte, würde man es bei der Formulierung belassen, falls überhaupt, in einem düsteren Mondkrater liegen und von einer Gesellschaft bewohnt sein, die keinen Weg aus dem Krater findet, ja vielleicht von Seiten der dortigen Politiker und Bürger nicht einmal finden möchte. Soviel über einen möglichen Zusammenhang.
Vom Kontext und Umfeld kann allerdings auch abhängen, wie exzessiv oder / und formalisiert man die Ansprüche an eine ein- und abgrenzende Beschreibung betreiben möchte. Sogar im Hinblick auf Eigennamen. Dass z.B. Bertrand Russel lebte, wann und wo, würde im vorliegenden Kontext allenfalls lustig klingen, nicht nur weil er relativ bekannt ist, sondern weil der vorliegende Kontext ein philosophischer ist, kein biografischer.
Sprachliche Bezüge, ob zur Empirie oder zu empirisch oder logisch mögliche, ja sogar zu empirisch oder logisch unmögliche Welten, allesamt als Bestandteile von Wirklichkeit, sind nicht einfach da, sie müssen erst geschaffen werden. Aus Texten führt kein Fingerzeig hinaus; alles ist sprachlich zu leisten. Ein anfängliches Sprachlernen, das vergleichsweise behavioristisch geschieht, kann, wie Quine hervorhebt, nur demonstrieren, dass ein Kind Gegenstände unterscheidet, jedoch nicht, dass es auch Bezugnahmen versteht (vgl. Quine, Willard v. Orman, 1976, S.119). Quine ist freilich einseitig auf  (Natur-)Wissenschaften ausgerichtet. Doch über Gegenstände zu sprechen, ich spreche im vorliegenden Kontext lieber über Sachen und Sachverhalte, ist weitaus komplizierter, als mit Lautfolgen und Fingerzeigen umzugehen. Bezüge sind entstanden, sobald deutlich geworden ist, worüber gesprochen wird. Dies gilt für die Wissenschaften und die Philosophie ebenso wie für Poetiken. Die Mittel differieren, eine poetisch imaginäre Welt kann sich von einer empirischen unterscheiden, z.B. wenn Worte in ungewöhnlicher Weise genutzt werden; eventuell wird durch den Einsatz von poetischen Mitteln zunächst nur eine Oberfläche erfahrbar, doch dass diese erfahrbar wird, ist Resultat der Sprache. Ein logisches Kalkül kann hingegen ganz in sich ruhen, völlig bezugslos. Erst im Fall einer Integration von mathematisch logischen Verfahren in einen bezugshaften Kontext, bereits die theoretische Physik nutzt ein solches Vorgehen, werden Aussagen über etwas getroffen, wie z.B. in der allgemeinen Relativitätstheorie.
Der Weg von definiten Beschreibungen hin zu Kontexten, durch die erst Bezüge entstehen können, lässt die Frage aufwerfen, wie umfangreich diese sein müssen, damit derartiges geschehen kann. Eine Antwort auf die Frage hängt davon ab, was im jeweiligen Fall vorausgesetzt werden kann. Es eröffnet sich ein pragmatisches Problem, das allgemein gar nicht eingrenzbar und lösbar ist. Eine wissenschaftliche Hypothese kann das Wissen eines gesamten Fachs voraussetzen, Quine spricht in diesem Kontext von wissenschaftlichem Holismus (vgl. Quine, Willard v. Orman, 1995, S.18 ff.), doch damit nicht genug, manche Probleme lassen sich nur lösen, wenn man über Fächergrenzen hinausschaut. Dies geschieht ohnehin, doch nicht immer zum Vorteil: Die physikalisch orientierte Modellökonomie ist spätestens im Zuge der weltweiten Finanzkrisen ersichtlich an Grenzen gestoßen. Mit ihr lassen sich die Entwicklungen nicht erklären. Und eine pragmatisch durchaus verständliche Abschwächung der Krisen als Sonderfälle, um zu einer sogenannten Normalität zurückkehren zu können, macht fraglich, ob überhaupt ein Interesse an Wissenschaft besteht. Relevante Kontexte reichen aber noch viel weiter: Wissenschaften, Philosophie und Poetik setzen Sprache und ein sprachliches Differenzierungsvermögen voraus. Quine spricht über Gegenstände, weil die Worte der Sprache überwiegend von Gegenständen handeln. Dies ist leicht nachzuvollziehen, berücksichtigt  man die Menge an alltäglichen Dingen, mit denen Menschen umgehen und auf die man sich beziehen kann (vgl. Quine, Willard v. Orman, 1980, S.17 ff.). Es wäre aber zu kurz gefasst, lediglich alltägliche Dinge wie Schreibtisch und Kühlschrank zu berücksichtigen. Auch Abstaktes wie Zahlen, Attribute und Klassen spielt eine Rolle. Deshalb spricht Quine allgemein von einem Sprechen über Gegenstände (vgl. Quine, Willard v. Orman, 1975, S. 7 ff.). Von menschlichen Sinnen erfasst werden biologischen Beobachtungen nach jedoch nicht Gegenstände, sondern Qualitäten wie Farben und Klänge (vgl. z.B. Maturana, Humberto R., 1985). Die menschliche Wahrnehmung entsteht erst im Gehirn.
Sprachlich ändert sich dadurch jedoch wenig: dass die menschliche Wahrnehmung von Wahrnehmungsbedingungen abhängig ist, haben bereits Hume und nach ihm auch Kant formuliert. Was außerhalb solcher Bedingungen liegt, ist unzugänglich. Dass zu diesen Bedingungen gehört, neuronal eine äußere Welt in komplexer Weise entstehen zu lassen, ändert zunächst nicht viel, philosophisch betrachtet. Die physiologisch  entstehende Innen-Außen-Relation ist ein Produkt des Gehirns, gehört zu den Wahrnehmungsbedingungen. Was außerhalb dieser Bedingungen geschieht, bleibt weiterhin unzugänglich. Doch der biologische als auch neurologische Gewinn ist kaum zu unterschätzen.

Die philosophische Tradition bietet den Grund, weshalb ich eine Formulierung ‚Konstruktivismus‘ für die Philosophie ablehne, es sei denn man verfolgt eine solipsistische Ausrichtung, in der eine Existenz von Außenwelt bestritten wird oder als erfunden gilt. Mit solchen solipsistischen Einschätzungen würde man sich jedoch außerhalb der Wahrnehmungsbedingungen bewegen. Dass bei Menschen etwas hineingelangt, dass Sinnesreizungen zu beobachten sind, lässt sich kaum leugnen. Und wenn sich ‚Erfindung‘ nicht mehr abgrenzen lässt, weil alles erfunden ist, dann sagt dies Wort nichts mehr aus. Ein solcher Überschwang wäre nicht zu rechtfertigen. Auf eine Diskussion dieser „Kognitionswissenschaft“ (vgl. Schmidt, Siegried, J., 1987, S.13) verzichte ich im vorliegenden Kontext. Es ist philosophisch nicht unüblich, allgemein von Gegenständen der Wahrnehmung, der Erkenntnis oder der Erfahrung zu reden; Kant hatte dies in exzessiver Weise betrieben. Über Sachen und Sachverhalte zu sprechen, anstatt über Gegenstände, ist ein Resutat sprachlicher Erwägungen. Im Englischen, dessen bin ich mir bewusst, gibt es für diese Worte kaum adäquate Übersetzungen. ‚Sache‘ wird zumeist mit ‚thing‘ (Ding), ‚Sachverhalt‘ mit ‚facts‘ (Fakten,Tatbestand) übertragen. Der Grund ergab sich aus einer speziellen Einbeziehung der deutschen Umgangssprache: Worte ‚Sache‘ sind in dieser allgemeiner als Worte ‚Ding‘ oder ‚Gegenstand‘, die sich in der Regel auf abgrenzbare physikalische Gebilde wie Tisch und Stuhl beziehen können, weniger auf konzeptionelle Gegenstände, ob logische oder poetische. Darüberhinaus weist ‚Sachverhalt‘ auf eine, allerdings unbestimmte, komplexere Gestalt hin; dies kann bei Beschreibungen hilfreich sein. Ist man bereit, zu den biologischen Wahrnehmungsbedingungen von Menschen auch die neuronal aufwendig produzierte Innen-Außen-Relation zu zählen, ohne angeben zu können, was außerhalb dieser geschieht, sind Sachen als auch Sachverhalte nur innerhalb dieser Relation lokalisier- als auch erfassbar.

Wie neuronale Prozesse in anderen Tieren vorgehen, ob dort Sinnesreize, wie sie die Biologen beobachten, anders verarbeitet werden, eventuell ohne Produktion einer aufwendigen Innen-Außen-Relation, die man scherzhaft als Heimkino beschreiben könnte, vermag ich nicht zu beurteilen, ist im Kontext dieser Studie jedoch auch nicht erforderlich. Wie aber wäre eine Reizbedeutung von Worten unter den angeführten physiologischen Bedingungen aufzufassen, die Quine wie eine empirische Absicherung sprachlicher Bedeutungen und Übersetzungen einführt und als eine „Klasse aller Reizeinflüsse“ fasst (vgl. Quine, Willard v. Orman, 1980, S.69)? Solange man Reizeinflüsse unter die physiologischen Wahrnehmungsbedingungen stellt, würde sich wenig ändern. Es wäre lediglich darauf hinzuweisen, dass zur Voraussetzung nicht nur Reize, sondern auch eine vergleichbare Reizverarbeitung verschiedener Menschen gehört, damit eine solche Absicherung überhaupt in Erwägung gezogen werden kann. Im experimentellen Beispiel, in dem der Reizbedeutung eine besondere Rolle zukommt, ein aufmerksamer Ethnologe herauszufinden sucht, worauf sich der Lautkomplex ‚Gavagai‘ von Einheimischen bezieht, dient letztlich dieselbe Reizbedeutung als Maßstab (vgl. ebd., S.70). Mit dieser formalen Fassung ist das Übersetzungsproblem jedoch nicht behoben. Quine führt Gründe an, weshalb dieser Behaviorismus scheitert: ob eine identische Reizbedeutung vorliegt, lässt sich im Kommunikationsprozess zwischen Ethnologe und Einheimischen nicht ermitteln, sogar eine Unbestimmtheit bleibt letztlich unzugänglich (vgl. ebd., S.137-147). Sein Urteil fällt in später entstandenen Schriften im Hinblick auf Übersetzungsvorgänge noch düsterer aus: „Es besteht noch nicht einmal Hoffnung, so etwas wie eine Kodifizierung der einschlägigen Prodzeduren erreichen zu können, um dann vielleicht durch Angabe eben dieser Manöver zu definieren, was als
Übersetzung zu gelten habe.“ (Ders., 1995, S.67). Konkret hat ein Forscher bei relevanten Reizen die Möglichkeit, ‚Gavgai?‘ zu fragen, die Einheimischen haben die Möglichkeiten, bejahende oder verneinende Anworten zu geben. Fehlen relevante Reize, ist die Kommunikation gehemmt (vgl. ders., 1980, S.75). Ich sehe im Folgenden von Reizen als möglichen Hilfen ab, vor allem wegen ihrer allgemein mangelhaften Zugänglichkeit in sprachlichen Situationen, fragen lässt sich aber, wie Bedeutungen und Bezüge zusammenhängen.

Sonntag, 26. Januar 2020

(1.2) Wie voneinander abgrenzen? (2. Aufl.)

Den Anreiz zu differenzieren, hoffe ich gegeben zu haben, unklar blieb bislang jedoch, ob und gegebenfalls wie Worte von andere Zeichen (und Symbolen) systematisch abgrenzbar sind. Goodmans Symboltheorie lasse ich im Fortgang unberücksichtigt, weil sie in vielerlei Hinsicht einen Sonderfall darstellt, der eventuell in einem Kontext über Künste interessieren könnte, doch sogar in diesem Zusammenhang separat zu erörtern wäre: Einige grundsätzliche Schwierigkeiten und Fragen habe ich in einem solchen Kontext formuliert (vgl. Pege, Kai, 2014 (2)), auf eine dezidierte Erörterung jedoch verzichtet. Als weiteres Problem kann hinzukommen, dass Zeichen, ob als Piktogramme oder abstrakte mathematisch logische Gebilde, sprachlich artikulierbare Bedeutungen haben, historisch aller Wahrscheinlichkeit nach aus einem Sprachverhalten entstanden sind, wie formalisierte Abkürzungen wirken können, als formale Zeichen jedoch der Sprache entzogen sind.
Emoticons, um noch ein Beispiel zu integrieren, werden zwar innerhalb der Umgangssprache eingesetzt, sie haben Bedeutungen, die sich als emotionale Ausdrücke spezifizieren lassen könnten, verzichtete man darauf, Ausdruck zeichentheoretisch als Extension bzw. Bezug zu fassen, aber keinen Bezug. Ein Emoticon lässt nicht erkennen, weshalb es gesetzt wurde. Ohne sprachliche Erläuterung, die eventuell für sich schon ausreichen würde, den Zustand mitzuteilen, hinge ein Emoticon gleichsam in der Luft oder fungierte lediglich als außersprachlicher Gestenersatz.

Ob und worauf sich sprachliche Äußerungen beziehen, ist abhängig von den Bedeutungen, nicht nur der Worte, sondern des jeweiligen sprachlichen Zusammenhangs. Diese Komplexität im Hinblick auf eine Ein- und Abgrenzung entfällt in der Regel bei außersprachlichen Zeichen. Im Fall mathematisch logischer Zeichen gibt es zwar funktionale Differenzierungen und Abhängkeiten, jedoch nicht im Hinblick auf einen Bezug, lediglich auf die nutzbaren bzw. vorliegenden Zeichenfunktionen. Ähnlich, wenn auch weniger abstrakt und viel loser gebunden, geht es bei Straßenschildern zu. Die Farbgestaltung ist z.B. nach Gefahren-, Verbots- und Gebotsschildern sortiert, doch auch bei ihnen spielt Bezug keine erkennbare Rolle, im Vordergrund stehen ebenfalls Funktionen, keine mathematisch logischen, sondern solche eines Verhaltens, die durch die Bedeutungen übermittelt werden. Um den Geltungsbereich - nicht den Bezugsumfang -, solcher Schilder einschätzen zu können, ist man jedoch auf zusätzliche Informationen angewiesen, die z.B. durch bauliche Gestaltungen gegeben werden. Doch auch bei sprachlichen Äußerungen kann eine Frage nach Bezügen berechtigt, eventuell offen bleiben oder bestritten werden. Im Umgang können außersprachliche Faktoren, sowohl hinsichtlich des Verhaltens als auch der Umstände behilflich und entlastend sein.

Relativ hilflos kann man gegenüber Eigennamen bleiben, nicht nur sobald man Telefon- und Adressverzeichnisse oder das Internet einbezieht. Entwicklungen, ob landschaftlich historische, menschliche, tierische, oder Differenzierungen nach Tageszeit (Abend-, Morgenstern) erschwerten in der philosophischen Literatur einen Umgang. Kripe unternahm die Anstrengung, nach Bezügen, nach sogenannten ‚Referenten‘ Ausschau zu halten, um letztlich in einer Namensgebung (Taufe) als dem jeweiligen individuellen Beginn zu landen (vgl. z.B. Kripke, Saul, 2014, S.112), dem Beginn von Kausalketten, die sich aufgrund von Weitergaben eines Namens ergibt.
Doch ließen sich Eigenschaftsänderungen bei Sachen und Individuen berücksichtigen? Wäre ein Kleinkind, das einen Namen zugesprochen bekommt, noch dasselbe Lebewesen in späteren Jahren? Wäre man darauf angewiesen, eine abstrakte Entität auszuweisen, die über die Zeit identisch bleibt? Das Modell gibt erstaunlicherweise keine Auskunft. Es ließe sich in Bezug auf Individuen aber eine Ereignisreihe (Lebenslauf) bilden, eine solche Vorgehensweise ist in der Praxis durchaus nicht unüblich, wenn z.B. auf verschiedene Schaffensphasen eines Philosophen Bezug genommen wird. Doch dann wird der Name als solcher relativ unrelevant: er reicht bei weitem nicht aus! Von einem frühen Wittgenstein ist z.B. die Rede, von einem späten.
Fragen lässt sich, was eine Namensgebung (Taufe) mit einem Bezug des Namens zu tun hat. Ein solcher Akt, der eventuell einer Anheftung ähnlich ist, sagt noch gar nichts über einen Bezug aus, auch wenn ein Name durch soziale Umfelder weitergereicht wird. Innerhalb von sozialen Umfeldern handelt es sich zunächst nicht um Eigennamen, sondern um erteilte Rufnamen, die es ermöglichen können, ein Individuum anzusprechen, bei Menschen und Haustieren übrigens in ähnlicher Weise. Dass ein Hund bei der menschlichen Äußerung „Fritz“ aufhorcht, bemerkt, dass er gemeint ist, obgleich er die menschliche Sprache nicht versteht noch spricht, sich also angesprochen fühlt, weil man ihn zuvor über einen Zeitraum auf diesen Lautkomplex konditioniert hat, kann deutlich machen, dass ein praktisch angemessenes Verhalten auch ohne relevante konkrete Sprachkenntnisse möglich ist. Ein Angesprochenwerden und ein Ansprechen von Individuen überfordert Hunde keineswegs. Es handelt sich um rudimentäres Verhalten, das noch gar nichts mit Sprache zu tun haben muss und sich auch deutlich von der menschlichen Sprache abhebt: „Hund“, solange dieser Ausdruck nicht als Rufname etabliert wird, kann, je nach Kontext, ein allgemeines oder konkretes Wort sein. Rufnamen hingegen stehen ausschließlich mit Individuen in Verbindung. Wenn in einer Spielstraße z.B. „Peter“ oder „Mohammed“ erschallt, kann dieser Vorgang zu Verwirrung führen, weil solche Namen in Deutschland nicht selten sind. Quine hat von ‚singulären Termini‘ gesprochen (vgl. Quine, Willard v. Orman, 1974, S. 262); ich bleibe bei ‚Namen‘, halte aber eine Differenzierung von Ruf- und Eigennamen für empirisch relevant.
In diesem Essay bezieht sich ‚Rufname(n)‘ auf Lautkomplexe oder Buchstabenfolgen, die es ermöglichen, Individuen anzusprechen und Bedingung für eine Konditionierung sind. ‚Eigennamen‘ sind hingegen das Resultat einer solchen Konditionierung, vielleicht nicht unähnlich einem Brandzeichen, sähe man davon ab, dass solche Zeichen primär massenhaft vergebene Eigentumsmarken anderer sind. Namen müssen sich erst einprägen, bevor sie Eigennamen werden können, für das jeweilige Individuum wie auch für andere, die einem Individuum einen Eigennamen zuerkennen.
Etwas kokett fragt Kripke, ob überhaupt referiert wird (vgl. Kripke, Saul A., 2014., S.38/39). Kripke erhöht sogar die Namensgebung und Weiterreichung, indem der vergebene Ruf- bzw. Eigenname als starrer Bezeichnungsausdruck (‚regider Designator‘) in allen möglichen Welten Geltung habe (vgl. ebd., S.59). Doch eine Namensgebung ist ein empirischer Vorgang, der durch ein Belieben der Namensgeber geprägt wird und durchaus unterschiedlichen Konventionen und Moden unterworfen sein kann. Nicht Bezug, sondern soziale Geltung scheint mir der relevante Begriff im Hinblick auf Namen zu sein, und zwar in mehrfacher Hinsicht: für diejenigen, die Namen als Rufnamen nutzen und auch als Eigennamen anderer anerkennen, ebenso für die Angesprochenen und die mit oder gar unter einem Namen Agierenden.
Eine Diskussion von Eigennamen verführt dazu, sich auf bekannte Namen zu konzentrieren und eine Gewichtung hineinzulegen, die ihnen gesellschaftlich zukommt. In der Literatur ist z.B. von Aristoteles und Gödel (wie bei Kripke) die Rede, von Beethoven und von Goethe. Wie würden jedoch Fälle zu interpretieren sein, die gesellschaftlich weniger auffällig und im Hinblick auf das Leben von Individuen, auf relativ ereignislose Leben bezeichnen? Möglicherweise ließen sich Weitergaben von Namen verwechseln? Zu solchen Fällen könnten gesellschaftlich bedingte Namenswechsel gehören: Übernimmt ein Ehepartner bei der Heirat den Namen des anderen, wie dies bei Frauen lange Zeit üblich war, würde sich die Frage nach einem ‚regiden Designator‘ kaum stellen, der über Zeiten und Welten gleich bliebe, es sei denn in satirischer Weise. Vorkommnisse können sogar noch vielfältiger ausfallen, wenn nicht nur zu verschiedene Lebensabschnitten eines Menschen verschiedene Namen treten, sondern auch verschiedene Funktionen einen solchen Namen erhalten. Pseudonyme werden in der Regel in dieser Weise gebraucht, ob unter Schriftstellern, Musikern oder … Die umgangssprachliche Phrase ‚Pseudo-‘ deutet eine gesellschaftlich ideologische Abhängigkeit in Bezug auf Namen an, die primär eine praktisch und emotional orientierte ist, in der es um eine, umgangsprachlich formuliert, Identifizierbarkeit von Menschen geht, was immer auch amtlich oder auf der Straße darunter konkret verstanden wird. Eine Konzentration auf bekannte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens hilft nicht weiter, wenn es darum geht, Namen und ihre Verwendung zu erläutern, weil der Bezugsrahmen viel zu klein wäre. Ohne die gesellschaftlichen Vorgänge zu berücksichtigen, die alltäglich sind, blieben die Ansätze eventuell hübsch und nett, doch vor allem unrelevant. Ich halte es für aussichtlos, Ruf- und Eigennamen in allgemeiner Weise sprachliche Bezüge zukommen zu lassen. Man könnte über gesellschaftliche Relevanz und Bekannheit sprechen, der Namen als auch der assoziierten Personen oder Sachen, doch als Bezug würde ich diese möglichen Assoziationen und deren gesellschaftliche Vielheit nicht ausgeben wollen. Eine Frage nach Namen ist nach meinem Ermessen überhaupt keine sprachtheoretische, sondern eine soziologische und psychologische, die z.B. statistisch aufzubereiten wäre. Mir persönlich, dies sei eingestanden, bedeutet ‚Kai Pege‘ bezugsrelevant nichts. Mir kann lediglich deutlich werden, dass ich innerhalb eines konkreten Umfelds angesprochen werde, nicht ein anderer Mensch. Diese differenzierte Ansprechmöglichkeit, vergleichbar mit einem Stupser, ist jedoch primär einem Verhalten zuzuordnen, nicht Sprachlichem. Vielleicht hat Kripke dies ähnlich gesehen, deshalb den Akt einer Taufe, ein soziales Verhalten, in das Zentrum gestellt? Doch leider geschah durch ihn keine deutliche Abgrenzung von sprachlichem Verhalten.

Mit dem Ausscheiden von Symbolen, einer Reihe von Zeichen und Namen als bezugsrelevante Parameter, gewinnt die Sprache hinzu. Der praktische Nutzen, eventuell auch ein theoretisch poetischer, der allerdings separat zu erläutern wäre, z.B. im Kontext einer Bedeutung abseits der Empirie, ebenso der theoretische im Fall mathematisch logischer Zeichen, schmälert sich dadurch nicht. Im Hinblick auf die Empirie sind die bislang diskutierten ‚Bezüge‘ von Symbolen, Zeichen und Namen ohne Relevanz.

Samstag, 25. Januar 2020

Zweite Auflage: (1.1) Notengrafiken, Schilder, Symbole, Etiketten und Worte

Zu voreilig wird ein allgemeiner Ansatz betrieben, als ließen sich Vorkommnisse von nicht-sprachlichen Zeichen (de Saussure, Peirce), Symbolen (Goodman) und von Worten einer Sprache alle in gleicher Weise erfassen und behandeln. Es mag sein, dass man sich ernsthaft darum bemühte, all die fraglichen Fälle zu berücksichtigen, doch finden sich gerade deshalb erstaunliche Kuriositäten, die in das jeweilige Konzept nicht passen. Deshalb vollziehe ich zu Beginn eine graduelle Differenzierung zwischen nicht-sprachlichen Zeichen (bzw. Symbolen) und Worten, um mich im weiteren Verlauf der theoretischen Studie auf Worte und Sprache zu konzentieren.

Ich greife ein nicht-sprachliches und zeichen- bzw. symboltheoretisches Beispiel auf, das die Schwierigkeit erläutern lässt, der man sich durch ein unangemessenes allgemeines Vorgehen aussetzt: Eine ausgearbeitete Komposition, worauf könnte sie sich beziehen?
Notengrafiken haben durchaus Bedeutungen, sonst wären sie nicht von Musikern und Interessierten lesbar, doch was bezeichnen, symbolisieren sie, oder worauf beziehen sie sich? Faktisch handelt es sich um Anweisungen, die zudem der Interpretation, einer Lesart bedürfen. Würde man - wie Goodman dies z.B. tat -, eine ideale Aufführung als Symbolisiertes ausgeben, ließe man die einzubringende Lesart außer Acht, Helge Bol hat darauf hingewiesen (vgl. Bol, Helge, 2014). Und Notenschriften sind keineswegs derart präzise, dass ein Ideal einbeziehbar wäre. Lediglich eine romantische Fassung von Kompositionen kann dem Wunsch nach einem Ideal, jedoch nur im Hinblick auf eine Bedeutung, nachkommen (vgl. ebd.).
Sogar wenn Notenschriften so präzise wären wie z.B. Anweisungen, Algorithmen für Computer, auch dann ließe sich fragen, ob ein Bezeichnetes, Symbolisiertes oder ein Bezug auf etwas überhaupt relevant wäre. Es würde nach meinem Ermessen vollkommen ausreichen, dass die Maschine die Bedeutungen der Anweisungen interpretieren und ausführen kann, ohne einen Bezug zu berücksichtigen.

Nicht anders lassen sich mathematische und logische Zeichen fassen. Auch diese haben Bedeutungen, Bezüge sind jedoch nicht erforderlich. Erst wenn man z.B. eine vergleichsweise platonische Metaphysik generieren würde, ließen sich auch Bezüge veranschlagen, auf metaphysische Entitäten. Um jedoch verstehen zu können, um was es bei den Zeichen und ihren relationalen Zusammenhängen geht, kann auf eine Metaphysik leicht verzichtet werden.
Durch eine Maßgabe, auch ein Bezeichnetes haben zu müssen, etwas, auf das Bezug genommen wird, ließe sich zwar die Motivation begreiflich machen, als Grund könnte sie jedoch nicht dienen, um die Annahme von Bezeichnetem zu rechtfertigen. Es gäbe freilich viele andere Möglichkeiten für eine Motivation, Metaphysik zu betreiben, sogar eine erwägbare Schönheit, doch dies ist nicht mein Thema.

Ebenfalls wäre es überflüssig, Straßenschildern Bezüge zukommen zu lassen, die Anweisungen geben. Ein Stoppschild weist seiner Bedeutung nach lediglich darauf hin, dass anzuhalten sei, nicht auf ein ideales Vorgehen derjenigen, denen das Schild zugewandt ist. Die Anweisung verstehen zu können, reicht aus, auch wenn man diese unberücksichtigt lässt.
In diesem Zusammenhang lässt sich aber auf allgemeinverständliche Weise ein weiter Fall integrieren, durch den nicht Anweisungen gegeben, sondern Möglichkeiten offeriert werden: Ein als Parkplatz ausgewiesener Bereich bietet Abstellmöglichkeiten für Kraftfahrzeuge. Wird der fragliche Bereich eventuell durch das Schild bezeichnet, hat das Schild einen Bezug? Um diese Frage beantworten zu können, ist ein wichtiger Unterschied zu beachten: Es ist nicht das Schild, das den Bereich abgrenzt, sondern die bauliche Gestaltung des Terrains. Auf was sich das Schild beziehen könnte, ist von dieser Gestaltung abhängig, nicht von der erläuterbaren Bedeutung des Schildes. Diese Bedeutung eröffnet nicht mehr als eine Verhaltensmöglichkeit, ohne auch nur einen Hinweis auf einen Bezug zu enthalten. - Diese Komplexität lässt einen Seitenblick auf Sprache zu: Der Ausruf „Parkplatz! “ eines Beifahres sagt dem Fahrer eventuell wenig, provoziert unter Umständen die Rückfrage: „Wo?“ Auch sprachlich wäre ein Zusammenhang zu berücksichtigen; sprachlich ließe sich, dies macht den entscheidenden Unterschied aus, der Weg zum als auch die Gestalt und der Umfang des Bereichs beschreiben. Eventuell ist innerstädtisch sogar relevant, wie groß die aktuelle Freifläche für den PKW ist bzw. sein könnte. - Das Schild bezieht sich hingegen nicht, sondern bietet pauschal eine Verhaltensmöglichkeit, mehr nicht.

Ein weiterer Fall betrifft Etiketten. Solche sind in der Regel relevanten Gegenständen und Produkten direkt angeheftet, z.B. in Supermärkten. Ein Anheftungsvorgang ließe sich vielleicht am ehesten als ‚Bezeichnung‘ anführen, doch ob auch ein Bezug möglich sein kann, ist separat zu klären. Wenn ein Schild, das ein Parken ermöglicht, keine Informationen darüber enthält, auf was es sich beziehen könnte, ein Bezug unrelevant wird, vielleicht werden Anheftungsvorgänge lediglich vollzogen, um eine Eingrenzung des Geltungsbereichs zu ermöglichen. Etiketten enthalten zwar Angaben, vielleicht sogar in sprachlicher Form, aber keine Informationen über den Geltungsbereich, allenfalls abstrakt durch eine Information über die Füllmenge. Auf was sich die sprachliche Angabe einer Füllmenge aber bezieht, bleibt offen. Anheftungsvorgänge sind zusätzliche praktische Maßnahmen, ähnlich wie die bauliche Gestaltung eines Parkplatzes, die den Etiketten den Geltungsbereich zuweisen. Die Etiketten geben, um Bezug haben zu können, zu wenig preis.

Und wie sieht es mit Abbildungen aus, z.B. künstlerischen, unter der Voraussetzung, dass eine solche Relation im Einzelfall überhaupt relevant ist? Das Problem beginnt bereits mit diesem Begriff bzw. Wort. Etwas abzubilden beschreibt bereits eine Relation, eine, die sprachlich nicht, oder, berücksichtigt man konkrete Poesie, kaum vollzogen werden kann. Es ließe sich bestenfalls eine Metapher ‚Bezug‘ einbringen. Diese wird möglich, weil Zeichnungen, Fotografien und Gemälde einen Detailreichtum enthalten können, oder durch Reduktion eine Bedeutung einbringen, wie dies mit Sprache gleichfalls möglich
ist, nur auf eine andere Art und Weise.
Schließlich sei eine Metapher angeführt, die ich in einem anderen Kontext analysiert habe (vgl. Pege, Kai, 2014, S. 15 ff.) und die häufig in sprachlichen Zusammenhängen auftaucht: ‚Darstellung‘. Ein Theaterstück kann dargestellt werden, oder ein Dokumentarfilm stellt die Veränderung eines Terrains dar, z.B. die Entwicklung des Dortmunder Phoenix-Sees. Sprachlich lässt sich eine Theorie erläutern, am besten mit Bezug. ‚Darstellung‘ träfe den Sachverhalt hingegen nur indirekt. Auch ‚Darstellung‘ ist wie ‚Abbildung‘ bereits ein relationales Wort, das aus anderen Bereichen kommt und dort angemessener aufgehoben ist.

Die gegebenen Erläuterungen, dies war mir besonders wichtig, verzichten darauf, Symbole und Zeichen durch eine sprachliche Vorentscheidung zu interpretieren. Legt man von Beginn an Sprache hinein, lassen sich Symbole und Zeichen lediglich missverstehen. Fraglos könnten z.B. Ausrufe wie „Parkplatz! “ mit einem Schild verglichen werden, doch Sprache vermag mehr, kann einen Bezug durch Präzisierung entstehen lassen. Eventuell würde praktisch auch ein Fingerzeig genügen, ein außersprachlicher Vorgang, doch dieses Umgangsverhalten änderte an den sprachlichen Möglichkeiten nichts, die Schildern und Etiketten in dieser Weise nicht zukommen.
Gleichfalls habe ich es vermieden, Sprache lediglich aus symbol- oder zeichenähnlichen Worten bestehen zu lassen. Mit einzelnen Worten kann niemand etwas anfangen, es sei denn innerhalb konkreter praktischer Zusammenhänge und dies auch nur im Kontext eines relativ umfangreichen Wortschatzes. Sprache aber kann, dies macht den zentralen Unterschied zu nicht-sprachlichen Zeichen und Symbolen aus, Bezüge haben, über etwas Auskunft geben, und dies ohne weitere Hilfsmaßnahmen.

Donnerstag, 23. Januar 2020

Einleitung der zweiten Auflage

Auch Philosophen sind nicht davor geschützt, kognitive Irrwege zu beschreiten. Die zweite Auflage von „Eine Theorie des selektiven Bezugs“ bedarf einer umfangreichen Umgestaltung des Textes. Dies haben Diskussionen im sprachanalytischen Forum ergeben: Zeichen und Sprache werden nicht länger differenziert, aber Zeichen graduell hinsichtlich ihre Bezugsrelvanz unterschieden. Auch Sprache besteht ‚nur‘ aus Zeichen, jahrtausendelang lediglich aus lautlichen, erst viel später auch aus Schriften.
Die textliche Umgestaltung hat Vorteile. Ein Problem, Zeichen von Sprache zu differenzieren, entfällt. In der zweiten Auflage kann detaillierter auf graduelle Differenzen eingegangen werden. Die Kritiken an analytischen Erörterungen als auch an umgangssprachlichem Verhalten bleiben aber größtenteils bestehen:
Analytische Erörterungen führten häufig zu Stellvertreterfunktionen von Zeichen innerhalb naturwissenschaftlicher Modelle. Was dies mit Sprache zu tun hat, diese Frage wurde leider unterschlagen. Modelle lassen sich durchaus mit der Wirklichkeit vergleichen, doch liegt dabei kein Bezug vor, sondern möglicherweise eine eineindeutige Abbildung, deren Relevanz freilich davon abhängig ist, was berücksichtigt wurde. Und eine Stellvertreterfunktion von Zeichen würde eine Austauschbarkeit bzw. Ersetzbarkeit voraussetzen, die nicht möglich ist. Kein Zeichen könnte die relevante Wirklichkeit ersetzen. Es bliebe nicht mehr als eine unangemessene Metapher, naturwissenschaftliche Prosa, die staunen lassen könnte.
Wenn Sprache eine analytische Relevanz erhalten soll, der vor Jahrzehnten beanspruchte „linguistic turn“ weist zumindest darauf hin, ist es erforderlich, sich auch mit Sprache zu beschäftigen. W.v.O. Quine hatte das Problem erkannt, hielt aber weiterhin an einer naturwissenschaftlichen Orientierung fest, auch wenn er sich nicht vereinnahmen lassen wollte. Ich gehe mit diesem Aufsatz einen Schritt weiter, stelle die Frage nach Sprache und Bezügen neu.
Mein Ausgang für die eigene Entwicklung bildet ein Über-etwas-sprechen, so vage dies in Einzelfällen auch geraten mag. Um Bezüge ermöglichen zu können, wird ein analytisch differentielles Verfahren (keine Methode) eingeschlagen, das dazu dient, aus den vielen Möglichkeiten des Über-etwas tatsächlich etwas hervorgehen zu lassen, um was es gehen könnte bzw. geht. Ein möglicher Bezug ergibt sich, wenn durch einschränkende Maßnahmen etwas übrigbleibt.
Ein sprachliches Zutreffen, das bereits Aristoteles anführte, ist in diesem Zusammenhang viel relevanter als Modelle, beruht jedoch auf einem separaten Verhalten, einer gegebenen Einschätzung. Zu Beurteilendes kann nicht mehr als Bezugsrelevanz und einen möglichen Bezug haben. Ob hingegen ein Bezug vorliegt, ist stets zu entscheiden.

Kai Pege, im Januar 2020